Der Beitrag der Salesianer Don Boscos für Kirche und Gesellschaft

Ansprache von Erzbischof Robert Zollitsch in München

| 1002 klicks

SOLOTHURN, 31. Januar 2009 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die Ansprache, die der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Dr. Robert Zollitsch, anlässlich der Feier „150 Jahre Ordensgemeinschaft der Salesianer Don Boscos“ (vgl. Jubiläumsjahr) gestern, am 30. Januar, in München gehalten hat.

***

1. Situation der Orden in der Kirche in Deutschland

Wer heute als Seelsorger oder Jugendsozialarbeiter kompetente Jugendarbeit machen will, der wird über kurz oder lang auf die Salesianer und deren Spuren, d. h. auf die Spiritualität und Pädagogik Don Boscos stoßen. Das Erstaunliche dabei ist, dass diese enorme Breitenwirkung von nicht mehr als 350 Salesianern, Ordenspriester und Brüder, in Deutschland ausgeht. Mit ihnen zusammen wirken und arbeiten über 1.600 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in 35 Einrichtungen für benachteiligte Kinder und Jugendliche - das ist nicht nur beachtlich, sondern verdient hohe Anerkennung. Mit ihren Einrichtungen und Mitarbeitern sind sie faktisch in allen Bereichen der Jugenderziehung, der Jugendbildung und Jugendseelsorge wie auch in der wissenschaftlichen und praktischen Aus- und Weiterbildung zur Jugendpastoral tätig. Die Zeit, als in den 20er/30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts allein in Deutschland pro Jahr 120 Kandidaten in die Gesellschaft des hl. Franz von Sales eintraten, ist vorbei. Aber - und das zeigen die verschiedenen Arbeitsfelder der Salesianer in ganz Deutschland - das Charisma dieser Ordensgemeinschaft ist keineswegs verbraucht. Um heute als Erzieher, Sozialarbeiter oder Lehrer im Geist Don Boscos zu arbeiten, muss man nicht Ordensmann in der „Gesellschaft des heiligen Franz von Sales" werden. Und doch brauchen wir, die Gesellschaft und die Kirche in Deutschland, notwendig Ordensleute. Wozu aber braucht es auch heute notwendig Salesianer? Das ist die Frage, die über unserem heutigen Podiumsgespräch steht: Was kann und soll der Beitrag der salesianischen Ordensgemeinschaft für die Kirche und Gesellschaft in unserem Land sein? Eine spannende und zugleich herausfordernde Frage!

2. Der Beitrag der salesianischen Ordensgemeinschaft in Kirche und Gesellschaft unseres Landes insbesondere für junge Menschen

Sie, die Salesianer Don Boscos in Deutschland, haben sich schon sehr intensiv mit dieser Frage befasst, und Sie haben Ihre Antwort darauf gefunden. Ich möchte aus meiner Sicht auf diese Frage eingehen: Warum wünsche ich mir als Bischof für die Salesianer Don Boscos eine Zukunft in unserem Land? Welchen Beitrag erwarten wir Bischöfe von den Ordensgemeinschaften in Deutschland? Ich möchte darauf mit drei kurzen Hinweisen antworten, die wir im Gespräch gerne vertiefen können.

2.1 Von Jesus Christus fasziniert

Zunächst eine auf den ersten Blick vielleicht eher trivial erscheinende Beobachtung, die uns aber einen entscheidenden Hinweis für den Weg in die Zukunft geben kann: Sie nennen sich Salesianer Don Boscos. Das ist weit mehr als eine beiläufige Fußnote. Das ist und bleibt Ihr unverwechselbares Markenzeichen und Gütesiegel, das für Qualität und Tiefgang bürgt. In ihm, in Johannes Bosco, in diesem begnadeten Seelsorger und großherzigen Menschenfreund, sehen Sie auch heute ein Vorbild für Ihre Sendung und haben einen verlässlichen Wegbegleiter. Was hatte der italienische Priester und Ordensmann Johannes Bosco an sich, dass die jungen Menschen zu ihm kamen und sich ihm und seinem Erziehungsstil anvertrauten? Ich bin sicher: Es hat einen tiefen Grund, dass gerade die Fröhlichkeit Don Boscos, mit der sich seine Güte und Zugewandtheit zum Menschen verbindet, sprichwörtlich geworden ist: „Fröhlich sein, Gutes tun und die Spatzen pfeifen lassen." Es war keine oberflächliche Heiterkeit oder antrainierte Freundlichkeit. Nein, sein Vertrauen in das Leben und in junge Menschen, die Lebensfreude und Zuversicht, die er allen Widrigkeiten zum Trotz entwickeln konnte - all das verdankte er einer tiefen Freundschaft mit Jesus Christus. Es war die frohe Botschaft, die ihn froh machte. Orden und Klöster erleben heute ein neues Interesse an ihrer Kultur und an ihren Wertvorstellungen. Ich erinnere beispielsweise an die Beliebtheit gregorianischer Gesänge oder an Manager, die in der Weisheit der Klöster nach Orientierung für sich und ihr Unternehmen suchen. Unsere Chance als Christen und Kirche liegt darin, nicht an der Oberfläche zu bleiben, nicht eine weitere Methode unter anderen zu sein, sondern eine Lebenshaltung einzunehmen und weiter zu geben, die ihre Mitte in Jesus Christus selbst hat. Johannes Bosco zeigt uns durch sein erzieherisches Wirken, dass christliche Wertvorstellungen wirklich Grundlage und Orientierung auch heutigen Handelns werden, wird nur gelingen, wenn die Menschen in der Beziehung zu Jesus Christus leben und wachsen. Und dazu brauchen wir auch heute Ordensleute! Wir brauchen Frauen und Männer, die alles auf eine Karte setzen, die sich durch die evangelischen Räte ganz eng mit Jesus Christus und seinem Weg verbinden, die nicht nur durch ihre Worte und ihre Arbeit, sondern durch ihre Lebensform und Lebensführung deutlich machen: Gott ist die Mitte meines Lebens. Das ist die Botschaft, die gerade junge Menschen heute dringend brauchen. Der Sinn des Lebens trägt einen Namen: Jesus Christus. Um diesen Beitrag zu erbringen, ist es entscheidend, - ja im tiefen Sinn des Wortes - notwendig, dass die Kinder und Jugendlichen, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, mit denen Sie zusammen sind, etwas von dieser tiefen Beziehung, die Sie trägt, ahnen und zu spüren bekommen. Es ist notwendig, weil es so manche Not wendet, wenn Menschen in Ihnen, ja in jedem Christen Don Bosco begegnen.

2.2 zur Gemeinschaft befähigen

Eine zweite Beobachtung: Die Anfänge der salesianischen Ordensgemeinschaft liegen in einem „Oratorium", das Johannes Bosco in Turin gründete. Bei diesem Oratorium handelte es sich um ein Haus für junge Menschen, damit sie dort ihre Freizeit verbringen sowie unterrichtet und ausgebildet werden. Zugleich bot das Oratorium einen Raum, in dem die Jugendlichen den Glauben erfahren, einüben und eine vertrauensvolle Beziehung zu Jesus Christus entwickeln konnten. Den Glauben erfahren, Glauben lernen - das geht nur in einer Gemeinschaft von Glaubenden.Zum Ordensleben gehört wesentlich das Leben „in fidei communione" - wie es in meinem bischöflichen Wahlspruch heißt - „in der Gemeinschaft des Glaubens". Und als Ordensgemeinschaft wissen Sie sowohl um die Sehnsucht der Menschen heute nach Gemeinschaft, nach Beheimatung und Verbundenheit als auch um die weit verbreitete Unfähigkeit zur Gemeinschaft. Unsere heutige Gesellschaft mit ihrem vorherrschenden Individualismus und den vielen zerbrochenen Beziehungen in Ehe und Familie bereitet nur noch unzulänglich auf ein Leben in Gemeinschaft vor. Das erleben die Ordensgemeinschaften auch in ihren eigenen Reihen und das ist sicher auch ein Grund, warum sich junge Leute heute schwerer tun, in eine Ordensgemeinschaft einzutreten. Trotz immenser technischer Kommunikationsmittel, gibt es eine hohe Anzahl an einsamen und vereinsamten Menschen. Die seit Jahren steigende Inanspruchnahme der Telefonseelsorge ist nur ein Symptom dafür, dass viele, ja zu viele Menschen einsam sind, niemanden haben, der wirklich zuhört und sich Zeit nimmt, der mehr bietet als Smalltalk und SMS. Sie, werte Salesianer, haben nicht vor den Auswirkungen des modernen Individualismus kapituliert, sondern auf die Herausforderung geantwortet und neue Bündnisse geschlossen. Sie haben etwa ihre Provinzen in Deutschland 2005 zusammengelegt und Sie suchen die Kooperation mit anderen Gemeinschaften und Initiativen, um ihrem Auftrag in der Jugendarbeit auch weiter nachzukommen, etwa im Don-Bosco-Zentrum in Berlin-Marzahn, wo Sie mit einer Schwesternkongregation und dem Zirkus Cabuwazi zusammenarbeiten. Sie haben dafür eine große Einrichtung in meiner Erzdiözese aufgegeben, die mit einer kleinen Anzahl von Ordensleuten nicht mehr zu tragen war, und eine neue Form eines gemeinsamen Apostolates entwickelt. So ermöglichen Sie - mit einer kleinen Anzahl von Ordensleuten - auch heute jungen Menschen die Erfahrung einer Gemeinschaft, die auf den Werten des Evangeliums aufbaut.Die Erfahrungen, die Sie dabei machen, können wegweisend für die Kirche insgesamt sein. Denn eine der größten Herausforderungen in unserem Land ist es, in den neuen größeren Pastoralräumen und zwischen den vielen pastoralen Diensten verstärkt Formen der Kooperation zu entwickeln, die der Vielfalt an Berufungen und Charismen so Raum geben, dass sie um der gemeinsamen Sendung willen wirklich zusammen wirken und nicht gegeneinander arbeiten. Hier neue Formen des gemeinsamen Lebens und Arbeitens durch Kooperationen aufzubauen, sehe ich als einen wichtigen Beitrag der Salesianer für die Kirche und für junge Menschen heute.

2.3 Berufungen wecken und begleiten

Werte Damen und Herren, werte Freunde Don Boscos! Gestatten Sie mir einen dritten und letzen Impuls: Mit Ihren Einrichtungen tragen Sie, liebe Salesianer, in beeindruckender Weise dazu bei, dass besonders Kinder und Jugendliche, die es heute schwer haben, ihren Platz in der Gesellschaft zu finden, eine ihnen gemäße ganzheitliche Förderung erhalten. Durch Ihre pädagogische, schulische, sozialpädagogische und seelsorgliche Arbeit sorgen Sie sich darum, dass junge Menschen zu einem gelingenden und sinnerfüllten Leben finden. „Ich will Euch zeitlich und ewig glücklich sehen" - so hat Johannes Bosco dieses Ziel ausgedrückt. Dazu gehört auch die Erfahrung, von Gott persönlich geliebt, angesprochen und berufen zu sein. Als Christ zu leben heißt ganz konkret: mit Gott und seinem Wirken im Alltag zu rechnen. Die Einrichtungen der Salesianer bilden so etwas wie Biotope des Glaubens und Gottvertrauens, eine jugendgemäße Umgebung, in der junge Menschen sich entfalten und Glauben erfahren und einüben können. Wo Glauben - im Bild gesprochen - nicht mehr mit der „Muttermilch" aufgesogen wird, braucht die Kirche neue einladende und überzeugende Orte, an denen Menschen den Glauben kennen lernen und sich für ein Leben aus dem Glauben entscheiden können. Das ist in einem ganz elementaren Sinn Berufungspastoral. Denn Berufungspastoral will helfen, dass gerade auch junge Menschen ihre Einmaligkeit und Würde in den Augen Gottes entdecken und aus diesem grundlegenden Beschenktsein heraus sich in den Dienst an anderen Menschen, in der Gesellschaft und in der Kirche stellen. Ich denke, auch Johannes Bosco ging es bei seinem Leitspruch - „Gib mir Seelen, alles andere nimm mir" - genau darum, Menschen für ein Leben einer persönlichen Berufung durch Gott zu gewinnen und zu einem persönlichen Weg des Glaubens mit ihm zu motivieren.

Werte Festgäste! Was kann und soll der Beitrag der salesianischen Ordensgemeinschaft für die Kirche und Gesellschaft in unserem Land sein? Meine Antworten lauten: Berufungen wecken und begleiten; zur Gemeinschaft befähigen und ein Leben mit und aus Jesus Christus verwirklichen.

[Von der Deutschen Bischofskonferenz veröffentlichtes Redemanuskript]