Der Altar als Quell der Gnade

Kirchenväter: Der Altar ist Christus- P. Edward McNamara, Professor für Liturgie am Päpstlichen Athenäum Regina Apostolorum in Rom, beantwortet Leserfragen

Rom, (ZENIT.org) | 451 klicks

Frage: Wer, was oder welcher Ort sollte bei der Messfeier im Mittelpunkt stehen? – Der Altar, der Tabernakel oder der zelebrierende Priester? Meine Frage rührt daher, dass sich in einer unserer Pfarreien eine Splittergruppe gebildet hat, was zu Uneinigkeit, Unzufriedenheit und einer deutlichen Spaltung führte. Darüber hinaus gehen Priester ein und aus, die zur Verwirrung der Gemeinde beitragen; einer behauptet dies, der andere das – basierend auf ihrer jeweiligen Überzeugung. Ich stelle diese Frage auch, weil der Altarraum manchmal unterschiedlich gestaltet ist. In unserem Fall befindet sich der Tabernakel auf der rechten Seite, gegenüber dem Altar. Von der Sakristei aus geht man vor dem Tabernakel vorbei, ehe man den Vorsitzstuhl des zelebrierenden Priesters, den Altar und den Ambo erreicht. Ich würde Sie bitten, uns hierüber aufzuklären und auf den neuesten Stand zu bringen. -- V.C., Monrovia, Liberia

P. Edward McNamara: Bei der Eucharistiefeier gibt es eigentlich nur einen wahren Mittelpunkt, um den alles andere sich dreht, und das ist Christus und sein Heilsgeheimnis.

Diese Zentralität Christi findet in der Messfeier ihren Ausdruck und spiegelt sich in der Struktur des Kirchengebäudes auf vielerlei Arten und Weisen wider.

Vom architektonischen Standpunkt aus gesehen, sollte der Altar im Mittelpunkt stehen. Die U.S.-Amerikanische Bischofskonferenz erklärt in ihrem Dokument „Aus lebendigen Steinen gebaut“ („Built of Living Stones“) die zentrale Bedeutung des Altars. Obwohl dieser Text für die Vereinigten Staaten gilt, spiegelt er in dieser Beziehung die Lehre der Universalkirche und ihre maßgeblichen Richtlinien wider (siehe auch AEM 259-267 bzw. GRM 296-304, AW 1-11):

„§ 56: Mit der Eucharistie feiert die liturgische Versammlung das rituelle Opfermahl, bei dem das Gedächtnis von Christi Leben, Tod und Auferstehung begangen, dieses Ostergeheimnis gegenwärtig gemacht, und ‚der Tod des Herrn‘ verkündet wird, ‚bis er wiederkommt‘ [vgl. AW 4]. Der Altar ist ‚Mittelpunkt der Danksagung, die in der Eucharistie vollzogen wird‘ [AEM 259] und der Ort, auf den alle anderen gottesdienstlichen Feiern in gewisser Weise ausgerichtet sind [vgl. AW 4]. Da die Kirche lehrt, dass ‚der Altar Christus ist‘ [Cyrill von Jerusalem PG 68, 592-593 und 647; vgl. auch Ignatius von Antiochien, Ad Magnes 6], sollte dieser den Adel, die Schönheit, Stärke und Einfachheit dessen ausstrahlen, den er darstellt. In neuen Kirchen sollte es nur einen Altar geben, damit er der Versammlung der Gläubigen den einen Christus und die eine Eucharistie der Kirche aufzeige.

„§ 57: Der Altar ist der natürliche Mittelpunkt des sakralen Raumes. Er hat freistehend zu sein, damit der Priester ihn leicht umschreiten und an ihm die Messfeier dem Volk zugewandt vollziehen kann. Für gewöhnlich sollte der Altar feststehend sein (mit dem Sockel fest mit dem Boden verbunden) und mit der Tischplatte aus Naturstein, denn er bezeichnet Jesus Christus, den lebendigen Stein (1 Petr 2,4). Der Unterbau beziehungsweise der Sockel, der die Tischplatte trägt, kann aus jedem beliebigen Material gefertigt werden, sofern es würdig und fest sowie haltbar ist. In den Vereinigten Staaten ist es erlaubt, für einen feststehenden Altar außer Naturstein auch anderes Material zu verwenden [vgl. auch Beschluss der Deutschen Bischofskonferenz vom 22.09.1992 gemäß AEM 263], solange dies würdig, fest, haltbar und kunstvoll ausgestaltet ist und die Entscheidung hierüber dem Urteil des Ortsordinarius untersteht. Pfarreien, die neue Kirchengebäude bauen, müssen sich an die Richtlinien des Diözesanbischofs in Bezug auf die Art des Altars und auf das passende Ausstattungsmaterial für neue Altäre halten.“

„§ 58 Obwohl Größe und Gestalt des Altars nicht vorgeschrieben sind, sollte dieser den Proportionen nach dem Kirchenraum entsprechen. Gestalt und Größe sollten das Wesen des Altars als Ort des Opfers und als Tisch widerspiegeln, um den herum Christus die Gemeinschaft versammelt, um sie zu speisen. Bei der Wahl der Maße des Altars werden Pfarreien auch darauf Wert legen, dass alle anderen größeren Einrichtungsgegenstände im Altarraum harmonisch zum Altar passen. Die Tischplatte sollte geräumig genug sein, um dem zelebrierenden Priester, dem Diakon und den Akolythen, die dort Dienst tun, Platz zu bieten. Weiterhin sollte er das Römische Messbuch sowie die Gefäße mit dem Brot und dem Wein aufnehmen können. Der Eindruck, den der Altar vermittelt und seine Eignung, um ins Zentrum der Aufmerksamkeit zu rücken, hängen nicht nur von seiner Anordnung, Größe oder Gestalt ab, sondern insbesondere auch davon, wie gelungen seine stilistische Ausführung und wie würdig er gebaut ist. Der Altar sollte im Zentrum des sakralen Raumes stehen und im Kirchengebäude Mittelpunkt der Aufmerksamkeit sein.

„§ 59 Während der Eucharistiefeier muss der Altar von überall her in der Kirche einsehbar sein, jedoch nicht so erhöht, dass der Eindruck einer sichtbaren oder symbolischen Trennung von der liturgischen Versammlung entsteht. Es können Wege gefunden werden, ihn zu erhöhen und trotzdem dafür zu sorgen, dass Altardiener, die eines Rollstuhles bedürfen oder an anderen Behinderungen leiden, Zugang zu ihm haben.

„§ 60 Nach überliefertem kirchlichen Brauch wurden Altäre oft über den Gräbern der Heiligen errichtet oder aber man fügte die Reliquien der Heiligen unter dem Altar ein. Die Kirche glaubt, dass die auf dem Altar dargebrachte Eucharistiefeier der Quell ist, aus dem die Heiligen die Gnade der Heiligkeit geschöpft haben. – Gerade hierfür legt die Gegenwart der Reliquien der Heiligen Zeugnis ab. Seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil ist der Brauch, kleine Reliquien von Märtyrern oder von anderen Heiligen in die Tischplatte des Altares einzulassen und mit einer Platte abzudecken, nicht mehr üblich. Sofern sie von der Größenordnung her als Teile eines menschlichen Leibes erkannt werden können und ihre Echtheit erwiesen ist, werden Reliquien von Märtyrern oder anderen Heiligen unterhalb der Tischplatte des Altares beigesetzt. Sie werden nicht mehr auf den Altar gestellt oder in die Tischplatte des Altars eingelassen.“

Sonstige, für die Messfeier relevante Bezugspunkte sind auf den Altar ausgerichtet: Der Ambo dient der Feier der Liturgie des Wortes und vom Vorstehersitz aus leitet der Priester das Gebet der Gemeinde in den Augenblicken vor und nach dem Aufstieg zum Altar zur Feier der Liturgie der Eucharistie.

Während der Eucharistiefeier steht der Tabernakel nicht im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, obwohl er zur Anbetung außerhalb der hl. Messe einen hervorstechenden und sogar zentralen Ort im Kirchengebäude einnehmen sollte. Die Grundordnung (GRM) schreibt weiterhin unter Nr. 274 vor: „Befindet sich der Tabernakel mit dem Allerheiligsten Sakrament im Altarraum, machen der Priester, der Diakon und die anderen liturgischen Dienste eine Kniebeuge, wenn sie zum Altar kommen und von dort weggehen, nicht aber während der Messfeier.“

Sofern sich der Tabernakel im Altarraum, aber nicht hinter dem Altar befindet, machen die liturgischen Dienste die Kniebeuge zum Tabernakel hin gewendet.

Obwohl der Priester „in persona Christi“ handelt, ist er nicht wirklich Mittelpunkt der Feier. In der Tat ist er am wirksamsten, wenn es ihm gelingt, die Aufmerksamkeit von sich abzuwenden und die Gläubigen zum Geheimnis Christi hinzuführen. Der Gebrauch von Gewändern, das Singen und die besondere Position des Priesters dienen der Betonung seiner dienenden Rolle, nicht der Herausstellung seiner Person. Der Priester ist ein „Pontifex“, eine Brücke zwischen Gott und den Menschen. Aus der Ferne kann man eine Brücke wohl bewundern, doch erfüllt sie nur dann ihren Zweck, wenn man sie überqueren kann.

Übersetzt von P. Thomas Fox, LC, aus dem englischen Originalartikel Central Focus at Mass

Texthinweise:

AEM : Allgemeine Einführung in das Römische MessbuchGRM: Grundordnung des Römischen MessbuchsAW: Die Weihe des Altares. In: Pontifikale für die katholischen Bistümer des deutschen Sprachgebietes, Bd. IV: Die Weihe der Kirche und des Altares. Die Weihe der Öle. Trier 1994„Die Deutschen Bischöfe“ Nr. 9: „Leitlinien für den Bau und die Ausgestaltung von gottesdienstlichen Räumen - Handreichung der Liturgiekommission der Deutschen Bischofskonferenz, 25. Oktober 1988