Denkfehler in Brüssel

Warum es weniger arbeitslose Jugendliche gibt als immer behauptet wird

Bonn, (IDAF) | 284 klicks

Desinformation durch Halbwahrheiten: Dieses „Geschäft" betreibt leider auch die sogenannte „Qualitätspresse". Das zeigt einmal mehr die Berichterstattung über die Jugendarbeitslosigkeit in Europa. Das Problem beginnt bei den Zahlen: Die monatlich von Eurostat veröffentlichen Arbeitslosenzahlen beziehen sich immer auf die Erwerbspersonen, also diejenigen, die berufstätig sind oder Arbeit suchen. „Nichterwerbspersonen" wie z. B. Hausfrauen oder Schüler und Studenten werden nicht berücksichtigt. Die offizielle Arbeitslosenquote ist deshalb höher als der Anteil der Arbeitslosen an der Gesamtbevölkerung. Das gilt in besonderem Maße für die Jugendarbeitslosigkeit, weil 15-24-jährige Jugendliche oft noch Schüler und Studenten sind. Die Jugendarbeitslosenquote von über 50% in Spanien bedeutet nicht, dass jeder zweite Jugendliche arbeitslos „auf der Straße" steht. Vielmehr besuchen die meisten Jugendlichen dieses Alters noch Schulen und Hochschulen. Arbeitslos ist „nur" etwas mehr als ein Fünftel der gesamten Jugend, womit Spanien in Europa den Negativrekord hält (1).

Es ist deshalb richtig, wie dies einige wenige Journalisten auch tun, sich gegen einen Katastrophen-Alarmismus zu wenden, der teuren und notorisch ineffektiven Arbeitsbeschaffungs-Aktivitäten der Politik Vorschub leistet. Der Tenor der allgemeinen Berichterstattung lautet jedoch anders: Es ist die Rede von einer „verlorenen Generation", die durch die Wirtschaftskrise um ihre Zukunft gebracht werde. Für die Krise maßgeblich verantwortlich sei wiederum die - vor allem von Deutschland oktroyierte - Sparpolitik. Das ist gleich doppelt falsch: Zum einen sind die - schmerzhaften - Sparbemühungen keine Ursache, sondern eine Folge der Wirtschaftskrise, die mit dem Platzen von Immobilien- und Finanzspekulationsblasen begann. Ursache der Krise war gerade nicht eine übertriebene Sparsamkeit, sondern im Gegenteil eine Explosion der privaten und öffentlichen Verschuldung (2). Zum anderen war die Jugendarbeitslosigkeit in Südeuropa schon vor der Finanzkrise ausgesprochen hoch, um 2000 war sie in Spanien mehr als doppelt, in Griechenland mehr als dreimal so hoch wie in Deutschland. Seitdem hat sich die Jugendarbeitslosenquote in Griechenland und Spanien nochmals verdoppelt, während sie in Deutschland konstant blieb. Im Ergebnis ist die Jugendarbeitslosenquote in diesen Ländern nun etwa neunmal so hoch wie in Deutschland (3). Nicht ganz so groß, aber immer noch dramatisch ist das Gefälle bezogen auf die Arbeitslosen an der Jugendbevölkerung: Er liegt in Griechenland mehr als viermal, in Spanien mehr als fünfmal so hoch wie in Deutschland (4).

Noch aussagekräftiger sind die Zahlen zur Erwerbstätigkeit: In Griechenland (13%) und Spanien (18%) ist nur eine kleine Minderheit der 15-24-Jährigen erwerbstätig, in Deutschland liegt dieser Anteil bei über 47%, in Österreich und Dänemark bei etwa 55% und in der Schweiz und den Niederlanden sogar bei über 60%. Dem entspricht, daß in diesen Ländern nicht nur der Anteil Arbeitsloser, sondern auch der „Nichterwerbspersonen" unter den Jugendlichen viel geringer ist als in Spanien, Griechenland oder auch Italien (5). Ist das so, weil Griechen, Spanier und Italiener lieber länger die Schul- oder Hochschulbank drücken als Deutsche, Niederländer oder Dänen? Das dürfte kaum die ganze Wahrheit sein. Es ist anzunehmen, dass viele Bildungseinrichtungen auch deshalb besuchen, weil Ausbildungs- und Arbeitsplätze fehlen (6). Mit anderen Worten: Die hohe „Bildungsbeteiligung" in Südeuropa, auch in Frankreich oder Belgien, ist zum Teil Ausdruck einer verdeckten Jugendarbeitslosigkeit.

Am geringsten ist die Jugendarbeitslosigkeit in den deutschsprachigen Ländern, was besonders dem „dualen" System beruflicher Bildung zu verdanken ist. Welche Bedeutung das Ausbildungssystem hat, zeigen Dänemark und Schweden: Beides sind gleichermaßen wohlhabende, wirtschaftlich erfolgreiche Sozialstaaten. In Schweden liegt die Jugendarbeitslosenquote aber weit höher als in Dänemark (7). Der Vorteil Dänemarks liegt im berufspraktischen Ausbildungssystem, das demjenigen in Deutschland ähnelt (8). Schweden setzt hingegen auf eine akademisierte Ausbildung, die von der OECD und der EU-Kommission gebetsmühlenhaft als vorbildlich gepriesen wird. So soll nach den Zielen der EU die Akademikerquote bis zum Jahr 2020 mindestens 40% erreichen (9). Aus dieser Perspektive ist Deutschland noch im „Rückstand", während Spanien das Plansoll längst erreicht hat. Diese Politik ist an Absurdität kaum zu übertreffen. Es ist daher richtig, wenn sich deutsche Politiker für mehr Berufsbildung in Europa einsetzen. Letztendlich ist aber jedes Land für seine Politik selbst verantwortlich - mit seiner Regierung, seinem Parlament - gegenüber seinen Wählern. Horrend ungerecht ist es deshalb, wenn deutsche Steuerzahler nun auch noch für die Bildungsmisswirtschaft anderswo zahlen sollen.

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FUSSNOTEN

1) Eurostat: Jugendliche in der EU - Messung der Jugendarbeitslosigkeit - wichtige Konzepte im Überblick, Pressemitteilung 107/2013 - 12. Juli 2013.

2) Zur Anamnese der Eurokrise: http://www.i-daf.org/aktuelles/aktuelles-einzelansicht/archiv/2013/04/05/artikel/euro-und-arbeitslosigkeit-alternativen-gesucht.html.

3) Siehe hierzu: „Explosion der Jugendarbeitslosigkeit in Südeuropa"

4) Siehe hierzu: „Jugendarbeitslosigkeit in Westeuropa"

5) Siehe hierzu: Erwerbstätigkeit von Jugendlichen in Europa

6) Darauf macht zu Recht der folgende Artikel aufmerksam, der sich qualitativ von vielen anderen Medienbeiträgen positiv abhebt: http://www.faz.net/aktuell/politik/europaeische-union/jugendarbeitslosigkeit-in-der-eu-gar-keine-arbeit-ist-auch-keine-loesung-12181505.html.

7) Siehe hierzu: „Jugendarbeitslosigkeit in Westeuropa"

8) Zum Ausbildungssystem in Dänemark: http://datenreport.bibb.de/html/4812.htm.

9) Hierzu: http://www.i-daf.org/aktuelles/aktuelles-einzelansicht/archiv/2013/01/08/artikel/absurdes-aus-bruessel-planen-gegen-vernunft-und-wirklichkeit.html