Demütig heißt nicht kleinlaut - wider die neue Ideologie

Impuls zum 5. Sonntag im Jahreskreis

Münster, (ZENIT.org) Msgr. Dr. Peter von Steinitz | 520 klicks

“Ihr seid das Salz der Erde”, sagt Jesus zu seinen Jüngern, und er sagt es natürlich auch uns. Das Bild ist unmittelbar eingängig. In beiden Bedeutungen ist das Salz etwas ganz Wichtiges: als Würze der Speisen und als Dünger für die Pflanzen. Jeder weiss, dass eine Speise ohne Salz eine Zumutung sein kann.

“Ihr seid das Licht der Welt”, dieses Wort hat, wie so viele Worte der Hl. Schrift, die jedem einleuchten, den Charakter eines Sprichwortes angenommen, wenngleich in den neueren Übersetzungen der “Scheffel”, unter den man das Licht nicht stellen soll, verschwunden ist.

Wenn wir nun diese beiden Aussprüche des Herrn betrachten – kann es uns dann nicht so vorkommen, als wollte Jesus uns zum Renommieren verleiten. “Unser Licht auf den Leuchter stellen, damit es allen leuchtet”? Wo bleibt da die unerlässliche Tugend der Demut?

Bei den Tugenden, die ja auf unserem Weg zur Heiligkeit unerlässlich sind (und dass wir heilig werden sollen, ist der Wille Gottes, immerhin), können gelegentlich Missverständnisse auftreten. Nicht zuletzt deswegen, weil eine Tugend sowohl übernatürlich als auch rein menschlich sein kann. Darüber hinaus kann sie eine mühsam erworbene Haltung sein, oder einfach nur eine Veranlagung.

“Distinguendum est”, pflegt Thomas von Aquin bei jeder zu klärenden Frage zu sagen. Es gilt zu unterscheiden.

Hat dieser Mensch in unserer Umgebung beispielsweise die Tugend der Sanftmut oder ist er einfach nur ein Phlegma?

Ist jener andere ein tapferer Mensch oder nur leichtsinnig?

Ist diese Person hilfsbereit oder braucht sie solche Hilfsaktionen, um sich selbst zu bestätigen?

Im öffentlichen Leben begegnen sie uns auf Schritt und Tritt, die scheinbar Tugendhaften. Manch ein Politiker müsste sich fragen lassen: warum kämpfen Sie für dieses oder jenes Anliegen? Weil Ihnen an den Menschen liegt oder damit Sie wieder gewählt werden. Warum haben Sie sich für ein Vorgehen gegen Bundespräsident Christian Wulff oder Bischof Tebartz-van Eltz eingesetzt, aus Gerechtigkeitssinn oder weil Sie ihn zu Fall bringen wollten?

Oder in den brisanten Fragen von Ehe und Familie. Was ist die wirkliche Absicht? Könnte es nicht manchmal sein, dass wir die wirkliche Absicht bewusst verdrängen, weil uns sonst davor grauen würde?

Lauterkeit der Absicht – nicht immer erkennbar!

Wenn der Herr heute fordert, dass wir unser Licht nicht unter den Scheffel, sondern auf den Leuchter stellen sollen, damit es anderen leuchtet, heißt das natürlich nicht, dass die Tugend der Demut nicht mehr gilt. Er will nicht unseren Geltungsdrang fördern, den gilt es zurückzudrängen. Vielmehr geht es darum, dass wir Christen Zeugnis geben, und zwar von der Wahrheit, die Christus selber ist. Denn die Wahrheit ist ständig in Bedrängnis.

Zum Beispiel in Fragen der öffentlichen Wahrnehmung der Kirche. Es ist kein Geheimnis, dass die Kirche von außen und leider auch von innen heftig angegriffen wird.

Wieder muss man unterscheiden: geht es um fehlerhafte Personen oder um die Wahrheit selber? Wenn eine UN-Abteilung oder das Parlament der EU die Kirche oder Lehren der Kirche massiv angreifen (sie solle gefälligst ihre Morallehre ändern), darf dazu nicht geschwiegen werden. Es ist nicht Hochmut, wenn wir sagen, die Kirche hat die Wahrheit, und sie ist nicht nur berechtigt, sondern verpflichtet, sie auszusprechen.

Im Augenblick formiert sich in der Öffentlichkeit eine neue Ideologie, die die früheren und inzwischen überwundenen Ideologien an Gefährlichkeit in den Schatten stellt. Wenn eine Ideologie im Grunde nichts anderes als eine Ersatzreligion ist – so war es beim Nationalsozialismus wie auch beim  Kommunismus – so erfüllt  Gender-Mainstream oder kurz Genderismus genannt, alle Bedingungen dazu. Es ist eine das ganze Leben erfassende Lehre mitsamt der zur Ideologie gehörenden Intoleranz. Genau wie die Nazi-Ideologie und der “Real existierende Sozialismus” ist für Gott darin kein Platz. Der Genderismus kämpft sogar ganz bewusst gegen Gott. Er will den Schöpfer eines Besseren belehren und zeigen, dass nicht Gott das Wesen des Menschen festlegt (z.B. ob er Mann oder Frau ist), sondern dass der Mensch selber darüber bestimmen soll. Die Vorstellung, dass der Mensch nur deshalb als Junge oder Mädchen aufwächst, weil man ihn dazu erzieht, mag ziemlich hirnverbrannt erscheinen. Man könnte sie vergleichen mit dem Rassenwahn der Nazis.

Nicht weniger gravierend das sich daraus ergebende Postulat, dass die bisher in allen Kulturen gültige Struktur der Familie – Mann, Frau und Kind(er) – der Beliebigkeit anheim gegeben wird und daher früher oder später fallen wird.

Dass diese Ideologie eine natürliche Feindschaft zur katholischen Kirche in sich birgt, ist verständlich. Was aber nicht geschehen darf, ist, dass die Kirche dadurch reagiert, dass sie sich diese Lehren ganz oder teilweise zueigen macht. Wenn sie objektiv falsch sind, muss das gesagt werden. Vielleicht kommt bald der Tag, wo eine Enzyklika wie “Mit brennender Sorge” fällig wird.

Das Sonntagsevangelium will aber nicht, dass wir uns im Besitz der Wahrheit sonnen, sondern erinnert uns an unsere Verpflichtung, dass die Menschen “eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen” (Mt 5,16).

Msgr. Dr. Peter von Steinitz, war bis 1980 als Architekt tätig; 1984 Priesterweihe durch den sel. Johannes Paul II.; 1987-2007 Pfarrer an St. Pantaleon, Köln; seit 2007 Seelsorger in Münster. Er ist Verfasser der katechetischen Romane: „Pantaleon der Arzt“ und „Leo - Allah mahabba“ (auch als Hörbuch erhältlich).