Der Bischof von Rom bekundet seine Sorge für das Wohlergehen der Einwohner seiner Stadt

Audienz für die Verwalter und Politiker des Landes Latium sowie der Gemeinde und Provinz Rom

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ROM, 10. Januar 2008 (ZENIT.org).- Am heutigen Vormittag begegnete Papst Benedikt XVI. den Verantwortlichen der Regierung und der Verwaltung des Landes Latium sowie der Gemeinde beziehungsweise der Provinz Rom zum traditionellen Neujahrsempfang. Die italienische Delegation wurde vom Präsidenten des Landes Latium, Pietro Marazzo, vom Bürgermeister Roms, Walter Veltroni, und dem Präsidenten der Provinz Rom, Enrico Gasbarra, angeführt.

Land, Gemeinde und Provinz werden, wie die italienische Republik, von Mitte-Links-Koalitionen regiert. Einen der Schwerpunkte der innenpolitischen Diskussion in Italien bildet gegenwärtig die Diskussion um die Stellung der Familie, deren Anerkennung als Kernzelle der Gesellschaft sowie deren Förderung, um den Zerfall der Zivilgesellschaft aufzuhalten. Im Zusammenhang mit dieser Diskussion steht in Italien auch die beginnenden Debatte um die Neuordnung des Abtreibungsparagraphen sowie die staatliche Anerkennung nichtehelicher hetero- und homosexueller Lebensgemeinschaften.

Gleichzeitig kam es während des vergangenen Jahres gerade in der Hauptstadt Italiens zu schwerwiegenden Gewaltverbrechen, die unter anderem im Bereich der illegalen und unkontrollierten Einwanderer vor allem aus den neuen EU-Ländern Osteuropas und aus denen des Balkans zurückzuführen sind. Am meisten ist von der sich anbahnenden Situation eines sozialen Niedergang Roms die weit gefächerte Peripherie der Stadt betroffen. Während Hunderttausende von Touristen die Heilige Stadt in der Regel als großes Freilichtmuseum besuchen und die Stadt- und Landverwaltung darauf achtet, dass das Bild Roms seinem Ruf als Kunst- und Kulturstadt entspricht, können bedauerlicherweise immer mehr Situationen großen sozialen Elends an jenen Orten ausgemacht werden, die nicht zum normalen Ferienprogramm der in- und ausländischen Gäste gehören. Soziale Notstände sind nicht mehr nur im Bereich der nach wie vor ungelösten Frage der Immigration festzustellen; die sozial schwächsten Glieder der Gesellschaft drohen immer mehr, aus dem Netz der sozialen Sicherheit zu fallen.

In seiner Ansprache vor den Politikern und Verwaltern der Stadt Rom und des Landes Latium ging Papst Benedikt als Bischof von Rom näher auf einige dieser Probleme ein, die das Leben der Einwohner von Stadt und Land direkt betreffen.

Bereits auf der Tagung der Diözese Rom am 11. Juni 2007 hatte der Heilige Vater auf den „Erziehungsnotstand“ in der Stadt hingewiesen. Demnach scheint es heute immer schwieriger zu sein, so Benedikt XVI. heute, in überzeugender Weise den jungen Generationen „feste Gewissheiten und Kriterien zum Aufbau des eigenen Lebens zu bieten“. Ein derartiger Notstand dürfe weder die Kirche noch die staatlichen Stellen gleichgültig lassen, da damit die Grundlagen des Zusammenlebens und der Zukunft der Gesellschaft auf dem Spiel stehen.

Der Papst dankte dem Land Latium für die Unterstützung, die es den kirchlichen Oratorien und Kinderanstalten zukommen lässt, die von den Pfarreien und den kirchlichen Gemeinschaften getragen werden. Benedikt XVI. ermunterte die zivilen Institutionen dazu, ihre Bemühungen zu intensivieren, um dem herschenden Erziehungsnotstand entgegenzutreten und sich dabei am Leitkriterium der Zentralität der Person zu inspirieren. In diesem Zusammenhang betonte der Heilige Vater erneut den Vorrang der Unterstützung der auf der Ehe zwischen einem Mann und einer Frau errichteten Familie. Er beklagte die tagtäglichen Angriffe auf diese fundamentale menschliche und soziale Wirklichkeit sowie das mangelnde Verständnis, das ihr entgegengebracht werde.

„Es ist also notwendig“, so der Papst an die Politiker, „dass die öffentlichen Verwaltungen derartige negative Tendenzen nicht begünstigen, sondern im Gegenteil den Familien eine überzeugte und konkrete Unterstützung zukommen lassen, in der Gewissheit, damit für das Gemeinwohl zu arbeiten.“

Als weiteren Notstand seiner Stadt nannte der Bischof von Rom die erhöhte Armut, dies vor allem in den Randbezirken. Die Kirche sei bereit, mit den zivilen Institutionen zusammenzuarbeiten. „Die Zunahme der Lebenserhaltungskosten jedoch, insbesondere der Wohnkosten, die langfristige Arbeitslosigkeit und die oft unangemessenen Gehälter und Renten erschweren wirklich die Lebensbedingungen vieler Menschen und Familien.“

Ferner ging Benedikt XVI. auf die Thematik der Sicherheit und des Niedergangs einiger Stadtgebiete ein. Der Papst forderte besonders in diesem Bereich eine beständige und konkrete Arbeit, die gleichzeitig die Sicherheit der Bürger gewährleiste und für alle, vor allem auch für die Immigranten, die Garantie biete, dass ihnen wenigstens das unverzichtbare Minimum für ein ehrliches und würdiges Leben zur Verfügung steht. Die Kirche arbeite durch die Caritas und viele andere ehrenamtliche Einrichtungen in diesem schwierigen Bereich, den die öffentlichen Einrichtungen jedoch nicht vernachlässigen dürften.

Zum Schluss seiner Ansprache erwähnte Benedikt XVI. die Schwierigkeiten der katholischen Krankenhäuser und Gesundheitseinrichtungen.

Das Land Latium befindet sich im Bereich des Gesundheitswesen in einer finanziellen Notlage, was sich auf die vertragliche geregelte Unterstützung der katholischen Einrichtungen auswirkt. Es dürfe, so der Papst, die teilweise dramatische Situation der kirchlichen Gesundheitseinrichtungen nicht vergessen werden, zumal da diese sich in der ganzen Nation durch Prestige und Qualität auszeichnen. „Daher kann ich es nicht zu vermeiden, darum zu bitten, dass die Verteilung der notwendigen Ressourcen nicht vernachlässigt wird – nicht, weil dies im Interesse der Kirche liegt, sondern um nicht einen unverzichbaren Dienst für unsere Bevölkerung zu kompromittieren.“

Eine der bekanntesten Gesundheitseinrichtungen, die aufgrund der Finanzkrise des Landes Latium (eine Milliarde Euro Schulden im Gesundheitswesen) am meisten betroffen ist, ist die Poliklinik Gemelli, das Krankenhaus, dessen berühmtester Patient Papst Johannes Paul II. gewesen ist.

Kirchliche Krankenhäuser arbeiten innerhalb des staatlichen Gesundheitswesen „in Konvention“, das heißt: Der Staat ist nicht Eigentümer des Gebäudes und nicht für die Instandhaltung zuständig, finanziert diese jedoch entsprechend den vertraglich festgelegten Tarifen für die Leistungen, die die kirchlichen Einrichtungen für die Patienten erbringen. Die Patienten zahlen somit für die verschiedenen Behandlungen in den Einrichtungen der Kirche denselben Preis wie in staatlichen Einrichtungen. Kirche und Staat arbeiten hier in einer für die Bevölkerung unverzichtbaren Weise zusammen.

In Italien ist die staatliche Gesundheitsversorgung regional geregelt. Für alle Behandlungen, Medikamente usw. zahlt der Bürger, der mehr als 36.000 Euro brutto im Jahr verdient, ein so genanntes „Ticket“ (ein Gymnasiallehrer, der einem Studienrat gleichkommt, bezieht in Italien ein Bruttoeinkommen von rund 23.000 Euro). Dieses Ticket kann sich von Region zu Region ändern oder durch einen Regierungsbeschluss ganz abgeschafft werden. Die Mitte-Links-Regierung Romano Prodis hat es sich zum Ziel gesetzt, dessen Abschaffung (die bereits in den vergangenen Jahren oft beschlossen, eingeführt und dann wieder zurückgenommen wurde) erneut einzuführen.

Die kirchlichen Krankenhäuser und Universitätskliniken (Gemelli und etwa jene, die von den Barmherzigen Brüdern oder dem Opus Dei geführt werden, San Raffaele oder Bambino Gesù, um nur einige zu nennen) gehören zu den qualifiziertesten Gesundheitseinrichtungen des Landes, das ansonsten nicht für die Qualität seines Gesundheitsdienstes bekannt ist.

Von Armin Schwibach