Der "Angelus Novus" von Paul Klee

Italien gedenkt seiner Holocaustopfer

Rom, (ZENIT.org) Tanja Schultz | 387 klicks

Als Emblem für den Holocaustgedenktag wählten die italienisch-jüdischen Gemeinden auf ihrer Homepage den „Angelus Novus“, eine aquarellierte Zeichnung von Paul Klee. Sie war das Lieblingsbild des jüdischen Schriftstellers Walter Benjamin, der es zum Symbol seines Geschichtsverständnisses erklärte. „Der Engel der Geschichte muss so aussehen, mit aufgerissenen Augen und Mund und ausgebreiteten Flügeln… Er hat das Antlitz der Vergangenheit zugewendet. Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füße schleudert. Er möchte wohl verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen. Aber ein Sturm weht vom Paradiese her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, dass der Engel sie nicht mehr schließen kann. Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst…“

Der Blick auf die Trümmer der Vergangenheit, auf die Ermordung der während des Faschismus 7700 deportierten Juden jährt sich zum siebzigsten Mal in Italien. Seitdem der 27. Januar vor 14 Jahren von der Regierung zum nationalen Gedenktag erhoben wurde, finden auch außerhalb der jüdischen Gemeinden Initiativen statt, die versuchen, die Erinnerung an die Gräueltaten des Nazi-Faschismus wachzuhalten. In Kooperation mit dem Bildungsministerium, den Kommunen und den verschiedenen Verbänden für Kriegsopfer gibt es über den ganzen Monat verteilt Ausstellungen und Podiumsdiskussionen mit Historikern, Zeitzeugen und Überlebenden. Besonderes Anliegen ist, das Interesse der jüngeren Generation für die Epoche zu wecken, die Geschichte über Einzelschicksale zu rekonstruieren. Man versucht, Fragen der Jugendlichen zu beantworten, gemeinsam mit ihnen Erklärungen zu finden, wie es zu Indifferenz und vor allem zu einem derartigen Ausbruch von kollektiver Gewalt und Hass in der bürgerlichen Gesellschaft zur Zeit ihrer Urgroß- und Großeltern kommen konnte. Auch dieses Jahr sind ein paar hundert Schüler in den „Zug der Erinnerung“ nach Auschwitz gestiegen, eine mehrtägige Reise in das berüchtigste aller Vernichtungslager, auf dem die dramatischen Etappen der Deportierten nachgelebt werden.

Mitschuld der Faschisten 

In Italien wurden etwa 40.000 Menschen in KZs verschleppt. Nur ein Zehntel davon überlebte. Die Deportationen fanden während der deutschen Besatzung zwischen September 1943 und Januar 1945 statt. Nachdem Mussolini am 25. Juli gestürzt und General Badoglio einen Waffenstillstand mit den Alliierten geschlossen hatte, eilte Hitler seinem Verbündeten zu Hilfe. Er ließ den Stiefel, von Norden einmarschierend, bis Kampanien, südlich vom Rom, okkupieren. Unter der militärischen Protektion der deutschen Wehrmacht installierte der Duce die faschistische Republik von Salò.

Die Hauptgruppe der Opfer bildeten jedoch nicht die Juden, sondern 29.000 politische Gefangene. Die hohe Anzahl erklärt sich durch den Widerstand der einheimischen Bevölkerung gegen die deutsche Wehrmacht und SS, die von den meisten als Fremdherrschaft betrachtet wurde. In der Zeit spaltete sich die italienische Gesellschaft in Faschisten, die auch nach der Absetzung Mussolinis als Premierminister diesem die Treue hielten, und Antifaschisten. Bis vor kurzem wurden die Mitverantwortung und der Anteil des Faschismus am Holocaust tendenziell klein gehalten. Man sah die Schuld lieber bei dem fanatischen Bündnispartner Hitler, von dessen fatalem Einfluss er überrollt worden sei. Die Beurteilung konnte in jüngerer Zeit von Historikern teilweise wiederlegt werden.

Geplante Ausrottung vereitelt 

Dennoch hat die europaweite „antisemitische Säuberungsaktion“ der Deutschen in Italien (16 Prozent der Juden wurden getötet) weniger stark greifen können als beispielsweise in Griechenland (89 Prozent) oder Jugoslawien (82 Prozent). Dieses Faktum darf eindeutig der aktiven oder passiven Hilfe der Italiener gegenüber den jüdischen Mitbürger zugeschrieben werden. Von den rund 45.000 in Italien lebenden Juden konnten sich die meisten verstecken; viele fanden Unterschlupf auf dem Lande oder in Klöstern, sogar im Vatikan. Andererseits gab es keine offen demonstrierte Solidarität von Seiten der Bevölkerung oder Regierung wie in Dänemark oder Bulgarien. 

Obwohl der Antisemitismus den Faschismus von Anfang an begleitet hatte und nach dem Bündnis mit Hitlers stark zunahm, konnte eine radikalisierte Form in der breiten Bevölkerung nicht Fuß fassen. Sie war Bestandteil, aber nie Mittelpunkt der faschistischen Propaganda.

Tatsächlich ist kein Vernichtungsplan Mussolinis bekannt, wohl aber die Absicht, alle Juden zu internieren und sie innerhalb von zehn Jahren des Landes zu verweisen. Diejenigen hingegen, die erst nach 1919 in Italien gemeldet waren, wurden sofort ausgewiesen oder sogar eingesperrt. Offiziell behauptete der Duce noch 1938, „Diskriminierung, aber keine Verfolgung“ der Juden zu beabsichtigen. Auf jeden Fall rückte die Judenfrage mit dem Kriegseintritt Italiens 1940 und seinen katastrophalen Folgen zunächst in den Hintergrund. 

Der stille Leidensweg der italienischen Juden begann mit den unerwarteten Rassengesetzen im September 1938. Nur drei Monate nach Hitlers Besuch in Rom wurde die arische Rassentheorie Gesetz, die das sofortige Verbot von Mischehen und den radikaler Ausschluss alle jüdischen Bürger aus dem öffentlichen Leben begründeten. Dass bei der Abfassung die Nürnberger Gesetze Pate gestanden hatten, liegt auf der Hand: die Entfernung aus allen öffentlichen Ämtern und Einrichtungen wie Schulen, Universitäten, Ministerien und Heer. Die Güter von Unternehmern, Bankiers, Inhabern von Versicherungen wurden aus „Volksinteresse“ konfisziert, ihre Konten eingefroren. Die plötzliche Segregation traf die größtenteils assimilierten italienischen Juden wie ein Schlag. 

Gedemütigt und verarmt schlugen sich die jüdischen Bürger durch die mageren Kriegsjahre. Mit dem Einmarsch der Nationalsozialisten 1943 verwandelte sich ihr Leid in eine konkrete Todesbedrohung. Die SS begann in allen Städten mit einer Hetzjagd auf jüdische Bürger, zuerst verborgen in nächtlichen Razzien, später auch offen. Die unter den Faschisten eingerichteten Gefangenenlager für Oppositionelle in Norditalien wurde unter deutscher Leitung in Durchgangs- und Vernichtungslager umgewandelt (zum Beispiel San Sabba, Fossoli). 

Die römischen Juden 

Die Räumung des römischen Ghettos durch die Gestapo ging als besonders traurige Episode in die Geschichte ein. Hier wurden im Morgengrauen des 16. Oktober 1259 Frauen, Kinder und Alte aus ihren Häusern gezerrt und in versiegelten Viehwagons nach Auschwitz deportiert. Nur wenigen gelang die Flucht über die Dächer. In den nachfolgenden Monaten spürte die Sicherheitspolizei unter dem Kommandant Herbert Kappler weitere tausend Juden in Rom auf und ließ sie deportieren. Behilflich dabei war ihm die von Mussolini aufgestellten jüdischen Bürgerlisten im Einwohnermeldeamt sowie zahlreiche Denunziationen, die durch die Prämie von 5000 Lire – ein damaliges halbes Monatsgehalt – angeregt wurden.

Von den insgesamt 2091 aus der Hauptstadt deportierten Juden kehrten nur 17 nach dem Krieg zurück. Davon leben heute noch zwei, die ihre letzten Lebensjahre damit verbringen, in den Schulen von ihrem unbeschreiblichen Erlebten zu berichten. 

Mit ca. 40.000 jüdischen Bürgern hat man heute wieder die Einwohnerzahlen vor dem Krieg erreicht. Sie verteilen sich auf 21 Gemeinden, vor allem in Nord- und Mittelitalien. Rom beherbergt mit 16.000 die größte und älteste Gemeinde. Sie wurde bereits im zweiten vorchristlichen Jahrhundert gegründet und ist somit die älteste jüdische Diasporaansiedlung Europas. Sie hat eine eigene Musiktradition und Speisegesetze; ansonsten lehnt es sich an sephardisches Brauchtum an. 

Das heutige jüdische Viertel, wenige Straßenzüge am Tiber gegenüber der Tiberinsel, ist aus dem Ghetto der Päpste hervorgegangen. Paul IV., früherer Großinquisitor, ordnete es 1555 als Wohnort der Juden an. Seine Tore wurde erst 1870 zu Beginn der Monarchie eingerissen, und der Integrationsprozess der Juden begann. Einen entscheidenden Impuls für eine Annäherung und Öffnung zwischen Kirche und Judentum brachte – nach der Konzilserklärung Nostra Aetate – der Aufsehen erregende Synagogenbesuch von Papst Johannes Paul II. im Jahre 1986, der von seinem Nachfolger Papst Benedikt XVI. institutionalisiert wurde. 

Neuer Antisemitismus 

Seit der zweiten Intifada hat sich das Viertel sichtbar verändert. Man sieht mehr gehisste Israel-Fahnen und religiöse Abzeichen wie die Kippa auf den Straßen. Viele neue Kosher-Restaurants und -Bars bestimmen das Bild. Die Zugänge und vor allem die prächtige Synagoge werden von italienischem Militär bewacht. 1982 hat ein palästinensisches Kommando ein Bombenattentat vor dem Bau durchgeführt, bei dem ein Kind starb und 37 Personen verletzt wurden. Das ist nun schon über 30 Jahre her. Gemeindepräsident Riccardo Pacifici klagt jüngst wieder über die Häufung von antisemitischen Episoden und Parolen. Jüdische Gräber, „Stolpersteine“ und Gedenkinschriften von Deportierten sind mehrfach zerstört oder beschmiert worden. Erst vergangenen Freitag zum Sabbat haben Unbekannte drei Pakete mit Schweineköpfen, begleitet von einem antisemitischen Mordaufruf, an die symbolträchtigen Einrichtungen der Juden geschickt: an die Synagoge, die israelische Botschaft und das Museum. Vor diesem Hintergrund erscheint die Warnung des „Geschichtsengels“ von Walter Benjamin berechtigter denn je: dass Ausgrenzung und Diffamierung von Einzelnen oder Gruppen rechtzeitig bekämpft werden müssen, damit sich keiner der Gräuel der Vergangenheit wiederholen können.