Demut als Wahrheit und Dienst in Franz von Assisi

Zweite Adventspredigt 2013 von P. Raniero Cantalamessa OFMCap

Vatikanstadt, (ZENIT.org) | 566 klicks

Am heutigen Freitagvormittag hielt Pater Raniero Cantalamessa OFMCap, Prediger des Päpstlichen Hauses, im Vatikan die zweite traditionelle Adventspredigt für den Papst und die Kurie.

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1. Objektive und subjektive Demut

Franz von Assisi ist, wie wir das letzte Mal gesehen haben, der lebende Beweis dafür, dass die für die Kirche nützlichste Reform eine Erneuerung durch Heiligkeit ist, die ihren Anfang jedes Mal von einer mutigen Rückkehr zum Evangelium nehmen und immer bei einem selbst beginnen muss. In dieser zweiten Meditation möchte ich einen Aspekt dieser Rückkehr zum Evangelium vertiefen, eine besondere Tugend des heiligen Franz. Dante Alighieri schreibt, Franziskus sei deshalb so groß, weil er sich „klein gemacht“[1] habe, also wegen seiner Demut. Doch worin bestand diese sprichwörtliche Demut des heiligen Franz eigentlich?

In den Sprachen, durch die die Bibel gegangen ist, bevor sie in alle modernen Sprachen übersetzt wurde, also im Hebräischen genau wie im Griechischen und Lateinischen, besitzt das Wort „Demut“ zwei unterschiedliche Bedeutungen. Grundsätzlich bedeutet etwa das lateinische „Humilitas“ so viel wie „Geringwertigkeit“. In einem objektiven Sinn bezeichnet dieses Wort also die Niedrigkeit, Wertlosigkeit oder Armut eines Gegenstandes oder auch eines Menschen. In einem subjektiven Sinn jedoch bedeutet es das Bewusstsein der eigenen Geringfügigkeit, die Erkennung, dass wir klein sind. In diesem zweiten Sinn ist „Humilitas“, die Demut, eine Tugend.

Wenn Maria im Magnificat sagt: „auf die Niedrigkeit (tapeinosis) seiner Magd hat er geschaut“, dann meint sie „Humilitas“ im objektiven Sinn, nicht im subjektiven! Deshalb wird diese Stelle in verschiedenen Sprachen, unter anderem auch im Deutschen, mit „Niedrigkeit“ und nicht mit „Demut“ übersetzt. Es wäre ja auch ein Widerspruch, wenn Maria ihre eigene Demut preisen und die Tatsache, dass Gott sie erwählt hat, auf diese ihre Tugend zurückführen wollte; denn damit würde sie ja eben diese Demut zerstören! Und doch waren manche Autoren so unvorsichtig, zu schreiben, dass Maria sich keiner ihrer Tugenden bewusst sei, außer der Demut; als ob das diese Tugend ehren und nicht vernichten würde.

Die Tugend der Demut hat eine ganz besondere Eigenschaft: Es besitzt sie nur, wer sie nicht zu besitzen glaubt; wer meint, sie zu besitzen, hat sie nicht. Nur Jesus allein kann sich ein demütiges Herz bescheinigen und es zugleich wirklich besitzen; das ist, wie wir sehen werden, eine einzigartige und unwiederholbare Eigenschaft der Demut des Gottmenschen. Besaß Maria also die Tugend der Demut nicht? Natürlich besaß sie sie, sogar in höchstem Grad, aber das wusste nur Gott, sie selbst nicht. Genau darin besteht der unvergleichliche Wert jeder echten Demut: Ihren Duft kann nur Gott wahrnehmen, nicht jedoch der Mensch, der ihn verbreitet. Der heilige Bernhard schreibt: „Der wahrhaft Demütige will verachtet, nicht als Demütiger gepriesen werden.“ [2]

Die Demut des heiligen Franz von Assisi liegt auf dieser Linie. Die Fioretti berichten hierzu eine sehr aufschlussreiche Episode, die in ihrem Kern sicher authentisch ist:

Eines Tages, als der heilige Franz vom Gebet im Wald zurückkam, und als er schon den Waldrand erreicht hatte, wollte Bruder Masseo seine Demut prüfen; also trat er ihm entgegen und sprach ihn an: „Warum dir, warum dir, warum dir?“ Der heilige Franz antwortete: „Was meinst du damit?“ Und Bruder Masseo: „Ich meine, warum folgt dir die ganze Welt, warum scheinen alle Menschen dich sehen, dir zuhören und gehorchen zu wollen? Du bist kein Mann von schönem Aussehen, du bist kein großer Gelehrter, du bist kein Adliger; warum also wollen alle dir folgen?“ Als der heilige Franz diese Worte hörte, freute er sich im Geiste […], wandte sich an Bruder Masseo und sagte: „Du willst wissen, warum gerade mir? Warum gerade mir, warum gerade mir alle nachlaufen? Dieses wurde mir zuteil, weil die heiligen Augen Gottes unter allen Sündern keinen erblicken konnten, der niederträchtiger und unzulänglicher, oder ein größerer Sünder gewesen wäre als ich.“ [3]

2. Demut als Wahrheit

Die Demut des heiligen Franz von Assisi hat zwei Beleuchtungsquellen, von denen die eine einen eher theologischen, die andere einen mehr christologischen Charakter hat. Betrachten wir zunächst die erste. In der Bibel finden sich Demutsbekundungen, die nicht vom Menschen ausgehen, sondern als einzige Ursache Gott und seine Heiligkeit haben. So zum Beispiel der Ausruf Jesajas: „Ich bin ein Mann mit unreinen Lippen“ (Jes 6,5), oder auch der erschrockene Ruf Petri nach dem wunderbaren Fischfang: „Herr, geh weg von mir; ich bin ein Sünder!“ (Lk 5,8).

Hier stehen wir vor der elementarsten Demut; dem Empfinden des Menschen, der sich seiner Entfernung zu Gott bewusst wird. Solange wir uns an uns selbst, an unseren Mitmenschen oder an der Gesellschaft messen, werden wir uns nie einen Begriff von unserer Niedrigkeit machen; es fehlt uns der Maßstab. „Welch ein Hauch von Unendlichkeit“,  schreibt Kierkegaard, „fällt doch aufs Ich, sobald es als Maßstab Gott erhält!“ [4]. Franziskus hat diese Art von Demut in hohem Maß besessen. Eine von ihm oft wiederholte Maxime lautet: „Was ein Mensch vor Gott ist, das ist er, und nichts anderes“[5].

Die Fioretti berichten, dass Bruder Leo eines Nachts heimlich beobachten wollte, was Franziskus bei seinem nächtlichen Gebet im Wald „la Verna“ eigentlich machte. Von weitem hörte er ihn mit gedämpfter Stimme sprechen. Am nächsten Tag rief der Heilige ihn zu sich, tadelte ihn freundlich, weil er ihm gefolgt war, und verriet ihm dann den Inhalt seines Gebets:

„Wisse, du Schäflein Jesu Christi, dass während ich jene Worte sagte, die du gehört hast, meiner Seele zwei Lichter gezeigt wurden; das eine erleuchtete mir das Bewusstsein und die Kenntnis meiner selbst, das andere gab mir das Bewusstsein und die Kenntnis des Schöpfers. Als ich sagte: Wer bist du, o mein beglückender Gott?, da leuchtete mir das Licht der Kontemplation, durch das ich den Abgrund der unendlichen Güte, Weisheit und Macht Gottes sehen konnte. Und als ich sagte: Wer bin ich?, da leuchtete mir das Licht der Selbsterkenntnis, durch das ich die traurige Tiefe meiner Schlechtigkeit und Armseligkeit erkennen konnte.“ [6]

Es war das, worum der heilige Augustinus Gott gebeten hatte, weil er es als die höchste Weisheit ansah: „Noverim me, noverim te. Dass ich mich selbst erkennen und dich erkennen möge; mich selbst, um Demut zu lernen, und dich, um dich lieben zu lernen.“ [7]

Die Geschichte mit Bruder Leo ist ganz sicher etwas ausgeschmückt, wie es in den Fioretti immer der Fall ist; doch entspricht der Inhalt genau den Vorstellungen, die Franziskus von sich selbst und von Gott hatte. Das beweist auch der Auftakt des Sonnengesangs, mit seiner unüberbrückbaren Entfernung zwischen dem „höchsten, allmächtigen, guten“ Gott, dem „Lobpreis, Herrlichkeit, Ehre und jeglicher Segen“ gebühren, und dem armseligen Sterblichen, der es nicht einmal Wert ist, ihn zu „nennen“, das heißt, seinen Namen auszusprechen.

Höchster, allmächtiger, guter Herr,  
dein sind der Lobpreis, die Herrlichkeit und Ehre und jeglicher Segen.
Dir allein, Höchster, gebühren sie,
und kein Mensch ist würdig, dich zu nennen.

In diesem Licht, das ich als das theologische bezeichnet habe, erscheint uns die Demut ganz einfach als Feststellung eines Faktums, als Wahrheit. „Ich fragte mich eines Tages“, schreibt die heilige Teresa von Ávila, „aus welchem Grund der Herr die Demut so sehr liebt, und da kam es mir plötzlich und ohne jedes Nachdenken in den Sinn, dass es deshalb sein müsse, weil der Herr die höchste Wahrheit ist, und Demut der Wahrheit entspricht.“[8]

Dieses Licht demütigt uns nicht, es schenkt uns im Gegenteil große Freude und erhebt uns. Demütig sein bedeutet nicht, mit sich selbst unzufrieden zu sein oder die eigene Armseligkeit und Niedrigkeit als drückend zu empfinden. Es bedeutet, erst auf Gott und dann auf sich selbst zu schauen und den Abgrund zu ermessen, der alles Endliche vom Unendlichen trennt. Je mehr wir uns dieses Abgrunds bewusst sind, desto demütiger werden wir. Und man beginnt sogar, sich darüber zu freuen, dass man so begrenzt ist, denn dank dieser Begrenztheit können wir Gott ein Gesicht bieten, dessen Kleinheit das Herz der Dreifaltigkeit von ewig her fasziniert.

Eine große Schülerin des Armen von Assisi, die erst kürzlich durch Papst Franziskus heiliggesprochen wurde, Angela da Foligno, rief kurz vor ihrem Tod: „O du unbekanntes Nichts, du unbekanntes Nichts! Es gibt für die Seele in dieser Welt keine bessere Kontemplation, als die eigene Nichtigkeit zu betrachten und in ihr zu wohnen wie in einer Gefängniszelle.“[9] Es liegt ein Geheimnis in dieser Betrachtung, eine Wahrheit, die man erfährt, indem man sie ausprobiert. Man wird entdecken, dass es diese Zelle tatsächlich gibt und wir jederzeit in sie hineinschlüpfen können. Sie besteht in dem friedlichen Bewusstsein, dass wir ein Nichts vor Gott sind; jedoch ein Nichts, das von ihm geliebt wird!

Wenn man in dieser lichten Gefängniszelle ist, sieht man die Fehler der anderen nicht mehr, oder man sieht sie mit anderen Augen. Man erkennt, dass es möglich ist, durch Übung und mit Hilfe der Gnade, zu verwirklichen, was der Völkerapostel empfiehlt, auch wenn es auf den ersten Blick als übertrieben erscheint: „Alle anderen höher einzuschätzen, als sich selbst“ (vgl. Phil 2,3). Zumindest kann man verstehen, wie es den Heiligen gelungen sein mag.

Diese Gefängniszelle zu betreten ist daher alles andere, als sich in sich selbst einzuschließen; es bedeutet vielmehr, sich für die anderen zu öffnen, für alles Seiende, für den objektiven Wert der Dinge. Das Gegenteil von dem, was die Feinde der christlichen Demut immer gedacht haben. Durch sie schließen wir uns nicht im Egoismus ein; wir verschließen uns dem Egoismus! Durch sie besiegen wir auch eines der Übel, das auch von der modernen Psychologie als sehr schädlich für die menschliche Persönlichkeit angesehen wird: den Narzissmus. Außerdem kann in jene Zelle der Feind nicht eindringen. Eines Tages hatte Antonius der Große eine Vision: Er sah auf einmal all die unzähligen Fallen, die der Feind am Boden ausgelegt hatte, und stöhnte erschrocken: „Wer kann diese vielen Fallen alle meiden?“ Da antwortete ihm eine Stimme: „Antonius, die Demut!“[10] „Nichts“, schreibt der Verfasser der Imitatio Christi, „kann den, der fest in Gott verwurzelt ist, zur Hochmut bewegen.“[11]

3. Demut als Liebesdienst

Wir haben von der Demut als Wahrheit der Kreatur vor dem Schöpfer gesprochen. Doch paradoxerweise ist das, was die Seele des heiligen Franz am meisten mit Staunen erfüllt, nicht die Größe Gottes, sondern seine eigene Niedrigkeit. In seinem „Lobpreis Gottes“, von dem in Assisi eine eigenhändig von Franziskus verfasste Kopie aufbewahrt wird, lesen wir unter den Vollkommenheiten Gottes – „Du bist der Heilige. Du bist der Starke. Du bist der Dreifaltige und Eine. Du bist die Güte, die Liebe. Du bist die Weisheit…“ – auch eine, die sonderbar anmutet: „Du bist die Demut!“ Es handelt sich nicht um einen zufällig eingeworfenen Titel. Franziskus hat hier eine sehr tiefe Wahrheit über Gott ausgedrückt; eine Wahrheit, die uns überraschen müsste.

Gott ist Demut, weil Gott Liebe ist. Vor den Menschen, seinen Geschöpfen, fehlt es Gott an jeglicher Fähigkeit, nicht nur zu zwingen, sondern sogar sich zu verteidigen. Wenn die Menschen, wie sie es ja tatsächlich getan haben, entscheiden, seine Liebe abzulehnen, kann er nicht eingreifen und sich mit Gewalt von ihnen akzeptieren lassen. Es bleibt ihm nichts übrig, als den freien Willen der Menschen zu achten. Man kann ihn ablehnen, ignorieren: Er wird sich nicht wehren, er wird uns freie Hand lassen. Oder, besser gesagt: Seine Weise, sich zu verteidigen und die Menschen vor ihrem eigenen Selbstvernichtungswillen zu verteidigen, besteht darin, uns zu lieben, immer noch und immer wieder, auf ewig. Liebe schafft von Natur aus Abhängigkeit, und Abhängigkeit schafft Demut. So geschieht es auch auf geheimnisvolle Weise für Gott.

Die Liebe gibt uns daher den Schlüssel zum Verständnis der Demut Gottes. Man braucht nicht viel Macht, um sich durchzusetzen; viel mehr braucht man, um zur Seite zu treten und sich auszulöschen. Gott ist diese unbegrenzte Macht, sich selbst zu verbergen; genau so hat er sich auch in seiner Menschwerdung gezeigt. Die sichtbare Offenbarung der Demut Gottes finden wir in Christus, der vor seinen Jüngern niederkniet, um ihnen die Füße zu waschen – und wir dürfen wohl annehmen, dass es sehr schmutzige Füße waren – und mehr noch in seiner Kreuzigung, als er, völlig entmachtet, fortfährt zu lieben und niemanden verdammt.

Franziskus hatte diese enge Beziehung zwischen göttlicher Demut und Menschwerdung verstanden. Hier einige seiner glühenden Worte:

„Seht doch, jeden Tag erniedrigt er sich aufs Neue, wie er einst von seinem königlichen Thron herab in den Schoß der Jungfrau kam. Täglich steigt er aus dem Schoß des Vaters in einer bescheidenen Gestalt zu uns herab, in die Hände des Priesters.“ [12]

„O erhabene Demut! O demütige Erhabenheit, dass der Herr des Weltalls, Gott und Sohn Gottes, sich so klein macht und sich für unser Heil unter der schlichten Gestalt des Brots verbirgt! Seht, ihr Brüder, die Demut Gottes, und öffnet ihm eure Herzen!“ [13]

Damit haben wir den zweiten Beweggrund für die Demut des heiligen Franz entdeckt: das Beispiel Christi. Es ist der selbe Grund, den Paulus den Philippern empfiehlt, wenn er ihnen nahelegt, dieselben Gefühle zu pflegen wie Christus selbst, der „sich erniedrigte und gehorsam war bis zum Tod“ (Phil 2,8). Noch vor Paulus hatte Christus selbst seine Jünger aufgefordert, dem Beispiel seiner Demut zu folgen: „Lernt von mir; denn ich bin gütig und von Herzen demütig“ (Mt 11,29).

In welchem Sinn, könnte man sich fragen, fordert Christus uns auf, uns an seiner Demut ein Beispiel zu nehmen? In welchem Sinn war Jesus demütig? Wenn wir die Evangelien durchblättern, finden wir nie auch nur das geringste Eingeständnis einer Schuld auf den Lippen Jesu, weder in den Worten, die er an die Menschen richtet, noch in denen, die er an den Vater richtet. Das, können wir nebenbei bemerken, ist ein verborgener, doch überzeugender Beweis für die Göttlichkeit Christi und die Einzigartigkeit seines Gewissens. In keinem Heiligen, keiner großen Gestalt der Geschichte und keinem Religionsstifter findet man ein so vollkommenes Bewusstsein der eigenen Unschuld.

Alle bekennen, mehr oder weniger, dass sie irgendwelche Fehler begangen haben und der Vergebung bedürftig sind, und sei es auch nur Gott gegenüber. Gandhi zum Beispiel hatte ein sehr ausgeprägtes Bewusstsein dafür, dass er sich gelegentlich bei der Äußerung seiner Meinungen geirrt hatte, und es tat ihm leid. Jesus nie. Jesus kann zu seinen Gegnern sagen: „Wer von euch kann mir eine Sünde nachweisen?“ (Joh 8,46). Jesus erklärt, dass er „Meister und Herr“ ist (vgl. Joh 13,13); er stellt sich höher als Abraham, Moses, Jonas und Salomon. Wo also liegt die Demut Jesu, dass er sagen kann: „Lernt von mir, denn ich bin von Herzen demütig“?

Hier entdecken wir etwas sehr Wichtiges. Demut besteht nicht in erster Linie darin, dass man klein ist, denn man kann klein sein, ohne demütig zu sein; sie besteht auch nicht darin, dass man sich klein fühlt, denn man kann sich klein vorkommen und es wirklich sein und das wäre keine Demut, sondern Selbsterkenntnis; außerdem kann das Gefühl, klein und unbedeutend zu sein, auch einem Minderwertigkeitskomplex entspringen und zur Selbstabkapselung und Verzweiflung führen, statt zur Demut. Deshalb besteht die Demut, in ihrer vollkommensten Form, weder darin, klein zu sein, noch darin, sich klein zu fühlen oder sich dazu zu bekennen, dass man klein ist. Sie besteht darin, dass man sich klein macht, und zwar nicht aus Zwang oder Eigennutz, sondern aus Liebe, um die anderen zu erhöhen.

Genau das ist das Wesen der Demut Jesu; er hat sich so klein gemacht, dass er sich für uns sogar auslöschte. Die Demut Jesu ist eine Demut, die von Gott kommt und ihr höchstes Vorbild in Gott hat, nicht im Menschen. Von seiner Warte aus kann Gott sich nicht erhöhen; nichts steht über ihm. Wenn Gott aus sich herausgeht und außerhalb der Dreifaltigkeit irgendetwas wirkt, dann kann es sich nur um eine Erniedrigung handeln; in anderen Worten, Gott kann nur demütig handeln, alles, was er tut, ist Demut oder, wie die griechischen Väter sagten, „Synkatabasis“, also Nachsicht.

Franziskus erhebt „Schwester Wasser“ zum Sinnbild der Demut, indem er es als „nützlich, demütig, kostbar und keusch“ bezeichnet. Denn das Wasser „erhöht“ sich nie, es fließt nie aufwärts, sondern immer nach unten, bis es nicht den tiefsten Punkt erreicht hat. Dampf steigt auf und ist deshalb zum Symbol für Stolz und Eitelkeit geworden; Wasser fließt abwärts und ist daher ein Symbol für Demut.

Jetzt können wir verstehen, was die Worte Jesu bedeuten: „Lernt von mir, denn ich bin von Herzen demütig.“ Sie sind eine Einladung, uns aus Liebe klein zu machen und wie er unseren Brüdern die Füße zu waschen. Jesus lehrt uns aber auch, dass wir diese Wahl ernst nehmen müssen. Es geht nicht darum, sich hin und wieder einmal klein zu machen, ähnlich einem König, der sich in seiner Großmütigkeit gelegentlich dazu herablässt, unters Volk zu gehen und ihm vielleicht auch in irgendeiner Sache zu dienen. Jesus hat sich „klein gemacht“, wie er „Mensch geworden“ ist, dass heißt auf stabile Weise, bis zur letzten Konsequenz. Er entschied sich dafür, der Kategorie der Kleinen und Niedrigen anzugehören.

Dieses neue Gesicht der Demut kann man mit einem Wort umschreiben: Dienst. Eines Tages, lesen wir im Evangelium, hatten die Jünger darüber gesprochen, wer von ihnen „der Größte“ sei. Da „setzte sich“ Jesus – wodurch er seinen Worten eine größere Feierlichkeit verleiht –, rief die Zwölf zu sich und sagte zu ihnen: „Wer der Erste sein will, soll der Letzte von allen und der Diener aller sein“ (Mk 9,35). Wer der „Erste“ sein will, muss sich zum „Letzten“ machen, sich also erniedrigen. Jesus erklärt auch sofort, was das konkret bedeutet: „der Diener aller“ werden. Die Demut, die Jesus fordert, ist ein Dienst. Im Matthäusevangelium verdeutlicht Jesus diese Forderung durch ein Beispiel: „Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen“ (Mt 20,28).

4. Eine demütige Kirche

Nun noch ein paar praktische Überlegungen zur Tugend der Demut in allen ihren Formen, also sowohl vor Gott als auch vor den Menschen. Wir dürfen uns nicht einbilden, die Demut erreicht zu haben, nur weil das Wort Gottes es uns ermöglicht hat, unsere Niedrigkeit zu erkennen und weil es uns gezeigt hat, dass wir unseren Mitmenschen dienen müssen. Wie weit wir in der Demut fortgeschritten sind erkennen wir dann, wenn nicht mehr wir selbst, sondern andere die Initiative ergreifen; wenn also nicht mehr wir unsere Fehler bekennen, sondern andere sie uns auf den Kopf zusagen; wenn wir nicht nur in der Lage sind, uns die Wahrheit einzugestehen, sondern auch friedlich ertragen können, dass andere sie uns sagen. Bevor er vor Bruder Matteo bekannte, der niederträchtigste aller Menschen zu sein, hatte Franziskus mit ruhiger Seele akzeptiert, dass alle ihn lange Zeit auslachten, dass seine Freunde und Verwandten und alle Einwohner Assisis ihn für einen Undankbaren, einen Schwärmer hielten, der in seinem Leben nie etwas Gutes in die Wege geleitet hätte.

Wie weit wir im Kampf gegen unseren Stolz sind, können wir in anderen Worten daran ermessen, wie wir innerlich und äußerlich reagieren, wenn man uns widerspricht, an uns Kritik übt, uns verbessert oder einfach ignoriert. Zu erwarten, wir könnten unseren Stolz selber abtöten, ohne Hilfe von außen, ist fast so, als wollten wir unsere eigen Faust benutzen, um uns damit zu bestrafen: Wir würden uns niemals wirklich weh tun. Es ist, als wolle ein Arzt sich selbst einen Tumor herausoperieren.

Wenn ich versuche, mich von einem Menschen für meine Worte oder Taten ehren und loben zu lassen, kann ich fast mit Gewissheit davon ausgehen, dass mein Gegenüber seinerseits meine Anerkennung für die Art und Weise sucht, wie er es versteht, mir zuzuhören und Antwort zu geben. So kommt es, dass jeder seiner eigenen Ehre nachjagt und niemand sie erlangt, oder wenn, dann handelt es sich um eine inhaltslose Ehre – das italienische Wort für Eitelkeit, vanagloria, bedeutet wörtlich „leere Ehre“ –; eine Ehre also, die dazu bestimmt ist, sich mit unserem Tod in Rauch aufzulösen. Die Folgen sind in jedem Fall verheerend; Jesus schrieb der Suche nach der eigenen Ehre sogar die Macht zu, einen Menschen zum Glauben unfähig zu machen. Den Pharisäern sagte er: „Wie könnt ihr zum Glauben kommen, wenn ihr eure Ehre voneinander empfangt, nicht aber die Ehre sucht, die von dem einen Gott kommt?“ (Joh 5,44).

Wenn wir in Gedanken und Bestrebungen menschlicher Ehre befangen sind, müssen wir in den Wirbel dieser Gedanken, wie eine brennende Fackel, die Worte Jesu werfen, die er uns hinterlassen hat: „Ich bin nicht auf meine Ehre bedacht!“ (Joh 8,50). Der Kampf um die Demut hält unser ganzes Leben lang an und berührt all seine Bereiche. Der Stolz versteht es, sich sowohl vom Guten als auch vom Bösen zu ernähren; im Unterschied zu allen anderen Lastern ist sogar das Gute der bevorzugte Nährboden dieses gefährlichen „Bakteriums“. Vom Philosophen Blaise Pascal stammen die tiefsinnigen Worte:

„Die Eitelkeit ist so tief im menschlichen Herzen verwurzelt, dass jeder Soldat, jeder Landsknecht, jeder Koch, jeder Lastträger sich rühmt und Bewunderer haben will, und auch die Philosophen wollen sie. Und wer gegen die Eitelkeit schreibt, wünscht sich die Ehre, gut geschrieben zu haben, und wer es liest, rühmt sich, es gelesen zu haben; und auch ich, indem ich diese Zeilen schreibe, hege vielleicht denselben Wunsch, und wer mich liest vielleicht ebenfalls.“[14]

Damit der Mensch „sich nicht überhebe“, gibt Gott ihm meistens eine Art „Anker“, der ihn am Boden hält; er stellt ihm, wie dem Apostel Paulus, einen „Boten Satans“ zur Seite, der ihn „mit Fäusten schlagen“ soll, und stößt ihm „einen Stachel ins Fleisch“ (vgl. 2 Kor 12,7). Wir wissen nicht, welchen „Stachel“ der Völkerapostel zu ertragen hatte, aber wir kennen unseren eigenen nur zu gut! Jeder, der dem Herrn und der Kirche folgen möchte, hat einen solchen Stachel. Es sind jene demütigenden Situationen, die uns immer wieder, manchmal Tag und Nacht, zur unerbittlichen Wahrheit über uns selbst zurückrufen. Es kann ein Fehler sein, eine Krankheit, eine Schwäche, eine Machtlosigkeit, die der Herr trotz aller Bitten nicht von uns nimmt; oder auch eine anhaltende und beschämende Versuchung, vielleicht gerade die Versuchung des Hochmuts; oder ein Mensch, mit dem wir zusammenleben und der trotz des guten Willens beider Seiten die Macht besitzt, unsere Schwächen freizulegen und unseren Stolz zu verletzen.

Doch Demut ist nicht nur eine private Tugend des Einzelnen. Es gibt eine Demut, die in der Kirche als Institution und Volk Gottes erstrahlen muss. Wenn Gott die Demut ist, muss auch die Kirche demütig sein; wenn Christus gedient hat, muss auch die Kirche dienen, und zwar aus Liebe dienen. Für lange Zeit hat die Kirche, in ihrer Gesamtheit, vor der Welt die Wahrheit Christi repräsentiert, aber vielleicht nicht zur Genüge auch die Demut Christi. Und doch kann man durch sie viel besser als durch jede Apologetik die Vorurteile und Anfeindungen zum Schweigen bringen, die gegen die Kirche ins Feld geführt werden, und den Weg für die Aufnahme des Evangeliums ebnen.

Im Roman „Die Verlobten“ von Alessandro Manzoni gibt es eine Episode, die eine tiefe psychologische und christliche Wahrheit beschreibt. Bruder Cristoforo beschließt am Ende seines Noviziats, die Verwandten des Mannes, den er in einem Duell getötet hatte, öffentlich um Vergebung zu bitten. Die Familie stellt sich also in Reih und Glied auf und formiert sich zu einer Art „Kaudinisches Joch“, damit sich die Abbitte Bruder Cristoforos so demütigend wie möglich gestalte und die Genugtuung für die Ehre der Familie so groß wie möglich sei. Doch als sie den jungen Kapuziner mit gesenktem Haupt eintreten, vor dem Bruder des Getöteten niederknien und um Verzeihung bitten sehen, kommt ihr Hochmut zum Fall; jetzt sind sie es, die sich verwirrt fühlen und sich entschuldigen, bis zum Schluss alle sich um Bruder Cristoforo scharen, ihm die Hand küssen und sich seinen Gebeten anvertrauen[15]. Das sind die Wunder der Demut.

Durch den Propheten Zefanja sagt Gott: „Ich lasse in deiner Mitte übrig ein demütiges und armes Volk, das seine Zuflucht sucht beim Namen des Herrn“ (Zef 3,12). Dieses Wort ist noch immer aktuell, und vielleicht hängt von ihm der Erfolg der Evangelisierung ab, an der die Kirche arbeitet.

Bevor ich jetzt meine Predigt beende, muss ich mir selbst eine Maxime ins Gedächtnis rufen, die dem heiligen Franz lieb war. Er pflegte zu sagen: „Kaiser Karl, Roland, Olivier und alle Paladine haben einen ruhmreichen Sieg davongetragen… Doch heute gibt es viele, die allein dadurch, dass sie die Taten dieser Helden besingen, Ruhm und Ehre bei den Menschen suchen.“[16] Dieses Beispiel nannte er, um zu erklären, dass die Heiligen die Tugenden ausgeübt haben, andere hingegen Ruhm erhalten wollen, indem sie von den Tugenden der Heiligen nur erzählen[17].

Damit nicht auch ich zu dieser Gruppe zähle, bemühe ich mich darum, einen Rat anzuwenden, den ein alter Wüstenvater, Isaak von Ninive, denen gab, die die Pflicht haben, von geistigen Dingen zu sprechen, die sie selber noch nicht erreicht haben: „Sprich darüber wie jemand, der selber zu den Schülern gehört, nicht autoritätsvoll; und erst, nachdem du deine Seele erniedrigt und dich kleiner gemacht hast, als der letzte deiner Zuhörer.“ In diesem Geist, Heiliger Vater, ehrwürdige Patres, Brüder und Schwestern, habe ich es gewagt, zu euch von Demut zu sprechen.

[Übersetzt von Alexander Wagensommer]

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FUSSNOTEN

[1] Paradiso XI, 111.

[2] Hl. Bernhard von Clairvaux, Sermoni sul Cantico, XVI, 10 (PL 183,853).

[3] Fioretti, Kap. X.

[4] S. Kierkegaard, La malattia mortale,II, Kap.1.  in Opere, hrsg. v. C. Fabro, Sansoni, Firenze 1972, S.662 ff.

[5] Ermahnungen, XIX (FF 169); vgl. auch hl. Bonaventura, Legenda maggiore, VI,1 (FF 1103).

[6] Considerazioni delle Sacre Stimmate, III (FF 1916).

[7] Hl. Augustinus, Soliloquia, I,1,3; II, 1, 1 (PL 32, 870.885).

[8] Hl. Teresa d’Avila, Innere Burg, VI. Wohnung., Kap. 10.

[9] Il libro della B. Angela da Foligno, Quaracchi, 1985, S. 737.

[10] Apophtegmata Patrum, Antonius 7: PG 65, 77.

[11] Imitatio Christi, II, Kap. 10.

[12] Ermahnungen, I (FF 144).e

[13] Brief an den gesamten Orden (FF 221)

[14] B. Pascal, Pensieri, n. 150 Br.

[15] A. Manzoni,  I Promessi Sposi, Kap. IV.

[16] Ermahnungen VI (FF 155)

[17] Thomas von Celano, Vita seconda, 72 (FF 1626)