Dem göttlichen Raffael begegnen

Ein Besuch der „seconda loggia“ des Apostolischen Palastes im Vatikan

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Von Ulrich Nersinger



WÜRZBURG, 6. Mai 2009 (Die Tagespost.de/ZENIT.org).- „Man darf gewiss behaupten, dass diejenigen, die so außergewöhnliche Gaben ihr eigen nennen, wie man sie in Raffael von Urbino sah, nicht einfach nur Menschen sind, sondern – wenn es erlaubt ist, dies zu sagen – sterbliche Götter“, drückte Giorgio Vasari (1511–1574) seine überschwängliche Bewunderung für das Künstlergenie aus, dessen irdisches Leben nicht einmal vier Jahrzehnte dauern sollte. Vasari sprach nicht nur für sich, er gab eine Überzeugung wieder, die von dem Gros seiner Zeitgenossen ohne Wenn und Aber geteilt wurde.

Raffael Santi, 1483 in Urbino geboren, hatte in Perugia, in der Werkstatt des Pietro Vanucci (genannt „Perugino“), das Malerhandwerk erlernt. Seine Fähigkeiten hatten schon bald einen so hohen Grad an Perfektion erreicht, dass er bereits im Jahre 1500 in einem Kontrakt für ein Altarbild in Città di Castello „Meister“ genannt wurde und seinen Lehrer Perugino übertraf. Nach ebenso arbeitsreichen wie erfolgreichen Jahren in Perugia und Florenz wurde er 1508 von Bramante Papst Julius II. (Giuliano della Rovere, 1503–1513) vorgestellt. Der Pontifex begeisterte sich für den jungen Künstler und beauftragte ihn mit der Ausmalung jener Räumlichkeiten im Apostolischen Palast des Vatikans, die als die Stanzen Raffaels bekannt wurden. In dieser Zeit schuf Santi auch die „Sixtinische Madonna“, die heute in der Gemäldegalerie des Dresdner Zwingers zu sehen ist. Nach der Fertigstellung der Stanzen arbeitete er an den Loggien der päpstlichen Residenz weiter.

Die Loggien im zweiten Stock des Damasushofes waren von Bramante im Jahre 1512 auf Geheiß Julius II. begonnen und dann von dem jungen Künstler aus Urbino im Pontifikat Leos X. (Giovanni de Medici, 1513–1521) übernommen und voll-endet worden. Die Fresken wurden von Raffael selbst entworfen, aber von seinen Schülern Giulio Romano, Giovanfrancesco Penni und Perino del Vaga ausgeführt. Das Gewölbe der Loggien setzt sich aus dreizehn Arkaden zusammen, jede von ihnen birgt vier Bilder. Achtundvierzig Szenen sind den Schriften des Alten Bundes, vier dem Neuen Testament entnommen – alle zweiundfünfzig zusammen werden die „Bibel Raffaels“ genannt. Die Wände sind mit phantasievollen Stuckdekorationen geschmückt, die sich die Ausstattung der neronischen „Domus Aurea“ zum Vorbild nahmen und genauso wie diese mit Hilfe einer Mischung aus Kalk und Marmorstaub gefertigt wurden.

Mit „Raffael im Vatikan. Die päpstlichen Loggien neuentdeckt“ betätigt sich Nicole Dacos als Cicerone durch die von Raffael gestaltete Galerie des Apostolischen Palastes. Die Autorin studierte klassische Philologie, Kunstgeschichte und Archäologie; sie besuchte u.a. das renommierte Warburg Institut in London, wo sie bei Sir Ernst Gombrich über die Entdeckung des „Domus Aurea“ und die Rezeption der Groteskenmalereien promovierte. Neben zahlreichen internationalen Lehrveranstaltungen – so in Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Spanien, Portugal, Brasilien und den Vereinigten Staaten – unterrichtete sie an der „Universitè Libre de Bruxelles“ und war Forschungsdirektorin des „Fonds National de la Recherche Scientifique“ (Belgien). Heute lebt Nicole Dacos in Rom.

Die Autorin zeigt in ihrem Buch auf, wie sehr sich die zauberhaft verspielten Grotesken in den Loggien von der Antike inspirieren ließen und Raffael mit ihnen einer lange in Vergessenheit geratenen Ornamentsprache ein neues Dasein gab – der Künstler schuf mit ihnen einen neuzeitlichen Prototyp, der bis nach Sankt Petersburg und in die Gänge des Kapitols in Washington nachgeahmt wurde. Die figürlichen Stuckaturen werden als ein stilbildendes Kunstideal erläutert, für das man sich durch alle nachfolgenden Jahrhunderte hindurch immer wieder aufs Neue begeisterte. Raffaels „Bilderbibel“ vermittelt Dacos als eine eindringliche Katechese von ungewöhnlich eindringlicher Erzählkraft, die ihre Präsentation aus der römischen Antike, frühchristlichen Fresken und mittelalterlichen Mosaiken herausbildet. Die Autorin versteht es, an Raffaels Meisterwerk dessen faszinierende Arbeitsweise und die seines Ateliers für den Leser anschaulich darzustellen. Dem Anspruch im Buchtitel der Neuentdeckung der päpstlichen Loggien wird sie mit ihren Darlegungen gerecht.

Nicole Dacos Arbeit ist umso bedeutsamer, da Raffaels großartiges Schaffen im zweiten Stock des vatikanischen Palastes nur von wenigen Auserwählten „in situ“ bewundert werden kann. Neben den Bediensteten des Staatssekretariates ist es ist ein kleiner Kreis von Besuchern, denen diese Möglichkeit erschlossen wird, vor allem Persönlichkeiten, die der Papst in offizieller Audienz empfängt. Das Protokoll sieht bei Staatsbesuchen oft vor, dass sie durch die Loggien zu den päpstlichen Appartements geführt werden. Aber auch diesen privilegierten Besuchern ist dann zumeist nur ein kurzer Blick auf die Fresken und Stuckaturen gegönnt.

Nicole Dacos erschließt dem Fachmann wie auch dem kunsthistorisch interessierten Laien auf beeindruckende Weise das Wirken Raffaels in der „seconda loggia“ des Apostolischen Palastes. Ihre Ausführungen sind im höchsten Maße wissenschaftlich fundiert, dennoch bleiben sie für ein breites Publikum verständlich. Die Bildauswahl ist opulent und lässt so gut wie keinen Wunsch übrig.

[Nicole Dacos: Raffael im Vatikan. Die päpstlichen Loggien neu entdeckt. Belser Verlag, Stuttgart 2008, 352 Seiten, 224 farbige und 156 s/w Abbildungen, ISBN 978-3-7630-2517-6, EUR 88,–; © Die Tagespost vom 25. April 2009]