„Den rechten Gebrauch der Freiheit neu lernen“

Der Brief des Papstes an die Bischöfe vermittelt den Eindruck, als sei er schon in den Schriften der Bibel vorausgedeutet

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Von Alexander Kissler

WÜRZBURG, 17. März 2009 (Die Tagespost.de/ZENIT.org).- Sieben Seiten umfasst der offene Brief, den Papst Benedikt XVI. in der vergangenen Woche an die „lieben Mitbrüder im bischöflichen Dienst" schrieb. Ihnen vor allem wollte er eine Orientierung zur Hand geben, wie denn die Vorkommnisse um die Pius-Bruderschaft aus seiner Sicht zu deuten seien. Benedikt wollte den Bischöfen und der Weltöffentlichkeit erklären, weshalb er die Exkommunikation der vier lefèbvristischen Bischöfe aufhob und warum damit keinesfalls eine „Absage an die christlich-jüdische Versöhnung" verbunden ist. Darüber hinaus aber stehen mit dem Brief einmal mehr zwei zentrale Themen im Denken Joseph Ratzingers zur Debatte: Wie lese ich die Bibel richtig? Wie kann, wie soll die Balance von vernünftiger und gläubiger Lektüre gelingen? Und welche Art von Freiheit ist dem Menschen gemäß?

Der Brief mündet in eine Pointe, die von vielen Kommentatoren überlesen wurde. Nachdem Benedikt in warmherzigem Tonfall bekräftigt hat, er wolle vor allem „die vier Bischöfe zur Rückkehr einladen", schließlich bestehe „die erste Priorität für den Petrusnachfolger" darin, „die Brüder zu stärken" - nach dieser mehrfach wiederholten Motivation seines umstrittenen Schritts wendet er sich im letzten Abschnitt den Entstehungsbedingungen des Schreibens zu. Die „leise Gebärde einer hingehaltenen Hand" habe er neu überdacht, als er „zufällig" im römischen Priesterseminar über den Galaterbrief reden musste. „Ich war überrascht", schreibt er, „wie direkt" der neutestamentliche Brief „von der Gegenwart dieser Stunde redet".

Briefe bringen Briefe hervor, Dichtung meint Weiterdichten: Getreu dieser poetologischen Maxime präsentiert der Pontifex sich hier. Er vermittelt den Eindruck, das, was ihm auf der Seele brennt, sei längst schon präfiguriert in den Schriften der Bibel. Damit verhält er sich zur eigenen Lebensgeschichte, wie sich in seiner Sicht der Bibelleser zu den Geschichten der Bibel verhalten soll. Er vergegenwärtigt sie, indem er sie zu einem Teil des eigenen Innern erklärt. Auf den Begriff der lectio divina, der geistlichen Lektüre, hört dieses Verfahren, das der Papst für den besten Schutz hält vor plumper Aktualisierung ebenso wie vor musealer Beschaulichkeit.

Als er am 20. Februar das Priesterseminar zu Rom besuchte, führte Benedikt XVI. eine solche Lektüre vor. Anlässlich des Galaterbriefes und dessen klassisch gewordener Aussage, „zur Freiheit berufen" sei der Christ, konturierte Benedikt die je neu zu erringende „Symphonie der Freiheit". Ein solcher Ausdruck ist typisch für die Denkweise Joseph Ratzingers. Metaphorisch werden Ästhetik und Gotteserfahrung kurzgeschlossen, denn die Freiheit soll in einer geordneten, einer symphonischen und nicht chaotischen „Beziehung mit dem Schöpfer" gefunden werden, ja in der „Abhängigkeit von Gott". Eine solche Abhängigkeit sei die Voraussetzung echt menschlicher Freiheit, da Gott kein Tyrann ist, sondern das schlechthin gute Wesen. In Gottes Abhängigkeit zu leben bedeute, mit ihm vereint zu sein. Wenn der Mensch somit, folgerte Benedikt im Februar, Gottes Willen gehorcht, betrete er den Raum der Wahrheit: „Dieser Weg der Erkenntnis Gottes, der Liebesbeziehung mit Gott, ist das außerordentliche Abenteuer unseres christlichen Lebens; weil wir in Christus das Antlitz Gottes kennen, der uns bis zum Kreuz, bis zur Selbsthingabe liebt."

Benedikt warnte vor den römischen Priesterkandidaten gemeinsam mit dem Briefeschreiber Paulus vor der „Verabsolutierung des Ich - eines Ich, das alles sein und alles für sich nehmen will." Paulus rief dazu auf, die Freiheit nicht „zu einem Anlass für das Fleisch werden" zu lassen, sondern zu einem Erprobungsfeld der Nächstenliebe: „Wenn ihr einander beißt und auffresst, so sehet zu, dass ihr nicht voneinander aufgerieben werdet." In diese frühchristliche Traditionslinie stellt sich nun der Papst in seinem eigenen Brief an die Bischöfe. Das paulinische „Beißen und Zerreißen" sei auch „heute in der Kirche als Ausdruck einer schlecht verstandenen Freiheit" zu begreifen. „Ist es verwunderlich", fragt er, „dass wir auch nicht besser sind als die Galater? Dass uns mindestens die gleichen Versuchungen bedrohen? Dass wir den rechten Gebrauch der Freiheit immer neu lernen müssen?"

Ebendarum kreist das Pontifikat Benedikts von den frühlingsfrohen Tagen des Anfangs bis in die jüngste Zeit der Missverständnisse. Freiheitsskeptisch und modernitätskritisch ist er insofern geblieben, als er Fortschritt und Versuchung stets zusammendenkt. Jeder Freiheit, ließe sich sagen, wohnt eine Fessel inne, und jede Tradition kann zur Krankheit sich verhärten. Darum müssen sich in päpstlicher Perspektive die Freiheit des Einzelnen und die Tradition der Gemeinschaft wechselweise reinigen. Erstarrung einerseits und Anarchie andererseits glaubt er so in die Schranken weisen zu können.

Ergo führt die biographische Pointe zurück zu Anfang und Anlass des Briefes. Die Pius-Bruderschaft kann das schlechte Gewissen sein, das trotzige Widerlager eines oftmals traditionsvergessenen Mainstreams innerhalb der „Großkirche". An dieser wiederum sollen die Lefèbvre-Jünger erkennen, dass die traditionalistische Freiheit, die sie sich nehmen, die eigenen Voraussetzungen unterwandert, wenn sie in theologischer „Enge" verharren. Und allen, die diesen Brief zu Gesicht bekommen, ruft er eine bedrängte Wahrheit ins Gedächtnis: Fleisch ist oft nicht die Bedingung von Freiheit, sondern dessen Konterpart. Zu Beginn eines Jahrhunderts, das sich anschickt, den Körper und dessen Fleisch im Namen von Effizienz, Schönheit, Lebensqualität martialisch und sehr geistfern zu überhöhen, könnte diese geistliche Wahrheit heilende Kräfte entfalten.

[© Die Tagespost vom 17. März 2009]