Der Bischof von Eichstätt zur Debatte um die Ehelosigkeit katholischer Priester

„Der Zölibat reduziert sich nicht auf die Junggesellenexistenz“

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EICHSTÄTT, 18. März 2008 (Die-Tagespost.de/ ZENIT.org).- Der Eichstätter Bischof Gregor Maria Hanke ist am Montagnachmittag (17. März) in seiner Predigt in der Chrisammesse im Eichstätter Dom ausführlich auf die aktuelle Debatte um den Zölibat eingegangen. Wir dokumentieren die Predigt in Auszügen.


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Uns Priestern wurden bei der Priesterweihe die Hände gesalbt, damit wir – im besten Sinn des Wortes – gute „Handlanger“ Christi unseres Meisters werden. Im Dienst für den Herrn sollen wir geschmeidig und beweglich bleiben. Die Reibungsverluste der alltäglichen Arbeit dürfen uns in unserer priesterlichen Existenz nicht allzu sehr schwächen! Paulus sieht den Vorsteherdienst als etwas durchaus Aufreibendes. Im ersten Thessalonicherbrief (5, 12) bittet er die Gemeinde um Anerkennung für diejenigen, die sich als Vorsteher Mühe geben. Das von ihm verwendete griechische Verb „kopian“ hat die Konnotation von ,sich schinden‘. Liebe Mitbrüder im priesterlichen und diakonalen Amt, wo immer aber die Tröstung des Heiligen Geistes wirksam wird, wandelt sich unsere Mühe in geistliche Freude, da wächst der innere Mensch!

Angesichts der öffentlichen Diskussionen zum Thema Zölibat möchte ich heute, liebe Mitbrüder im Priesteramt, in Erinnerung rufen: Die Tröstung und Stärkung des heiligen Geistes erstreckt sich auch auf unsere priesterlich-zölibatäre Lebensform! In der Kraft des Heiligen Geistes reduziert sich Zölibat nicht auf eine Junggesellenexistenz, wir erfahren ihn erst recht nicht als Mangelexistenz. Freude und Dankbarkeit gegenüber Gott wachsen in dem, der begreift, dass Gott stets mehr schenken will, als er einem Menschen nimmt. Als Zölibatäre geben wir etwas weg, um der größeren Fülle Gottes Raum zu schaffen.

Die Schwierigkeiten, in die zölibatäre Existenzform hineinzuwachsen und sie überzeugend und froh zu leben, sind heute zugegebenermaßen größer als früher. Wir Zölibatäre werden von einem sexualisierten Zeitgeist hinterfragt. Daher ist bei den Bewerbern für das Priesteramt schon auf die natürlichen Voraussetzungen für diese Lebensform zu achten. Gewiss hat mancher von uns Priestern mit Einsamkeit und daraus folgend mit Sehnsüchten und Versuchungen zu kämpfen. Zudem gilt es Frustrationen zu verarbeiten, wird doch die zölibatäre Lebensform in der Öffentlichkeit oft nicht verstanden. Die Anstrengung, die wir für dieses Lebenszeugnis aufbringen, bewirkt selbst in unseren Pfarrgemeinden wenig greifbare Frucht. Über solche Probleme in einem geistlichen Rahmen miteinander zu reden, sollten wir wagen.

Als Gesandter Christi ihm ganz ähnlich werden

In Zeiten einer breit etablierten Volkskirche und ganz anderer soziologischer Rahmenbedingungen war die zölibatäre Lebensform weniger hinterfragt. Nun sagen einige, angesichts veränderter Zeitverhältnisse sei diese Lebensweise heute nicht mehr ohne weiteres zumutbar. Die Versuchung, den Zölibat aufgrund des fehlenden Verständnisses der Gesellschaft als überholt zu erklären, wurde in der jüngsten Diskussion auch da und dort innerkirchlich spürbar. Doch ist hier die Frage entgegenzusetzen, ob nicht gerade die schwierigeren Rahmenbedingungen von heute die ursprüngliche Provokation wieder viel deutlicher machen, die dem Ruf des Evangeliums in die Nachfolge Jesu anhaftet. Jesus rief und ruft in seinen Dienst, damit derjenige, den er sendet, ihm ähnlich wird und seine Existenzweise annimmt. Das schließt doch aus, sich dem Mainstream der Gesellschaft anzupassen. Nachfolge als Gesandter des Herrn impliziert eine Lebensweise nach Jesu Vorbild. Nachfolge will eine Kontrastgesellschaft, deren Mitte die Torheit des Kreuzes ist. Denn Jüngerschaft beruht nicht auf Weisheit der Welt, auf Politik und Funktionärswesen, sondern auf Mystik, das heißt auf Einswerdung mit dem Herrn. Als ein dem Herrn geweihter ,Dienstmann‘ will ich mich seiner Existenzweise angleichen. Den vom Herrn vorgelebten Weg des Verzichts auf Ehe und Geschlechtlichkeit kann man nur im Glauben ergreifen. Und allein vom Glauben erfüllte Menschen werden diesen Weg verstehen.

Ist es daher nicht riskant, die Berechtigung des priesterlichen Zölibats an die öffentliche Meinung und deren Fassungskraft koppeln zu wollen? Medien haben das jüngst immer wieder versucht durch Befragungen und durch Verbreitung der Kritik am Zölibat. Mitunter wirkte die Berichterstattung so, als ob man einer in Not geratenen Berufsgruppe zu Hilfe eilen und sich für deren Rechte engagieren müsse.

Wir wissen selbst, dass uns in den Pastoralbriefen des Neuen Testamentes der verheiratete Amtsträger begegnet und dass die zölibatäre Lebensform des Priesters auf einer kirchlichen Festlegung beruht, die allerdings das Ergebnis einer über lange Zeit verlaufenen theologischen Reflexion und Meditation der apostolischen Berufung ist.

Diese Reflexion über die zölibatäre Lebensweise als adäquate Existenzform des vom Herrn Gesandten nahm vom Ursprung her ihren Ausgang, von Jesu eigener eheloser Existenzweise. Greifbar wird diese Linie in Jesu Rufen in die Nachfolge. Mit so großer Radikalität bricht der Anruf des Herrn in das Leben Einzelner ein, dass selbst Familien- und Sozialstrukturen außer Kraft gesetzt werden, und das in einer Gesellschaft, in welcher der Sexualität, der Familie und Nachkommenschaft eine hohe religiöse Bedeutung und Zeichenhaftigkeit zukamen: „,Wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, ist meiner nicht würdig.‘ Wer das Leben gewinnen will, wird es verlieren; wer aber das Leben um meinetwillen verliert, wird es gewinnen.“ (Mt 10, 37b u. 39) Und an anderer Stelle bei Lukas ist die Rede von denen, die „um des Reiches Gottes willen Haus oder Frau, Brüder, Eltern oder Kinder verlassen haben“ (Lk 18, 29) Diesen Anspruch des Gottesreiches meditiert und reflektiert in der jungen Kirche Paulus weiter. Im 1. Korintherbrief (7, 7) schreibt er mit Blick auf seine ehelose Lebensform: ,Ich wünschte, alle wären wie ich.‘ Paulus verweist hier nicht auf zwei Lebensformen als gleichberechtigte Alternativen, sondern er gibt der Lebensform der Ehelosigkeit den Vorzug ganz im Sinne des Gewichts der Rufe in die Nachfolge im Evangelium. Selbst die Ostkirche, die neben dem zölibatär lebenden Priester den verheirateten Priester kennt, hält im Bischofsamt an der ehelosen Lebensform fest. Nun ist aber der Bischof der erste Seelsorger seines Sprengels und damit Typos des Hirten. Somit ist seine zölibatäre Lebensform in spiritueller Sicht nicht die Ausnahmeerscheinung, sondern das Maß.

Ein positivistischer Rückzug auf das Kirchenrecht wäre verfehlt


Im Blick auf diese Bewegung vom Ursprung her können wir den Zölibat des Priesters nicht einfach zum Resultat eines mittelalterlichen Pragmatismus herunterstufen, bei dem man die Lebensweise der Mönche auf die Priester übertrug. Die Worte des Anfangs richten sich nicht an Mönche, sondern an die Gesandten Jesu. Ebenso verfehlt wäre ein positivistischer Rückzug auf das Kirchenrecht – als ob diese Lebensform ihre Gültigkeit so lange hätte, wie sie kirchenrechtlich festgeschrieben bleibt. Die Haltung des bloßen Rechtsgehorsams, ohne sich an der Existenzform Jesu entzünden zu lassen, wäre keine ausreichende Basis für die zölibatäre Lebensweise. In Sendung und Person Jesu ist diese Lebensform gegründet. Die Glut, die im zölibatären Leben spürbar sein soll, muss von der Gestalt Christi ausgehen.

Die Geschichte des Zölibats kreiste – bei aller Entwicklung – doch immer um den Ursprung. Dabei kann sich der Blick nicht allein auf die historische Person Jesu richten, sondern ebenso auf den wiederkommenden Herrn. Gerade diese Perspektive wird verhindern, zölibatäres Leben durch leibfeindliche Tendenzen zu verfremden. Das in der Weihe vor dem Bischof gelobte zölibatäre Leben ist vielmehr Ausdruck unserer Leidenschaft für das Gottesreich und sein Kommen, es ist das eschatologische Zeichen der neuen Fruchtbarkeit des kommenden Reiches, „denn bei der Auferstehung heiraten sie nicht mehr und werden nicht mehr geheiratet, sondern sind wie die Engel im Himmel“ (Mt 22, 30), wie Jesus den Sadduzäern entgegnet. Liebe Mitbrüder, unsere Lebensform ist keine Verstümmelung, keine Minderung des Lebens, sondern Vorausgriff, wenn wir sie als Gleichwerdung mit Christus gestalten.

Vom hl. Bonaventura stammt der Satz: Ablationem sequitur amor semper – Der Wegnahme folgt immer die Liebe. Liebe Mitbrüder, ablatio – Wegnahme – und zugleich amor – Liebe – bilden den Schlüssel, damit das Urbild Christus durch unseren Verzicht Gestalt annehmen kann. Geleitet von Liebe zum Bild, das er in sich trägt, muss der Bildhauer entfernen, wegnehmen, um aus dem Steinblock das Bild herauszuholen. In der Wegnahme, nicht im Hinzufügen vollzieht sich die Verwandlung des Steins in das Bild. Liebe Mitbrüder, gehen wir mit der Stärkung des Heiligen Geistes ausgestattet in Liebe den Weg unserer Verwandlung. Christus will in uns Gestalt annehmen, in der Weggabe soll sein Bild erkennbar werden. Sein Bild in uns schenkt uns seine Freude. Gehen wir die Schritte als Weg in die Freude. Amen.

[© Die Tagespost vom 18. März 2008]