Dein Messer ist doch nutzlos

Priestererlebnis von Antonio Rivero Regidor, Spanien

Wien, (ZENIT.org100Wunder) | 587 klicks

Eines Abends im März 1999 saß ich in Buenos Aires, Argentinien, wie immer im Beichtstuhl der Pfarrei, wo ich als Kaplan tätig war. Da kam ein 28-jähriger junger Mann zu mir. „Padre, ich heiße Juan und ich will mich heute noch umbringen.“

„Ja warum denn?“, fragte ich erschrocken.

„Weil… hm… meine Freundin hat mich wegen eines anderen verlassen und das kann ich nicht ertragen… Wir waren schon seit drei Jahren verlobt.“

„Ich verstehe… Ich verstehe…“

Da ich nicht wusste, was ich sagen sollte, bat ich den Heiligen Geist, mich zu erleuchten. Er sollte mir die richtigen Worte in den Mund legen, um Juan zu helfen. Ich hatte wenig Zeit und übergab deshalb alles dem Herrn.

„Diesen Abend noch werde ich Selbstmord begehen. Ich bin fest dazu entschlossen!“

Er sagte dies mit großem Nachdruck, dann zog er ein riesiges Messer aus der Jacke und legte es auf den Tisch. Da begann ich, das Messer zu begutachten, und sagte ihm, dass es nicht sehr scharf sei und sicher nicht gut funktionieren würde, da es rostig war. Wenn er erreichen wolle, dass seine Todesnachricht in den Tageszeitungen steht, müsse er sich ein neues und gut geschliffenes Messer besorgen. Mit diesem würde er sicher keinen Erfolg haben.

Ich erinnere mich nicht mehr, welchen sonstigen Unsinn ich an diesem Abend noch so von mir gab, nur um Zeit zu gewinnen und die Situation zu entspannen. Ich wollte dem Heiligen Geist Zeit geben, damit er in der Seele Juans wirken konnte. Der Junge sollte nachdenken können. In diesem Moment war er noch zu verwirrt durch seine Leidenschaften und verletzten Gefühle.

„Warum sollte dieses Messer nicht funktionieren?“ fragte er mich irritiert.

„Auf keinen Fall wird es funktionieren, Juan, das habe ich dir schon gesagt. Wenn man sich umbringen will, sagen die Psychologen, sind noch viele andere Dinge nötig. Selbstmord zu begehen, ist nicht so einfach: Man braucht vor allem ein neues Messer von guter Qualität. Hast du Geld, um dir ein neues zu kaufen?“

Im Augenblick überlegte ich wirklich nicht, was ich da sagte, aber ich bemerkte, dass er mir aufmerksam zuzuhören begann und erschrocken die Augen öffnete. Dann klopfte ich ihm auf die Schulter und sagte: „Schau, Juan, es ist doch offensichtlich, dass deine Verlobte nicht die Richtige für dich war, weil Gott dir eine bessere Frau suchen wird. Dieses Mädchen – wer auch immer sie sein mag – verdient dich nicht, weil sie deine außerordentliche Persönlichkeit und deine guten Seiten nicht zu schätzen weiß. Du hast mir das jetzt bewiesen. Sie war blind, aber nun ist es besser so! Glaubst du wirklich, dass es in ganz Buenos Aires keine bessere Frau gibt, die dir ebenbürtig ist und ähnlich gute Eigenschaften besitzt wie du? – Sicher gibt es sie! Geh, sei nicht so dumm, Juan. Du könntest noch so viel Gutes für die Welt tun. Komm, gehen wir zum Tabernakel, wo uns Christus in der Eucharistie erwartet. Wir beten nun gemeinsam, damit du dem schönsten Mädchen von Buenos Aires begegnest. Gott hat sie schon für dich vorgesehen!“

„Gut, Padre… Aber…, glauben Sie wirklich, dass ich eine andere Frau kennen lernen werde?“

„Klar, mein Junge… Nicht irgendein Mädchen, sondern ein außergewöhnliches Mädchen, mit dem du eine wunderbare Familie gründen wirst. Dann wirst du unendlich glücklich werden! Gib’ mir jetzt das Messer, einverstanden? Du kannst es ja doch nicht gebrauchen, es ist ja rostig!“

„Danke, Padre, für Ihre Ratschläge und für Ihre Freundschaft. Kann ich mal wiederkommen, um wieder mit Ihnen zu sprechen?“

„Wann immer du willst! Außerdem möchte ich dich noch zur heiligen Messe für die Jugendlichen einladen, immer sonntags um 19.30 Uhr. Da ist die Kirche voll mit Jungen wie dir – und sie alle finden die wahre Freude und den Sinn ihres Lebens in Gott. Hättest du nicht mal Lust zu kommen?“

So ging Juan glücklich davon, versöhnt mit Gott, dem Leben und mit sich selbst. Auch ich ging ich in das Pfarrhaus zurück, warf das Messer gleich in den Müll und dankte Gott für diesen Moment des Lichtes und der Gnade.

Alles ist Gnade! So sagte es schon der Schriftsteller George Bernanos. Alles ist Gnade, alles ist Gnade… Das wiederholte ich ununterbrochen, während ich in die Kirche ging, um die heilige Messe zu feiern.

Überflüssig zu sagen, dass der Junge in keiner Sonntagsmesse mehr gefehlt hat. Außerdem lernte er bald ein bezauberndes Mädchen kennen. Ich durfte die Hochzeit der beiden zelebrieren. Sie sind auch jetzt noch glücklich und einander treu.

Lob sei dir, Herr, dass du aus mir ein Werkzeug deiner Gnade gemacht hast. Gnade, die erleuchtet, tröstet, heilt, erneuert und heiligt.

Buchtipp:
Das ganz normale Wunder
100 Glaubenszeugnisse von katholischen Priestern
cif Catholic Media Verlag, 240 Seiten, fester Einband
€ 12,99
Webseite