Demut als das Maß wahrer Größe

Benedikt XVI. und die Schriftstellerin Sigrid Grabner über Gregor den Großen

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Von Guido Horst



WÜRZBURG, 14. Juli 2009 (Die Tagespost.de/ZENIT.org).-  Wer auch immer bei der Fahrt oder beim Gang über eine der Tiberbrücken vor dem Vatikan auf die mächtige Engelsburg schaut, dem fällt der Engel auf, der überlebensgroß auf dem ehemaligen Hadriansmausoleum steht und sein Schwert in die Scheide steckt. Die von Peter Anton von Verschaffelt entworfene Figur aus Bronze ersetzte Mitte des achtzehnten Jahrhunderts einen Marmorengel, der dort gestanden hatte. In Erinnerung an die große Pest des Jahres 590 – beziehungsweise an ihr Ende. Und so geht die Geschichte: Der Papst hatte, als das Sterben kein Ende nahm, die Römer gebeten, von sieben Kirchen aus zur Marienbasilika Santa Maria Maggiore zu pilgern, um dann gemeinsam mit ihm über den Tiber zum Petersdom zu ziehen. Dann geschah Folgendes:

„Unter Gesängen, Gebeten und Anrufungen schob sich die Prozession durch das Marsfeld in Richtung Petersbasilika. Als sie die Brücke erreichte, die auf der Höhe des Hadriansmuseums den Tiber überspannte, riss plötzlich der Himmel auf. Ein Beben ging durch die Menge, dann brach ein Schrei der Verwunderung aus vielen Kehlen. In den Wolkengebilden vermeinte man, einen Engel zu sehen, den Erzengel Michael, der ein blutiges Schwert in die Scheide steckte. Das sei ein Zeichen der Versöhnung, stammelten, riefen, weinten die erschöpften Pilger. Sie sanken auf die Knie, fielen sich in die Arme. ,Die Pest ist am Ende! Gott hat unsere Gebete erhört!‘“ Der Papst setzte den Zug zum Petersgrab fort, feierte dort die Messe – und als er die Gläubigen nach Hause entließ, hatte es mit der Pest ein Ende, die einem Drittel aller Römer das Leben gekostet hatte.

Die in Potsdam lebende Schriftstellerin Sigrid Grabner hat wieder ein Buch geschrieben. Nach romanhaften Werken über Cola di Rienzo, Mahatma Gandhi, Christine von Schweden oder Emmi Bonhoeffer nun eins über Gregor Anicius (540-604), den Spross eines uralten römischen Adelsgeschlechts, der als Gregor der Große in die Papstgeschichte eingegangen ist. Er war jener Papst, unter dem die große Pest Ende des sechsten Jahrhunderts zu Ende ging – wobei man genauer sagen muss, dass er, bevor er mit den Römern bittend und betend über den Tiber zog, wie es Grabner in dem Zitat oben beschreibt, per Akklamation von römischen Christen zum Nachfolger des am 8. Februar 590 an der Pest verstorbenen Papstes Pelagius II. ausgerufen worden war. Widerwillig übte er das Amt auch aus, doch noch fehlte die kaiserliche Bestätigung aus Konstantinopel. Erst nach dem pestbedingten Brückengang traf sie aus der Hauptstadt des oströmischen Reichs ein. Am 3. September schließlich zerrte das Volk den geliebten und verehrten Abt des Andreasklosters in den Petersdom. Da wurde er dann ohne große Umstände zum Bischof geweiht. Im frühen Mittelalter ging es auch im Zentrum der lateinischen Kirche bisweilen etwas ruppig zu.

Doch wer war Gregor der Große, dass er es verdient, auch heute noch mit einer sorgfältig recherchierten und in Romanform geschriebenen Biographie wie der Sigrid Grabners in das Gedächtnis der Zeitgenossen zurückgerufen zu werden? Zwar haben die Römer heute keinen Bischof, der mit ihnen beim Ausbruch der Schweinegrippe über die Engelsbrücke zieht. Aber die Kirche hat einen Papst, der in den Generalaudienzen über die großen Gestalten der frühen Christenheit spricht. Und wer könnte Gregor, einen der vier Kirchenlehrer des Abendlandes, besser würdigen als der deutsche Theologen-Papst?

Ende Mai, Anfang Juni vergangenen Jahres würdigte Benedikt XVI. den Patrizier, der als junger Mann eine Laufbahn in der öffentlichen Verwaltung Roms antrat und darin den Höhepunkt erreichte, als er 572 Stadtpräfekt wurde, in gleich zwei Audienzansprachen. „Dieses Leben sollte ihn jedoch nicht befriedigen“, erklärte Papst Benedikt, „denn wenig später beschloss Gregor, jedes zivile Amt aufzugeben, um sich in sein Haus zurückzuziehen und das Leben eines Mönchs zu beginnen; dazu verwandelte er das Haus der Familie in das Kloster des heiligen Andreas auf dem Coelius.“

Aber Gregors Rückzug in die Klausur war nicht von langer Dauer. „Seine wertvolle Erfahrung in der zivilen Verwaltung“, so Benedikt XVI. weiter, „die in einer von schwerwiegenden Problemen belasteten Zeit gereift war, die Beziehungen, die er in diesem Amt mit den Byzantinern gepflegt hatte, die allgemeine Hochachtung, die er sich erworben hatte – all das bewog Papst Pelagius, ihn zum Diakon zu ernennen und als seinen ,Apokrisiar‘ – heute würde man sagen ,Apostolischen Nuntius‘ – nach Konstantinopel zu entsenden, um die letzten Auswirkungen des Monophysitenstreites auszuräumen und vor allem die Unterstützung des Kaisers für das Bemühen zu erlangen, den Druck von seiten der Langobarden einzudämmen.“ Nach einigen Jahren wurde Gregor vom Papst nach Rom zurückgerufen, der ihn zu seinem Sekretär ernannte.

Von Volk, Klerus und Senat Roms schließlich zum Papst bestimmt, entfaltete Gregor eine rege Tätigkeit. „Dank der ,registri‘, der Verzeichnisse seiner etwa achthundert Briefe“, erläuterte Papst Benedikt vor einem Jahr, „in denen sich die tägliche Auseinandersetzung mit den komplexen Fragen widerspiegelt, die auf seinem Tisch zusammenflossen, ist von seiner Regierung eine breite Dokumentation erhalten... Im Unterschied zum byzantinischen Kaiser, der von der Voraussetzung ausging, die Langobarden wären lediglich grobe und räuberische Individuen, die besiegt oder vernichtet werden müssten, sah der heilige Gregor diese Menschen mit den Augen des guten Hirten, der sich darum sorgte, ihnen das Wort des Heils zu verkünden, und zu ihnen Beziehungen der Brüderlichkeit herstellte, im Blick auf einen künftigen Frieden, der auf der gegenseitigen Achtung und auf dem ruhigen Zusammenleben zwischen den italischen Völkern, der Bevölkerung des byzantinischen Reiches und den Langobarden gründete. Er sorgte sich um die Bekehrung der jungen Völker und um die neue zivile Ordnung Europas: die Westgoten Spaniens, die Franken, die Sachsen, die Einwanderer Britanniens und die Langobarden waren die bevorzugten Adressaten seiner Evangelisierungsmission. Wir haben gestern den Gedenktag des heiligen Augustinus von Canterbury gefeiert, des Führers einer Gruppe von Mönchen, die von Gregor beauftragt worden waren, nach Britannien zu gehen, um England zu evangelisieren.“

Benedikt XVI. sprach auch über das wichtigste und bekannteste Werk Gregors des Großen, die „Regula pastoralis“ (Pastoralregel), die er zu Beginn seines Pontifikats verfasst hat: „Gregor zeigt sich in seinen Schriften nie darum bemüht, seine eigene Lehre, seine eigene Originalität darzulegen. Er beabsichtigt vielmehr, sich zum Echo der traditionellen Lehre der Kirche zu machen.“ In der „Pastoralregel“ nahm sich Gregor vor, die Gestalt des idealen Bischofs aufzuzeigen. „Zu diesem Zweck“, so Papst Benedikt, „erläutert er den Ernst des Hirtenamtes der Kirche und die Pflichten, die es mit sich bringt: Darum sollten diejenigen, die nicht zu einer solchen Aufgabe berufen worden sind, sie nicht mit Oberflächlichkeit suchen; jene hingegen, die sie ohne das gebührende Nachdenken übernommen haben, sollen spüren, dass in ihrer Seele eine gehörige Bangigkeit aufkommt. Indem er ein Lieblingsthema aufgreift, bekräftigt er, dass der Bischof vor allem der ,Prediger‘ schlechthin ist; als solcher muss er vor allem Vorbild für die anderen sein, so dass sein Verhalten ein Bezugspunkt für alle sein kann... Der große Papst besteht dennoch auf der Pflicht, dass der Hirt jeden Tag die eigene Armseligkeit erkennen müsse, so dass der Stolz das vollbrachte Gute nicht vor den Augen des höchsten Richters wertlos mache. Deshalb ist das Schlusskapitel der ,Regula‘ der Demut gewidmet.“

Gregor der Große, so schloss Benedikt XVI. seine Betrachtung, „wollte ,servus servorum Dei“, Diener der Diener Gottes, sein. Dieses von ihm geprägte Wort war in seinem Mund keine fromme Formel, sondern die wahre Offenbarung seiner Art, zu leben und zu handeln. Er war innerlich tief betroffen von der Demut Gottes, der in Christus zu unserem Diener geworden ist, der uns die schmutzigen Füße gewaschen hat und wäscht. Darum war er überzeugt, dass vor allem ein Bischof diese Demut Gottes nachahmen und so Christus folgen sollte. Sein Wunsch war es wirklich, als Mönch in ständigem Dialog mit dem Wort Gottes zu leben, aber aus Liebe zu Gott verstand er es, in einer Zeit voller Sorgen und Leiden zum Diener aller zu werden; er verstand es, ,Diener der Diener‘ zu sein. Gerade weil er dies war, ist er groß und zeigt auch uns das Maß der wahren Größe.“

[Sigrid Grabner: Im Auge des Sturms – Gregor der Große. Eine Biografie. Sankt Ulrich Verlag, Augsburg 2009, 320 Seiten, fest gebunden, ISBN 978-3-86744-110-0, EUR 19,90; © Die Tagespost vom 11. Juli 2009]