Den Schritt aus sich heraus wagen: Liebe heißt Sich-Verschenken

Interview mit DI Robert Schmalzbauer, Leiter des Projekts „Christliche Familie“ der Österreichischen Bischofskonferenz

| 1202 klicks

WIEN, 13. Februar 2008 (ZENIT.org).- Zum Festtag des heiligen Märtyrers Valentin aus dem dritten Jahrhundert beleuchtet DI Robert Schmalzbauer, Projektleiter einer neuen Initiative der Österreichischen Bischofskonferenz zur Förderung von Ehe und Familie, im Gespräch mit ZENIT das Wesen der Liebe, um die man sich kümmern sollte.



„In die Beziehung muss man hineininvestieren – nicht erst dann, wenn es schief geht, wenn es irgendwie kracht. Liebe erfordert fortwährende Bemühung.“

Mit konkreten Ratschlägen zeigt Schmalzbauer auf, wie Liebe wachsen und sich entfalten kann, damit die ihr innewohnende Sehnsucht nach Ewigkeit nicht enttäuscht wird.

Dem neuen Projekt „Christliche Familie“ der österreichischen Bischöfe, das in der Antwort zur letzten Frage angesprochen wird, widmet sich ZENIT in der Donnerstags-Ausgabe ausführlicher.

ZENIT: Morgen wird die Kirche den Gedenktag des heiligen Bischofs Valentin aus der italienischen Stadt Terni begehen. Er ist der Patron der Liebenden. Wie wird man ein Liebender?


Schmalzbauer: Indem man sein Herz öffnet! Indem man die Augen aufmacht und das viele Schöne betrachtet, das Gott geschenkt und geschaffen hat.

Also, das Herz öffnen für das Schöne in der Welt. Und das Schöne ist zunächst einmal das, was Gott gemacht hat – die Schöpfung, die wir sehen können. Aber dann geht es auch darum, dahinter den Schöpfer selbst zu erblicken.

Ohne Gott wird man im Letzten kein Liebender – weil er die Liebe ist. Auch wenn es sicher Menschen gibt, die ihn nicht so erfahren haben. Gott ist ein wesentlicher Bestandteil davon, dass man ein Liebender wird und sein Herz dann auch öffnet für die Nächsten, die nach seinem Abbild geschaffen sind.

ZENIT: Was ist das Wesen der wahren Liebe? Wie zeigt sie sich?

Schmalzbauer: Das Wesen der Liebe hat mit Schenken zu tun: nicht bei sich zu bleiben, sondern zu geben; dem anderen von sich zu geben.

ZENIT: Die Liebe von Mann und Frau spiegelt in besonderer Weise die Liebe Gottes wider, heißt es. Inwiefern tut sie das?

Schmalzbauer: Wenn wir auf die dreifaltige Liebe Gottes schauen, dann gibt es da ein ständiges Sich-Verschenken. Gott verschenkt sich in sich selber, in der Heiligen Dreifaltigkeit. Das ist ein unglaubliches Geheimnis, das wir gar nicht wirklich verstehen, das wir aber an der Liebe von Mann und Frau doch ein wenig erahnen können.

Wenn sich die Frau ihrem Mann hingibt und der Mann seiner Frau, wenn sie sich und ihre Herzen füreinander öffnen, sich einander tatsächlich schenken; wenn sie den Schritt wagen aus sich heraus – eigentlich etwas beinahe Unmögliches: dass man von sich selbst ganz wegschaut und auf den anderen zugeht –, dann entdecken sie dort Gott. Dort entdecken wir die Liebe Gottes und damit auch das, was daraus hervorgeht: neues Leben.

Vor allem in der höchsten Form dieser gegenseitigen Hingabe, der Sexualität, der Vereinigung von Mann und Frau, entsteht neues Leben. Ja, man könnte gewissermaßen sagen: Menschliches Leben kann nicht mehr vernichtet werden. Leben ist für die Ewigkeit geschaffen – selbst wenn der Mensch heute Schreckliches tut.

Immer ist es Leben für die Ewigkeit. Und daran sieht man, dass Gott am Werk ist. Denn der Mensch kann nie etwas für die Ewigkeit tun – außer eben er liebt, wird Gott dadurch ähnlich und öffnet und verschenkt sich, um so neuem Leben Raum zu geben.

ZENIT: Wie kann sich eheliche Liebe wirklich entfalten, und welchen Stellenwert hat dabei ein gemeinsames Ziel?

Schmalzbauer: Ich glaube, dass das mit dem gemeinsamen Ziel, dass Sie ansprechen, etwas ganz Wesentliches ist. Wenn man nur bei dem Sich-gegenseitig-Anschauen stehen bleibt und sich nicht auch für Neues öffnet, das da entsteht – eben ein gemeinsames Ziel –, dann hat die Liebe irgendwo auch einmal ein Ende.

Die Liebe wächst automatisch über sich selbst hinaus. Sie bleibt nicht in sich, sondern sie geht weiter. Und sie ist nicht etwas, was von vornherein da ist – auch wenn von vornherein Verliebtheit da ist. Liebe wächst. Liebe ist wie eine Pflanze, die gehegt und gepflegt werden muss, die Sonne, Wasser und Dünger benötigt. Das gilt gerade für die Beziehung.

In der Liebe muss man einfach viele Dinge auch beachten und wissen. Es bedarf der Bildung. Man muss wissen, wie es gehen kann, was hilft und was nicht hilft. Liebe braucht in diesem Sinn auch Anstrengung.

In die Beziehung muss man hineininvestieren – nicht erst dann, wenn es schief geht, wenn es irgendwie kracht. Liebe erfordert fortwährende Bemühung. Man muss sich um sie kümmern, am Ball bleiben.

ZENIT: Was sind die drei wichtigsten Dinge, die man im Kopf haben sollte, wenn man an der Liebe arbeiten will?

Schmalzbauer: Ganz wichtig ist das Gespräch. „Das Wort ist Fleisch geworden“, heißt es in der Schrift. Das Wort hat also eine ganz zentrale Bedeutung.

Wir leben heute in einer „Small-Talk“-Gesellschaft, wo man sehr viele Beziehungen hat, sehr viele Freundschaften unter Anführungszeichen, die aber leicht in eine sehr flache Ebene abgleiten. Man geht nicht mehr in die Tiefe. Auch in der Ehe oder einer Liebesbeziehung läuft man Gefahr, dass man das wirkliche Wort nicht mehr miteinander teilt.

Zum Zweiten: Mutter Teresa sagt: „Eine Familie, die gemeinsam betet, bleibt zusammen.“ Das gemeinsame Wort an Gott, das gemeinsame an Gott gerichtete Wort ist wesentlich. Wenn Gott nicht die Mitte der Liebesbeziehung ist, dann ist das so wie wenn einer Pflanze die Sonne fehlt.

Und das Dritte, das Sie ja bereits angesprochen haben, ist das Hinhören auf das, was der gemeinsame Auftrag Gottes ist. Auch in der Ehe gibt es eine Berufung: die „Berufung in der Berufung“. Welchen Auftrag, welche Mission gibt es da? Es können die Kinder sind, wobei die Erziehung was recht Allgemeines ist. Und Paare, die keine Kinder bekommen, haben sie keinen Auftrag? Gott hat für jede und für jeden, für jedes Ehepaar und jede Familie einen ganz besonderen Auftrag: eine Aufgabe, die für sie da ist und die wichtig ist.

Dieses Ziel, dieses gemeinsame Nach-vorne-Schauen und Nach-vorne-Gehen, ist ebenfalls von entscheidender Bedeutung.

ZENIT: Was bedeutet Treue, was ist ihr Geheimnis?

Schmalzbauer: Treue hat sehr viel mit Dankbarkeit zu tun. Wenn die Dankbarkeit fehlt, wird das Leben irgendwie traurig, leer.

Der Lobpreis Gottes, den uns die Kirche schon am Morgen oder noch in der Nacht an Gott zu richten aufruft – der Lobpreis und die Dankbarkeit, die müssen sich auch auf den Ehepartner beziehen. Die Dankbarkeit für das, was ich im anderen an Großartigem entdecke, ist wie ein Schlüsselloch zur Treue.

Heute besteht die Gefahr, dass wir in einer Art Wegwerf-Gesellschaft leben, und die Werbung suggeriert uns, dass es immer etwas noch Besseres gibt. Auf die Beziehung angewendet, heißt das: Es gibt noch eine bessere Frau, eine noch eine schönere, jüngere… Wenn wir hier in der Haltung der Dankbarkeit bleiben, dann können wir sozusagen „treu gehen“. Die Treue ist eine der Säulen einer Beziehung.

Wenn wir in die Ehe gehen, sagen wir: bis der Tod uns scheidet. Ich glaube, das ist nur möglich in der Dankbarkeit. Indem man sich übereinander freut, im anderem ein Geschenk Gottes sieht und ihm ständig dankt, dass er einem geschenkt worden ist.

ZENIT: Sie sind am Projekt „Christliche Familie“ der Österreichischen Bischofskonferenz maßgeblich beteiligt. Wie wollen die Bischöfe Ehe und Familie fördern?

Schmalzbauer: Was ganz wichtig ist, wenn es darum geht, Ehe und Familie zu fördern, ist das Wissen darum, dass sich „Leben am Leben entzündet“. Dieses Schlagwort heißt konkret: Familien brauchen Familien. Familien müssen andere Familien erleben, müssen mit anderen Familien feiern.

Familien, die schon einen gewissen Weg gegangen sind, können gute Vorbilder für andere darstellen, eine Orientierungshilfe. Deshalb besteht die erste Förderung darin, dass Familien Orte finden, wo sie sich gegenseitig treffen und einander bestärken können, wo sie aber auch ausgebildet werden; Orte, wo es gute Schulungen für Familien gibt. Das sind die wichtigsten Stationen.

Wenn sich Familien treffen können, entstehen Beziehungen und tragfähige Netze, auch Netze der Solidarität – für den Fall, dass es einem einmal nicht so gut gehen sollte. In jeder Familie, in jeder Beziehung kann es auch einmal eine Krise geben. Und dann geht es darum, dass man einander hilft, dass man mit Rat und Tat einander beisteht. Und wenn einmal eine Notsituation eintritt – Krankheit, Tod oder was auch immer –, stärkt man sich gegenseitig.

Familien brauchen andere Familien, brauchen Gemeinschaft, die trägt. Das ist, ganz allgemein gesprochen, das, was die Bischofskonferenz in diesem Bereich fördern möchte.

[Das Interview führte Dominik Hartig]