„Dass Juden und Christen mehr und mehr gemeinsam ihre Stimmen erheben“

Ansprache von Kardinal Meisner in der Synagoge Köln

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KÖLN, 10. November 2007 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die Ansprache, die der Kölner Erzbischof Joachim Kardinal Meisner gestern, Freitag, während der Gedenkfeier zur Übergabe der neu renovierten Torarolle in der Kölner Synagoge gehalten hat.



„Auch wenn Juden und Christen manche Worte der Schrift verschieden auslegen, so bezeugen wir unseren größten Respekt vor Ihrem innigen Umgang mit der Tora“, bekräftigte der Kardinal. Die Katholiken teilten mit ihren jüdischen Schwestern und Brüdern die Liebe zu diesem „Gotteswort im Menschenwort“; eine Liebe, die ihnen beim täglichen Stundengebet beständig in Erinnerung gerufen werde, „wenn sie einen Abschnitt aus Ps 119 beten. Wie gut ist es, dass es diese Gebetsbrücke zwischen uns gibt!“

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Verehrte jüdische Autoritäten und Mitglieder des Synagogenvorstandes,
sehr geehrte Festgäste!

In dieser bewegenden Stunde steht mir eine Szene vor Augen, die das Lukasevangelium überliefert. Dort heißt es von Jesus: „So kam er auch nach Nazaret, wo er aufgewachsen war, und ging, wie gewohnt, am Sabbat in die Synagoge. Als er aufstand, um aus der Schrift vorzulesen, reichte man ihm das Buch des Propheten Jesaja“ (Lk 4,16-17). Eindrucksvoll wird in diesen Worten deutlich, wie selbstverständlich Jesus als Jude am Frömmigkeits- und Gebetsleben teilnahm. Insbesondere kommt seine Wertschätzung des Gotteswortes zum Ausdruck, wenn auch die Schrift, die Jesus in Nazareth vortrug und auslegte, nicht direkt aus der Tora stammt, sondern von dem Propheten Jeschajahu, der als Interpret der Tora angesehen werden kann.

Das Ringen des jungen Christentums um ein rechtes Verständnis der göttlichen Gnade, die es in Jesu Wort, Werk und Person erfuhr, hat zu einer bisweilen kritischen Einstellung zur Tora geführt. Wenn wir in diesem Punkt unseren jüdischen Geschwistern wieder näher rücken wollen, brauchen wir nur auf die Schrift selbst zu hören. „Debarim“, das fünfte Buch der Tora, sagt es zusammenfassend in aller Deutlichkeit: „Denn nicht eine leere Rede ist es, an euch vorbei, sondern es ist euer Leben“ – um es mit der Verdeutschung von Martin Buber und Franz Rosenzweig zu formulieren (Dtn 32,47). Darum wird derjenige glücklich gepriesen, der „Lust hat an seiner Weisung, über seiner Weisung murmelt tags und nachts“ (Ps 1, 2).

Tatsächlich empfindet der gläubige Jude die Tora nicht als Last, wie die bei uns gebräuchliche Bezeichnung „Gesetz“ nahe legen könnte. Vielmehr hat er sie von Herzen lieb (Ps 119,163.167) und sie ist ihm Quelle eines frohen Daseins (Ps 119,174). Mehr noch: Es ist und bleibt Israels Privileg, als erste von Gott ins Vertrauen gezogen worden zu sein. „Jaakob sagt seine Worte er an, Jisrael seine Gesetze und Rechtsgeheiße. Nicht hat er irgendeinem Stamm so getan, die Rechtsgeheiße, sie blieben unbekannt ihnen. Preiset oh ihn!“ (Ps 147,19-20). Wer Zeuge dieses stolzen Jubels wird, der versteht, warum Israel „Simchat Tora“ feiert, das Fest der Gesetzesfreude.

Und Jesus? Er findet ebenfalls deutliche Worte über die Schrift. Zu Beginn der Bergpredigt sagt er: „Denkt nicht, ich sei gekommen, um das Gesetz und die Propheten aufzuheben. Ich bin nicht gekommen, um aufzuheben, sondern um zu erfüllen. Amen, das sage ich euch: Bis Himmel und Erde vergehen, wird auch nicht der kleinste Buchstabe des Gesetzes vergehen, bevor nicht alles geschehen ist. Wer auch nur eines von den kleinsten Geboten aufhebt und die Menschen entsprechend lehrt, der wird im Himmelreich der Kleinste sein.

Wer sie aber hält und halten lehrt, der wird groß sein im Himmelreich“ (Mt 5,17-19).

Auch wenn Juden und Christen manche Worte der Schrift verschieden auslegen, so bezeugen wir unseren größten Respekt vor Ihrem innigen Umgang mit der Tora. Mehr noch: Wir teilen mit Ihnen, liebe jüdische Schwestern und Brüder, die Liebe zu diesem „Gotteswort im Menschenwort“. Allen Katholiken, die täglich ihr Stundengebet verrichten, wird diese Liebe beständig in Erinnerung gerufen, wenn sie einen Abschnitt aus Ps 119 beten. Wie gut ist es, dass es diese Gebetsbrücke zwischen uns gibt!

Die Ehrfurcht vor der Weisung des Allerhöchsten und wohl auch diese Verbundenheit im Gebet trieben Prälat Meinertz, einen Priester des Erzbistums Köln, zu einer Tat, derer wir heute in Dankbarkeit und Freude gedenken. Sie geschah in einer Zeit, in der in Deutschland viele Menschen – allen voran die Staatslenker – vom Wort Gottes nichts mehr wissen wollten. Angesichts der Gräuel dieser Epoche sehen wir umso dankbarer, dass es auch anderes gab. Am heutigen 9. November ist diese Torarolle, an der vor nunmehr 69 Jahren die Flammen der brennenden Synagoge in Kölns Glockengasse schon nagten, wieder ihrer wahren Bestimmung zugeführt worden.

Gegen massenhaften Wahn stellte Prälat Gustav Meinertz seine Tat aus der Liebe zum Gotteswort, als er die Torarolle aus der brennenden Synagoge holte. Gerade dadurch hat sich Gustav Meinertz als ein Großer erwiesen, dass er nicht nur für den eigenen Glauben beherzt eingetreten ist, sondern auch für den der jüdischen Schwestern und Brüder. Wären doch nur mehr so tapfer gewesen in Kirche und Gesellschaft! Auf diese mutige Tat blicken wir jedoch nicht nur gedenkend zurück. Die Erinnerung an sie wie auch an die Gräueltaten verpflichtet uns, stets wachsam zu sein gegenüber allen Versuchen, Menschen und ihr Heiligstes verächtlich zu machen oder ihnen das Lebensrecht abzusprechen. Ich hoffe und freue mich darauf, dass Juden und Christen mehr und mehr gemeinsam ihre Stimmen erheben, wenn solche Gefahr im Verzug ist.

Ich kann als Erzbischof von Köln nur mit Dankbarkeit darauf blicken, dass durch all die Jahre seit der Rettung dieser Torarolle Prälat Meinertz’ gedacht wurde. Sie war ausgestellt im Museum hier in der Synagoge, und bei jeder Führung wurden die Besucher liebevoll auf ihr Schicksal hingewiesen. So hat es schon vor Jahren der unvergessene Ernst Simons erzählt.

Nun ist es mir eine große Ehre und Freude, heute mit Ihnen ein ganz besonderes „Simchat Tora“ feiern zu können. Gerne hat das Erzbistum Köln die Kölner Synagogengemeinde dabei unterstützt, die einst gerettete, aber eben stark beschädigte Torarolle restaurieren zu lassen, so dass diese wieder im Gottesdienst verwendet werden kann. In einer großherzigen Geste haben Sie mich dazu eingeladen, am Festakt der Krönung dieser Torarolle teilzunehmen. Aus ihr wird nun ein ganzes Jahr über gelesen werden gemäß der eigentlichen Bestimmung, für die diese Rolle einst liebevoll geschrieben wurde.

Nach dem Besuch des Papstes in dieser Synagoge möge der heutige Tag ein weiterer Meilenstein sein auf dem Weg der Verbundenheit. Gott hat den Menschen seine Weisung gegeben; und diesem einen Gott wenden wir uns im Gottesdienst zu, wenn auch auf unterschiedliche Weise. Möge sein Wort, das uns verbindet, unsere Liebe zueinander weiter wachsen lassen und uns Pfade lehren, unsere Beziehungen zu vertiefen. Gerne möchte ich daher eine regelmäßige Begegnung zwischen dem Rabbiner von Köln und dem Erzbischof von Köln anregen. So können wir uns gegenseitig unsere jeweiligen Freuden wie Sorgen mitteilen und über weitere gemeinsame Projekte der Begegnung nachdenken.

Ich wünsche der Kölner Synagogengemeinde von Herzen ein Bleiben und Wachsen in der Freude an der Tora, besonders beim Hören von Gottes Wort aus dieser Torarolle, die heute wieder für den gottesdienstlichen Gebrauch eingebracht wurde. Ihnen und allen, die Ihnen nahe sind, wünsche ich den Frieden unseres gerechten und barmherzigen Gottes: Schalom alechem.

[Von der Erzdiözese Köln veröffentlichtes Original-Manuskript]