Das wundersame Leben von Timothy Green - The Odd Life Of Timothy Green

Filmrezension - Ein Märchen für Erwachsene

Berlin, (textezumfilm) Dr. José García | 518 klicks

„Alles begann ...“ So fangen Märchen an, und so beginnt auch der neue Spielfilm von Peter Hegdes „Das wundersame Leben von Timothy Green“. „Sie wünschten sich so sehr ein Kind und bekamen immer keins. Doch eines Tages, als das Wünschen noch geholfen hat, wuchs ihnen eines im Garten, Timothy, der Junge mit den Blättern an den Beinen...“ Dieses Märchen für Erwachsene erzählt Peter Hedges als Rückblende, eingebettet in eine Rahmenhandlung: Cindy (Jennifer Garner) und Jim Green (Joel Edgerton) berichten zwei Angestellten einer Adoptionsbehörde davon, um sie von ihrer Tauglichkeit als Adoptiveltern zu überzeugen. Dem Leben von Cindy und Jim im kleinen Städtchen Stanleyville fehlt zum großen Glück nur ein Kind. Doch leider können sie keine Kinder bekommen. Ihren Eltern-Traum begraben sie denn auch wortwörtlich während einer stürmischen Nacht: Sie schreiben auf Zetteln die Eigenschaften ihres Wunschkindes auf, stecken sie in eine Holzschachtel und begraben diese im Garten. Sie trauen ihren Augen nicht, als ein mit Erde bedeckter, etwa 10-jähriger Junge plötzlich in ihrem Haus auftaucht, der sich als ihr Sohn Timothy (CJ Adams) vorstellt. Bald merken die unvermittelt gewordenen Eltern, dass Timothy genau ihren aufgeschriebenen Wunschvorstellungen entspricht.

Nun beginnt für Cindy und Jim ein neuer Lebensabschnitt als Eltern, in dem sie sich mit Erziehungsfragen beschäftigen müssen, etwa mit Timothys Verhalten in der Schule oder im Sportverein, oder auch mit seinen Beziehungen zu den Verwandten, etwa zu Cindys perfektionistischer Schwester Brenda Best (Rosemarie DeWitt), die ihren Nachwuchs zu mustergültigen und höchst musikalischen Kindern erzieht. Cindy und Jim wollen Timothy nach ihren Wünschen formen – angestachelt womöglich auch von der auf einmal unerwartet zickig auftretenden Brenda oder von dem Fußballtrainer, der den sportlich ziemlich unbegabten Timothy zum Wasserträger degradiert. Als Timothy in der ein paar Jahre älteren Joni Jerome (Odeya Rush) dieselbe Liebe zur Natur entdeckt und mit ihr die Freizeit zu verbringen beginnt, schlagen die Eltern Alarm. Mit diesen Beziehungen verdeutlicht Drehbuchautor und Regisseur Peter Hedges nicht nur, dass Cindy und Jim in Erziehungsfragen alles falsch machen, sondern insbesondere auch dass sie es tun, weil sie ihre eigenen Erwartungen auf Timothy projizieren, weil sie in dem Jungen ihr eigenes persönliches Projekt ansehen, das sie realisieren möchten. Ein wichtiges Detail bleibt ihnen überdies verborgen: Die mit Timothys Beinen eigenartig verwachsenen Blätter fallen nach und nach ab.

Peter Hedges hat sich einen Namen gemacht als Drehbuchautor von „Gilbert Grape – Irgendwo in Iowa“ (1993), „About a Boy oder: Der Tag der toten Ente“ (2002) und „Pieces of April: Ein Tag mit April Burns“ (2003, hier auch als Regisseur), die mit einem gewissen „magischen Realismus“ inszeniert wurden, in denen aber die Frage der Elternschaft eine zentrale Rolle spielt. In „Das wundersame Leben von Timothy Green“ geht Hedges insofern einen Schritt weiter, als dieser magische Realismus eher den Charakter eines Märchens annimmt, und mit seinem Schluss mit dem neuen Regen und dem neuen Wind auf einen Klassiker aus dem Hause Disney verweist: Das Kindermädchen Mary Poppins kommt im gleichnamigen Film von Robert Stevenson (1964) buchstäblich angeflogen, um wieder wegzufliegen, nachdem sich der Wind gedreht hat.

Entsprechend dieser märchenhaften Anmutung werden die emotionalen Szenen mit einer zurückhaltenden, lediglich manchmal süßlich-überzogenen Musik unterstrichen. Unter den schauspielerischen Leistungen ist neben Jennifer Garner insbesondere auch der 11-jährige CJ Adams zu erwähnen, der stets natürlich-glaubwürdig agiert. Neben der Eltern-Sohn-Beziehung spricht „Das wundersame Leben von Timothy Green“ auch in einem Nebenstrang das Vater-Sohn-Verhältnis zwischen Jim und dessen Vater „Big Jim“ (David Morse) an, so dass Hedges’ Film von tiefgründigen Fragen handelt. Bezeichnend in diesem Zusammenhang ist die Art, wie Timothy seine Blätter „weggibt“, etwa an Joni („Ich habe sie gehen lassen“) oder auch an seinen Großvater Big Jim, dessen letzte Stunden Timothy verschönert. Außergewöhnlich nimmt es sich aus, wie dieses moderne Märchen die Vergänglichkeit des Lebens auf beinah spielerische, wenn auch nicht minder dramatische Weise anspricht: Die Blätter an seinen Beinen verwelken nacheinander, ohne dass irgendjemand etwas dagegen tun könnte. Dadurch lernen jedoch auch Cindy und Jim: Endlich sind sie in der Lage, als Eltern Verantwortung zu übernehmen. Dadurch lernen sie darüber hinaus, dass das Leben ein Geschenk ist, dass das Glück nicht in der Verwirklichung der eigenen Wunschvorstellungen, sondern in der Annahme des Geschenkes besteht. Auch wenn dies manchmal eine Spur zu aufdringlich dargestellt wird, ist die von „Das wundersame Leben von Timothy Green“ vermittelte doch eine schöne Botschaft. Zwar fragt der Film nicht danach, ob dieses Geschenk von der Natur oder von einem höheren Wesen, von einem „Jemand“ kommt. Dies machte aber etwa „Mary Poppins“ auch nicht.