Der Beitrag von Edith Sein zur Frauenfrage bleibt aktuell

Spanisches Institut erforscht den Beitrag der Patronin Europas

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ROM, 27 Oktober 2008 (ZENIT.org).- Edith Stein und ihr Beitrag zur aktuellen Gender-Diskussion, ihre anthropologischen Prämissen und zukunftsweisenden Reflexionen über das Miteinander der Geschlechter in Kirche und Gesellschaft findet immer mehr Resonanz in der wissenschaftlichen Forschung.

Davon zeugt auch die Gründung des spanischen Instituto de Filosofía Edith Stein im spanischen Granada, das sich der philosophischen Erforschung des Gedankengutes der großen Philosphin des 20. Jahrhundert verpflichtet weiß. Es wurde am 9. August 2005 von Javier Martínez Fernández, dem Bischof der Diözese Granada, errichtet.

Die spanische Lehrbeauftragte für Philosophie an diesem Institut, Dr. Feliciana Merino Escalera, brachte die Früchte ihrer Forschungsstelle in den Eröffnungsvortrag über „Genderideologie“ des neuen Insistuts für Christliche Soziallehre im spanischen Orense ein. Beim angesagten Bogenschlag über die Entwicklung des Feminismus in den letzten Jahrzehnten und den kirchlichen Beitrag zur Frauenfrage stand insbesondere die Frage der Beziehung der Geschlechter zur Debatte.

Edith Stein beschäftigte sich intensiv mit der Frage der Integration von Frauen in das moderne außerhäusliche Berufsleben. Obwohl Edith Stein für die Gleichstellung der Frau in der Gesellschaft und Politik kämpfte, habe sie dies mit der Vorstellung der notwendigen Ergänzung der Geschlechter verbunden, so Prof. Feliciana Merino Escalera in ihrem Vortrag.

Diese „Ergänzung“ glätte keinesfalls die Unterschiede zwischen Mann und Frau und wisse um die Unterscheidung zwischen den wahren anthropologischen Unterschieden und den kulturellen Auflagen, die durch Zwang zu Verzerrungen führten.

„Die Einstellung der Frau geht auf das Lebendig-Persönliche und auf das Ganze. Hegen, hüten und bewahren, nähren, Wachstum fördern: das ist ihr natürliches, echt mütterliches Verlangen“, erklärte Edith Stein dazu.

Männlich ist das Sachliche, das Abstrakte, die Frau ist der Ganzheit, dem Konkreten verpflichtet. „Ihre natürliche Erkenntnisweise ist nicht so sehr die begrifflich-zergliedernde als die auf das Konkrete gehende, anschauende und einfühlende“, so Edith Stein in „Die Frau“, Edith-Stein-Gesamtausgabe, 24 Bde., Bd.13, Die Frau. Reflexionen und Fragestellungen, Seite 3 )

Nicht weil Mann und Frau gleich sind, sondern gerade auf Grund des Unterschiedes ist die Frau in der Öffentlichkeit als Korrektiv für männliches Denken und Handeln wichtig. Dieses Korrektiv zu abstraktem männlichem Denken mache den Eigenwert der Frau im politischen Leben aus.

Prof. Feliciana Merino Escalera machte in ihrem Vortrag auf die Entfremdung der Frauen von ihrer ureigenen spezifischen Berufung durch die Ideologisierung des Gender-Konzeptes aufmerksam

Dieses verzerrte Paradigma einer Gender-Ideologie, die als Vorbild für Frauen auf maskuline Lebensmuster aus der imperanten Wirtschaftswelt zurückgriffen, erschwere den Zugang von Frauen zu ihrer Berufung zur Mutterschaft als auch zum Berufsleben.

Das Interesse an der Erforschung des Beitrags von Edith Stein zum Thema Gender und Frauenfrage ist auch in Deutschland ungebrochen: Im Jahr 2004 promovierte die jetzige Lehrstuhlinhaberin für Philosophie der Universität Paderborn, Prof. Dr. Katharina Westerhorstmann über das Thema „Pro-Existenz und Selbstverwirklichung. Frausein in Arbeit und Beruf bei Edith Stein im Vergleich mit feministischen und kirchlichen Positionen“.

In der offiziellen Würdigung von Edith Stein seitens der Deutschen Bischofskonferenz zu ihrer Heiligsprechung im Jahre 1998 arbeitete die Dresdner Religionsphilosophin Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz heraus, warum Stein von ihrem anthropologischen Ansatz her ablehnt, bestimmte weibliche oder männliche Berufe zu definieren.

Für Edith Stein ist die die individuelle Differenzierung von Mann und Frau stärker. „Gibt es einen Unterschied in der Berufung von Männern und Frauen?“ fragt die Patronin Europas. Die Berufung für das Ordensleben ist für Männer und Frauen gleich. Warum gibt es einen Unterschied in der Berufung zum Priestertum?

„Aus der Urkirche kennen wir die karitative und apostolische Wirksamkeit von Frauen bis zum Diakonat“ aber die die weitere Geschichte sei eine „Geschichte der Verdrängung der Frauen aus den Ämtern“.

„Die weitere geschichtliche Entwicklung bringt eine Verdrängung der Frauen aus diesen Ämtern und ein allmähliches Sinken ihrer kirchenrechtlichen Stellung, wie es scheint, unter dem Einfluss römisch-rechtlicher Vorstellungen“, so die Frau, die zur Patronin Europas erhoben wurde.

„Die neueste Zeit zeigt einen Wandel durch das starke Verlangen nach weiblichen Kräften für die kirchlich-caritative Arbeit und Seelsorgehilfe“, erklärt Edith Stein in ihren Reflexionen über die Frau und eine mögliche Wiedereinführung des Diakonates der Frau, die sie zwischen 1928-1931 abgefasst hat.

„Von weiblicher Seite regen sich Bestrebungen, dieser Betätigung wieder den Charakter eines geweihten kirchlichen Amtes zu geben und es mag wohl sein, dass diesem Verlangen eines Tages Gehör gegeben wird. Ob das dann der erste Schritt auf einem Weg wäre, der schließlich zum Priestertum der Frau führt, ist die Frage. Dogmatisch scheint mir nichts im Wege zu stehen, was es der Kirche verbieten könnte, eine solche bislang unerhörte Neuerung durchzuführen.“ (Edith Stein, Edith-Stein-Gesamtausgabe, 24 Bde., Bd.13, Die Frau. Reflexionen und Fragestellungen, 43)

Von Angela Reddemann