Den Papst zu verteidigen, hat seinen Preis

Interview mit dem jüdischen Gelehrten Giorgio Israel von der römischen Universität „La Sapienza“

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ROM, 24. Januar 2008 (Zenit.org).- Den Papst zu verteidigen, hat seinen Preis, wie der jüdische Mathematik-Professor Giorgio Israel von der römischen Universität La Sapienza im vorliegenden ZENIT-Interview erklärt.



Nach den Demonstrationen, die zur Absage des vorgesehenen Besuchs von Papst Benedikt XVI. geführt hatten, zeigte sich Israel im „Osservatore Romano“ überrascht davon, „dass diejenigen, die das Motto Voltaires gewählt haben: ‚Ich werde bis zum Tode kämpfen, damit du das Gegenteil von dem sagen kannst, was ich denke’, es ablehnen, dass der Papst eine Ansprache an der römischen Universität La Sapienza hält“. Im Vorfeld hatten 67 Professoren in einem gemeinsamen Schreiben behauptet, der Papst wäre wissenschaftsfeindlich.

In der Öffentlichkeit wies der jüdische Gelehrte Israel auf die Irrtümer der Demonstranten hin; gegenüber ZENIT ging er auf die möglichen auch durchaus positiven Konsequenzen der letzten Tage ein.

ZENIT: Glauben Sie nicht, dass die Proteste gegen den Papstbesuch dem Ansehen und der Glaubwürdigkeit Ihrer Universität geschadet haben?

Israel: Ich denke, dass der Schaden ziemlich groß ist. Ich habe Briefe von verdutzten Professoren in den USA erhalten. In den USA trifft man alle möglichen und vorstellbaren Positionen an, aber eine so gewalttätige Form, dem Papst den Dialog zu verweigern, kommt nicht vor; noch dazu, wo ja ausschließlich der Papst abgelehnt wurde, hatte die „Sapienza“ doch jeden eingeladen. Das Ganze ist schon etwas verwirrend, und es ist daher schon ein Schaden für die Universität entstanden.

ZENIT: Als Professor haben Sie einen tieferen Einblick. Glauben Sie, dass sich hinter den angeblichen Gründen andere Motive verbergen?

Israel: Das glaube ich nicht. Ich weiß, was einige gesagt haben: dass das alles zum Teil auf die Rivalität einzelner akademischer Gruppen im Hinblick auf die Wiederwahl des Rektors zurückzuführen sei. Aber ehrlich gesagt glaube ich das nicht. Sicher ist sehr wahrscheinlich, dass der eine oder andere seinen Vorteil daraus ziehen wird, aber nach meinem Dafürhalten ist die Welt der Universität, die immer schon sehr eng mit der extremen Linken verbunden gewesen ist - vor allem mit der Kommunistischen Partei -, seit dem Ende der marxistischen Ideologie zu einem „Waisenkind“ dieser Ideologie geworden. Und sie hat sozusagen eine Ersatztheologie geschaffen, wie George Steiner sagt: eine noch entschiedenere Wissenschaftsgläubigkeit, einen noch stärker ausgeprägten Laizismus.

An der Universität findet man eine starke Konzentration von Menschen vor, die eine solche Sicht haben, viel mehr als sonst in der Gesellschaft.

ZENIT: Glauben Sie, dass die Ansprache des Papstes diese Ideologie hätte demaskieren können?

Israel: Nein. Das geht nur sehr, sehr langsam. Angesichts der Opposition und der schwierigen Umstände finde ich, dass es angemessen war, sich dafür zu entscheiden, das Ganze nicht zu forcieren.

Ich denke, man muss zwischen drei Dingen unterscheiden. Die Studenten, die dagegen waren, sind eine extrem kleine Minderheit - und das ist der Fluch der „Sapienzia“: Es gibt immer eine Gruppe von Unruhestiftern, der es gelingt, der überwältigenden Mehrheit von Studenten den eigenen Willen aufzuzwingen. Ich glaube, diese Haltung ist unter den Studenten nicht sehr verbreitet.

Anders verhält es sich bei den Professoren: Nur 67 unterschrieben den Brief, aber ich glaube, dass es viel mehr gibt, die diese Vorstellungen teilen. Ich sage das, weil ich sie kenne. Andererseits sind diejenigen, die ganz anders denken, auch sehr zahlreich. Es ist schwierig, das in Prozente zu fassen, aber vielleicht ist das Verhältnis 50:50 richtig. Es gibt also nicht nur 67, die so denken, sondern viel mehr.

Angesichts dieser Situation war es meiner Ansicht nach richtig, auf den Universitätsbesuch und die Vorlesung zu verzichten, um stattdessen eine Rede zu schicken, die in gewisser Weise jeden Vorwand für die Ablehnung und Opposition gegen den Papstbesuch demaskiert.

Ein Mentalitätswandel kann in meinen Augen nur in einen sehr langsamen Diskussionsprozess erfolgen, bei dem nach und nach aufgezeigt wird, dass diese Positionen irrig sind. Aber ich möchte noch einmal betonen, dass diese Prozesse viel Zeit in Anspruch nehmen. So etwas lässt sich nicht in wenigen Tagen erreichen; auch nicht in wenigen Monaten oder in einem Jahr. Es braucht Zeit.

ZENIT: Meinen Sie, dass an der „Sapienza“ nun die Zeit für den Dialog zwischen Glaube und Vernunft gekommen ist?

Israel: Ja, unbedingt. Der Nutzen und das Positive dieser Ereignisse könnte die Schaffung eines Netzwerkes von Menschen sein, die dieselben Ideen haben und einander kennen. In den Vorlesungssäälen sehe ich viele Menschen, die mit dem, was passiert ist, nicht einverstanden sind, die sich aber nicht kennen.

Ich finde, es ist notwendig, ein Netzwerk von Menschen zu gründen, die sich für diese Themen interessieren und sie weiterentwickeln. Auch das braucht Zeit. Die Bedingungen sind jedoch sicher vorhanden. Man muss nur Geduld haben.

ZENIT: Gab es auch, einmal abgesehen von Kardinal Ratzingers Äußerungen zum Fall Galileo, Kommunikationsprobleme?


Israel: Ich weiß nicht, ob es Kommunikationsprobleme gegeben hat. Meiner Ansicht nach spiegelt das alles nur einen kulturellen Niedergang wider. Wer so etwas tut und sich dabei nicht schämt (beziehungsweise nicht einmal auf den Gedanken kommt, dass er es tun könnte, wie ich es in einigen Fällen erleben konnte), ist ein Mensch, der kulturell gesehen sehr tief gefallen ist.

ZENIT: Sind Sie selbst für Ihre Ansichten kritisiert oder angegriffen worden?


Israel: In den letzten Tagen habe ich nicht viele Menschen gesehen, aber das ist immer so. Ich meine, dass derjenige, der eine solche Haltung vertritt wie ich, seinen Preis bezahlt. Es gibt Menschen, die nicht mehr mit einem sprechen wollen, denn wir bewegen uns hier in einem stark ideologisch gefärbtem Umfeld.

[Das Interview führte Paolo Centofanti; Übersetzung von Dominik Hartig]