Der Begriff "Eucharistie" in den Ausführungen des heiligen Ambrosius

Dritte Fastenpredigt von P. Raniero Cantalamessa OFMCap

Rom, (ZENIT.org) Britta Dörre | 382 klicks

P. Raniero Cantalamessa OFMCap legt in seiner dritten Fastenzeitpredigt dar, wie der Begriff „Eucharistie“ vom heiligen Ambrosius interpretiert wird. Die Predigt, die entsprechend den Titel „Der heilige Ambrosius und der Glaube an die Eucharistie“ trägt, ist in vier Abschnitte aufgeteilt: erstens „Die Reflexion über die Sakramente“, zweitens „Eucharistie und jüdische Beracha“, drittens „Was in jener Nacht geschah“ und viertens „Unsere Unterschrift auf dem Geschenk“.

P. Cantalamessa greift zunächst auf die letzte Fastenpredigt zurück, in der er sich mit dem Begriff „Kirche“ gemäß den Ausführungen des heiligen Augustinus auseinandersetzte. Wie bei diesem bereits besprochenen Thema lasse sich auch bei der Sakramententheologie eine Weiterentwicklung von den griechischen bis zu den lateinischen Kirchenvätern feststellen. Zwar sei auch hier Augustinus ein Vorreiter, doch greife Ambrosius das Thema mit seinen beiden Reden „Über die Sakramente“ und „Über die Mysterien“ vorweg. Das Studium der Schriften des Ambrosius sei deshalb grundlegend, „weil Ambrosius mehr als alle anderen dazu beigetragen hat, dass der Glaube an die Realpräsenz Christi in der Eucharistie Fuß fassen konnte, und weil er die Grundlagen für die spätere Lehre der Transsubstantiation legte“.

P. Cantalamessa erläutert im folgenden den Unterschied zwischen den beiden Betrachtungsweisen von Augustinus und Ambrosius: „Von den drei Leibern Christi – dem geschichtlichen Leib Jesu, der von Maria geboren wurde, dem eucharistischen Leib und dem kirchlichen Leib – verbindet Augustinus besonders den zweiten und dritten eng miteinander, also den eucharistischen und kirchlichen, und unterscheidet sie vom geschichtlichen Leib Jesu; Ambrosius hingegen vereint und identifiziert geradezu miteinander den ersten und den zweiten, also den geschichtlichen und den eucharistischen Leib Christi, und unterscheidet sie vom dritten, d.h. vom kirchlichen Leib.“

Im zweiten Punkt seiner Predigt, „Eucharistie und jüdische Beracha“, legt P. Cantalamessa zunächst Mängel in den Betrachtungen des Ambrosius dar. Als einen Mangel nennt er „das Fehlen jeglichen Hinweises auf das Wirken des Heiligen Geistes bei der Entstehung des Leibes Christi auf dem Altar. Als Urheber der Wandlung werden allein die Worte Christi betrachtet, die der Priester wiederholt… Diese Einstellung hat sich auf die geringe Bedeutung ausgewirkt, die in der lateinischen Liturgie der Epiklese des Heiligen Geistes zukommt, die umgekehrt in den orientalischen Liturgien ebenso grundlegend wichtig ist, wie die Worte der Konsekration. In dieser Hinsicht haben die neuen eucharistischen Hochgebete deutlich gemacht, was im römischen Kanon nur impliziert wurde.“

Eine weitere Verständnislücke betreffe „das Verständnis des eucharistischen Mysteriums in seiner Gesamtheit“. Einem besseren Verständnis sei „die Wiederannäherung zwischen Christen und Juden“ sehr förderlich. Das christliche Osterfest sei nicht vollkommen verständlich, wenn man es nicht „als Vollendung des jüdischen Passahfestes“ betrachte, „so versteht man auch die Eucharistie nicht zur Gänze, ohne sie als Vollendung der Worte und Handlungen zu betrachten, die die Juden während ihrer rituellen Mahle befolgten. Selbst der Name ‚Eucharistie‘ ist weiter nichts als die Übersetzung des hebräischen Wortes ‚Beracha‘, das das Segen- und Dankgebet bezeichnet, welches bei diesem Mahl gesprochen wurde. Ein erstes wichtiges Ergebnis dieses Umbruchs ist, dass kein seriöser Historiker heute mehr die These vertritt, die christliche Eucharistie könne im Licht des rituellen Abendmahls erklärt werden, das in manchen hellenistischen Mysterienkulten existierte; eine Behauptung, die sich mehr als hundert Jahre lang gehalten hat.“

Die Kirchenväter, so P. Cantalamessa, hätten die Heilige Schrift der Juden, nicht aber ihre Liturgie übernommen. Aus diesem Grund hätten sie sich der Sinnbilder bedient, sie aber aus ihrem liturgischen Kontext gelöst. „Der erste Name, mit dem die Eucharistie im Neuen Testament bezeichnet wird, findet sich bei Paulus und lautet ‚Herrenmahl‘ (kuriakon deipnon) (1 Kor 11,20), was eine klare Anspielung auf das rituelle Mahl der Juden ist, von dem es sich aber durch den Glauben an Jesus Christus differenziert.“

Auch Benedikt XVI. folge dieser Ansicht im ersten Band seiner Trilogie über Jesus von Nazareth. In Bezug auf den Ursprung der Eucharistie schließe er sich der heute unter Fachleuten vorherrschenden Meinung an: es gelte die Chronologie des Johannes, „wonach das letzte Abendmahl Jesu kein Ostermahl, sondern ein feierliches Abschiedsmahl war. Wie Louis Bouyer, glaubt auch Benedikt XVI., dass man ‚den Ursprung der christlichen Eucharistie, d.h. ihres Kanons, auf die jüdische Beracha zurückführen‘ kann“.

Im folgenden dritten Punkt seiner Predigt wendet sich P. Cantalamessa dem Thema „Was in jener Nacht geschah“ zu. Die enge Beziehung zwischen der jüdischen Liturgie und dem christlichen Abendmahl werde an dem Text „Didache“, einer Sammlung von Gebeten, deutlich. „Die Beracha fasst die Spiritualität des Alten Bundes zusammen und ist die dankende und lobpreisende Antwort Israels auf das Wort der Liebe, das Gott an sein Volk gerichtet hat.“

Im folgenden erläutert P. Cantalamessa die rituellen Handlungen, die die Juden bei gemeinsamen Mahlzeiten „in der Familie oder der Gemeinschaft am Sabbat und an Feiertagen“ vollziehen und eine besondere Bedeutung haben. Er vergleicht diese Rituale mit den Handlungen Jesu während des letzten Abendmahls. „Jesus hat die Eucharistie mit keinem Element verbunden, das ausschließlich zum Passahmahl gehört (abgesehen vom Problem des Datums fehlt auch jeder Hinweis auf den Verzehr des Lammes und der bitteren Kräuter), sondern nur mit den Riten des Alltags: dem Brechen des Brots zu Beginn und dem großen Dankgebet zum Abschluss der Mahlzeit. Dass das letzte Abendmahl den Charakter eines Passahmahls trägt ist unleugbar…“

Nach dem Mahl sei es üblich, dass „dem Familienoberhaupt das Wasser vom jüngsten unter den Anwesenden gereicht wurde… Doch statt sich bedienen zu lassen, gibt der Meister ein Beispiel an Demut und wäscht seinen Jüngern die Füße… Lukas berichtet, dass Jesus nach dem Abendmahl den Kelch nahm und sagte: ‚Dieser Kelch ist der Neue Bund in meinem Blut, das für euch vergossen wird.‘ Etwas ganz Entscheidendes geschieht im Augenblick, da Jesus der Formel des Dankgebets, also der jüdischen Beracha, diese Worte hinzufügt. Jenes Ritual war ein sakrales Mahl, durch das man einen rettenden Gott feierte und ihm dafür dankte, dass er sein Volk erlöst hatte und mit ihm einen Bund der Liebe eingegangen war, der durch das Blut eines Opferlamms besiegelt worden war. Beim täglichen Mahl pries man Gott für diesen Bund; doch nun, da Jesus beschließt, als das wahre Opferlamm sein Leben für die Seinen hinzugeben, erklärte er diesen alten Bund, den alle durch die gemeinsame liturgische Handlung feierten, für beendet… Indem er die Worte ‚Tut dies zu meinem Gedächtnis‘ spricht, verleiht Jesus seiner Gabe eine unermessliche Tragweite. Die Blickrichtung ändert sich, von der Vergangenheit weg in die Zukunft. Alles, was er bisher beim Abendmahl getan hat, wird in unsere Hände gelegt… Der Gedenktag, der bisher ein Unterpfand der Treue war, die Gott zu seinem Volk hält, wird jetzt zum gebrochenen Leib und vergossenen Blut des Gottessohnes; er ist ein vergegenwärtigter (also wieder in die Gegenwart gerückter) Kalvarienberg, für immer und für alle… Hier entdecken wir den Sinn und Wert der Worte des Ambrosius, und in stärker vollendetem Maß der späteren Theologen der Scholastik und des Konzils von Trient, über die ‚wahre, reelle und substanzielle‘ Präsenz Christi in der Eucharistie.“

Der abschließende Punkt der Predigt, „Unsere Unterschrift auf dem Geschenk“, befasst sich mit unserer Rolle „in diesem menschlich-göttlichen Drama“. In der Eucharistie geschähen zwei Wunder: die Wandlung von Brot und Wein in Leib und Blut Christi. „Das zweite ist jenes, das aus uns selbst ein lebendes Opfer macht, das Gott gefällt, und uns mit dem Opfer Christi vereint, nicht als bloße Zuschauer, sondern als Mitwirkende. Im Offertorium haben wir Brot und Wein dargebracht; zwei Dinge, die für Gott selbstverständlich keinen Wert an sich hatten. Durch die Konsekration verleiht ihnen Christus jenen Wert, den ich meiner Gabe nicht verleihen kann.“

P. Cantalamessa führt aus: „Jesus gibt sich im Brot und im Wein nicht nur selbst hin; er nimmt auch uns und verwandelt uns (im mystischen, nicht im reellen Sinn) in sich selbst; er verleiht auch uns den Wert, den seine Liebesgabe für den Vater besitzt… Die ganze eucharistische Ekklesiologie des Augustinus, von der wir letzte Woche gesprochen haben, findet hier ihr Betätigungsfeld. Wenn man auch nicht sagen kann, dass die Eucharistie die Kirche ‚ist‘ (wie manche Schüler von Augustinus behaupteten), so kann und muss man doch sagen, dass die Eucharistie die Kirche ‚macht‘.“

P. Cantalamessa fasst seine Betrachtungen zusammen: „Das bedeutet, dass auch wir, wenn wir aus der Messe kommen, aus unserem Leben ein Geschenk der Liebe für den Vater und unsere Brüder machen müssen. Auch wir müssen im Geiste zu unseren Mitmenschen sagen: ‚Nehmt und esst; das ist mein Leib.‘ Nehmt meine Zeit, meine Fähigkeiten, meine Aufmerksamkeit. Nehmt auch mein Blut, das heißt mein Leid, all das, was mich demütigt und meine Kräfte einschränkt; selbst meinen leiblichen Tod. Ich will, dass mein ganzes Leben, wie das Leben Christi, gebrochenes Brot und vergossener Wein für die anderen sei. Ich will aus meinem ganzen Leben eine Eucharistie machen.“