„Den Saum seines Wesens berühren“

C. S. Lewis ist Gott im Denken begegnet und weist Wege aus dem Selbstzweifel der Moderne

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Von Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz



WÜRZBURG, 29. April 2009 (Die Tagespost.de/ZENIT.org).- Gäbe es mehr Leser von C. S. Lewis - dessen zauberhafte Kinderbücher „Narnia" auf die Abenteuer der kindlichen Nachfolge Christi verweisen -, so bräuchte man die falsche Frage nach „Vernunft oder Glauben?" nicht zu stellen. Gäbe es mehr Theologen wie Norbert Feinendegen, die die Philosophie nicht scheuen und ihr Instrumentarium lustvoll zugeschärft gebrauchen, müsste man um den Nachwuchs auf den theologischen Turnier- und Kampfplätzen nicht besorgt zu sein.

Dieses Lob gilt einer Doktorarbeit, die bei dem Fundamentaltheologen Karl-Heinz Menke in Bonn entstand, nicht ohne Begleitung durch den Religionsphilosophen Jörg Splett aus Frankfurt, der in seinen Vorlesungen immer wieder auf Lewis zu sprechen kam. Und das Lob gilt dem Autor Feinendegen, der auf über 600 langen und doch kurzweilig zu lesenden Seiten die endliche Verankerung des anglikanischen Literaturwissenschaftlers und Romanciers Clive Staples Lewis (1898 Belfast - 1963 Oxford) nach atheistischem Start im christlichen Credo nachzeichnet. Lewis zählte zu den „Tintlingen" (Inklings), jener berühmten Gruppe in Oxford, wozu auch Dorothy Sayers und Tolkien gehörten, die in ihren Romanen ebenfalls das Christentum spannend, abenteuerlich, farbig freilegten.

Lewis hatte als „wissenschaftlicher Atheist" seine Laufbahn begonnen, war aber tatsächlich durch Denken zur Erschütterung seines Weltbildes gekommen. Eigentlich wollte er das Christentum widerlegen, geriet aber Schritt für Schritt auf Argumente für seine hohe Wahrscheinlichkeit. Von daher rührt seine enorme Fähigkeit, auf die vorwiegend „rationalen" Einwände gegen die christliche Weltsicht einzugehen, seien es Einwände aus dem Bereich der historisch-exegetischen oder der naturwissenschaftlichen Disziplinen.

Dienlich war ihm auch die angelsächsische Gewandtheit, tiefreichende Fragestellungen einfach (allerdings nicht simpel!) und mit einer Prise überraschendem Humor darzustellen. Kraft dieser Eigenschaft hielt er Rundfunkvorträge über das „Christentum schlechthin" (Mere Christianity), die in England klassischen Ruhm erlangten und nach wie vor in ihrer Frische und Zeitgemäßheit bestechen.

Kardinal Ratzinger bezog sich in einem Kommentar zu „Fides et ratio" gleich eingangs auf Lewis meisterhafte „Dienstanweisung an einen Oberteufel", wo die Auslegung von Texten, auch der Bibel, ausschließlich nach Quellenlage, historischer Entstehung und damaliger Bedeutung betrieben, nie mehr aber nach der Wahrheit dieser Texte gefragt wird.

Feinendegen (Jahrgang 1968), der mittlerweile als freier Mitarbeiter für das Bildungswerk der Erzdiözese Köln tätig ist, verfolgt in den fünf großen Kapiteln den Weg des Denkens von der Vernunft über die Erfahrung und ihre Erfassung von Sinn, bis zum Sinnzusammenhang von Wirklichkeit, von Zeit und Geschichte und bis zur Sinnoffenbarung der Weltgeschichte in der Inkarnation Jesu, die Tod und Auferstehung einschließt. Dieser große, ja riesige Bogen sei hier nur an einer Stelle nachgezeichnet, um Appetit zu machen: im Blick auf die „Grenzen der Aufklärung". Damit ist nämlich jener Selbstzweifel der Moderne erreicht, der sie mittlerweile in Skepsis und Relativität abstürzen ließ - also in einen unheilvollen entgegengesetzten Straßengraben, nachdem sich die Überheblichkeit einer scheinbar selbstherrlichen Vernunft angesichts der Sündenfälle des 20. Jahrhunderts nicht mehr halten ließ. Lewis geht damit einen Weg, der zeitgleich auch von Adorno und Horkheimer in der „Dialektik der Aufklärung" (1948) und heute von Habermas und anderen kritischen Denkern der Postmoderne gegangen wird.

Ohne verschlüsselten Fachjargon

Der Grundgedanke ist: Die Aufklärung, die alles der Rationalität unterworfen hatte, unterwirft nun auch die Vernunft und entleert sie zu einer rein rechnerischen, formalen Größe. Statt „Welt" wird nur noch „Natur" wahrgenommen, berechnet, beherrscht. „Wir reduzieren Dinge auf bloße Natur, um sie ,erobern‘ zu können." Damit wird aber auch der angebliche Herrscher über die Natur selbst zu einem Naturding, das sich auseinandernehmen und in seine Bestandteile sezieren und „verwerten" lässt - wie es längst geschieht und zum Programm der technischen „Macher" geworden ist. „In Wirklichkeit sind natürlich, sollte ein Zeitalter tatsächlich durch Eugenik und wissenschaftliche Erziehung die Macht erlangen, Nachkommen nach eigenem Belieben herzustellen, alle Menschen, die später leben, dieser Macht unterworfen." Lewis spricht unverblümt von der „Abschaffung des Menschen" als letzter Folge eines nur noch dinglichen Blickes auf die Welt - und meint ausdrücklich nicht nur das beständig wiederholte und damit stumpf gewordene Beispiel des Nationalsozialismus, sondern das laufende wissenschaftliche Programm einer genetischen „Verbesserung" des Menschen. (Habermas sprach warnend vom „posthumanen Zeitalter".) Als Lewis mit 32 Jahren Christ wurde, hatte er „die Vernunft" entdeckt - nicht den rechnerischen, „nützlich" argumentierenden Verstand. Vernunft meint ein Mittel, die Wahrheit als Grund der Wirklichkeit aufzuspüren und den Sinn von Geschichte freizulegen. Dieser Sinn ist ein universaler, wie die Wahrheit universal ist, und zugleich konkret, in Zeit und Geschichte zu entziffern. Sollte das nicht der Fall sein, so bliebe auch der Sinn des (menschlichen) Geschehens entzogen, unsichtbar - und sollte er dann „blind" geglaubt werden? Im Gegenteil: Glaube und Vernunft gründen in einer Augenöffnung - für das Wirkliche, Sich-Enthüllende. Lewis zeigt die Thora und mehr noch die Fleischwerdung Jesu als die konkrete Offenlegung von Sinn auf - sonst wäre Gott wirklich jenseitig, unerkennbar, wenn er nicht selbst gesprochen hätte. Nicht wir suchen ihn erstrangig, er hat uns gesucht: „Die wesentliche Haltung des Platonismus ist Sehnsucht oder Verlangen: die in der schattenhaften, unwirklichen Welt der Natur eingekerkerte menschliche Seele streckt ihre Arme aus und strebt mühsam der Schönheit und Wirklichkeit entgegen (...) Shelleys Ausdruck ,das Verlangen der Motte nach dem Stern‘ fasst dies zusammen. Im Christentum hingegen ist die Seele nicht die Suchende, sondern die Gesuchte: Es ist Gott, der sucht, der herabsteigt aus der jenseitigen Welt, um den Menschen zu finden und zu heilen; das Gleichnis des guten Hirten, der die verlorenen Schafe sucht und findet, fasst dies zusammen."

Das ist allerdings keineswegs einfach angenehm; wie Feinendegen aufzeigt, weiß Lewis sehr wohl um das Widerstreben gegen einen solchen Gott: „Ein ,unpersönlicher‘ Gott - schön und gut. Ein subjektiver Gott der Schönheit, Wahrheit und Gutheit in unseren Köpfen - noch besser. Eine formlose Lebenskraft, die uns durchströmt, eine gewaltige Macht, die wir anzapfen können - am allerbesten. Doch der lebendige Gott selbst, der am anderen Ende der Strippe zieht und sich vielleicht mit unendlicher Geschwindigkeit nähert, der Jäger, König, Bräutigam - das ist etwas ganz Anderes. (...) Es kommt ein Augenblick, da Menschen, die sich einige Zeit oberflächlich mit Religion befasst haben (...) plötzlich zurückschrecken. Angenommen, wir hätten ihn wirklich gefunden? Dazu hätten wir es nie kommen lassen wollen! Schlimmer noch, angenommen, Er hätte uns gefunden?"

Und wie könnte Gott sprechen, wenn ihn der Mensch nicht wirklich und wirksam mit Vernunft vernehmen könnte? Feinendegen betont die ungemein zeitnahe, jedermann verständliche Sprache von Lewis, der fast gänzlich auf theologische Fachbegriffe verzichtete, und bezeichnet diese Fähigkeit als heute dringlich notwendig gegenüber einem verschlüsselten Fachjargon. Lewis selbst sieht das „Übersetzen" Christi in den Alltag des Wortes als Nachfolge an: „Unsere Nachahmung Gottes in diesem Leben (...) muss eine Nachahmung des inkarnierten Gottes sein: Unser Vorbild ist der Jesus nicht nur des Kalvarienberges, sondern der Werkstatt, der Straßen, der Menschenmengen, lautstarken Forderungen und groben Widersprüchen ausgesetzt, ohne jeden Frieden oder jede Privatheit, ständig unterbrochen. Denn dies, so seltsam unähnlich allem, was wir dem göttlichen Leben in sich selbst zuschreiben können, ist dem göttlichen Leben offensichtlich nicht ähnlich, sondern ist das göttliche Leben, wenn es unter menschlichen Bedingungen agiert." Mit Lewis plädiert Feinendegen für eine Auslegung des Christentums als „befreiende Botschaft für alle Menschen" - eben weil es vernünftig und sinnöffnend ist. Dass damit eine tagesgenaue Herausforderung formuliert ist, zeigt die unselige Diskussion um zwei Heilswege (warum nicht noch mehr?), die der Arbeitskreis „Juden und Christen" im ZdK losgetreten hat. Feinendegen hat darauf mit Lewis eine herausragende Antwort im vorhinein gegeben.

Da es den Plural der Schöpfung gibt, gibt es ihn freilich in anderer Weise als den gleich-gültigen und beliebigen: „Gleichförmigkeit lässt sich am meisten unter den am meisten ,natürlichen‘ Menschen finden, nicht unter jenen, die sich Christus übergeben. Wie monoton ähnlich waren sich all die großen Tyrannen und Eroberer: wie herrlich verschieden sind die Heiligen."

Diese Lektüre vermittelt gleichzeitig Argumente und Freude - beides berührt den „Saum seines Wesens". Feinendegen hat eine große Grammatik der Augenöffnung eines Blinden aufgeschlüsselt.

[Norbert Feinendegen: Denk-Weg zu Christus. C. S. Lewis als kritischer Denker der Moderne. Verlag Friedrich Pustet, Regensburg 2008, 616 Seiten, ISBN 978-3-7917- 2146-0, EUR 54,-; © Die Tagespost vom 25. April 2009]