Der auferstandene Christus erscheint der Jungfrau Maria

Ein Gemälde von Giovanni Francesco Barbieri genannt Guercino

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Von Britta Dörre

Rom, 21. Mai 2012 (ZENIT.org). - Das in Cento (Ferrara) in der Pinacoteca Civica aufbewahrte Gemälde Guercinos „Der auferstandene Christus erscheint der Jungfrau Maria“ fiel schon Johann Wolfgang von Goethe während seiner Reise durch Italien auf. 1786 vermerkte er am 17. Oktober abends in seinem Tagebuch: „Sehr lieb war mir das Bild, den auferstandenen Christus vorstellend, der seiner Mutter erscheint.“

Wie sich aus Archivdokumenten schließen läßt, muß Guercino 1628 den für das Oratorium der Confraternità del Santissimo Nome di Dio in Cento erhalten haben. Die Bezahlung für die 260 x 179,5 cm große in Öl auf Leinwand gearbeitete Tafel erfolgte am 24. April 1630.

In der Darstellung lassen sich bereits einige Merkmale des späten Stils von Guercino erkennen. Die klar gegliederte Raumstruktur, die idealisierte Wiedergabe des Körpers, die großzügig angelegten Drappierungen oder auch die Betonung des Konturs entsprechen dem klassischen Ideal, das typisch für die späten Jahre des Meisters ist. Das kräftige Kolorit hingegen steht noch im Zeichen der früheren Schaffensphase Guercinos und ist, was die Farbzusammenstellung betrifft, mit Guido Reni vergleichbar.

Besonders eindrucksvoll an der Darstellung ist ihre klare Komposition, die die Aufmerksamkeit des Betrachters sofort auf die beiden monumentalen Figuren des auferstandenen Christus und der Jungfrau Maria lenkt. Deutlich hebt sich vom dunklen und äußerst schlicht gehaltenen Hintergrund der ausgeleuchtete Oberkörper des Christus ab, der mit einem festen Kontur und idealisiert wiedergegeben ist.

Die vor ihm kniende Jungfrau ist farblich dunkler gehalten, nur das Gesicht und das senfgelbe Velum sind durch die Lichtführung betont. Die auf dem Körper Christi liegende Hand weist ein deutlich dunkleres Inkarnat als die Lenden Christi auf. Es treffen die irdische und die himmlische Sphäre aufeinander.

Mittels der Lichtführung intensiviert Guercino auch den Blickkontakt zwischen Christus und Maria. Eine „unbeschreibliche Innigkeit“, um mit den Worten Goethes zu sprechen, liegt im Blick Marias auf ihren Sohn. Die Intensität des Augenkontakts beeindruckte Goethe sehr, und er führte in seinem Eintrag weiter aus: „Der stilltraurige Blick, mit dem er sie ansieht, ist einzig, als wenn ihm die Erinnerung seiner und ihrer Leiden, durch die Auferstehung nicht gleich geheilt, vor der edlen Seele schwebte.“