Das Zweite Vatikanische Konzil, Kirche und Kunst

Eine Hermeneutik der liturgischen Reform in der Kontinuität

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Von H. Sergio Mora

ROM, 19. Juli 2012 (ZENIT.org). – Msgr. Daniel Estivill ist Autor eines Buches, das unter dem Titel „Kirche und Kunst nach dem II. Ökumenischen Vatikanischen Konzil“ („La Chiesa e l’arte secondo il Concilio Ecumenico Vaticano II“) erschienen ist. Der Untertitel des Werkes lautet: „Anmerkungen zu einer Hermeneutik der Reform in der Kontinuität“ („Note per un’ermeneutica della riforma nella continuita“).

Das in italienischer Sprache von der Lateran University Press (LUP) publizierte Buch ist eine Einführung in die Lektüre jener Konzilstexte, die sich auf die Themen Kirche und Kunst beziehen. Es behandelt insbesondere das 7. Kapitel der Konstitution „Sacrosanctum Concilium“.

Der Autor doziert an der Fakultät für Geschichte und Kirchliche Kultur der Päpstlichen Lateran-Universität.

ZENIT hat mit Msgr. Daniel Estivill, der gebürtiger Argentinier ist, folgendes Gespräch geführt:

ZENIT: Woher empfingen Sie den Impuls, das Buch zu schreiben?

Daniel Estivill: Er entstand mit dem Aufruf, den Papst Benedikts XVI. bei einer Rede an die Römische Kurie (22. Dezember 2005) lanciert und in dem er sich für eine korrekte Auslegung der Texte des II. Vaticanums ausgesprochen hatte. Gegenüber einer Hermeneutik des Bruchs und der Diskontinuität, optierte der Papst für eine Hermeneutik der Reform in der Kontinuität. Diesem Aufruf wollte ich Folge leisten.

ZENIT: Was hat es mit der Kontinuität oder Diskontinuität auf sich?

Daniel Estivill: Jede Reform bringt eine gewisse Diskontinuität mit sich. Wenn es heißt, dass das Konzil gemäß einer Hermeneutik der Reform gelesen werden muss, dann bedeutet das, dass es sich nur um eine „äußerliche“ Diskontinuität handelt, insofern als diese sich auf veränderliche Dinge bezieht. Wenn man andererseits betont, dass eine Hermeneutik der Reform in der Kontinuität stattfinden soll, wird damit unterstrichen, dass gemäß einer soliden, das innere Wesen und die wahre Identität der Kirche betreffenden Kontinuität, die dem Konzil zugrundeliegenden Prinzipien vertieft und beibehalten werden.

ZENIT: Hat der Papst bei seiner Rede über Kunst gesprochen?

Daniel Estivill: Bei der Ansprache, auf die ich mich beziehe, hat der Heilige Vater eine Reihe von Fragen über das II. Vaticanum im Allgemeinen und über dessen Umsetzung und Folgen gestellt. Ich erlaube mir, solche Fragen im analogen Sinne auf den Bereich der Kunst anzuwenden und frage deshalb: Wie hat sich das Konzil im Bereich der religiösen und sakralen Kunst ausgewirkt? Ist die Lehre des Konzils in diesem Bereich in korrekter Weise rezipiert worden? Was hat bei der Rezeption des Konzils Früchte getragen, was hat zu Verwirrung geführt, was hat unzureichende oder sogar irrige Resultate hervorgebracht? Was bleibt noch zu tun, um den Leitlinien, die das Konzil im Bereich der Kunst in der Kirche gegeben hat, Aufnahme zu schenken?

ZENIT: Ein ziemliches Unterfangen, besonders wenn man an den „Geist des Konzils“ denkt!

Daniel Estivill: Es ist in der Tat wichtig, eine Unterscheidung zwischen dem zu treffen, was das Konzil tatsächlich ausgesagt hat und dem, was man den „Konzilsgeist“ nennt. Ich habe deshalb Konzilstexte, die Aussagen über die sakrale Kunst enthalten, neuerlich einer Lektüre unterzogen, um herauszufinden, was das Konzil denn wirklich und objektiv vorschlägt. Leider gab es in nicht wenigen Fällen Leute, die im Namen des so genannten „Konzilsgeistes“ über die wahren Absichten des Konzils hinausgegangen sind, ja in mehreren Fällen sogar entgegen dessen Absichten gehandelt haben.

ZENIT: Und was haben Sie entdeckt?

Daniel Estivill: Einerseits habe ich entdeckt, dass die Dokumente des Zweiten Vatikanischen Konzils, deren erneute Lektüre uns der Heilige Vater aufgetragen hat, Pfade der Erneuerung und des Dialogs mit der Welt der Kunst eröffnen und zugleich eine starke Kontinuität mit jener Sichtweise aufweisen, die die Kirche in diesem Bereich immer vertrat. Andererseits habe ich bei meiner erneuten Lektüre der Konzilstexte gesehen, dass es Leseweisen gibt, die sich leider an einer Hermeneutik des Bruchs und der Diskontinuität orientieren und zur Schöpfung einiger „falscher Mythen“ beigetragen haben.

ZENIT: Falsche Mythen? Könnten Sie erklären, was Sie damit meinen?

Daniel Estivill: So ist zum Beispiel die Aussage nicht wahr, das Konzil habe endlich die Tore der Kirche geöffnet, um kritiklos alles zu akzeptieren, was die Kunst der Gegenwart als Kunst ausgibt. Zur Unterstützung dieser Aussage wird Nr. 62 von Gaudium et Spes zitiert: „Auch die neuen Formen der Kunst … sollen von der Kirche anerkannt werden“, wobei vergessen wird, dass es im selben Abschnitt ebenso heißt: „In das Heiligtum aber sollen [die neuen Formen der Kunst] aufgenommen werden, wenn sie in einer dafür angepassten Aussageweise den Erfordernissen der Liturgie entsprechen und den Geist zu Gott erheben.“ Wer die Kunst- und die Kirchengeschichte kennt, weiß nur zu gut, wie offen die Kirche im Westen gegenüber neuen Entwicklungen in der Kunst immer gewesen ist. Er weiß auch, dass die Kirche im Lauf der Jahrhunderte diese neuen Ausdrucksformen aufgenommen hat, indem sie dieselben auf eine höhere Ebene erhoben und gleichzeitig dem menschlichen Geist gehuldigt hat. Dennoch verstand es die Kirche, im Umgang mit neuen Entwicklungen jene Ausdrucksformen auszuwählen, die mit ihren Glaubensgrundsätzen vereinbar waren.

ZENIT: Muss man eine gute Ausbildung besitzen, um von der Kunst ausgehend pastoral wirksam werden zu können?

Daniel Estivill: Dies ist ein weiterer Aspekt, den die Konstitution „Sacrosanctum Concilium“ ausdrücklich betont (127 und 129) und der Bezug auf eine konkrete geschichtliche Tatsache nimmt: Seit Anfang der Aufklärung hat sich der Kontrast zwischen Glaube und Vernunft, zwischen katholischer Kultur und den Tendenzen der Avantgarde in der Kunst verschärft. Da wir also in einem Umfeld leben, das nicht von den Werten des Glaubens durchdrungen ist, braucht man heute im Bereich der Kunst eine angemessene theologische Ausbildung, was sowohl für den Künstler, der die Grundlagen der Dogmen und der Heilsgeschichte kennen muss, als auch für den Klerus gilt, der dazu berufen ist, mit der Welt der Kunst in Dialog zu treten. In diesem Zusammenhang sollte die vom Konzil erbetene Ausbildung so ausgerichtet werden, dass die wahre Identität der sakralen Kunst geschützt und vertieft wird.

ZENIT: Sollten alle Priester Kunstexperten sein?

Daniel Estivill: Nach Aussage der Konstitution Sacrosanctum Concilium (Nr. 129) soll die Geschichte und Entwicklung der sakralen Kunst im Ausbildungskurrikulum der Kleriker Aufnahme finden, wie auch die gesunden Grundsätze, auf die sich die Werke der sakralen Kunst im Dienst der Kirche stützen müssen. Das Ziel ist nicht, aus Priestern „Kunstexperten“ zu machen, sondern sie darauf vorzubereiten und fähig zu machen, die Kunstwerke der Kirche zu schätzen und zu bewahren und sie so in die Lage zu versetzen, dass sie Künstlern bei der Schaffung ihrer Werke passende Ratschläge erteilen können. Wir sollten nicht vergessen, dass hinter jedem großen Kunstwerk fast immer ein Theologe steht, dessen Aufgabe es ist, das ikonographische Programm und die wesentlichen Grundlinien aufzuzeigen, die zusammen mit den künstlerischen Formen sozusagen die Seele des Kunstwerks bilden. Manchmal – doch nicht immer – mag der „Theologe“ mit demjenigen, der das Werk in Auftrag gibt, gleicher Meinung sein. Doch wer übernimmt in Wirklichkeit diese Aufgaben, wenn nicht derjenige, der den pastoralen Dienst ausübt? Solche pastorale Verantwortung ist von höchster Bedeutung, denn als Werkzeug für die Weitergabe des Glaubens und für die Feier des Gottesdienstes spielt Kunst in der Kirche eine wichtige Rolle.

[Übersetzung des spanischen Originals von P. Thomas Fox LC]