"Den anderen immer mit Barmherzigkeit und Liebe betrachten"

Ansprache von Papst Franziskus am Ende des Kreuzweges

Rio de Janeiro, (ZENIT.org) | 379 klicks

Am Schluss des Kreuzweges, gebetet entlang der Strandpromenade der Copacabana, hielt Papst Franziskus gestern Abend eine Ansprache, die wir hier in der offiziellen deutschen Übersetzung dokumentieren.

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Liebe junge Freunde,

wir sind heute hierher gekommen, um Jesus auf seinem Weg des Schmerzes und der Liebe zu begleiten, auf dem Kreuzweg, der einer der starken Momente des Weltjugendtags ist. Am Ende des Heiligen Jahres der Erlösung hat der selige Johannes Paul II. euch, liebe Jugendliche, das Kreuz des Heiligen Jahres anvertraut und gesagt: „Tragt es in die Welt als Zeichen der Liebe Jesu Christi zur Menschheit, und verkündet allen, dass es nur im gestorbenen und auferstandenen Christus Heil und Erlösung gibt“ (Grußworte an die Jugend [22 April 1984]: Insegnamenti VII,1 (1984), 1105). Seitdem ist das Kreuz durch alle Kontinentegezogen und hat die verschiedensten Welten menschlichen Daseins durchquert, wobei es von den Lebenssituationen der vielen Jugendlichen, die es gesehen und getragen haben, gleichsam durchtränkt wurde. Liebe Brüder und Schwestern, niemand kann das Kreuz Jesu berühren, ohne etwas von sich selbst darauf zurückzulassen und ohne etwas vom Kreuz Jesu in das eigene Leben hineinzutragen. Wenn ihr heute Abend den Herrn begleitet, möchte ich, dass drei Fragen in euren Herzen nachklingen: Was habt ihr, liebe Jugendliche aus Brasilien, auf dem Kreuz zurückgelassen während dieser beiden Jahre, in denen es euer riesiges Land durchquert hat? Und was hat das Kreuz Jesu in jedem von euch hinterlassen? Und schließlich, was ist die Lehre dieses Kreuzes für unser Leben?

1. Eine alte Überlieferung der Kirche von Rom erzählt, dass der Apostel Petrus, als er die Stadt verließ, um der Verfolgung Neros zu entkommen, Jesus sah, der in entgegen gesetzter Richtung ging, und verwundert fragte er ihn: „Herr, wohin gehst du?“ Die Antwort Jesu war: „Ich gehe nach Rom, um noch einmal gekreuzigt zu werden.“ In jenem Augenblick begriff Petrus, dass er mutig dem Herrn bis zum Ende folgen musste, aber er begriff vor allem, dass er niemals allein war auf dem Weg; bei ihm war immer jener Jesus, der ihn bis in sein Sterben am Kreuz hinein geliebt hatte. Seht, Jesus durchwandert mit seinem Kreuz unsere Straßen und nimmt unsere Ängste, unsere Probleme, unsere Leiden – auch die tiefsten – auf sich. Durch das Kreuz verbindet Jesus sich mit dem Schweigen der Opfer von Gewalt, die jetzt nicht mehr schreien können, vor allem mit den Unschuldigen und den Wehrlosen; durch das Kreuz verbindet Jesus sich mit den Familien, die in Schwierigkeiten sind, die den tragischen Verlust ihrer Kinder beweinen – wie im Fall der 242 jugendlichen Opfer der Brandkatastrophe in der Stadt Santa María Anfang dieses Jahres. Beten wir für sie! Durch das Kreuz verbindet Jesus sich mit allen Menschen, die Hunger leiden in einer Welt, die sich andererseits den Luxus leistet, täglich tonnenweise Lebensmittel wegzuwerfen. Durch das Kreuz ist Jesus mit den vielen Müttern und Vätern verbunden, die leiden, da sie ihre Kinder als Opfer künstlicher Paradiese wie der Droge sehen. Durch das Kreuz verbindet Jesus sich mit allen, die aufgrund ihrer Religion, ihrer Vorstellungen oder einfach wegen ihrer Hautfarbe verfolgt werden; durch das Kreuz ist Jesus mit den vielen jungen Menschen verbunden, die ihr Vertrauen in die politischen Institutionen verloren haben, weil sie den Egoismus und die Korruption sehen, oder die ihren Glauben an die Kirche und sogar an Gott verloren haben wegen der Unlauterkeit von Christen und von Dienern des Evangeliums. Wie sehr lässt unsere Unlauterkeit Jesus leiden! Im Kreuz Christi ist das Leiden, die Sünde des Menschen – auch die unsere –, und er nimmt alles mit offenen Armen auf, lädt unsere Kreuze auf seine Schultern und sagt zu uns: Nur Mut! Du bist nicht allein, sie zu tragen! Ich trage sie mit dir, und ich habe den Tod überwunden und bin gekommen, um dir Hoffnung zu schenken, um dir Leben zu geben (vgl. Joh 3,16).

2. Nun können wir auf die zweite Frage antworten: Was hat das Kreuz in denen hinterlassen, die es gesehen haben, und in denen, die es berührt haben? Was hinterlässt das Kreuz in jedem von uns? Seht: Es hinterlässt ein Gut, das niemand uns geben kann: die Gewissheit der treuen Liebe Gottes zu uns. Eine so große Liebe, dass sie in unsere Sünde eindringt und sie verzeiht, in unser Leiden eindringt und uns die Kraft schenkt, es zu tragen, sogar in den Tod eindringt, um ihn zu überwinden und uns zu retten. Im Kreuz Christi ist die ganze Liebe Gottes, ist seine unermessliche Barmherzigkeit. Und das ist eine Liebe, der wir vertrauen können, an die wir glauben können. Liebe junge Freunde, vertrauen wir auf Jesus, vertrauen wir uns ihm an (vgl. Enzyklika Lumen fidei, 16), denn nie enttäuscht er einen! Nur im gestorbenen und auferstandenen Christus finden wir das Heil und die Erlösung. Mit ihm hat das Böse, haben Leiden und Todnicht das letzte Wort, denn er schenkt uns Hoffnung und Leben: Er hat das Kreuz von einem Werkzeug des Hasses, der Niederlage und des Todes in ein Zeichen der Liebe, des Sieges, des Triumphes und des Lebens verwandelt.

Der erste Name, der Brasilien gegeben wurde, war gerade dieser: „Terra de Santa Cruz – Land des heiligen Kreuzes“. Das Kreuz Christi wurde nicht nur vor über fünfhundert Jahren am Strand aufgestellt, sondern es ist auch in die Geschichte, ins Herz und in das Leben des brasilianischen Volkes und vieler anderer Völker eingepflanzt worden. Wir spüren, dass der leidende Christus uns nahe ist, einer von uns, der unseren Weg bis ins Letzte mit uns teilt. Es gibt kein Kreuz in unserem Lebens – sei es klein oder groß –, das der Herr nicht mit uns teilt.

3. Doch das Kreuz Christi lädt auch ein, uns von dieser Liebe anstecken zu lassen; es lehrt uns also, den anderen immer mit Barmherzigkeit und Liebe zu betrachten – vor allem den, der leidet, der Hilfe braucht, der auf ein Wort, eine Geste wartet; das Kreuz lädt uns ein, aus uns selbst herauszugehen, um ihnen entgegenzukommen und ihnen die Hand zu reichen. Viele Gesichter haben wir auf dem Kreuzweg gesehen, viele Gesichter haben Jesus auf dem Weg zum Kalvarienberg begleitet: Pilatus, Simon von Zyrene, Maria, die Frauen … Ich frage dich heute: Wer von diesen möchtest du sein? Willst du wie Pilatus sein, der nicht den Mut hat, gegen den Strom zu schwimmen, um das Leben Jesu zu retten, und der seine Hände in Unschuld wäscht? Sag mir: Bist du einer von denen, die ihre Hände in Unschuld waschen, bist du einer, der sich dumm stellt und zu Seite schaut? Oder bist du wie Simon von Zyrene, der Jesus hilft, den schweren Balken zu tragen, wie Maria und die anderen Frauen, die keine Angst haben, Jesus bis zum Ende zu begleiten, mit Liebe und mit Zärtlichkeit. Und du, wie möchtest du sein? Wie Pilatus, wie Simon von Zyrene, wie Maria? Jesus blickt dich jetzt gerade an und sagt dir: Willst du mir das Kreuz tragen helfen? Lieber Bruder, liebe Schwester: Mit all deiner Kraft eines jungen Menschen, was antwortest du ihm?

Liebe junge Freunde, zum Kreuz Christi tragen wir unsere Freuden, unsere Leiden und unsere Misserfolge; wir werden ein offenes Herz finden, das uns versteht, uns verzeiht, uns liebt und uns bittet, diese selbe Liebe in unser Leben hineinzutragen, jeden unserer Brüder und Schwestern mit ebendieser Liebe zu lieben.

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