"De-facto-Heiden" in der Kirche

Impuls zum 3. Adventssonntag 2013

Münster, (ZENIT.org) Msgr. Dr. Peter von Steinitz | 548 klicks

“Freuet euch”, ruft uns die Liturgie des 3. Adventssonntags zu, und wir haben in unserem Wohlstandsparadies auch eigentlich Grund genug dazu. Fast allen Menschen geht es gut, viele haben die Güter dieser Erde im Überfluss, alle sind gut versichert.

Dennoch sind viele nicht zufrieden. Woran liegt das?

Vor vielen Jahren sang Zarah Leander “Ich bin auf der Welt, um glücklich zu sein”, ein nettes, auf den ersten Blick etwas belangloses Liedchen. Aber, wenn man von dem näheren Kontext absieht, handelt es sich um eine tiefe Wahrheit. Wir sind tatsächlich von unserem Schöpfer in die Welt gesetzt worden, um glücklich zu sein. Unser liebender Vater will grundsätzlich seine Kinder glücklich sehen. Wenn wir es oft nicht sind, liegt es meistens an uns selbst.

Es liegt an uns selbst, nicht weil wir nicht den guten Willen hätten, den haben wir meistens. Und dennoch empfinden wir oft, selbst in glücklichen Momenten, früher oder später so etwas wie Überdruss. So ganz glücklich sind wir nie. Woran liegt das?

Es liegt daran, dass Gott, der die Quelle jeden Glücks ist, uns zu einer Freude führen will, die über das bloß Irdische hinausgeht. Natürlich gönnt er uns auch die (erlaubten) irdischen Freuden, sie sind ja schließlich von ihm. Aber er möchte für uns Höheres. Er weiß, dass es für uns nicht gut und nicht genug ist, beim Genießen des bloß Natürlichen stehen zu bleiben. Wobei es gleichgültig ist, ob wir uns an einer großartigen Opernaufführung mit der Netrebko erfreuen oder nur mit dem kleinen Glück in der Sofaecke, mit Fläschchen Bier und Bundesliga.

Paulus sagt – wir hören es an diesem 3. Sonntag im Advent – “Freuet euch im Herrn zu jeder Zeit!” Das entscheidende Wort ist “im Herrn”. Das ist nicht ein frommer Zusatz, sondern will uns tatsächlich aus der Enge des bloß Irdischen herausführen.

Gewiss ist das zugleich ein ziemlicher Anspruch. Wir tun uns viel leichter, etwas Handfestes zu genießen, ein gutes Essen, eine interessante Begegnung, einen herrlichen Sonnenuntergang am Meer oder in den Bergen.

Dagegen “im Herrn”? Wie geht das?

Für den geübten Katholiken besteht oft die Gefahr, dass er die Worte der Hl. Schrift “zu gut kennt”. Er hat ja alles sehr oft gehört, hat vieles aber nicht wirklich verstanden, zumindest nicht verinnerlicht. Das trifft besonders bei den Paulus-Briefen zu. Und dann bleiben die heiligen Worte nur an der Oberfläche. Wenn man ihn fragt, ob er dieses oder jenes Wort kennt, wird er sagen: “selbstverständlich”, und merkt nicht, dass das nicht die Wahrheit ist. Er hat es oft gehört, aber niemals in sein Inneres hineingelassen. Vielleicht ist das einer der Gründe, warum es in der Kirche, nicht erst seit heute, viele Menschen gibt, die de facto Heiden sind.

Joseph Ratzinger sprach schon im Jahre 1958 in einem Artikel in der Zeitschrift Hochland   davon:

„Dieses dem Namen nach christliche Europa ist seit rund vierhundert Jahren zur Geburtsstätte eines neuen Heidentums geworden, das im Herzen der Kirche selbst unaufhaltsam wächst und sie von innen her auszuhöhlen droht. Das Erscheinungsbild der Kirche der Neuzeit ist wesentlich davon bestimmt, dass sie auf eine ganz neue Weise Kirche der Heiden geworden ist und noch immer mehr wird: nicht mehr wie einst Kirche aus den Heiden, die zu Christen geworden sind, sondern Kirche von Heiden, die sich noch Christen nennen, aber in Wahrheit zu Heiden wurden. Das Heidentum sitzt heute in der Kirche selbst“ (Hochland 51, 1958).

Eine der tieferen Ursachen für diese Entwicklung ist wohl auch der Mangel an übernatürlichem Blick. Was gleich bedeutend ist mit dem Aufgeben des Gebets. Ein Christ kann noch so fest im Glauben stehen. Wenn er nicht betet, schwindet der Glaube. Der Glaube ist wie ein lebendiger Organismus: wenn man ihm keine Nahrung gibt, geht er ein. Die Nahrung des Glaubens aber ist nun mal das Gebet.

Mit dem Glauben schwindet auch die Freude. Umgekehrt fällt es auf, dass bei so manchen jungen geistlichen Bewegungen die Freude etwas ganz alltägliches ist. Das sind eben Menschen, die beten.

Es ist also nichts Mysteriöses um den Rückfall in das Heidentum, oder um die seltsame „Gottvergessenheit“, die Papst Benedikt in Köln beim Weltjugendtag 2005 beklagte. Da für die meisten Christen Gebet gleich Bittgebet ist, versteht man, wieso sie das Beten sein lassen: sie brauchen um nichts zu bitten, der Wohlstand und das moderne Leben besorgen das ja.  

Der damalige Theologieprofessor Ratzinger gab den Rat:

„Es wird der Kirche auf die Dauer nicht erspart bleiben, Stück um Stück von dem Schein ihrer Deckung mit der Welt abbauen zu müssen und wieder das zu werden, was sie ist: Gemeinschaft der Glaubenden. Tatsächlich wird ihre missionarische Kraft durch solche äußere Verluste nur wachsen können: Nur wenn sie aufhört, eine billige Selbstverständlichkeit zu sein, nur wenn sie anfängt, sich selbst wieder als das darzustellen, was sie ist, wird sie das Ohr der neuen Heiden mit ihrer Botschaft wieder zu erreichen vermögen“ (ebda).

Gebe Gott, dass die vielen, die sich noch in der Kirche befinden, sich darüber klar werden, dass sie oft vom Eigentlichen des Christentums gar nichts wissen, und dass ein nur konventionelles Dazugehören nicht ausreicht. Das zu erkennen ist meistens nicht leicht. Der wirkliche Neu-Heide hat es da leichter. Er hat keine Ahnung, aber auch keine Vorurteile, und nimmt oft die Lehre Jesu mit offenem Herzen auf. Der Gewohnheitschrist muss zuerst einmal eine Menge von Halbwissen und vorgefassten Meinungen über den Glauben wegräumen, um Christus wirklich zu verstehen.

Wenn ihm das gelingt – Weihnachten ist dazu eine wunderbare Gelegenheit – wird er zu dieser tiefen Freude vorstoßen, die sich beinahe wie von selbst aus dem Staunen über die Menschwerdung Gottes ergibt.

Maria ist mit Josef unterwegs nach Bethlehem. Die Reise ist beschwerlich und unangenehm. Ihr Herz aber ist voller Freude. Ihr tiefer Glaube, ihre frohe Hoffnung und ihre zärtliche Liebe lässt sie erkennen: wie herrlich muss der Himmel sein, wenn wir trotz Schwierigkeiten schon „auf dieser Welt glücklich sein“ können.

Mit ihrer Hilfe – sie ist ja die „Ursache unserer Freude“ – können die vielen De-facto-Heiden in der Kirche wieder zu glücklichen und begeisterten, d.h. apostolischen Christen werden.

Msgr. Dr. Peter von Steinitz, war bis 1980 als Architekt tätig; 1984 Priesterweihe durch den sel. Johannes Paul II.; 1987-2007 Pfarrer an St. Pantaleon, Köln; seit 2007 Seelsorger in Münster. Er ist Verfasser der katechetischen Romane: „Pantaleon der Arzt“ und „Leo - Allah mahabba“ (auch als Hörbuch erhältlich).