Das Vermächtnis Johannes Pauls des Großen fruchtbar machen: Internationale Theologische Sommerakademie untersuchte das Lebenswerk des "Papstes der Superlative"

Von Stephan Baier

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WÜRZBURG, 4. September 2006 (ZENIT.org/ Die-Tagespost.de).- Kardinal Marian Jaworski, seit 1991 Erzbischof von Lemberg für die Katholiken des lateinischen Ritus, sei "wie kaum ein anderer dem Heiligen Vater in tiefer persönlicher Freundschaft verbunden" und bei dessen Sterben auch zugegen gewesen. So stellte Pfarrer Franz Breid, der Leiter der alljährlichen "Internationalen Theologischen Sommerakademie", den prominentesten Referenten der diesjährigen Tagung vor, die ganz dem Werk und Vermächtnis Johannes Pauls II. gewidmet war. Jaworski, einst Kollege Wojtylas an der Universität Lublin, versuchte den Wegen nachzuspüren, auf denen Papst Johannes Paul II. in der Enzyklika Fides et ratio die Frage nach dem Sinn des Daseins des Menschen stellte und beantwortete.



Die Sinnkrise sei eine der gewichtigsten Fakten unserer Tage. Kardinal Jaworski zitierte Johannes Paul II. mit den Worten: "Tatsächlich klärt sich nur im Geheimnis des menschgewordenen Fleisches das Geheimnis des Menschen auf." Ausgangspunkt dieser Enzyklika sei die Wahrheit des Menschen. Das letzte Ziel des menschlichen Daseins als Person sei Forschungsobjekt der Philosophie wie der Theologie: "Beide führen uns mit unterschiedlichen Mitteln den Pfad zum Leben." Vernunft und Glaube, Philosophie und Theologie begegnen sich, so Jaworski. Papst Johannes Paul II. habe eine Philosophie vor Augen, die nach dem Sein, nach Gott, nach dem Sinn und Fundament des menschlichen Lebens fragt.

Jaworski stellte in Frage, ob die Philosophie unserer Zeit die Frage nach der endgültigen Wahrheit stellt. Sie habe es vorgezogen, die Grenzen und Bedingtheiten der menschlichen Wahrheitssuche herauszustellen. Ein philosophisches Denken, das jede metaphysische Dimension ablehnt, sei aber völlig ungeeignet, als Mittlerin zu dienen, so Kardinal Jaworski. Johannes Paul II. sehe die Möglichkeit, auf dem Weg der Vernunft Gott zu erkennen und stelle der Philosophie eine besondere Forderung: Philosophie müsse die Wahrheit suchen und sich das Sein zum Thema machen. Die Enzyklika sei keine Bedrohung der authentischen christlichen Philosophie. Thomas von Aquin werde als Meister und Vorbild dargestellt, der "den Mut zur Wahrheit" und intellektuelle Redlichkeit besaß.

Johannes Paul II. habe die Ergebnisse der gegenwärtigen Philosophie zu schätzen gewusst, aber auch ihre Mängel gesehen. In Christus enthülle sich ganz das Geheimnis des Menschen: "Die Wahrheit, die Christus ist, erscheint nötig als universale Autorität, die sowohl die Theologie als auch die Philosophie anregt und wachsen lässt." Vorrangige Aufgabe der Theologie werde das Verständnis der Kenosis Gottes sein, denn das Geheimnis von Leiden und Tod, die die Liebe ausdrücken, überfordere den menschlichen Verstand. Der Trierer Sozialethiker Wolfgang Ockenfels zeigte, dass Johannes Paul II. in seinem "reichen Schaffen" auch ein sozialethisches Werk hinterließ, das weit in die Zukunft weist. Dieser Papst habe gezeigt, "dass wertkonservative Revolutionen in den Strukturen wirken können", habe "nachweislich den Sturz eines ganzen Weltsystems – des Kommunismus – herbeigeführt" und damit eine neue Entwicklung, die Globalisierung, freigesetzt.

Ockenfels wörtlich: "Wie kein anderer Papst vor ihm hat er die vormals stark eurozentrische in eine globale Welt-Kirche verwandelt." Der Papst habe nicht mit "machtgestützten Mitteln" gekämpft, sondern mit den "sublimen Waffen des Geistes und Gebetes". In der Soziallehre des Papstes spiegle sich die "personalistische, zugleich universalistische und globale Ausrichtung Johannes Pauls II." Seine drei Sozialenzykliken enthalten laut Ockenfels "Gedanken und Weisungen, die auch in der katholischen Welt noch nicht ausreichend aufgegriffen worden sind".

In Europa, besonders in den deutschsprachigen Ländern, sei die soziale Botschaft des Papstes nicht auf fruchtbaren Boden gefallen, so Ockenfels, der die "hochnäsige Arroganz der Intellektuellen gegenüber dem Lehramt" kritisierte. Johannes Paul II. habe eine personalistisch akzentuierte Soziallehre vorgetragen, die sich nicht von ihren christologischen Grundlagen lösen lasse. Sie sei eine "sozialprinzipielle Entfaltung des christlichen Menschenbildes". Bei seinem Amtsantritt habe der Papst "einen ziemlichen Wirrwarr theologischer Meinungen" vorgefunden, so Ockenfels, der als Beispiel jene Befreiungstheologie nannte, die von Weltanschauung und Menschenbild des Marxismus infiziert war.

Der Papst habe aber auch keinen Zweifel daran gelassen, "dass die Kirche als Weltkirche nicht an eine bestimmte, etwa die westliche Kultur gebunden sei, erst recht nicht an eine 'Kultur des Todes'". Er habe sich gegen den "Mythos des nie endenden Fortschritts" gewandt, gegen die massenhaften Abtreibungen, gegen Tendenzen zur aktiven Euthanasie, gegen genetische Selektion. Eine sinnvolle Aufgabe für Sozialethiker und europäische Politiker wäre es laut Ockenfels, das päpstliche Leitbild des Friedens näher zu ergründen. Die künftige Hauptfrage der katholischen Soziallehre sei, "wie sich die Chancen für ein weltweites Friedensgespräch verbessern und institutionell festigen lassen, damit es nicht zum befürchteten Zusammenprall der Kulturen kommt." Bischof Andreas Laun unterstrich in seinem Referat über die Religionen, dass Gott die Menschen liebt und das Heil aller Menschen will. Darum begegne Gott jedem Menschen nicht nur im Gewissen, sondern auch mit seiner Gnade.

Laun zitierte Thomas von Aquin: "Gott hat uns an die Sakramente gebunden, nicht sich selber." Gott sei auch in den Menschen fremder Religionen am Werk. Das schließe die Heilsnotwendigkeit des Glaubens nicht aus. In anderen Religionen gebe es Elemente der Wahrheit und heilbringende Werke. Die Religionsfreiheit sei Freiheit des Gewissens, nicht vom Gewissen, sei nicht Freiheit für die Unwahrheit oder den Irrtum, sondern für den Menschen, auch wenn er irrt. Zwischen den Religionen gebe es dramatische und entscheidende Unterschiede. Laun unterschied zwischen dem Phänomen der Religion und der Selbstoffenbarung Gottes in Jesus Christus. Johannes Paul II. habe betont, dass das Geheimnis Christi auf unsichtbare Weise überall präsent sei. Es sei ihm ein Anliegen gewesen, die Spuren des Wahren und Guten, "die Perlen Gottes", in den anderen Religionen aufzuspüren. "Letztlich wollte er die Herzen der anderen für Christus gewinnen", so Laun.

Um die Herzen zu gewinnen, habe der Papst zu den Andersgläubigen "mit der Sprache der Liebe gesprochen". Dialog sei "keine nette Plauderei", sondern ein Ringen um die Wahrheit und ein Weg der Mission, sagte Bischof Laun. Papst Johannes Paul II. hat nach Ansicht des Kirchenhistorikers Gerhard Winkler "Wege aufgezeigt, wie Gerechtigkeit und Barmherzigkeit auch politisch vereint werden können". Dieser Papst habe mit dem Sendungsbewusstsein eines Menschen agiert, "der sich von Gott die Norm geben lässt".

Professor Winkler bezeichnete Johannes Paul II. als einen "Mystiker, der Politik macht", und hob die "geistliche Freundschaft" zwischen dem heutigen Papst und seinem Vorgänger hervor: "Die Beziehung Wojtyla-Ratzinger war ein Gnadengeschenk Gottes." Winkler zeigte sich überzeugt, dass ein "neuer geistlicher Frühling in Europa" entstehen kann, "wenn wir den Geist Johannes Pauls II. und des gegenwärtigen Papstes verinnerlichen". Auf die Kritik eines Tagungsteilnehmers, die Referenten sollten auch kritisch zu Papst Johannes Paul II. Stellung nehmen und "nicht nur Grabreden halten", meinte Pater Gerhard Winkler: "Wir sollten die Großen, auch wenn sie so groß sind wie Johannes Paul der Große, nicht überfordern. Die weniger Guten haben manchmal mehr Erfolg." Die Gnade Gottes sei nicht immer verstehbar.

Der für die Diözese Augsburg tätige Dogmatiker Peter Düren zeigte auf, dass Johannes Paul II. mit 104 Auslandsreisen in 127 Länder und dem drittlängsten Pontifikat der Kirchengeschichte nicht nur ein "Papst der Superlative" war, sondern seine Aufgabe als oberster Lehrer der Christenheit tätig wahrnahm. "Unfehlbar" habe sich Johannes Paul II. im Rahmen des ordentlichen Lehramtes aber nicht nur in einem "schlichten Brief" (Epistula Apostolica) dazu geäußert, dass die Priesterweihe Männern vorbehalten ist, sondern auch (in der Enzyklika "Evangelium vitae") gegen die Tötung Unschuldiger, gegen die Abtreibung und gegen die Euthanasie. Die in der 1995 veröffentlichten Enzyklika getätigten Verurteilungen der Abtreibung und der Euthanasie enthalten laut Düren die "Elemente einer unfehlbaren Aussage des ordentlichen und allgemeinen Lehramtes". In seinen vierzehn Enzykliken habe Johannes Paul II. neue Elemente hervorgehoben, die in einem Spannungsverhältnis stehen, etwa die Kollegialität der Bischöfe und den Primat des Papstes. Eine Spannung gebe es auch zwischen der Ökumene und den Dogmen, zwischen dem interreligiösen Dialog und der "Mission ad gentes", zwischen der Inkulturation und der christlichen Kultur, zwischen Anthropozentrismus und Theozentrik. Zugleich habe der Papst in moraltheologischer und dogmatischer Hinsicht traditionelle Lehren bekräftigt. Düren legte dar, dass Johannes Paul II. in der Ökumene-Enzyklika "Ut unum sint" die Schuld der Menschen auf beiden Seiten für die Kirchenspaltung verantwortlich machte, zugleich aber Kompromisse in Bezug auf den Glauben ablehnte. Die evangelischen Kirchen seien auch nicht als "Schwesterkirchen" zu bezeichnen.

Der Augsburger Dogmatiker Anton Ziegenaus stellte in Frage, ob der Begriff "Schwesterkirchen" überhaupt legitim sein könne, da Schwestern ja gleichberechtigt sind. "Der Begriff ist in sich verunglückt", so Ziegenaus. In seinem Referat meinte Ziegenaus, dass es eine Spannung zwischen der Mariologie Johannes Pauls II. und der Erklärung zur Rechtfertigungslehre gebe, weil Marias Ja ein freies menschliches Ja gewesen sei, und nicht nur Gottes Gnade.

Auf den historisch erwiesenen Beitrag Johannes Pauls II. zum Sturz der kommunistischen Regime und zum freiheitlichen Umbruch in Mittel- und Osteuropa ging der Präsident des Päpstlichen Geschichtswissenschaftlichen Komitees, Prälat Walter Brandmüller, in seinem Referat ein, das von Professor Ziegenaus verlesen wurde. Hauptzelebranten und Prediger der Messen waren der Linzer Diözesanbischof Ludwig Schwarz, der österreichische Militärbischof Christian Werner und Weihbischof Andreas Laun aus Salzburg.

[© Die Tagespost vom 2. September 2006]