Der Bösewicht wird zum Held

Filmrezension: Ralph reichts

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Von Dr. phil. José García*

BERLIN, 7. Dezember 2012 (ZENIT.org/textezumfilm). - Randale-Ralph ist der Bösewicht eines Videospiels namens „Fix-it Felix Jr.“, bei dem Ralph an einem Hochhaus mit seinen riesigen Händen alles Mögliche kaputt macht. Dann repariert es der vom Spieler gesteuerte, fleißige Held des Videospiels Felix Jr. mit seinem magischen Hammer im Nu. Das Videospiel wurde vor dreißig Jahren eingeführt, seine 8-Bit-Struktur wird etwa an der geringen Auflösung und an den abgehakten Bewegungen der Figuren sichtbar. Obwohl in diesen drei Jahrzehnten viele andere Spiele ausrangiert wurden, hat es „Fix-it Felix Jr.“ bis heute geschafft, in den Videohallen stehen zu bleiben. Nach drei Jahrzehnten hat es aber Ralph reichlich satt, der auf einem Schrottplatz lebende Außenseiter zu sein, der immer nur aus der Ferne beobachten kann, wie Felix Jr. am Ende des Tages eine Medaille verliehen bekommt und zusammen mit den Bewohnern des Hochhauses feiert. Die von einem der Gespenster aus dem berühmten Pacman-Videospiel geleitete Selbsthilfegruppe „Die anonymen Bösewichte“ kann Ralph nicht umstimmen: Er möchte endlich nicht mehr der Böse sein, sondern auch ein wenig Anerkennung genießen. Ralph reicht es – so auch der deutsche Titel des nun anlaufenden Disney-Animationfilms „Wreck-it Ralph“, bei dem Rich Moore Regie führt und Pixar-Chef John Lasseter als Ausführender Produzent agiert.

Einzige Möglichkeit, diese Anerkennung zu bekommen, besteht für Ralph im Gewinn einer Medaille, wie sie Felix in ihrem Spiel tagtäglich erhält. So macht sich Ralph in eines der anderen Spiele in seiner Videospiel-Halle auf, das Science-Fiction-Ego-Shooter-Spiel „Hero‘s Duty“. Das Verlassen seines eigenen Spiels könnte allerdings unheilvolle Konsequenzen nach sich ziehen, wird Ralph unter Berufung auf eine Figur namens „Turbo“ aus einem ausgemusterten Videospiel gewarnt, die vor vielen Jahren genau das tat. Bekommt Ralph verhältnismäßig schnell die Medaille, so muss er in ein anderes Spiel namens „Sugar Rush“ flüchten, wo sich der Hauptteil der Handlung von „Ralph reichts“ abspielt. Dort lernt der Riese mit den großen Händen das kleine Mädchen Vanellope von Schweetz kennen. Dieses ist ebenfalls eine Außenseiterin, weil sie als Programmierungsfehler an der Hauptattraktion des Videospiels, dem „Sugar Rush“-Rennen, nicht teilnehmen darf.

Eine der reizendsten Seiten von „Ralph reichts“ besteht darin, Videospiele aus verschiedenen Generationen mit ihren unterschiedlichen Auflösungen zu vereinen. Dass sich die Figuren aus all den Videospielen in die „Game Central Station“ begeben, nachdem die Spielhalle geschlossen hat, und dort ein Eigenleben entwickeln, erinnert zwar natürlich an die Grundidee des Pixar-filmes „Toy Story“ und dessen Fortsetzungen. Dies wird jedoch in „Ralph reichts“ nicht einfach kopiert, sondern stellt den Ausgangspunkt für eine eigenständige Story dar, die in zwei Parallelsträngen entwickelt wird: Während die zwei Außenseiter auf der Suche nach Anerkennung Ralph und Vanellope den fiesen Tricks des „Sugar Rush“-Kings trotzen müssen, machen sie die Heldin des Shooter-Spiel „Hero s Duty“ und der fleißige Handwerker Felix auf die Suche nach einem Cyborg auf, ehe sich dieser virusartig in der „Sugar Rush“-Welt ausbreitet und sie letztlich zerstört.

Beim neuen Disney-Animationsfilm besticht allerdings nicht nur die bei Behaltung ihrer altertümlich wirkenden Bewegungsmotorik intelligente Umsetzung der alten 8-Bit-Lebenswelt von „Fix-it Felix Jr.“ in einen 3D-Animationsfilm gemäß heutiger technischer Standards. Darüber hinaus gelingt den Drehbuchautoren Phil Johnston und Jennifer Lee sowie Regisseur Rich Moore eine Geschichte mit einigen unerwarteten Wendungen, die in ihren schwierigen moralischen Entscheidungen den besten Geschichten aus den „Pixar“-Filmen in nichts nachsteht. Obwohl Ralph in einigen Punkten etwa an den unter seiner rauen Schale leidenden gutmütigen Oger Shrek erinnert, ist die Figurenzeichnung eigenständig genug, um sich von „Shrek“ abzusetzen. Die Filmemacher statten Vanellope von Schweetz ebenfalls mit einer reichen Persönlichkeit aus. Die auf den ersten Blick etwas nervige Vanellope hadert mit ihrem Schicksal als Programmierfehler und leidet ebenfalls an Einsamkeit. Ohne altklug zu wirken, hat sie sich eine Lebensweisheit angeeignet, die sich etwa in ihrem Spruch „Neid ist ein Hund, der einer vergifteten Wurst nachjagt“ ausdrückt.

Obwohl „Ralph reichts“ an den hohen animationstechnischen Standard der „Pixar“-Filme nicht ganz heranreicht, obwohl sich auch der Humor im Laufe der Handlung immer mehr abnutzt und das zu sehr in die Länge gezogene Ende eine Spur zu kitschig wirkt, gelingt dem neuen Disney-Animationsfilm genau das, was die zwei letzten „Pixar“-Filme „Cars 2“ und „Merida – Legende der Highlands“ hatten vermissen lassen: eine originelle und nicht vorhersehbare Geschichte. Außerdem ist „Ralph reichts“ wie allen Pixar-Filmen ein Kurzfilm vorgeschaltet: „Im Flug erobert“ erzählt ohne einen einzigen Dialog und in fast Schwarzweiß eine charmante und wunderschön umgesetzte Großstadt-Liebesgeschichte.

*Dr. José García, geb. 1958, Magister Artium 1982, promovierte in Mittlerer und Neuerer Geschichte an der Universität Köln 1989. Filmkritiker für verschiedene Zeitungen. Autor der Filmbücher „Träume, Werte und Gefühle. Die wundersame Welt von Film und Kino“ und „Der Himmel über Hollywood. Was große Filme über den Menschen sagen“. Mitglied im Verband der deutschen Filmkritik, Mitarbeit an den Jurys für die Verleihung des „Preises der Deutschen Filmkritik“. José García lebt und arbeitet in Berlin.