Das Wiederkäuen des Wortes Gottes im Leben des Priesters und im Priesteramt

Täglich aufnehmen, verdauen und wieder hervorholen verhindert fremdartige Gedankengänge

Vatikanstadt, (ZENIT.org) | 915 klicks

Die Kongregation für den Klerus hat am 20. Februar die Gedanken des Zisterzinserabtes P. Mauro-Giuseppe Lepori OCist zur täglichen „verinnerlichten Meditation des Wortes Gottes“ als Erneuerung der Berufung für Gottgeweihte empfohlen. Wir dokumentieren die Ausführungen:

„Jeden Tag muss in den Bauch des Gedächtnisses etwas einsinken, das durch die tägliche Lesung aufgenommen wurde; dieses muss dann sorgsam verdaut und auch wieder hervorgeholt werden, es muss nachhaltig wiedergekäut werden; es soll unserem Lebensplan entsprechen, soll die Aufmerksamkeit gegenüber Gott stärken und verhindern, dass sich die Seele in fremdartigen Gedankengängen verliert.“ (vgl. Wilhelm von Saint-Thierry, Brief an die Brüder von Mont-Dieu, 122)

Das Sinnbild des Wiederkäuens wurde von den Vätern der monastischen Spiritualität immer sehr geschätzt, als Darstellung der verinnerlichten Meditation des Wortes Gottes, um die sich jeder geweihte Mensch, zur täglichen Ernährung seiner Berufung, bemühen sollte. Jede christliche Berufung ist die Antwort des Lebens auf das von Gott an uns gerichtete Wort, durch das Er uns auffordert ihm zu folgen, ihm zu dienen, ihn zu lieben. Wer in seinem Leben auch nur ein einziges, von Gott an ihn gerichtetes, ihn berufendes Wort wahrnimmt, der wird dessen Widerhall und Klang immer wieder suchen, im Hören und in der Meditation der Heiligen Schriften. Es ist dies eine lebensnotwendige, Leben spendende Meditation, die wie Nahrung ist, denn „der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern er lebt von all dem was aus dem Mund des Herrn hervorgeht.“ (Mt 3,4; Dt 8,3).

Doch bedeutet Wiederkäuen nicht nur Nahrungsaufnahme: es ist ein Genießen und wiederum genießen, es fördert eine bessere Assimilation. Was man wiederkäut, kann vom Körper besser aufgenommen werden und unterstützt so Leben und Wirken. Unser Glaube, unsere christliche Berufung, die priesterliche Berufung, ist ein lebendiger Leib, der durch das Wort Gottes genährt wird, durch es gedeiht, Kraft und Gnade verliehen bekommt. Wird aber diese Nahrung nicht sorgsam aufgenommen, sondern nur oberflächlich und eilig, dann leidet der ganze „Stoffwechsel“ der Berufung darunter, das Priesteramt wird zur Mühsal, führt zu Entmutigung und Überdruss.

Wiederkäuen ist vor allem ein Innehalten, ein geschäftiges, doch gleichzeitig bedachtes Ruhen. Nach dem Weiden auf den Wiesen, oder nach dem Fressen des in Heuschobern aufgestockten Heus, legt sich der Wiederkäuer hin und ruht. Alles ist auf das Kauen und Wiederkäuen des Aufgenommenen konzentriert. Es geht hier nicht um die Dauer des Wiederkäuens, vielmehr bestimmt das was wiedergekäut wird die Zeit, die zu seiner Assimilation erforderlich ist. Und in der Zwischenzeit genießt man es.

Das Leben des Priesters ist ein Dienst, ein Sendungsauftrag, dessen wesentliche Aufgaben Verkündigung und Evangelisierung sind. Deshalb ist für den Priester das Wiederkäuen von besonderer Bedeutung. Obwohl gerade das Priesteramt häufig dieses Wiederkäuen des ernährenden Wort Gottes zu behindern scheint. Es ist nicht einfach innezuhalten, zu schweigen, und inmitten der ständigen pastoralen Fürsorge, die immer dringlich und auch Kräfte raubend ist, zu meditieren. Und doch wird sich jeder Hirte bewusst, wie absurd es ist, in Hast und Eile die Herde zur Weide zu treiben, wenn dies nicht dazu führt der Herde jene Nahrung zu geben, die sie braucht. Eine Kuh lässt sich beim Wiederkäuen nicht aus der Ruhe bringen, und wenn ihr Kalb sie noch so sehr belästigt, weil es trinken möchte. Die Natur weiß, dass man nichts weitergeben kann das man nicht zuvor aufgenommen hat.

Heute sind Hast und Eile die große Versuchung, doch Gott berücksichtigt keine Moden wenn er zu uns spricht. Er spricht langsam, bedacht, auch wenn wir ungeduldig auf das Ende des Satzes warten und uns anderem zuwenden möchten. Auch Marta hatte es eilig sich anderem zuzuwenden, wohingegen Maria ihre Zeit Jesu zuhörend verlor. Und doch erkannte Marta verärgert, dass ihr übereiltes Handeln einer Sandburg gleicht, die durch die unbedachte Gestik ihrer Hände zusammenstürzt. Wer nicht innehält und dem Wort des Schöpfers des Universums mit dem Herzen lauscht, der baut auf Sand, baut Häuser, die in sich zusammenbrechen.

Doch das Wort Gottes ist das Wort des Lebens, Jesus Christus. Innezuhalten und ihm zu lauschen bedeutet, sich seiner Anwesenheit bewusst zu sein und sie aufzunehmen, bis zur Eucharistie. Das haben seine Jünger sehr wohl empfunden, auch wenn sie seine Worte nicht verstanden, oder vielleicht gerade deshalb: „Herr, zu wem sollen wir gehen? Du hast Worte ewigen Lebens“ (Joh 6,68).

Aber gerade da, wo das Wort Gottes sich mit dem Mysterium der Eucharistie Christi vereint, müssen wir innehalten, schweigend verweilen und wiederkäuen, mit jungfräulichem Herzen das Wort meditieren, das zum Brot ewigen Lebens wird. Erst dann wird das Innehalten zum Handeln Christi; dann wird das Schweigen Wort Christi; und was wir empfangen, wird zur größten Gnade und Gabe, die wir der Welt zu schenken vermögen.

P. Mauro-Giuseppe Lepori OCist
Generalabt