Der Advent und das Geheimnis der Menschwerdung

Menschwerdung an Weihnachten oder am Fest der Verkündigung?

Rom, (ZENIT.org) Edward McNamara LC | 383 klicks

P. Edward McNamara, Professor für Liturgie am Päpstlichen Athenäum „Regina Apostolorum“ in Rom, beantwortet Leserfragen. 

Frage: Am Montag der zweiten Adventswoche heißt es im Tagesgebet: „Gott, unser Vater, wir bereiten uns in diesen Tagen darauf vor, die Menschwerdung deines Sohnes zu feiern.“ Die Menschwerdung feiern wir aber am 25. März, nicht am 25. Dezember. Man begeht im Advent noch viele weitere Fehler dieser Art. Müsste der Vatikan das nicht korrigieren? Ich kenne jemanden, der es sogar als Argument für die Abtreibung benutzt: „Auch die Kirche erkennt an, dass Christus erst am Weihnachtstag Mensch geworden ist. Vorher war er kein Mensch, kein menschliches Wesen im Schoß Mariens.“ Der Mann irrt sich, aber ganz und gar Unrecht hat er nicht. -- C.A., Carlisle, England. 

P. Edward McNamara: Ich wäre etwas vorsichtiger mit der Aussage, dass die Kirche „Irrtümer“ begeht, wenn sie Gebete formuliert, die vor Gott und den Gläubigen zu verkünden sind. 

Wenn wir über ein Gebet erstaunt oder bestürzt sind, sollten wir uns zuerst fragen, ob wir nicht vielleicht den Text verkehrt auslegen oder mit falschen Erwartungen an ihn herantreten, zumal er im liturgischen Kontext benutzt wird. 

Vom geschichtlichen Standpunkt aus betrachtet sind die Gebete, die wir im Advent verwenden, antiken Manuskripten entnommen, die man unter dem Namen „Rotulus von Ravenna“ (V.-VI. Jahrhundert) und „Sacramentarium des Gelasius“ (VII. Jahrhundert) kennt. Ihr durchgängiges Thema ist das Kommen Christi, sowohl bei der Menschwerdung (das erste Kommen) als auch am Ende der Zeiten (das zweite Kommen). 

Tatsächlich feiern wir an Weihnachten und am Fest der Verkündigung verschiedene Aspekte ein und desselben Geheimnisses (der Menschwerdung), wobei der Schwerpunkt nicht auf biologische oder chronologische Unterscheidungen gelegt ist. 

Das Weihnachtsfest hat seinen Ursprung in der Stadt Rom und wurde um das Jahr 330 zum ersten Mal gefeiert, das heißt 15 Jahre nachdem die Verfolgungen ein Ende genommen hatten, und vielleicht geschah dies auch in der konstantinischen Basilika, die gerade fertiggestellt worden war. 

Erste Spuren von einem Fest der Verkündigung gibt es in Ägypten. Sie gehen auf das Jahr 624 zurück. Danach häufen sich die Zeugnisse von einer solchen Feier in verschiedenen Regionen des Christentums. Von Anfang an hat man das Fest am 25. März gefeiert, weil man der Überzeugung war, die Tag-und-Nacht-Gleiche im Frühling fiele sowohl auf den Tag der Schöpfung als auch auf den Anfang der Neuschöpfung in Christus. 

Diese Festlegung hat in einigen kirchlichen Kontexten zu Problemen geführt, wie zum Beispiel im mozarabischen Ritus in Spanien und im ambrosianischen Ritus in Mailand, denn dort ist es strikt verboten, während der Fastenzeit Feste zu feiern. Deswegen hat man in diesen Bereichen beschlossen, die Verkündigung am 18. Dezember zu feiern, eine Tradition, die bis heute weiterbesteht. 

Es ist also klar, dass weder der liturgische Kalender, noch ein liturgisches Gebet als Argumente verwendet werden können, um über die Abtreibung oder über den genauen Augenblick, in dem das Leben beginnt, zu diskutieren. 

Zweck der Liturgie ist es nicht, sich mit solchen Themen auseinanderzusetzen. In ihr wollen wir vielmehr Gott loben und preisen für das wunderbare Geheimnis des Wortes, das zu unserem Heil „Fleisch angenommen hat... von der Jungfrau Maria und Mensch geworden ist“ (vgl. großes Glaubensbekenntnis). 

Übersetzt von P. Thomas Fox, LC, aus dem italienischen Artikel http://www.zenit.org/it/articles/la-preghiera-di-avvento-e-l-incarnazione