Das Zweite Vatikanische Konzil: Historie gegen Theologie?

Ein von der Päpstlichen Lateranuniversität veranstalteter internationaler Kongress zu Ende gegangen

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Von H. Sergio Mora

ROM, 22. Mai 2012 (ZENIT.org). - Wie ist das Zweite Vatikanische Konzil auszulegen? Kennzeichnet das Konzil einen Bruch mit der Kirchengeschichte? Oder ist es vielmehr notwendig, den Inhalten des kirchlichen Lehramtes entsprechend, die vom Konzil hervorgebrachten Texte im Lichte der großen kirchlichen Tradition zu deuten?

Zu einer eingehenden Beschäftigung mit diesen Fragen kam es im Rahmen eines internationalen Kongresses, der insgesamt sechsmal tagte und erstmals am 1. März 2012 an der Päpstlichen Lateranuniversität veranstaltet wurde. Am vergangenen Donnerstag, dem 17. Mai 2012, fand das letzte Zusammentreffen statt.

Während der Abschlussveranstaltung diskutierten italienische und französische Historiker und Theologen über die Pastoralkonstitution Gaudium et Spes („Freude und Hoffnung“). In der Einladungsbroschüre steht folgendes geschrieben: „50 Jahre nach dem Beginn der Arbeit offenbart die Diskussion über die Frage der Hermeneutik des Konzils immer noch eine tiefe Spaltung zwischen Historikern und Theologen“.

Von den Vortragenden, die während der Konferenzen Redebeiträge lieferten, stammt der eine jeweils von einer französischen und der andere von italienischen oder päpstlichen Universität.

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ZENIT: Woher stammt die Idee für einen internationalen Kongress über das Zweite Vatikanische Konzil?

Prof. Chenaux: Das Lehramt der Kirche lädt uns dazu ein, die Dokumente des Konzils erneut zu lesen. Dies betonte der damalige Kardinal Josef Ratzinger bereits in den 1980er Jahren. Außerdem bot das 50-jährige Jubiläum der Eröffnung des Konzils eine günstige Gelegenheit für ein erneutes Nachdenken über die Texte. Oft sind die Vorstellungen von Theologen und Historikern hinsichtlich der Bewertung der Konzilsdokumente unterschiedlich. Daher wollten wir sie einander gegenüberstellen.

ZENIT: Wie unterscheiden sich die Sichtweisen?

Prof. Chenaux: Historiker betrachten das Konzil als ein Ereignis, das einen Bruch bedeutet. Aus der Sicht der Theologen handelt sich um einen fortlaufenden Prozess. Nicht alle Theologen vertreten denselben Standpunkt, doch die Mehrheit tendiert zu einer Einordnung dieser Lehren in die lange Kirchentradition im Einklang mit dem Lehramt der Kirche. Aus diesem Grund schien es interessant, Historiker und Theologen, jeweils einen Italiener und einen Franzosen zu einem Gespräch über die bedeutendsten Dokumente des 2. Vatikanums zu vereinen.

ZENIT: Welche Dokumente wurden zur Analyse ausgewählt?

Prof. Chenaux: Sacrosanctum Concilium (die Konstitution über die heilige Liturgie), Lumen Gentium (die Dogmatische Konstitution über die Kirche), Unitatis Redintegratio (das Dekret über den Ökumenismus), Dei Verbum (die Dogmatische Konstitution über die göttliche Offenbarung), Dignitatis Humanae (die Erklärung über die Religionsfreiheit), und Gaudium et spes (die pastorale Konstitution über die Kirche in der Welt von heute). Es hätten noch viele andere herangezogen werden können; beispielsweise Nostra Aetate (die Erklärung über das Verhältnis der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen). Wir könnten uns die Veranstaltung eines weiteren Konferenzzyklus überlegen, denn wir befinden uns erst am Beginn eines Zyklus von Feierlichkeiten.

ZENIT: Warum tendieren Historiker zum Bruch und Theologen zur Kontinuität?

Prof. Chenaux: Historiker lenken ihren Blick eher auf Bruchstellen und Elemente der Diskontinuität. Nicht zu Unrecht betonen sie, dass sich die in den 1950er Jahren als negativ beurteilten Sachverhalte zum Guten gewandelt haben. Aus zahlreichen mit Skepsis  beäugten Theologen sind dann große Theologen des Konzils geworden.

Theologen hingegen neigen zu einer Betrachtung der Dinge in ihrem Idealzustand; nicht in den konkreten historischen Tatsachen entsprechend. In der Frage der Religionsfreiheit beispielsweise war die Sichtweise der Theologen eine viel engere, die mit der Vorstellung, wonach der Katholizismus die einzige Religion sei, eng verbunden ist. Dies entsprach jedoch nicht immer den Tatsachen. Es zeigen sich Unterschiede zwischen der Vorstellung und den Tatsachen.

ZENIT: Ist es denkbar, dass das Zweite Vatikanum  nie stattgefunden haben könnte?

Prof. Chenaux: Das ist eine sehr gute Frage, die sich viele nach dem Ende der mit der Revolution von 1968 einhergegangenen Kirchenkrise gestellt haben. Nicht wenige behaupteten, das Konzil habe die Krise verursacht. Andere wiederum vertreten die Auffassung, die ich für richtiger halte, dass gerade das Konzil noch schlimmere Folgen abwenden konnten, denn es zeigten sich bereits im Vorfelt Elemente, die auf eine Krise hindeuteten. Vielleicht hatte Johannes XXIII. aus diesem Grund die göttliche Eingebung, wie er sie selbst bezeichnete, das Konzil einzuberufen.

Das Programm mit einer Liste der Vortragenden am internationalen Kongress finden Sie hier.

[Übersetzung des italienischen Originals von Sarah Fleissner]