Das Warum der Menschwerdung: P. Raniero Cantalamessa zum Hochfest der Geburt Christi

Kommentar zu den Lesungen des 25. Dezembers (Messe „vom Tag“) im Lesejahr C

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ROM, 22. Dezember 2006 (ZENIT.org).- P. Raniero Cantalamessa OFM Cap., Prediger des Päpstlichen Hauses, betrachtet anhand der Lesungen des Weihnachtstages (Jes 52,7-10; Heb 1,1-6; Joh 1,1-18) den wahren Grund für Gottes Menschwerdung: die maßlose Liebe zu jedem Menschen. Die Menschenfreundlichkeit Gottes, so bekräftigt er, sollte uns zu konkreten Taten der Nächstenliebe veranlassen.



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Warum ist Gott Mensche geworden?

Gehen wir direkt zum Höhepunkt des Johannes-Prologs, der das Evangelium der dritten Weihnachtsmesse bildet, der so genannten Messe „vom Tag“. Im Glaubensbekenntnis gibt es einen Satz, der an diesem Tag kniend gebetet wird: „Für uns Menschen und zu unserm Heil ist er vom Himmel gekommen.“ Das ist die grundlegende und immer gültige Antwort auf die Frage: „Warum ist das Wort Fleisch geworden?“ Aber sie muss auch verstanden und richtig eingeordnet werden, denn die Frage taucht ja in einer anderen Form auf: Warum wurde er Mensch „zu unserm Heil“? Nur weil wir gesündigt hatten und deshalb gerettet werden mussten? Ein theologischer Denkansatz, der vom seligen Duns Scotus, einem franziskanischen Theologen, begründet worden ist, löst die Menschwerdung von einer übertriebenen Bindung an die Sünde des Menschen als ihren Auslöser und verweist als ersten Grund dafür auf die Ehre Gottes: „Gott erwirkt die Menschwerdung des Sohnes, um jemanden außerhalb seiner selbst zu haben, der ihn aufs Äußerste und in angemessener Weise lieben kann.“

Diese Antwort ist herrlich, aber sie ist nicht noch nicht endgültig. Für die Bibel ist das Wichtigste nämlich nicht, was für die griechischen Philosophen am wichtigsten war – nämlich dass Gott geliebt werden sollte –, sondern dass dieser Gott „liebt“, dass er dem Menschen mit seiner Liebe zuvorkommt (vgl. 1 Joh 4,10.19). Gott wünschte die Menschwerdung des Sohnes nicht so sehr, um jemanden zu haben, der außerhalb der Dreifaltigkeit steht und ihn liebt – und das in angemessener Form! –, sondern eher, um jemanden zu haben, den er lieben kann, und zwar auf angemessene Weise, das heißt schrankenlos, maßlos!

Zu Weihnachten, wenn das Christkind kommt, erhält Gott der Vater jemanden, den er maßlos lieben kann – weil Jesus Gott und Mensch zugleich ist. Aber er liebt nicht nur Jesus, sondern auch uns zusammen mit ihm. Wir sind in dieser Liebe mit eingeschlossen, weil wir Glieder des Leibes Christi geworden sind, „Kinder Gottes im Sohn“. So heißt es nämlich im Johannes-Prolog: „Allen aber, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden“ (Joh 1,12).

Christus kam folglich „zu unserm Heil“ vom Himmel; was ihn aber dazu antrieb, zu unserer Rettung zu kommen, war die Liebe, nur die reine Liebe. Weihnachten ist der größte Erweis der „Menschenfreundlichkeit“ Gottes, wie es in der Schrift heißt (Tit 3, 4), oder wortwörtlich: „seiner Liebe zu den Menschen“. Der Evangelist, der auch den Prolog verfasste, hat diese Antwort auf das Warum der Menschwerdung ganz deutlich in der Heiligen Schrift zum Ausdruck gebracht: „Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht zugrunde geht, sondern das ewige Leben hat“ (Joh 3,16).

Wie sollten wir also auf die Botschaft von Weihnachten antworten? Das Lied Adeste fideles sagt: „Sic nos amantem quis non redamaret? – Wenn Du uns so lieb hast, wie sollten wir dich da nicht lieben?“ Man kann Weihnachten auf vielerlei Weisen feiern, aber die wahrste und tiefste Form wird uns wohl mit diesen Worten nahe gebracht. Ein aufrichtiger Gedanke der Dankbarkeit, der Ergriffenheit und der Liebe zu dem, der kam, um unter uns zu wohnen, ist das beste Geschenk, das wir dem Jesuskind machen können, die schönste Zierde für seine Krippe.

Wenn wir aufrichtig sind, sehen wir auch ein, dass sich die Liebe in konkrete Gesten zeigen muss. Die einfachste und die am meisten verbreitete ist – in sauberer und unschuldiger Absicht – der Kuss. Geben wir Jesus also einen Kuss, wie man ihn allen neugeborenen Kindern geben will. Aber begnügen wir uns nicht damit, nur eine Porzellan- oder Gipsfigur zu küssen; geben wir den Kuss einem Jesuskind aus Fleisch und Blut! Geben wir ihn einem Armen, jemanden, der leiden musst – dann wir haben Jesus selbst geküsst! In diesem Sinn einen Kuss geben will heißen, konkret zu helfen; es kann aber auch ein liebevolles Wort sein, eine Ermutigung, ein Besuch, ein Lächeln… Und manchmal – ja, warum denn nicht? – auch ein wirklicher Kuss. Das sind die prächtigsten Lichter, die wir in unserer Krippe zum Leuchten bringen können!

[ZENIT-Übersetzung des italienischen Originals]