Den Glauben mit dem Licht der heiligen Schläue bewahren

Die Worte des Papstes beim gestrigen Angelus-Gebet

Rom, (ZENIT.org) Maike Sternberg-Schmitz | 310 klicks

Am gestrigen Fest der Epiphanie sprach der Heilige Vater um 12.00 Uhr gemeinsam mit den anwesenden Gläubigen das Angelus-Gebet.

Zur Einführung in das Mariengebet sprach der Papst die folgenden Worte, die wir hier in einer eigenen Übersetzung dokumentieren.

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„Lumen requirunt lumine“, „Durch dein Licht streben sie zum Licht“ – Diese ausdrucksstarke Aussage eines liturgischen Hymnus anlässlich des Festes der Erscheinung des Herrn bezieht sich auf das Erlebnis der Sterndeuter: Indem sie einem Licht folgen, suchen sie das Licht. Der Stern, der ihnen am Himmel erschienen ist, entzündet in ihrem Verstand und in ihrem Herzen ein Licht, das sie nach dem großen Licht Christus suchen lässt. Indem die Sterndeuter treu dem Licht folgen, das sie innerlich erfüllt, begegnen sie dem Herrn.

Der Weg der Sterndeuter aus dem Osten deutet die Bestimmung eines jeden Menschen an: Unser Leben ist ein Gehen, das von Lichtern erleuchtet wird, die die Straße erhellen, um die Fülle der Wahrheit und der Liebe zu finden, die wir Christen in Jesus, dem Licht der Welt, erkennen. Wie die Sterndeuter hat jeder Mensch zwei große Bücher zur Verfügung, aus denen er die Hinweise nimmt, um sich auf seiner Pilgerschaft zu orientieren: das Buch der Schöpfung und das Buch der Heiligen Schrift. Dabei ist es wichtig, aufmerksam zu sein, wachsam, um Gott zu hören, der zu uns spricht. So, wie der Psalm bezüglich des Gesetzes des Herrn sagt: „Dein Wort ist meinem Fuße eine Leuchte, ein Licht für meine Pfade.“ Das Evangelium zu hören, es zu lesen, es zu betrachten gestattet uns, dem lebendigen Jesus zu begegnen, ihn und seine Liebe zu erfahren.

Die erste Lesung lässt durch den Mund des Propheten Jesaja den Aufruf Gottes an Jerusalem wieder erklingen: „Auf, werde Licht!“ Jerusalem ist dazu ausgewählt, die Stadt des Lichtes zu sein, die das Licht Gottes auf die Welt zurückstrahlt und den Menschen hilft, auf seinen Wegen zu gehen. Dies ist die Berufung und Sendung des Volkes Gottes in der Welt. Diesen Ruf des Herrn kann Jerusalem auch nicht erfüllen. Das Evangelium berichtet, dass die Sterndeuter bei ihrer Ankunft in Jerusalem den Anblick des Sterns kurz verloren und ihn nicht mehr sahen. Insbesondere im Palast des Königs Herodes ist sein Licht nicht da: Dieser Ort ist dunkel, es regieren Finsternis, Misstrauen, Angst, Neid. Tatsächlich ist Herodes wegen der Geburt eines schwachen Kindes, in dem er einen Rivalen sieht, argwöhnisch und beunruhigt. In Wirklichkeit ist Jesus nicht gekommen, um ihn, eine erbärmliche Marionette, sondern den Fürsten dieser Welt zu stürzen! Trotzdem fühlen der König und seine Berater, dass ihre Machtstrukturen ins Wanken geraten; sie fürchten, dass die Spielregeln auf den Kopf gestellt werden, dass der Schein aufgedeckt wird. Eine ganze Welt, die auf Herrschaft, auf Erfolg, auf Besitz, auf Korruption gegründet ist, wird durch ein Kind in eine Krise gestürzt! Herodes geht so weit, dass er die Kinder töten lässt. Ein Kirchenvater hat geschrieben: „Du mordest den Leib der Kleinen, aber die Furcht mordet dein Herz“. Er hatte Angst, und die Angst hat ihn um den Verstand gebracht.

Die Sterndeuter konnten den gefährlichen Augenblick der Dunkelheit bei Herodes überstehen, weil sie der Schrift glaubten, dem Wort des Propheten, das Betlehem als den Geburtsort des Messias nannte. So entflohen sie der Abgestumpftheit der Nacht der Welt, nahmen den Weg nach Bethlehem wieder auf, und dort sahen sie erneut den Stern und wurden, wie das Evangelium sagt, „von sehr großer Freude“ erfüllt.

Ein weiterer Aspekt des Lichtes, das uns auf dem Weg des Glaubens leitet, ist die „heilige Schläue“. Das ist auch eine Tugend, nicht wahr? Die „heilige Schläue“. Dabei handelt es sich um die geistliche Gerissenheit, die uns Gefahren erkennen und vermeiden lässt. Die Sterndeuter nutzten dieses „Licht der Schläue“, als sie sich auf ihrem Rückweg dazu entschlossen, nicht über den dunklen Palast des Herodes zu gehen, sondern auf einem anderen Weg heimzukehren. Diese Weisen des Ostens zeigen uns, wie wir uns gegen die Dunkelheit schützen können, die versucht, unser Leben zu umgreifen.

Sie haben ihren Glauben mit Hilfe dieser „Schläue“ bewahrt. Und auch wir müssen unseren Glauben bewahren, ihn vor dem Dunkel bewahren. Aber manchmal verkleidet sich das Dunkel als Licht. Manchmal verkleidet sich der Teufel, wie Paulus sagt, als Engel des Lichtes. Hier brauchen wir die „heilige Schläue“, um den Glauben zu bewahren, um ihn vor den Sirenengesängen zu bewahren, die sagen: „Schau, heute müssen wir dieses machen und jenes…“ Aber der Glaube ist eine Gnade, ein Geschenk. Es kommt auf uns an, ihn mit der „heiligen Schläue“ zu bewahren, mit Gebeten, mit Liebe, mit Nächstenliebe.

Wir müssen das Licht Gottes in unser Herz aufnehmen und uns in der „geistlichen Schläue“ üben, die Einfachheit und Schlauheit verbindet, so wie Jesus dies von seinen Jüngern verlangt: „Seid klug wie die Schlangen und arglos wie die Tauben.“

Am Fest der Erscheinung des Herrn, an dem wir daran denken, dass Jesus uns Menschen im Antlitz eines Kindes offenbart wurde, erfahren wir die Sterndeuter an unserer Seite wie weise Weggefährten. Möge ihr Beispiel uns helfen, den Blick zum Stern zu erheben und den Wünschen unseres Herzens zu folgen. Sie lehren uns, uns nicht mit einem mittelmäßigen Leben, mit dem Kleinen zufrieden zu geben, sondern uns immer faszinieren zu lassen vom Guten, Wahren und Schönen …, von Gott, der all das in immer größerer Art und Weise ist! Und sie lehren uns, uns nicht vom Schein betrügen zu lassen, von dem, was für die Welt groß, weise und mächtig ist. Man darf hier nicht stehen bleiben. Wir müssen den Glauben bewahren, das ist heute ganz wichtig: den Glauben bewahren. Man muss über das Dunkel hinaus gehen, über die Faszination der Sirenen, über die Weltlichkeit hinaus, über so viele weltliche Dinge hinaus, nach Betlehem, dorthin, wo in der Einfachheit eines Hauses in einem Randgebiet, bei einer Mutter und einem Vater voller Liebe und Glaube, die Sonne aus der Höhe strahlt, der König des Universums. Wie die Sterndeuter wollen wir mit unseren kleinen Lichtern das Licht suchen, wollen wir unseren Glauben bewahren. Amen.“