Den Schmerz vor Gott herausschreien

Sich vor Gott über die eigenen Leiden zu beklagen sei keine Sünde, sondern ein Gebet, das von Herzen komme, so Papst Franziskus heute Morgen in Santa Marta

Vatikanstadt, (ZENIT.org) Maike Sternberg-Schmitz | 604 klicks

Bei der heutigen Messe waren einige Vertreter der Kongregation für den göttlichen Kult und der apostolischen Bibliothek anwesend. Neben anderen nahmen Kardinal Antonio Caňizares Llovera, Mons. Cesare Pasini und Mons. Joseph Di Noia teil.

Heute stand die Lesung (Tob 3,1-11a.16-17a.) über Tobias und Sara im Fokus der Betrachtungen des Pontifex: zwei Menschen, die dramatische Situationen erleben. Ersterer wird blind und riskiert sein Leben, obgleich er gute Werke vollbringt; Sara heiratet sieben Männer, die alle noch vor der Hochzeitsnacht sterben. Beide – in ihrem unermesslichen Leiden – bitten Gott, sie sterben zu lassen. „Es handelt sich hier um zwei Personen, die sich in extremen Situationen befinden, die sie existenziell betreffen, und die einen Ausweg suchen. Sie beklagen sich, aber sie lästern Gott nicht“ , so der Papst.

„Sich vor Gott zu beklagen, ist keine Sünde. Ein mir bekannter Priester sagte einmal zu einer Frau, die sich über ihr Unglück beklagte: ‚Das ist eine Form des Gebetes. Machen Sie weiter.‘ Der Herr hört, er hört unsere Klagen an. Denken wir an die Großen, an Hiob, der im dritten Kapitel sagt: ‚Verflucht sei der Tag an dem ich auf die Welt gekommen bin.‘ Und auch Jeremias, im 20. Kapitel: ‚Verflucht sei der Tag…‘. Sie beklagen sich sogar mit einem Fluch, nicht gegen Gott, aber gegen die Situation, nicht wahr? Das ist menschlich.“

Der Papst unterstrich, dass sich viele Menschen in extremen Lebensumstände befänden: unterernährte Kinder, Flüchtlinge, Todkranke. Im heutigen Evangelium, so der Pontifex, präsentierten die Sadduzäer Jesu eine Frau am Existenzminimum, Witwe von sieben Männern, von der sie nicht gut sprächen.

„Die Sadduzäer sprachen von dieser Frau, als ob sie ein Labor sei, alles steril, alles… Es war eine moralische Frage. Wenn wir an Menschen denken, die leiden, denken wir so daran, als ob es sich um eine moralische Frage handle, eine Idee, ‚aber in diesem Fall, … in diesem Fall …‘. Oder denken wir auch mit unserem Herzen, mit unserem Fleisch? Mir gefällt es nicht, wenn man über solche Situationen auf akademische, nicht menschliche Art spricht, manchmal sogar mit Statistiken und auch nur da. In der Kirche gibt es viele Menschen in schwierigen Situationen.“

In solchen Fällen müsse das getan werden, was Jesu sage, so der Papst, beten:

„Für sie beten. Sie müssen in mein Herz gelangen, sie müssen mich beunruhigen: mein Bruder leidet, meine Schwester leidet. Sieh da … das Geheimnis der Kommunion der Heiligen: den Herrn bitten: ‚ Schau diesen an, Herr, er leidet, er weint‘. Beten, erlaubt mir, mich so auszudrücken, mit dem Fleisch: das unser Fleisch bete. Nicht mit Ideen. Mit dem Herzen beten.“

Papst Franziskus unterstrich, dass die Gebete Tobias und Saras, obgleich sie Gott um den Tot bätten , Hoffnung geben sollten, weil sie auf ihre Art von Gott aufgenommen würden, der Tobias heilt und endlich Sara einen Mann gebe: „Das Gebet kommt in der Gnade Gottes an, wenn es ein Gebet von Herzen ist. Wenn es hingegen ein moralisches Problem ist, wie die Sadduzäer davon sprachen, kommt es nie an, weil es nie aus uns heraus kommt; es interessiert uns nicht. Es ist ein intellektuelles Spiel.“ Der Papst lud dazu ein, für all diejenigen zu beten, die dramatische Situationen erleben und viel Leiden müssen und wie Christus am Kreuz schreien: „Vater, warum hast du mich verlassen?“, und schloss mit den Worten ab: „Beten wir, auf das unser Gebet ankomme und ein bisschen Hoffnung für uns alle sei.“