Der Atheismus schlägt zurück

Von Stefan Rehder

| 985 klicks

WÜRZBURG, 2. Juni 2007 (Die-Tagespost.de/ ZENIT.org).- Wo immer der Soziobiologe Richard Dawkins auftritt, glaubt man den Geruch von Pulver und Schwefel in der Luft zu spüren. 560 Seiten soll sein im September im Ullstein-Verlag auf Deutsch erscheinendes Werk „Der Gotteswahn“ haben. In den Vereinigten Staaten von Amerika stand die englische Originalausgabe („The God Delusion“) des jüngsten Buchs des Oxford-Professors mehr als 30 Wochen lang auf der Bestsellerliste. Weltweit bekannt wurde Dawkins durch ein anderes Buch, dessen erste Auflage vor drei Jahrzehnten erschien. In „Das egoistische Gen“ (engl. „The Selfish Gen“) definiert er die Menschen als „Überlebensmaschinen – Roboter, blind programmiert zur Erhaltung der selbstsüchtigen Moleküle, die Gene genannt werden.“ Den Glauben hält der radikale Darwinist für eine „Art Geisteskrankheit“. Und weil im Darwinismus für die Kranken und Schwachen bekanntlich kein Platz ist, kann man sich an fünf Fingern abzählen, wie Dawkins wohl mit ihnen verfahren würde, wenn man ihn ließe.

Die Macht der Biologen

Doch auch mit den Waffen des Geistes ist Dawkins nicht ungefährlich. Sein Einfluss könne eigentlich nicht überschätzt werden, erklären die Biologen Alan Grafen und Mark Ridley, die im Jahr 2006 anlässlich des 30-jährigen Erscheinens von Dawkins Buch „Das egoistische Gen“ einen Essayband über Dawkins herausgegeben haben. Und Norbert Sachser, Verhaltensbiologe an der Universität Bielefeld, sagt: „Durch ihn erst wurde klar, dass sich in den siebziger Jahren ein Paradigmenwechsel vollzog.“

Der scheint allerdings längst wieder überholt zu sein. Glaubt man der aktuellen Ausgabe des Magazins „Der Spiegel“, dann ist es in erster Linie die Renaissance des Glaubens, die Dawkins und seine Mitstreiter auf den Plan ruft. „Eine neue Generation der Freidenker, Pfaffenbeißer und Skeptiker ist aufgebrochen, sich der ,Rückkehr der Religionen‘ in den Weg zu stellen“, schreibt der Rom-Korrespondent des „Spiegel“, Alexander Smoltcyzk. „Es ist das Coming-out all jener, die lange glaubten, die Gottesfrage würde sich von selbst erledigen. Und die jetzt merken, wie ihre Gesellschaften den Glauben an die Gottlosigkeit zu verlieren beginnen. Und wie in der Politik und auf Cocktailpartys immer öfter über Religion und Glaube gesprochen wird.“

Als Vorwand dient Dawkins und seinen Mitstreitern, zu denen auch der 1967 geborene Amerikaner Bestseller-Autor Sam Harris sowie die Philosophen Daniel C. Denett und Michel Onfray gehören, der 11. September 2001. Jeder Gläubige ist in ihren Augen bereits ein potenzieller Selbstmordattentäter. Gott oder – weil es den für die Atheisten gar nicht geben kann – genauer: die Idee Gottes „ist an allem schuld“. Deshalb soll der Welt jetzt der Glauben ausgetrieben werden. Auf die Gefühle der Gläubigen oder auch nur auf guten Geschmack legen die Prediger des Atheismus dabei keinen Wert: „Der alttestamentarische Gott ist einer der unangenehmsten Charaktere der Literaturgeschichte“, pflegt Dawkins, der sich selbst für einen angenehmen Zeitgenossen hält, seine Lesungen zu beginnen. „Eifersüchtig und ungerecht, ein Rassist, Schwulenhasser und Kinderkiller, ein übler Korinthenkacker, Megalomane und ethischer Säuberer“, sei Gott, behauptet Dawkins und fügt hinzu: „Die Leute lieben das.“

Man könnte so etwas als spätpubertäre Wichtigtuerei von Leuten abtun, die offensichtlich mit ihrer freien Zeit nichts Besseres anzufangen wissen. Doch das hieße die „neue Atheisten“ mächtig zu unterschätzen. Denn ihre Vordenker belassen es nicht dabei, vielbeachtete Bücher zu schreiben, in denen sie ihrem Hass auf alles Religiöse freien Lauf lassen, zu deren Kauf aber bislang noch niemand gezwungen wurde. Sie organisieren sich. Am 12. Oktober wird Dawkins in Frankfurt den mit 10 000 Euro dotierten Deschner-Preis der Giordano Bruno Stiftung entgegennehmen, die mit Veranstaltungen wie der „religionsfreien Zone“ auf dem XX. Weltjugendtag in Köln oder „Tanz dem Karfreitag“ ganz gezielt religiöse Empfindungen zu verletzen und Werthaltungen lächerlich zu machen suchen und die Gründung eines „Zentralrates der Konfessionslosen“ vorantreiben. Wie aggressiv und intolerant die „neuen Atheisten“ sind kann nicht nur auf zahlreichen Internetseiten besichtigt werden (DT vom 5. Mai). So listet der Spiegel in seiner aktuellen Ausgabe die „Zehn Gebote“ der neuen Atheisten auf, mit denen sie die Welt beglücken wollen. Darin heißt es zum Beispiel: „V. Du sollst Deine Kinder ehren und sie deshalb mit Gott in Frieden lassen“. Es gäbe, kann man dort lesen „keinen wesentlichen Unterschied zwischen Prügelstrafe, Missbrauch und den Schäden, der einer Kinderseele in Jesuitenschulen zugefügt wird.“ Man muss sich das politisch vorstellen: In dem Maße, in dem die „neuen Atheisten“ politische Macht gewännen, werden das Leben und die Werke gläubiger Menschen zunehmenden Einschränkungen unterliegen.

In Europa hieße das: Keine öffentlichen Gottesdienste, keine christlichen Schulen, kein Religionsunterricht an staatlichen Schulen. Kein Weigerungsrecht für Ärzte, die sich nicht an Abtreibungen und Euthanasie beteiligen wollen und vieles andere mehr. „Solange wir das Prinzip akzeptieren, religiöser Glaube müsse als solcher respektiert werden, ist nicht einzusehen, weshalb wir keinen Respekt vor dem Glauben von Osama Bin Laden und den Selbstmordattentätern haben sollen“, sagt Dawkins. Mit anderen Worten. Wer die Selbstmordattentäter bekämpfen wolle, muss zunächst den Glauben ausrotten. Das aber heißt nichts anderes als Kulturkampf. Nach dem Willen von Dawkins und seinen Mitstreitern soll der Glaube durch Wissen ersetzt werden. Dabei hat das Konstrukt der neuen Atheisten freilich einen entscheidenden Webfehler: Das, was etwa Dawkins für Wissen ausgibt, ist in Wahrheit nichts anderes als nur ein weiterer Glaube, mit dem Unterschied, dass er, anders als der religiöse Glauben, völlig absurd ist. Denn wären die Menschen, wie zum Beispiel Dawkins behauptet, Maschinen, die sich ihre Gene gebaut hätten, um ihr Überleben zu sichern, dann müssten wir uns auch Dawkins als eine solche vorstellen.

Ließe sich, wie Dawkins weiter meint, alles menschliches Denken und Handeln letztlich auf die von unseren egoistischen Genen verfolgten Überlebensstrategien reduzieren, dann wäre auch das Schreiben seiner Bücher Teil einer solchen. Natürlich ließe sich innerhalb dieser Theorie argumentieren, einen Bestseller-Autor zu schaffen, sei eine besonders effektive Strategie, mit der Gene für ihre Verbreitung sorgten.

„Jetzt lüge ich“

Da Bestseller-Autoren üblicherweise einen höheren Bekanntheitsgrad erreichen als andere Maschinen, die sich Gene bauen, machen sie vermutlich tatsächlich mehr Maschinen des anderen Geschlechts auf sich aufmerksam. Auf Lesereisen könnten sie zudem mit einer viel größeren Anzahl dieser Maschinen in Kontakt treten, als dies einem Biologie-Professor möglich wäre, der ausschließlich in Oxford lehrt und hier und da einen Kongress besucht.

Wer vornehmlich mit dem Unterleib denkt, wird Dawkins Theorie des egoistischen Gens möglicherweise manches abgewinnen können. Allerdings auch nur dies nur bis hierhin. Denn völlig unhaltbar wird Dawkins Theorie, wenn man danach fragt, welchen Wahrheitsanspruch sie erheben kann. Die ernüchternde Antwort fällt aus christlicher wie auch aus humanistischer Perspektive freilich recht erfreulich aus und lautet: Überhaupt keinen!

Denn hätte Dawkins Recht, so müsste der Anspruch auf Wahrheit, den die Maschine namens Dawkins für die Theorie des egoistischen Gens erhebt, selbst Teil jener Strategie sein, die seine Gene verfolgen. Mit anderen Worten: Träfe Dawkins Theorie zu, wäre sie genauso wahr oder falsch, wie jede andere Theorie, die Maschinen zu verbreiteten pflegen, die sich unsere Gene gebaut haben, um einen Selektionsvorteil zu erringen. Oder, um es mit den Worten des verstorbenen Philosophen Reinhard Löw zu sagen: „Die ,Wahrheit‘ der Soziobiologie besteht darin, dass es für sie überhaupt keine Wahrheit geben kann, einschließlich dieser. Sie ist ein einziges ungeheuerliches Paradoxon, dessen Kern in dem Satz besteht: ,Jetzt lüge ich!‘ Wenn er wahr ist, ist er gelogen, wenn er gelogen ist, ist er wahr.“ Es scheint, als gebe es auch für Atheisten gute Gründe, sich von der Armee, die Dawkins und andere derzeit aufstellen, nicht anwerben zu lassen. Die Gläubigen werden sich dennoch Gedanken machen müssen, wie sie jenseits der Frage von Geltung mit dem Machtanspruch der „neuen Atheisten“ umgehen wollen.

[© Die Tagespost vom 31.5.2007]