Den Glauben nicht nur bewahren, sondern auch verbreiten (Teil 2)

P. McCloskey über die Anziehungskraft der Kirche

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CHICAGO, 30. Juni 2007 (ZENIT.org).- In diesem zweiten Teil eines ZENIT-Interviews mit Dr. C. John McCloskey, Priester der Prälatur Opus Dei und Forschungsdozent am Institut „Faith and Reason“ („Glaube und Vernunft“) in Chicago (USA), geht es um die Strahlkraft der Kirche und jener Menschen, die durch ihren Lebensstil und ihre Seinsweise die Freude, katholisch zu sein, glaubhaft bezeugen.



P. McCloskey, der zusammen mit Russell Shaw das Buch „Good News, Bad News: Evangelization, Conversion and the Crisis of Faith“ („Gute Nachrichten, schlechte Nachrichten: Evangelisation, Konversion und die Krise des Glaubens“) verfasste, hat zahlreiche prominente Persönlichkeit auf ihrem Bekehrungsweg begleitet.

Der erste Teil dieses Interviews erschien am Donnerstag und handelte von den Voraussetzungen, die ein moderner Apostel mitbringen sollte.

ZENIT: Wodurch fühlen sich die Menschen am meisten zur Kirche hingezogen? Ist es die kirchliche Lehre, die religiöse Praxis oder sind es vielleicht die Werke der Nächstenliebe?

-- Pater McCloskey: Alle potentiellen Konvertiten suchen – wie jeder andere auch – das Glück, das Glück in diesem und im nächsten Leben. Warum sich sonst die Mühe machen?

In der Kirche finden sie eine Institution, die von sich behauptet, der mystische Leib Christi zu sein – von ihm zu seinen Lebzeiten gegründet –, und die, ohne sich beirren zu lassen, die auf göttlicher Offenbarung beruhende Wahrheit lehrt, wie sie uns durch die Schrift und die Tradition überliefert worden ist.

Welche Freude ist es für mich durch die Jahre hindurch gewesen zu erleben, wie Menschen durch Studium und Gebet das Christentum entdeckten, das wirklich gelebt werden kann und auf das man sich einlassen muss, um zu begreifen, dass Gutsein uns in der Tat glücklich macht.

Und gleichzeitig erinnern sich auch die Konvertiten selbst sehr gut an die Art von Leben, das sie geführt haben, ehe sie den Herrn und seine Kirche entdeckten. Sie sind dankbar für die Gnade, diesen Schatz gefunden zu haben, und begierig darauf, ihn ihrerseits mit anderen zu teilen. Die Wahrheit hat sie wirklich frei gemacht.

Ich denke, die Menschen werden vor allem durch ihre zunehmende Kenntnis der Person Jesu Christi und ihre wachsende Liebe zu ihm zur Kirche hingezogen. Während ihre Neugier bei der Lektüre des Neuen Testaments und der Kirchengeschichte immer mehr wächst, wird ihnen bewusst, dass Christus ja seine Kinder nicht als Waisen zurückgelassen, sondern eine Kirche gegründet hat – seine Familie, seinen Leib, in dem er bis zu seinem zweiten Kommen wohnt.

Die Kirche stellt ihre Mittel zur Verfügung: die Heilige Schrift, die Sakramente, ihre (von Christus) autorisierte Lehre, das Beispiel der Heiligen usw., so dass ein frisch bekehrter Katholik in Christus wachsen und sein Ziel der Heiligkeit im Himmel erreichen kann.

Natürlich ist es nötig, dass sie auch andere gläubige Menschen sehen, die durch ihr Verhalten, ihr Glücklichsein, ihre christliche Frömmigkeit, ihre Tugenden und Taten der Nächstenliebe, wie sie in den geistigen und leiblichen Werken der Barmherzigkeit zum Ausdruck kommen, an den Tag legen, dass die Kirche tatsächlich die Mittel bereit stellt, mit deren Hilfe es möglich ist, das christliche Leben vollkommen zu leben; dass sie vor allem sehen: Es kann wirklich gelingen!

Das sehen sie nicht nur bei den kanonisierten Heiligen aus der Zeit des Frühchristentums und der jüngeren Vergangenheit, sondern – und das ist noch wichtiger – bei ihren Freunden; eben bei jenen Menschen, die Gottes Werkzeuge sind und derer sich Gott bedienen, um sie mit der Kirche Christi bekannt zu machen.

ZENIT: Gibt es in den Lehraussagen Benedikts XVI. bestimmte Themen, die angehende Konvertiten besonders ansprechen?

-- Pater McCloskey: Da springt sogleich seine kurze, überzeugende Enzyklika über Gott als die Liebe ins Auge.

Die Tatsache, dass ein vielfach verkannter und verleumdeter deutscher Kardinal Papst wurde, der nicht mit Lehrverurteilungen um sich wirft, sondern über „Eros“ und „Agape“ schreibt und darüber spricht, wie wichtig ganz konkrete Taten der Nächstenliebe an den Armen, Schwachen und Unterprivilegierten für die Sendung der Kirche sind – Taten der Kirche an sich und Taten jedes ihrer Glieder –, bekräftigt die Botschaft der Kirche, dass Gott tatsächlich die Liebe ist.

Ich glaube auch, dass es hilfreich war, den auf wunderbare Weise nahtlosen Übergang von Johannes Paul dem Großen zu Benedikt XVI. zu erleben, zweier so verschiedener Persönlichkeiten, von denen man mit Recht behaupten kann, dass sie zwei der gewaltigsten Denker des vergangenen Jahrhunderts sind, der eine als Philosoph und der andere als Theologe.

Denken sie daran, dass praktisch alle Konvertiten der letzten 25 Jahre nie einen anderen Papst erlebt haben als Johannes Paul II. Zwar hängt die Kirche nicht nur von der Heiligkeit ihrer Hierarchie ab, schaden tut diese Heiligkeit aber sicher nicht.

ZENIT: Wie beurteilen sie die Situation der anderen Religionen angesichts der immer komplexer werdenden bioethischen und moralischen Probleme?

-- Pater McCloskey: Um es frei heraus zu sagen: Keine andere christliche Kirche oder kirchliche Gemeinschaft unternimmt auch nur den Versuch, eine offizielle, definitive Erklärung zu diesen Fragen abzugeben. Sie haben einfach nicht die Tradition, oder man könnte auch sagen, sie verfügen nicht über die dem Lehramt verheißene Gnade, um derart komplexen Fragen zu untersuchen.

In der Tat ist es so, dass jene Gemeinschaften, die der katholischen Kirche am nächsten stehen, sich oft einfach den Lehraussagen der katholischen Kirche anschließen, im Vertrauen auf ihre tausendjährige Tradition und Moraltheologie, auch wenn sie nicht ihren Anspruch anerkennen, die einzige von Christus gegründete Kirche zu sein.

Allein die katholische Kirche bietet als Institution ausgewogene, klare Lehraussagen zur Verteidigung und zum Schutz des Wertes und der Würde der menschlichen Person von der Empfängnis an bis zum natürlichen Tod.

Eine solche Wächterfunktion ist unbedingt erforderlich, gerade angesichts der anhaltenden rapiden Weiterentwicklung der Kenntnisse auf naturwissenschaftlichem und medizinischem Gebiet, die dem Menschen, wenn man sie auf ihn anwendet, zum Guten oder zum Schlechten dienen können. Dies gilt besonders bei Fragen des ärztlichen Verhaltenskodex, wenn es um Fortpflanzung und den Beginn des Lebens geht.

Konvertiten sehen dies als Zeichen der von Gott verliehenen Autorität der Kirche, die ihre riesige Erfahrung und ihre Weisheit nutzt, um klare moralische Entscheidungen zu ermöglichen.