Den Dualismus der Moderne überwinden

In Rimini wurde das Meeting, die größte katholische „Kulturmesse“ der Welt, jetzt dreißig Jahre alt

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Von Guido Horst



WÜRZBURG, 28. August 2009 (Die Tagespost.de/ZENIT.org).- Von den zahlreichen Hüllen, die auf dem Meeting der Bewegung Comunione e Liberazione des Pudels Kern umgeben, ist die äußere die schillerndste: Hunderttausende von Menschen werden bis heute durch die weitläufigen Messehallen von Rimini geschlendert sein, eine Woche lang haben sie Vorträge gehört, Ausstellungen besucht, in den bunt dekorierten Restaurants gegessen und immer wieder Freunde und alte Bekannte getroffen. Die italienischen Medien haben ihre Reporter und Fernsehteams entsandt. Das italienische Kabinett ist zur Hälfte vertreten, immer wieder schieben sich Pulks von Ministerinnen und Ministern mit Referenten und Sicherheitskräften durch die Gänge und Foren der Messe. Es ist heiß in der Adriastadt – und wären die Messehallen nicht klimatisiert, wären wohl auch viele Sanitäter unterwegs.

Das jährlich stattfinde Meeting ist dreißig Jahre alt geworden – und hat viele Kinder bekommen. Wer in den achtziger Jahren als jugendlicher Rucksacktourist zum Meeting nach Rimini reiste, bringt heute seinen Nachwuchs mit. Zwei ganze Messehallen müssen dafür herhalten, den Kleinen Spielfelder, Kletterwände, Trampolins und Sportgeräte zu bieten. Überall präsentieren sich die Sponsoren. Die italienische Bank Intesa San Paolo etwa hat sich der Kinderbetreuung angenommen. Der Eisenbahnbauer Bombardier hat gleich eine ganze Elektrolok mitgebracht. Italienische Regionen stellen typische Produkte aus, auch Ministerien und staatliche Einrichtungen sind mit Ständen vertreten. Merchandising wird auf dem Meeting groß geschrieben, überall verkaufen Jugendliche Produkte mit denen Symbolen des Treffens: der Taube und – in diesem Jahr – der Zahl 30.

Als freiwillige Helfer – es sollen knapp über dreitausend sein – sind Jungen und Mädchen in violetten und grünen T-Shirts unterwegs, sie führen, begleiten, reinigen und bedienen in den Restaurants. Immer wieder stößt man auf Reihen von Fotos und Plakaten, die Bilder von den Besuchern früherer Treffen in Rimini zeigen: Eugène Ionesco war hier, auch Lech Walesa, Hans Urs von Balthasar, Krzysztof Zanussi, Jean Guitton, Mutter Teresa, Kardinal Ratzinger oder Johannes Paul II. Mit fünfzigtausend „Präsenzen“ hatte es 1980 angefangen. Man zählt nicht die absolute Zahl der Besucher, sondern addiert die Personen, die an den sieben Tagen durch die Einlasstore strömen – kostenlos, Eintrittskarten gibt es nicht. Mit inzwischen siebenhunderttausend „Präsenzen“ ist das Meeting heute das größte katholische Kulturtreffen der Welt.

Italienische Zeitungen nennen dieses Treffen gerne „kermesse“ – Kirmes -, weil es so bunt und vielfältig ist. Und um es noch etwas verwirrender zu machen, wird ihm gerne ein politischer Charakter untergeschoben. Für Politiker aller Parteien ist das Meeting, das stets gegen Ende der Urlaubszeit und kurz vor dem „Neustart“ des beruflichen Alltags stattfindet, im Laufe der Jahre zu einer Art Bühne geworden, von der aus sie den Wiedereintritt in ihr normales Arbeitsumfeld ankündigen. Die Verantwortlichen des Meetings laden alle Spitzenpolitiker des Landes ein – ungefähr die Hälfte kommt. Aus deren Statements vor den Kameras und bei den üblichen Pressekameras irgendeine politische Botschaft herauslesen zu wollen, ist kaum möglich, obwohl es immer wieder geschieht. Als der Gouverneur der italienischen Zentralbank, Mario Draghi, in einer der Messehallen Riminis über das voraussichtliche Ende der Wirtschaftskrise sprach, bekannte er vor Tausenden von Zuhörern, sehr froh zu sein, zum ersten Mal das Meeting besucht und gesehen zu haben, was es wirklich ist. Die Zeitungen beschreiben es nicht, und das Fernsehen zeigt es kaum. Da muss man schon, wie Mario Draghi, kommen und sehen.

Doch was ist das Meeting wirklich? Wenn man die äußere Hülle des Bunten, Vielfältigen und Massenhaften hinter sich lässt und dem Kern dieses Katholikentreffens näher kommt, stößt man zunächst auf Comunione e Liberazione. Ohne diese Bewegung gäbe es das Meeting nicht. Weniger wie ein Verein mit festen Mitgliedschaften organisiert, gleicht Comunione e Liberazione eher einem Völkchen, das heute, 55 Jahre nach der Gründung durch den Mailänder Priester Luigi Giussani, alle Generationen umfasst, von den Großeltern bis zu deren Enkeln. Abgesehen von vielen Gästen und neugierigen Besuchern ist es vor allem dieses Völkchen, das das Meeting leben und wachsen lässt.

Als Mitglieder von Comunione e Liberazione vor dreißig Jahren mit dem Meeting begannen – bereits 1982 kam Johannes Paul II. und gab ihm den päpstlichen Segen -, hatte der italienische Katholizismus, der sich bis dahin als die dominante Kultur des Landes wähnte, zwei schwere Niederlagen eingesteckt: 1974 das Referendum zugunsten der Einführung der zivilen Ehescheidung und im Mai 1981 – noch schlimmer – die Volksabstimmung zugunsten der Liberalisierung der Abtreibung. Linke und Laizisten triumphierten, die Kirche durchlebte eine Depression. Aber auch der polnische Papst war „etwas Neues“, und in Polen regte sich mit Solidarnosc der Widerstand gegen den Kommunismus. Vor diesem Hintergrund verband sich bei den Organisatoren des Meetings der Wunsch, dem Katholizismus des eigenen Landes einen Neuanfang zu geben, zum einen mit der Öffnung des Blicks nach außen – Polen war damals schwer im Trend –, zum anderen jedoch mit der Methode, die sie bei Luigi Giussani abgeschaut hatten: Nicht aus der Wirklichkeit, so wie sie nun einmal ist, in einen Elfenbeinturm zu flüchten, sondern in der Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit die Gründe für den eigenen Glauben wiederzufinden. Darum die ausführliche Beschäftigung des Meetings mit Kunst, Musik und Kultur. Darum, anstatt über die Zustände in Kirche und Gesellschaft zu klagen, die starke Hervorhebung der positiven Erfahrungen, die Wissenschaftler, Erzieher, Missionare oder andere mit dieser Wirklichkeit gemacht haben.
Das Thema des diesjährigen Meetings, „Die Erkenntnis ist immer ein Ereignis“, stellte deshalb nur einen Aspekt der Methode des positiven Blicks Giussanis in den Vordergrund, die seit dreißig Jahren das Treffen in Rimini prägt. Julián Carrón, spanischer Priester und Theologe und seit 2005 Nachfolger Giussanis an der Spitze von Comunione e Liberazione, hielt einen Vortrag über „Ereignis und Vernunft beim heiligen Paulus“, dessen Entdeckung Jesu Christi nicht Frucht des einsamen Nachdenkens, sondern ein Vorfall vor den Mauern von Damaskus war. Aber auch ganz „säkulare“ Themen wiesen in diese Richtung. Zwei Nobelpreisträger berichteten über das, was sie bei ihren wissenschaftlichen Entdeckungen erlebt hatten, der Astronom Owen Gingerich von der Harvard-University eröffnete eine Ausstellung über den neuen Blick, den Galileo Galilei auf die Erde und das Sonnensystem geworfen hat.

Die vielleicht beeindruckendste der insgesamt acht größeren Ausstellungen des Meetings war eine originalgroße Nachbildung einiger typischer Häuser, Plätze, Werkstätten und Kirchenfassaden aus den Jesuiten-Reduktionen in Paraguay, wo von Anfang des siebzehnten bis Ende des achtzehnten Jahrhunderts unter Anleitung auch deutscher Jesuiten etwa 140.000 Guarani-Indianer in dreißig Siedlungen mitten im Urwald ein gesellschaftliches Modell mit landwirtschaftlicher Produktion, Bildung und Kultur entwickelten, das jedem menschlichen Streben aus christlicher Sicht gerecht werden wollte. Alle Ausstellungen des Meetings sind geführt, wenn sich eine kleine Gruppe gebildet hat, erläutern Studenten und Dozenten die Exponate.

Die einzelne Person mit ihren Wünschen und Bedürfnissen, aber auch den Antworten, die der Glaube geben kann, steht im Mittelpunkt der Zeugnisse und Ausstellungen des Meetings – was selbst den Politikern nicht entgeht. Wie viele seiner Kollegen kam auch Justizminister Angelino Alfano und nahm an einem Podiumsgespräch teil. Aber die Begegnung mit einigen Knastbrüdern aus Padua, die zum zweiten Mal für das Meeting „frei bekommen“ hatten, wird dem Minister in Erinnerung bleiben. Diese hatten im Gefängnis begonnen, Süßwaren herzustellen, und haben über diese Arbeit und ihre Freundschaft einen neuen Halt und eine gewisse innere Freiheit in ihrem unfreien Leben gefunden. Der 2007 katholisch gewordene Tony Blair, über dessen interreligiösen Konzepte Unterschiedliches zu hören ist, berichtete in einer übervollen Messehalle über seine Erfahrungen in China – es ging um das Verhältnis zwischen Individuum und Staat –, die Begegnung mit dem „Völkchen“ des Meetings mag auch ihm ein Stück katholische Identität vorgeführt haben. Jedenfalls legte er ein klares Bekenntnis zu den christlichen Wurzeln des europäischen Kontinents ab. Das Publikum dankte es ihm mit stehenden Ovationen.

Doch alleine der „positive Blick“ auf die Wirklichkeit reicht nicht aus, das Meeting ist mehr als ein netter Dialog von jedem mit jedem. Der größte Stand gehörte diesmal der „Compagnia delle Opere“, einem von Comunione e Liberazione initiierten Zusammenschluss von mittleren und kleinen Unternehmen, die danach zu leben und zu arbeiten versuchen, was man in Deutschland die katholische Soziallehre nennen würde. In der Mitte des Standes eine Ausstellung über die Ausschmückung des Campaniles des Florenzer Doms durch Giotto, geschaffen im vierzehnten Jahrhundert. Die Ausstellung thematisierte die handwerkliche Perfektion des Künstlers – aber auch seine Auffassung von der Welt, die nicht in zwei Sphären, in die religiöse und rein weltliche, auseinander fällt. Die Darstellungen Giottos zeigen Szenen aus dem menschlichen Leben, in denen die Arbeit, das Handwerk genauso eine Rolle spielen wie Jesus Christus, die Sakramente und die Feste der Kirche.

Wenn es so etwas gibt wie einen „Pudels Kern“, der das Meeting im Inneren zusammenhält, dann ist es der Versuch, den Dualismus zu überwinden, der den modernen Menschen fast dazu zwingt, die Welt des Glaubens und das profane berufliche und soziale Leben streng auseinanderzuhalten. Seit dreißig Jahren will das Meeting zeigen, dass beides zusammen gehört. Dass die gesamte Wirklichkeit ein Aufruf ist, in ihr und hinter ihr den göttlichen Schöpfer wahrzunehmen. Und wer wachen Auges durch die Welt der Kultur, der Arbeit und der sozialen Beziehungen geht, dem kann es dann passieren, dass die Erkenntnis Gottes für ihn wirklich ein Ereignis wird.

[© Die Tagespost vom 29. August 2009]