Dass mein Zdravko Priester wird - Gott bewahre mich!

Antwort von P. Ivan Fuček SJ, Professor im Ruhestand an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom

Rom, (ZENIT.org) P. Ivan Fuček SJ | 266 klicks

Ich liebe Zdravko sehr. Er ist mein einziger Sohn. Sie wissen, wir Mütter sind so. Seit seiner Geburt zittere ich um ihn. Er lehrnt ausgezeichnet. Er geht aufs Gymnasium, und bereits seit einiger Zeit merke ich, dass er gerne Priester werden möchte. Das kann ich mir nicht vorstellen! Ich weine. Dass mein Zdravko Priester wird? Gott bewahre mich! Das wäre für mich ein schreckliches Opfer. Und für ihn?  Ich könnte dieses Opfer nicht ertragen. Bei einer Gelegenheit sagte mir eine Freundin, als Zdravko vorbeiging: „Beten Sie für Ihren Sohn, dass er Priester wird. Er hat Eigenschaften eines Priesters.“ Ich war darüber bestürtzt. Beten, dass mein einziger Sohn Priester wird? Niemals! Ich träume davon, dass er sobald wie möglich heiratet, und wie ich eine gute Schwiegertochter und liebe Enkelkinder haben werde. Sie wissen, wie in der heutigen Zeit das Leben eines Priesters schwer und unsicher ist…

Irena, Mutter

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Ich verstehe es. Eine der größten Sorgen der Mutter und Vaters ist die Zukunft ihrer Kinder. Deshalb schickten Sie Zdravko zum Gymnasium, später wahrscheinlich zur Fakultät. Leicht haben Sie alle Ausgaben und viele Sorgen für seine Schulung und professionelle Entwicklung und Reifung ertragen. Aber da versteckt sich Ihnen ein ziemlich wichtiges Problem, an das Sie nicht denken. Bevor Sie wissen, was Ihr Sohn in der Zukunft tun wird, sollte für Sie als Mutter fudamental die Frage sein: was wird Ihr Sohn im Leben sein. In dieser Hinsicht zeigt sich das menschliche Leben als „Beruf“, als „Berufung“. Demzufolge ist das Grundlegende, dass Sie begreifen, wozu Ihr Zdravko von Gott berufen wird, wo er in Fülle seine Fähigkeiten und seinen ganzen Reichtum der Natur und der Gnade, die ihm gegeben sind, entfalten kann.

Jedes Kind wird zum Leben geboren mit, von Gott , ziemlich bestimmtem, entworfenem Programm, obwohl ihm dieses Programm nicht bekannt ist, sondern es muss es im Laufe der Jahre entdecken. Dieses entdeckte Programm muss es sein Leben lang verwirklichen, sei es in der zivilen, sei es in der kirchlichen Gesellschaft. Dieses Programm wird in die Tat umgesetzt so dass der Mensch bis zu einem bestimmten Gipfel seine Fähigkeiten, gute Eigenschaften und sein Wirken verwirklicht – alles, was einfach sein Wesen ausmacht.

So steht es auch um Zdravko. In dieser Hinsicht ist es ganz in Ordnung, dass Sie als Mutter sich um die Berufung Ihres Kindes kümmern. Die Lebensberufung, nämlich, oder der Beruf ist nicht etwas, was dem Menschen zugegeben wird wie ein neuer Mantel, Hut oder Brille. Diese Berufung ist nicht etwas, was dem Menschen von außen zugegeben wird. Im Gegenteil, die Berufung ist etwas, was eine Person einfach ist, in allen ihren Aspekten und Dimensionen, in ihrer Wesenheit und in ihren Möglichkeiten. Und, da man so die Berufung eines jungen Menschen sehen soll, können wir gleich schließen, dass die Eltern dabei wichtige Rolle spielen.

Weder Vater noch Mutter dürfen ihrem Kind irgendeine Lebensberufung aufdrängen, oder allen Kindern die gleiche Lebensrichtung festlegen. Sie würden sich verfehlen, wenn sie ihren Kindern eine Profession aufdrängen wollten, ohne dabei die Wünsche und Eigenschaften der Kinder zu berücksichtigen: wozu neigt ein Kind und wozu ist es in erster Linie fähig. Dementsprechend müssen sich die Eltern dessen bewusst sein, dass sich vor jedem ihrer Kinder verschiedene Lebenswege öffnen, und zwar nicht nur bezüglich ihrer zukünftigen Beschäftigung oder ihrer Profession (hochqualifizierter Arbeiter, Ingenieur, Professor…), sonder auch, und vor allem anderen, in der idealen Sicht ihres zukünftigen Lebens. Es ist die Aufgabe der Eltern, ihren Kindern zu helfen, diese Lebensberufung, zu der sie Gott beruft, zu entdecken und ihnen Mut zu machen, diese Berufung zu ergreifen. Es ist also nicht der Mensch, derjenige, der seinen Lebensweg wählt, sondern das ist Gott. Die Aufgabe des Menschen besteht darin, diesen Weg zu entdecken.

Sie, meine Dame, sorgen sich nicht im Geringsten darum. Sie erziehen ihren Zdravko so, als würde es auf der Welt nur eine einzige Berufung geben, nämlich die allgemeine – die Heirat. Sie machen Fehler durch eine einseitige Erziehung, und sie schaffen negative Bedingungen, unter denen sich ihr Sohn nicht in voller Freiheit entscheiden kann. Leider machen zu viele Eltern die gleichen Fehler. Sie denken nicht daran: sollte es aus irgendeinem Grund ihrem Kind in der Zukunft nicht gelingen, das eheliche Leben zu verwirklichen, wird es traumatisiert und frustriert, unter schwerer Last und Enttäuschung. Das ist nicht nur einmal passiert! Und sagen Sie nicht zu schnell, dass dies nicht mit ihrem Zdravko passieren kann.

Ich erinnere mich an einen jungen Ingenieur, dem seine Mutter nicht erlaubt hat, das geliebte junge Mädchen zu heiraten. Zum Schluss hat er auf die Mutter gehört. Aber, auch zehn Jahre später war er nicht verheiratet: „Pater, die Mutter hat mich kaputt gemacht. Es ist mir jeder Gedanke an die Heirat vergangen, und ich glaube, dass ich nie im Leben heiraten kann.“ Der Mutter war es nicht bewusst, was sie mit dem Leben ihres Kindes angerichtet hat. Bei einer anderen Gelegenheit erlebte ich dieses Bekenntnis (die Mutter war anwesend): „Ich hätte Priester werden sollen, und die Mutter ist daran schuld, dass ich es nicht geworden bin. Ich bin der einzige Sohn, und die Mutter konnte sich mich als Priester nicht vorstellen. Ich habe Frau und fünf Kinder. Doch ich bin nicht glücklich und werde nie im Leben glücklich sein. Es ist mir klar, dass ich meine Berufung verfehlt habe und nur deshalb weil ich dem Druck meiner Mutter nachgegeben habe.“ Und dieser Mensch weinte.

In einer normalen Atmosphäre ist es also notwendig, dass die Eltern ihren Söhnen und Töchtern eine ganze Palette der Möglichkeiten der Berufswahl anbieten: vom Eheleben bis zum Leben in der Ehelosigkeit oder im Zölibat, bis zum Priester- oder Ordensleben. In einer gesunden, geordneten, ausgeglichenen christlichen Familie wird nicht nur über Schönheiten des Ehelebens gesprochen, sondern es wird genauso gesprochen, und die Kinder werden informiert über die Schönheit der Wahl der lebenslänglichen Keuschheit „um den Reiches Gottes willen“, über Schönheiten des Priester- und des Ordenslebens. Die Eltern müssen sich dessen bewusst sein, dass die Familie eine Pflanzenstätte der verschiedenen Berufungen sein muss, und dass sie durch ihre Haltung in den Kindern den Keim der Berufung fördern können, damit sie zu einem Baum wird, aber sie können diesen Keim  genauso ersticken, zertreten und schließlich vernichten. In diesem Fall würden sie direkt gegen den Plan des Schöpfers, den er mit ihren Kindern hat, arbeiten, und sie wären Zerstörer des Glückes ihrer eigenen Kinder.

Aus dem Gesagten geht klar hervor, dass Ihre Haltung, meine Dame, den Anzeichen der Berufung von Zdravko gegenüber negativ ist. Es wäre für Sie „Opfer“, wenn er Priester werden würde. Und Sie fragen sich nicht, was sein wird, wenn er eine nicht glückliche, sondern unglückliche Ehe verwirklicht? Und was, wenn er sich später auch gegen die eigene Mutter erhebt? Weiterhin, das „Opfer“ für ihn ist, dass, Sie das nicht ertragen könnten. Sie vergessen, dass über dieses „Opfer“, in erster Linie,  er selbst vor Gott und vor seinem Gewissen nachzudenken hat, mit Hilfe seines geistlichen Führers und des Beichtvaters. Und der Priesterstand ist nicht vor allen „Opfer“, sondern „Schenkung“ aus Liebe, Dienst an den Brüdern Menschen. Das bedeutet größere Hingabe und größere Liebe als in irgendeinem anderen Lebensstand, weil man nichts egoistisch für sich behalten und nichts für sich besitzen darf. Unsere christlichen Mütter waren immer glücklich, wenn Gott einen von ihren Söhnen berufen hat. Wo liegt der letzte Grund, dass auch Sie nicht glücklich sein können, wenn Gott Ihren Zdravko ruft?

(Quelle: Ivan FUČEK, Moral-Geistliches Leben, Band Zwei: Gesetz - Glaube,  Split, 2004, Seiten 265-267)

Ivan Fuček ist Jesuitenpater, Professor im Ruhestand an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom und Theologe an der Apostolischen Pönitentierie.