"Demokratie ist nicht möglich ohne öffentliche Meinung"

Schweiz: Pressegespräch mit dem Nationalratspräsident Ruedi Lustenberger in Bern

Luzern, (KiN Schweiz/Fürstentum Liechtenstein) | 234 klicks

Von Lucia Wicki-Rensch

Der 64-jährige, aus dem Entlebuch stammende Politiker Ruedi Lustenberger (CVP) ist aktueller Präsident des Nationalrates. Im Bundeshaus durften die Mitglieder des Schweizerischen Vereins katholischer Journalisten am Montag, 7. April, mit dem volksnahen und bodenständigen Politiker zusammentreffen. Für die Autorin charakterisiert das im Bundeshaus hängende Bild „Bergfest bei Lauenen“ aus dem Jahre 1949 des Berner Kunstmalers Fred Stauffer Ruedi Lustenberger gut, da der Politiker Jodlerfeste mag, die Natur liebt und sich mit seiner Heimat verbunden fühlt.

In die Politik rutschte er zufällig hinein, doch schon bald fand er Gefallen daran. Als junger Mann leitete er den KMU-Schreinereibetrieb in Romoos und eignete sich an, rasch Entscheidungen zu treffen. Seine menschliche Art und seine wirtschaftliche Kompetenz waren geeignet für die Politik. Er kandidierte 1991 auf der Liste der CVP für den Grossen Rat des Kantons Luzern und wurde auf Anhieb gewählt. Dank seinem politischen Talent wählte ihn das Parlament acht Jahre später zum Präsidenten des Luzerner Kantonsparlamentes. Nach erfolgreichen Jahren in Luzern wagte er den Sprung  in den Nationalrat nach Bern. Nach erfolgreicher Wahl nahm er Einsitz  in verschiedenen Kommissionen.

Schwierige Momente

Die Schweiz ist ein vielfältiges und viersprachiges Land, in dem das Wohl des Volkes am Glück und an der Befindlichkeit der Schwächsten gemessen wird. Auf die Frage, was die schlechten Momente eines Präsidenten des Nationalrates ausmachen würden, antwortete er: “Es gibt keine schlechten Momente, dafür aber schwierige. Davon habe ich in meiner 25-jährigen politischen Laufbahn jedoch bloss zwei erlebt“. Einmal in einer „Arena“-Sendung des Schweizer Fernsehens. Dort stand er als Jäger einem Tieranwalt gegenüber. Nach dieser Sendung wurde er mit heftigen verbalen Angriffen konfrontiert. Diese Art von Gewalt war für ihn neu.  

Die zweite schwierige Situation erlebte Ruedi Lustenberger im vergangenen März. Bei der Abstimmung über die Lockerung des Waffenausfuhrverbots musste er bei einem Patt als Nationalratspräsident den Stichentscheid fällen. Ihm war klar, dass er so oder so die eine Hälfte der Parlamentarier mit seinem Entscheid gegen sich aufbringen würde.

Politik hat immer eine Begründungspflicht. Politikerinnen und Politiker müssen ihre Entscheide nachvollziehbar darlegen können, dann werden sie auch verstanden. Die Politik in der Schweiz gründet auf einem ständigen Dialog zwischen den Bürgern und der Politik, was Herr Lustenberger an der Schweizer Demokratie schätzt. Er blickt in die Runde der Anwesenden und fragt: „In welchem anderen Land haben die Bürgerinnen und Bürger die Möglichkeit 4 Mal pro Jahr an die Urne zu gehen?“

Eine höhere Macht

Er ist der Ansicht, dass das Schweizer Volk allen Grund hat, dankbar zu sein, dass es zweimal von Weltkriegen verschont geblieben ist. Einer der wichtigsten Tage im Jahr ist für ihn der Eidgenössische Buss- und Bettag, der am dritten Sonntag im September gefeiert wird. Schon sein Vater hielt den Buss- und Bettag hoch – er führt diese Tradition weiter. Der Politiker verzichtet sogar auf Reisen, um den dritten Sonntag im September in der Schweiz zu begehen.

Ruedi Lustenberger und seine Frau gehen regelmässig in die Kirche. Seine Frau singt leidenschaftlich im Kirchenchor. Mit Sorge beobachtet er die ständige Abnahme der Mitgliederzahlen der Landeskirchen. Er vermutet, dass dies eine Folge der Wohlstandsgesellschaft ist, da Not bekanntlich beten lehrt. Parallel zum Rückgang der Kirchenzughörigkeit beklagt er auch den damit verbundenen Verlust der abendländischen Kultur. Am Schluss fügt er an, dass die Leute vielleicht auch an eine höhere Macht glauben, selbst wenn sie aus der Kirche ausgetreten sind. In der heutigen Zeit leben die Menschen ihr Verhältnis zum Göttlichen oder Höheren eher individuell. Viele Leute beten, aber wenige in Kirchen, dafür an anderen Orten.

Die Ausbreitung des Islam in der Schweiz sieht er als Folge der Globalisierung. Die Menschen mit muslimischen Glauben brachten diesen aus dem Ausland in die Schweiz als sie hierher zum Arbeiten kamen. Im Islam sieht er nicht grundsätzlich eine Gefahr, doch hält er radikale Muslime durchaus für eine Bedrohung für ein friedliches Zusammenleben in einer Gesellschaft.

Das Hilfswerk KIRCHE IN NOT setzt sich weltweit für die Meinungs-, Glaubens- und Religionsfreiheit ein. Weltweit werden 200 Millionen Christen bedroht und verfolgt.