Dem Kaiser, was des Kaisers ist

Kommentar zum Evangelium am 29. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr A

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Von Msgr. Dr. Peter v. Steinitz*

MÜNSTER, 14. Oktober 2011 (ZENIT.org). - Wieder einmal versuchen die Pharisäer, Jesus „aufs Kreuz zu legen”. Aber auch diesmal sind sie ihm nicht gewachsen. Zu gern hätten sie ihn in einem unvorteilhaften Wort gefangen, um dann gegen ihn vorzugehen und ihn unschädlich zu machen. Zu diesem Zweck präsentieren sie ihm ein Dilemma. Ein Dilemma ist für gewöhnlich die Wahl zwischen zwei Möglichkeiten, die beide nichts taugen. Sie überlegen sich: sagt er, man muss dem Kaiser Steuern zahlen, macht er sich bei seinen Landsleuten unbeliebt. Sagt er aber, dass man der römischen Besatzungsmacht die Steuern verweigern soll, dann muss er mit einer Anklage als Aufrührer rechnen.

Jesus aber zeigt, dass es wieder einmal mehr als zwei Möglichkeiten gibt. Die dritte wäre, gar nichts zu sagen, oder die vierte, ausweichend zu antworten. Was in beiden Fällen nicht recht befriedigt. Nein, Jesus packt den Stier bei den Hörnern und nutzt die Gelegenheit dazu, mit wenigen Worten die Grundlage zu formulieren, mit deren Hilfe dann spätere Generationen etwas so Wichtiges wie die Trennung von Staat und Kirche begründen können.

Im alten Israel waren Staat und Religion eins. Auch in den Jahrhunderten nach Beendigung der Christenverfolgung, als das Christentum nicht nur geduldet wurde, sondern zur Staatsreligion avancierte, war es für den gläubigen Menschen ausgemachte Sache, dass die Loyalität zum Staat und zur Kirche identisch waren. Erst einige der nicht aus dem kirchlichen Raum stammenden Ideen der Aufklärung im 18. Jahrhundert, die später aber in die kirchliche Soziallehre eingingen, trugen dazu bei, dass die beiden Bereiche vernünftig getrennt werden konnten. Insofern die Aufklärung neben Richtigem auch einiges Falsche propagierte, ergab sich aber das Problem,  dass man gelegentlich entweder dem Staat oder der Kirche nicht gerecht wurde. Der Kirche wird man sicher nicht gerecht, wenn man sie so scharf vom Staat trennt, dass die Religion nur noch Privatsache ist, und der Staat die Kirche de facto ignoriert. Dem Staat würde man nicht gerecht, wenn, wie in der alten Zeit, staatliche Entscheidungen von den Gegebenheiten der Religion abhängig gemacht würden.

In Deutschland ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt diese Trennung gegeben. Aber sie ist bewusst keine vollständige, denn beide, die Kirche und der Staat, sind „perfekte Gesellschaften“, die voneinander unabhängig, aber dennoch auf einander bezogen sind. In diesem Sinne war es angemessen, dass der Papst als hoher Vertreter der Religion, vor einem Parlament eine Rede halten konnte.

Vergessen wir bei alledem jedoch nicht, dass wir zwar „Bürger beider Reiche“ sind, dass aber diese Zugehörigkeit eine vorübergehende ist. Immer wieder müssen die Menschen in unserem Wohlstandsparadies der Versuchung ausweichen, sich hier für immer einzurichten. Einerseits ist der Christ zwar aufgerufen, die Strukturen der Welt und des Staates mitzugestalten und unter Wahrung der Freiheit der anderen zu „verchristlichen“, aber dass wir Menschen, wenn wir uns nur entsprechend anstrengten, eine vollkommene Gesellschaft herbeiführen könnten – diesen Gedanken sollten wir, vor allem nach den Erfahrungen mit den weltverbessernden Ideologien des 20. Jahrhunderts, ganz verabschieden. Dass alles neu und gut wird, ist uns nicht gegeben. In der Geheimen Offenbarung sagt Christus: „Seht, ich mache alles neu!“ Das gilt für das Ende der Zeit, wenn alle Entwürfe der Menschen, eine vollkommene Gesellschaft zu schaffen, gescheitert sind.

Bis dahin aber – und das ist das eigentlich Wichtige – soll das Wort Gottes verkündet werden, denn Gott will, dass „alle gerettet werden”. Dazu braucht die Kirche Freiheit, und um die müssen wir mit der Hilfe brauchbarer Ideen immer wieder ringen. Vor allem aber den Herrn der Geschichte bitten, dass diese Freiheit möglichst überall auf der Erde gesichert wird, und dass die Christen diese auch entsprechend nutzen.

*Msgr. Dr. Peter von Steinitz, war bis 1980 als Architekt tätig; 1984 Priesterweihe durch den sel. Johannes Paul II.; 1987-2007 Pfarrer an St. Pantaleon, Köln; seit 2007 Seelsorger in Münster. Er ist Verfasser der katechetischen Romane: „Pantaleon der Arzt “ und „Leo - Allah mahabba“.