Der Faktor Religion bei den US-Wahlen

Das Votum der Katholiken neigt seit fünfundzwanzig Jahren immer mehr zu den Republikanern

| 1155 klicks

Von Rafael Navarro Valls*

ROM,  12. Januar 2012 (ZENIT.org). – In den Vereinigten Staaten hat der Wahlmarathon begonnen, der am kommenden 6. November mit der Wahl des neuen Präsidenten endet. Während einerseits die Demokratische Partei schon den Kandidaten Barak Obama hat, muss die Republikanische Partei noch einen langen Weg bis zum August zurücklegen, wenn die Konvention von Tampa Bay (Florida) endgültig den Kandidaten designiert, der den scheidenden Präsidenten herausfordern soll.

Der Weg umfasst eine Reihe von Zwischenetappen, die sogenannten „Primaries” oder Vorwahlen Staat für Staat, die den langen Weg abstecken. Die erste wurde in der vergangenen Woche in Iowa abgehalten. Die Sieger unter den sieben Kandidaten waren – praktisch zu gleichen Teilen – der vierundsechzigjährige Mormone Mitt Romney und der dreiundfünfzigjährige Katholik Rick Santorum. Der nächste Durchgang war für Dienstag, den 10. Januar, in New Hampshire vorgesehen.

Die Sieger von Iowa

Wir wollen jetzt die Identität der Kandidaten analysieren. Rick Santorum, Ex-Senator von Pennsylvania, ist Vater von sieben Kindern, überzeugter Lebensschützer, Verteidiger der hetero-geschlechtlichen Ehe und um die Erziehung besorgt. Um ihn herum sammeln sich die evangelikalen Protestanten und allgemein die Verteidiger christlicher Werte. Sein Herausforderer Romney musste einige Schwierigkeiten überwinden, die sich aus seiner Zugehörigkeit zur mormonischen Kirche ergaben. Dennoch zeigt eine kürzlich vom „Pew Research Center” durchgeführte Untersuchung, dass 91 Prozent der evangelikalen Weißen – die republikanischen Wähler, die der religiösen Überzeugung des Kandidaten am meisten abgeneigt sind – Romney bei einer eventuellen Herausforderung gegen Präsident Obama unterstützen würden.

Die Religion spielt bei diesen Wahlen eine bestimmende Rolle. Ein bekannter Professor der Universität Notre Dame hat vor einigen Tagen sogar einen Leitartikel mit der Überschrift „Es ist leider die Religion, nicht die Wirtschaft” unterschrieben und stellt Religion dort an die Spitze der Beweggründe der Wähler.

Ich gehe nicht so weit, diese Behauptung zu unterschreiben, angesichts des Maßes, in dem die wirtschaftlichen Probleme (Rezession, Arbeitslosigkeit, Staatsschulden) im Zentrum der aktuellen Wahlen stehen. Obwohl die Religion ihr eigenes Gewicht hat, wie die Geschichte der Vereinigten Staaten lehrt.

Auch ein nicht besonders eifriger Präsident wie Barak Obama hat an einer Feier zur Amtseinsetzung teilgenommen, bei der zwei protestantische Pastoren religiöse Überlegungen angestellt haben (der eine, indem er Gott anrief, und der andere, indem er den Schlusssegen erteilte). Ein Teil der Anwesenden betete das Vaterunser, und der neue Präsident legte den Eid auf die Bibel ab (auf dieselbe, die von Lincoln bei seiner Amtseinführung benutzt wurde) und nahm vier Mal in seiner Rede Bezug auf Gott, ohne mit Anrufungen der göttlichen Hilfe zu sparen.

Der Sinn der Trennung von Staat und Kirche

Die Laizität ist den Institutionen der Vereinigten Staaten nicht fremd, denn sie entspricht einer alten amerikanischen Tradition, die sich mit unterschiedlichen Nuancen seit den Zeiten von Georges Washington (1789) wiederholt. Die Eigenschaft, die diese Symbolik ausdrückt, ist die Bedeutung der Religion im öffentlichen Leben der Amerikaner. Man muss sich daran erinnern, dass die Absicht zur Trennung von Staat und Kirche nicht darin besteht – um die Worte von William McLoughlin zu benutzen, „die Amerikaner von der Religion zu befreien, sondern vielmehr darin, ihre freie Ausübung zu garantieren.”

Das heißt, dass der historische Hintergrund, der den juristischen Umgang mit dem Faktor Religion kennzeichnet, sich von dem europäischen unterscheidet. In den Vereinigten Staaten beschränkt sich die politische Macht darauf, die Staatsreligion abzuschaffen, indem sie allen Kirchen die gleiche Würde zuspricht und ihnen den absoluten Besitz eigener Güter und die Freiheit zugesteht, sich mit eigenen, internen Strukturen zu organisieren. Es handelte sich um eine freundschaftliche Trennung, die von wohlwollender Neutralität gegenüber jedem religiösen Bekenntnis gekennzeichnet war. Ein tiefgehender Unterschied folglich, verglichen mit der Absicht der Französischen Revolution, die das Prinzip der Trennung auf dem Kontinent bestätigte. In diesem Fall beabsichtigte die Macht keine wohlwollende Trennung, sondern eine Unterordnung der Kirche unter den Staat.

Nach jüngsten Statistiken sagen über 90 Prozent der befragten Nordamerikaner, dass sie einen Afroamerikaner, einen Juden oder eine Frau wählen würden, während 59 Prozent einen Homosexuellen wählen würden. Nur 49 Prozent wären bereit, einen atheistischen Präsidentschaftskandidaten zu wählen.

Die Religionsfreiheit

Dennoch bedurfte diese Vorgehensweise, die es heute einem Katholiken wie Santorum oder einem Mormonen wie Romney erlaubt, die eigene Kandidatur vorzuschlagen, eines langen Weges bis zum Sieg der Religionsfreiheit. Ein Beispiel: Als John Fitzgerald Kennedy am 2. November 1960 ins Weiße Haus gewählt wurde, löste die Tatsache, dass man einen Katholiken zum Präsidentschaftskandidaten gemacht hatte, einigen Widerstand aus. Es gab regelmäßige Anspielungen auf Kennedys Katholik-Sein, vor allem während der Vorwahlen. Bis zu dem Tag, an dem der zukünftige Präsident ausrief: „Niemand hat mich gefragt, ob ich Katholik sei, als ich zur Marine der Vereinigten Staaten einberufen wurde”. Am 20. Januar 1961 saß Kennedy im Ovalen Saal als erster katholischer Präsident Amerikas in der Geschichte.

Heute ist es absolut normal, dass die Katholiken ohne besonderen Widerstand öffentliche Ämter übernehmen. Zum Beispiel sind von 435 Abgeordneten der Vereinigten Staaten 135 (31,03 Prozent) Katholiken. Das Engagement der katholischen Organisationen im sozialen Bereich wird besonders geschätzt. Man vergisst nicht, dass die katholischen Organisationen jedes Jahr ungefähr 30. Milliarden Dollar im sozialen Bereich und in der Erziehung investieren.

Von den Wahlen 2004 zu denen 2012

Bei den Präsidentschaftswahlen 2004 standen sich ein Katholik (Kerry) und ein Protestant (Bush) gegenüber, ohne Spannungen zwischen Protestanten und Katholiken hervorzurufen, wie sie die Auseinandersetzung zwischen Nixon und Kennedy im Jahr 1960 kennzeichneten. Man diskutierte über Abtreibung, Todesstrafe, Stammzellen, gleichgeschlechtliche Ehe, Pädophilie im Klerus, aber niemals über „den Gehorsam der römischen Katholiken ihrer Kirche gegenüber”. Dieses Mal stellte man eine Trennung fest  zwischen mehr oder weniger praktizierenden „Frommen” (Protestanten oder Katholiken) und den sogenannten „do-it-yourself”-Christen (Katholiken oder Protestanten), auch sie mehr oder weniger praktizierend, die es aber nicht gewohnt sind, den Anweisungen der eigenen Kirche in ethisch sensiblen Bereichen zu folgen. Ähnliches zeigte sich auch bei den Wahlen im Jahr 2008: Sechs katholische „Vorkandidaten” begannen die Wahlkarriere und ein anderer Katholik wurde zum Vizepräsidenten gewählt, Joe Bidden, der allerdings in seinen Ansichten zu ethischen Fragen nicht ganz orthodox ist.

Historisch gesehen wählen die Katholiken die Demokraten. Die Republikaner repräsentierten das Votum der Weißen und Protestanten. Mit Reagan hat sich diese Tendenz verändert. Der katholische Philosoph Michael Novak erklärte, dass Reagan verstanden habe, dass einer der Schlüssel des katholischen Votums die Familie sei. Es war gerade das Beharren auf den Themen der Familie, das Reagan eine wichtige Unterstützung durch die Stimme der Katholiken sicherte. Diese kehrte durch Clinton zu den Demokraten zurück und neigt jetzt – bezogen auf die praktizierenden Katholiken – zu den Kandidaten, die die christlichen Werte unterstützen. Die Zeitschrift „Religion News Service” betont, dass im letzten Viertel des Jahrhunderts die praktizierenden Katholiken und die weißen Evangelikalen jedes Mal mehrheitlich die Republikaner gewählt hätten, weil sie die eigene Ablehnung von Abtreibung oder gleichgeschlechtlicher Ehe in grundlegende politische Themen umgewandelt hätten.

Aus diesem Grund ist einer der zu den wichtigsten zählenden Faktoren bei den aktuellen Wahlkampagnen die Sozialpolitik Obamas in Bezug auf Abtreibung oder die Unterstützung einer Politik der Geburtenkontrolle durch Sterilisation und Verhütung. Die Administration Obama hat in diesem Zusammenhang die öffentlichen Subventionen für das „Office of Migrations and Refugee Services” zurückgezogen, einer der wichtigsten Nichtregierungsorganisationen der Vereinigten Staaten zur Hilfe für Migranten und Flüchtlingen. Auf Drängen der amerikanischen Bischöfe im Jahr 2006 hilft sie 26 Prozent aller illegalen Einwanderer in den Vereinigten Staaten und deckt damit ein Feld ab, in das der Staat nicht eingreift, in Bereichen wie dem Kampf gegen die Prostitution der Immigrantinnen und den Handel mit Organen. Der eigentliche Grund dieser Maßnahme war, dass diese Organisation keine finanzielle Unterstützung zur Abtreibung gewährte. Die Bischöfe protestierten energisch und erklärten, dass „es scheint, dass eine neue ungeschriebene Regel im Gesundheitsministerium existiert. Es ist die Regel des ABC: Anybody But Catholics (alle außer den Katholiken)”. All dies wird Konsequenzen für die Wahlen haben.

[Übersetzung des englischen Originals von Dr. Edith Olk]

* Mitglied der Königlichen Akademie für Rechtsprechung und Gesetzgebung in Spanien