Der Dialog zwischen den Kirchen: „Die Hoffnungen sind größer als die Sorgen“

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ROM, 23. November 2007 (ZENIT.org).- „Die Hoffnungen sind größer als die Sorgen.“ Diese Überzeugung brachte Kardinal-Staatsekretär Tarcisio Bertone im Vorfeld des Konsistoriums dieses Wochenendes in einem Interview mit der Zeitung der italienischen Bischofskonferenz, „Avvenire“ (22.11.2007), zum Ausdruck.



Der heutige Tag vor dem öffentlichen Konsistorium zur Überreichung des Kardinalbiretts an 23 neue Kardinäle am Samstag und Sonntag wurde von Papst Benedikt XVI. zum gemeinsamen Tag der Reflexion und des Gebetes erklärt. An ihm nehmen neben den designierten auch alle eingeladenen Kardinäle teil. Insgesamt sind es ja 201: 120 wären im Fall eines Konklaves wahlberechtigt, und 81 haben das 80. Lebensjahr schon überschritten.

Nach einem einführenden Bericht des Präsidenten des Rates zur Förderung der Einheit der Christen, Kardinal Walter Kasper, über den aktuellem Stand der Ökumene ist der „Senat der Kirche“ dazu aufgerufen, seine Gedanken zu diesem Problem zu äußern. Die Sitzung des Kardinalskollegiums am Nachmittag ist der freien Diskussion über den allgemeinen Zustand der Kirche vorbehalten.

Auch vor dem letzten öffentlichen Konsistorium (24. März 2006) hatte Benedikt XVI. ein außerordentliches Konsistorium einberufen. Die im Vorjahr behandelten Themen betrafen die von Erzbischof Marcel Lefebvre aufgeworfenen Probleme für die Kirche, die vom II. Vatikanischen Konzil gewollte Liturgiereform und der interreligiöse Dialog zwischen der Kirche und dem Islam.

Im letzten Jahr wurde das außerordentliche Konsistorium vom damaligen Kardinal-Staatssekretär und Dekan des Kardinalskollegium Angelo Sodano eingeleitet. Der Papst selbst hatte das Wort während der Arbeiten des Vormittags ergriffen, um die zur Diskussion stehenden Themenbereiche einzuleiten, und er beschloss am Abend die Versammlung. Es hatte 20 Wortmeldungen zu den auf der Tagesordnung stehenden Fragen gegeben, während sich zahlreiche Kardinäle am freien Gespräch beteiligten. Dieses Jahr führt der Heilige Vater selbst die Arbeiten ein. Nach der freien Diskussion über den Stand der Kirche hält er eine abschließende Ansprache.

Die heutigen Arbeiten der Kardinäle „cum et sub Petro“ haben als Mittelpunkt die Information über das kürzlich veröffentliche Ravenna-Dokument über die Stellung des Nachfolgers Petri und die sakramentale Natur der Kirche. Kardinal Bertone brachte gegenüber „Avvenire“ den Wunsch zum Ausdruck, dass „der Dialog vorwärts gehe und die inneren Probleme in der weiten und komplexen Welt der Orthodoxie in einer vollen Gemeinschaft unter allen Teilen eine Lösung finde“. Daraus könne der ökumenische Dialog insgesamt nur Vorteile ziehen. Von einer „ökumenischen Eiszeit“ könne nicht die Rede sein. „Im Dialog kann es zu einem Auf und Ab kommen“, so Bertone. „Das Wichtige ist, immer den steten Wunsch zu hegen und den Willen zu haben, zur vollen Gemeinschaft vorzudringen, ohne jedoch jemals die Pflichten zu vergessen, die wir alle vor der Wahrheit haben.“

Seit dem Beginn seines Petrusamtes hatte Benedikt XVI. immer wieder die Ökumene als Priorität seines Dienstes in den Mittelpunkt gestellt. Gerade das letzte Ergebnis des Dialogs mit der orthodoxen Kirche in ihrer Gesamtheit, das im Ravenna-Dokument zusammengefasst ist, wurde auch von höchsten Stellen im Vatikan als positiv begrüßt. Der Dialog mit der Orthodoxie ist jedoch nicht frei von Problemen. Abgesehen von den inneren Spannungen zwischen den einzelnen Patriarchaten (und dabei vor allem zwischen dem Patriarchat von Moskau und ganz Russland und dem Ökumenischen Patriarchat von Konstantinopel, das einen Ehrenvorsitz in der Orthodoxie einnimmt), ist daran zu erinnern, dass Benedikt XVI. mit der Veröffentlichung des „Annuario Pontificio“ 2006 den althergebrachten Titel „Patriarch des Abendlandes“ abgelegt hatte. Dies bedeutet, dass der römische Papst kein Patriarch unter anderen Patriarchen ist und das Amt des Petrus nicht mit dem des Vorsitzes der anderen Patriarchen verglichen werden kann. Aus diesem Grund wird es wichtig sein, wie das Ravenna-Dokument in der Sitzung der Gemischten Kommission für den theologischen Dialog zwischen der Kirche Roms und der Orthodoxie im kommenden Jahr eine Konkretisierung in der Diskussion um Stellung und Bedeutung des Primats des Bischofs von Rom erfahren wird.

Ein weiterer Diskussionspunkt auf dem Weg der Ökumene mit der Orthodoxie und dem Protestantismus ergab sich im Sommer 2007 durch die Veröffentlichung des Dokuments der Kongregation für die Glaubenslehre über die Bedeutung der Formulierung des II. Vatikanischen Konzils, dass die Kirche in der katholischen Kirche „subsisitiert“ („subsistit in“). Gerade von protestantischer Seite wurde das Dokument über das Wesend der Kirche als „Hindernis“ auf dem Weg zur Einheit betrachtet. Einige protestantische Kirchen hatten sich darüber beschwert, dass Rom „die Kirche“ zu definieren beabsichtige. Anliegen der Glaubenskongregation jedoch war es vielmehr, das katholische Verständnis von Kirche eindeutig zu klären, damit auf dieser Basis der Wahrheit ein fruchtbarer Dialog zustande kommen kann.

Ein Hindernis auf dem Weg der Ökumene mit der anglikanischen Kirche ist durch deren Diskussion um die Möglichkeit gegeben, homosexuellen Paaren die Ehe zu ermöglichen. Dazu gesellt sich die Debatte in der anglikanischen Kirche um homosexuelle Priester. Ethische Themen im Bereich des Lebensschutzes und der individuellen Lebensgestaltung haben die katholischen und protestantischen Positionen immer mehr auseinanderdriften lassen. Gerade im Bereich der Ethik, der Bioethik und der Sozialethik hingegen ist eine Übereinstimmung zwischen der Orthodoxie und vor allem dem Patriarchat von Moskau festzustellen, wie dies letztlich auch aus der Ansprache des russischen Patriarchen Alexeij II. vor dem Europarat ersichtlich wurde.

Der „Senat der Kirche“ setzt sich somit mit Schlüsselthemen auseinander, die die Zukunft des kirchlichen Lebens und darüber hinaus das Schicksal der christlichen Zivilisation bestimmen. Die 23 neuen Kardinäle stehen zusammen mit dem ganzen Kollegium vor einer großen Verantwortung, in die sie Papst Benedikt XVI. mit dem morgigen öffentlichen Konsistorium offiziell ganz einbeziehen wird.