„Der Emigrant ist kein Ausländer, sondern ein Bote Gottes“

Predigt zur internationalen Jahreswallfahrt der Emigranten nach Fatima (Portugal)

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ROM, 20. August 2009 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die Predigt, die der Weihbischof von Porto Alegre (Brasilien), Alessandro Carmelo Ruffinoni, am 13. August während der heiligen Messe zur diesjährigen internationalen Wallfahrt der Emigranten im portugiesischen Marienwallfahrtsort Fatima gehalten hat (vgl. Botschaft von Fatima).

Bischof Ruffinoni, der in der Brasilianischen Bischofskonferenz für die seelsorgliche Betreuung der Auslandsbrasilianer zuständig ist, verwies auf die Wege von Kain und Abel und bekräftigte, dass die Emigranten vor allem Boten Gottes sein sollten.

Die Kirche sehe im Migranten niemand geringeren als Christus selbst, der „sein Zelt mitten unter uns aufgeschlagen hat (vgl. Joh 1, 14) und der an unsere Türe klopft (vgl. Apg 3,20). Glücklich ist jenes Volk, das die Emigranten gastlich aufnimmt und ihnen die Türe öffnet, damit wir mehr Friede und Freude finden.“

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Vögel und Tiere sind unterwegs, weil der Instinkt sie treibt; die Samen wandern auf den Flügeln des Windes, die Pflanzen werden von Kontinent zu Kontinent getragen durch die Strömung der Wasser, und mehr als alles andere wandert der Mensch, Werkzeug der Vorsehung Gottes, die uns Menschen zum Ziel geleitet und führt, „zur Vollendung des Menschen und zur Ehre Gottes“ (Scalabrini).

So schaute Baptist Scalabrini Johann, der Vater und Apostel der Migranten, in der Auswanderung Wege der Vorsehung, um den Glauben, den Fortschritt und die Solidarität in der Welt zu verbreiten.

Im Brief an Diogenes steht geschrieben: „Für den Christen wird jede Fremde zur Heimat, und jede Heimat wird zur Fremde. Der Christ bewohnt die Welt, aber er ist Bürger des Himmels.“

Tief und stark ist der Gedanke, eine Welt ohne Grenzen zu sehen, ohne ein fremdes Wort, das ein trauriges und kaltes Wort ist, ein Wort, das trennt und teilt. In der Kirche ist niemand ein Fremder, sagte Papst Johannes Paul II. Alle sind wir Brüder und Schwestern, Söhne und Töchter  desselben Vaters. Jesus sagte: „Ich nenne euch nicht Knechte,  ich nenne euch Freunde.“ Wir gehören alle zur selben Familie Gottes. Die Kirche ist eine Mutter, die alle aufnimmt und jedes  Volk anerkennt.

Fragt mich nicht, wie viele Sprachen ich spreche, denn der Emigrant hat nur zwei Sprachen. Es ist die Sprache von Kain und die Sprache von Adam: Kain spricht die Sprache des Hasses, des Neids, der Demütigung, der Täuschung, der Ausbeutung  und der Schlauheit; Abel aber spricht die Sprache der Liebe, der Gastfreundschaft, der Solidarität, der Versöhnung und der Brüderlichkeit. Es ist nicht wichtig, ob ich Italiener, Portugiese, Brasilianer, Amerikaner, Chinese oder Japaner bin. Das einzig Wichtige ist: Jeder ist geschaffen nach dem Bild und Gleichnis Gottes.

In diesem Zusammenhang können wir uns fragen: Welchen Sinn hat diese heutige Wallfahrt der Emigranten zum Heiligtum von Fatima? Warum kommen wir als eine so große Schar am Tisch der Eucharistie zusammen, im Hause unserer gemeinsamen Mutter, der heiligsten Maria?

Es gibt viele Gründe, liebe Schwestern und Brüder. Die Kirche ist  Zeichen der Liebe und der Herzlichkeit. Jedem Sohn und jeder Tochter möchte sie sagen, dass sie den Weg jedes Einzelnen kennt. Sie vergisst euch nicht, auch wenn ihr weit voneinander entfernt in dieser großen Welt lebt. Sie begleitet euch mit ihrem Gebet, damit ihr nicht ermüdet und nicht aufgebt in der Suche nach einem besseren Leben.

Heute und immer will die Kirche euch und allen Emigranten auf der Welt auch ein großes Danke sagen für eure Arbeit zum Fortschritt der Nationen, in denen ihr Aufnahme gefunden habt. Ihr seid Gottes Samenkörner: Durch euer Leben und Zeugnis verbreitet ihr den Glauben, die Gebräuche und Traditionen eurer Heimat. So bereichert ihr die Völker, mit denen ihr zusammen lebt.

Ihr seid wie die Hirten von Bethlehem. Nachdem sie Jesus in der Krippe gesehen und angebetet hatten, zogen sie weg, um die Wunder Gottes zu verkünden. Viele Menschen, die euch Aufnahme schenkten, habt ihr mit eurem Glauben angesteckt, und nun glauben sie an Gott. Ihr seid wie einfache Schüler und Hirten – Emigranten, die in unserer heutigen Welt große Missionare geworden sind. Wie viele schöne Geschichten könnte ich hier von Emigranten erzählen, die mitten im Urwald, mitten in den großen Weltstädten, in den Ebenen und auf den Bergen mit einem einfachen Bild oder einer Statue ein großes Heiligtum oder eine große Kathedrale errichtet haben, so dass ringsum christlicher Glaube und christliche Tradition wachsen konnte. Auf meinen Reisen nach Japan und in die Vereinigten Staaten habe ich erfahren, wie die  Anwesenheit der Emigranten ein starker Beitrag für das Wachsen christlicher und menschlicher Werte unter den Menschen wurde. Deshalb kann kein Emigrant zu einem Problem werden – weder für die Kirche noch für den Staat, der ihn aufnimmt. Sie wurden zu einem wertvollen Schatz, wofür wir Gott heute danken wollen.

In der jüngsten Enzyklika Caritas in veritate macht uns Papst Benedikt XVI. auf das Phänomen der Emigration in der heutigen Zeit aufmerksam:

„Ein anderer Aspekt, der in Bezug auf die ganzheitliche menschliche Entwicklung Beachtung verdient, ist das Phänomen der Migrationen. Dieses Phänomen erschüttert einen wegen der Menge der betroffenen Personen, wegen der sozialen, wirtschaftlichen, politischen, kulturellen und religiösen Probleme, die es aufwirft, wegen der dramatischen Herausforderungen, vor die es die Nationen und die internationale Gemeinschaft stellt. Wir können sagen, dass wir vor einem sozialen Phänomen epochaler Art stehen, das eine starke und weitblickende Politik der internationalen Kooperation verlangt, um es in angemessener Weise anzugehen. Eine solche Politik muss ausgehend von einer engen Zusammenarbeit zwischen Herkunfts- und Aufnahmeländern der Migranten entwickelt werden; sie muss mit angemessenen internationalen Bestimmungen einhergehen, die imstande sind, die verschiedenen gesetzgeberischen Ordnungen in Einklang zu bringen in der Aussicht, die Bedürfnisse und Rechte der ausgewanderten Personen und Familien sowie zugleich der Zielgesellschaften der Emigranten selbst zu schützen. Kein Land kann sich allein dazu imstande sehen, den Migrationsproblemen unserer Zeit zu begegnen. Wir alle sind Zeugen der Last an Leid, Entbehrung und Hoffnung, die mit den Migrationsströmen einhergeht. Das Phänomen zu steuern ist bekanntermaßen komplex; dennoch steht fest, dass die Gastarbeiter trotz der Schwierigkeiten im Zusammenhang mit ihrer Integration durch ihre Arbeit einen bedeutenden Beitrag zur wirtschaftlichen Entwicklung des Gastlandes leisten und darüber hinaus dank der Geldsendungen auch einen Beitrag zur Entwicklung ihrer Herkunftsländer erbringen. Offensichtlich können diese Arbeitnehmer nicht als Ware oder reine Arbeitskraft angesehen werden. Sie dürfen folglich nicht wie irgendein anderer Produktionsfaktor behandelt werden. Jeder Migrant ist eine menschliche Person, die als solche unveräußerliche Grundrechte besitzt, die von allen und in jeder Situation respektiert werden müssen.“ (62)

Auch im Dokument von Aparecida (Mai 2007) erinnern die lateinamerikanischen Bischöfe und die Bischöfe der Karibik an die Pflicht der seelsorglichen Begleitung der Migranten und bekräftigen: „Zu den Aufgaben der Kirche zugunsten der Migranten zählt die prophetische Ankündigung des Durcheinanders, das sie oft erleben müssen. Als eine Kirche, die ihre Kinder liebt, müssen wir uns anstrengen, dass eine Emigrantenpolitik geschaffen wird, welche die Rechte der Personen, die ausgewandert sind, herausstellt“. (DAp 414)

Die ganze Kirche – Diözesen und Pfarreien – soll beispielhaft werden in einer besseren Gastfreundschaft den Migranten gegenüber, indem sie den Gläubigen behilflich ist, Vorurteile und Misstrauen zu überwinden. Sie ist berufen, brüderliche und friedliche Kontakte zu sichern, ein Haus für alle zu werden – ein Haus, das durch Wahrheit, Gerechtigkeit, Liebe und Freiheit aufrechterhalten bleibt. (Johannes XXIII.) „Wo das Volk leidet und arbeitet, da muss die Kirche anwesend sein.“ (Scalabrini)

Der Emigrant ist kein Ausländer, sondern ein Bote Gottes, der die Regelmäßigkeit und Logik des alltäglichen Lebens durchbricht und dadurch überrascht. Die Kirche sieht im Migranten Christus, der „sein Zelt mitten unter uns aufgeschlagen hat“ (Joh 1, 14) und „der an unsere Türe klopft“ (Apg 3,20). Glücklich ist jenes Volk, das die Emigranten gastlich aufnimmt und ihnen die Türe öffnet, damit wir mehr Friede und Freude finden.

Noch ein Wort für die brasilianischen Migranten, die bei dieser Wallfahrt hier anwesend sind und die in diesem Land Gastfreundschaft und Arbeit gefunden haben. Als Bischof und Beauftragter der brasilianischen Bischofskonferenz (CNBB) für die Migrantenseelsorge unter den brasilianischen Emigranten im Ausland (PBE) darf ich gestehen, dass die Kirche Brasiliens stolz ist auf Sie alle – wegen ihres Glaubens, wegen ihrer Arbeit und ihres Geistes der Freude, der alle ansteckt.

Jedes Jahr feiern wir im Monat Juni in den Diözesen Brasiliens die Woche des Migranten, und gerade in dieser Zeit beten wir zu Gott ganz besonders für die Migranten. Wir erinnern uns an die vier Millionen Brasilianer, die in der weiten Welt zerstreut leben. Als Bischof, der für die Seelsorge für die Brasilianer im Ausland verantwortlich ist, möchten wir Brücke werden zwischen eurer Ursprungsheimat und dem neuen Vaterland, das euch aufnimmt. Wir wollen miteinander ins Gespräch kommen und unsere Brüder im Bischofsamt und im priesterlichen Dienst eindringlich bitten, jetzt eure Hirten zu werden. Sie mögen das ihnen Mögliche tun, damit es den Migranten nicht an geistlicher Begleitung und brüderlicher Hilfe fehlt.

Erlaubt mir, meine Botschaft mit einem Gebet an Unsere Liebe Frau von Fatima zu beschließen:

O Jungfrau und Unsere Liebe Frau von Fatima, Mutter der Pilger: Lehre uns den Weg der Liebe und der Brüderlichkeit! Bleib bei uns im Augenblick der Mutlosigkeit und der Trauer. Bleib bei uns, wenn  in unserem Glauben Zweifel und Schwierigkeiten groß werden. Bleib bei unseren Familien, damit wir auch weiterhin Kinder der Liebe, der Achtung und Einheit bleiben. Bleibe bei unseren Brüdern und Schwestern, die in der Fremde leiden müssen, weil ihnen Heim, Arbeit und das Essen fehlen. Blicke in Liebe auf unsere Kinder und Jugendlichen! Mögen sie an Alter, Güte und Weisheit wachsen können wie dein Sohn Jesus. Mögen sie uns helfen, aus dieser Erde einen Ort der Brüderlichkeit und des Friedens zu bauen. Stärke alle im Glauben, damit wir missionarische Schüler deines Sohnes Jesus werden. Amen.

Es lebe Unsere Liebe Frau von Fatima!

[ZENIT-Übersetzung des portugiesischen Originals]