Der Fall Galilei im Licht einer Aufklärung durch den Glauben: Neues Buch von Walter Brandmüller und Ingo Langner

Von Armin Schwibach

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WÜRZBURG, 8. September 2006 (ZENIT.org/Die-Tagespost.de).- "Lügen sind wie Schneebälle: Je länger man sie rollt, desto größer werden sie." Der Volksmund bringt auf den Punkt, was Schiller und Goethe wissenschaftstheoretisch feiner formulierten: "Liegt der Irrtum nur erst, wie ein Grundstein, unten im Boden, immer baut man darauf, nimmermehr kommt er an Tag" (Xenien, Nr. 165).



Die oft zur historischen Lüge gewordene Legende will es, dass die Kirche dem genialen Wissenschaftler Galileo Galilei Gewalt angetan hat, indem sie ihn zwang, seiner Irrlehren über das Sonnensystem abzuschwören. Dies wird als grober Eingriff einer "Ideologie" (das heißt einer bestimmten Interpretation der kirchlichen Lehre) in die bescheidene, aber empirisch fundierte und Beweis tragende Wissenschaft gewertet. Ideologie gegen Wirklichkeit, Mythos gegen wahre wissenschaftliche Vernünftigkeit, so fasst man es zusammen. Das System Kirche wird mit Obskurantismus identifiziert, der gegen die "Wahrheit der Fakten" die Wahrheit nicht beweisbarer Ideen göttlichen Ursprungs stellt. Seit vierhundert Jahren gilt der "Fall Galilei" als das Beispiel schlechthin der intellektuellen und physischen Gewaltanwendung der machtbesessenen, der Gängelung verschriebenen römischen Kirche, der Inquisition, des unberechtigten Unfehlbarkeitsanspruches. Diese vergrämte, weltverschlossene und dem eigentlich Menschlichen entgegen gesetzte Institution habe dem lauteren, aufgeklärten Wissenschaftler einen Maulkorb aufgesetzt. Der "Fall Galilei" wurde so zum Scheidepunkt zwischen der Moderne und dem verbohrten Alten. Er wurde zum Moment der radikalen Trennung im Wissen. Die anfängliche Niederlage des "guten", weil sich an die Tatsachen haltenden Wissenschaftlers, verwandelte sich in die ewige Blamage der Kirche. Sie wurde der Beweis ihrer Unfähigkeit, Unkenntnis und ihres bösen Willens gegenüber den Dingen, die die Welt betreffen.

Fluten von Papier wurden zum "Fall Galilei" produziert – und wenig interessierte die sachliche Analyse. Eine Sympathie für die "Freiheit des Geistes" hat sich beim gemeinen und aufgeklärten Menschenverstand entwickelt. Dasselbe gilt natürlich vor allem für den gebildeten und angeblich von Vorurteilen freien Wissenschaftler. Er hat im Zeitalter der Technik die Macht über das Weltbild übernommen und gibt den guten Ton dessen an, was ziemlich ist. Akzeptierte Meinungen sind stark geworden. Das verleitet dazu, als wahr anzunehmen, was hinterfragt und erforscht werden müsste. Galilei – die Symbolfigur des von der dummen Kirche unterdrückten wissenschaftlichen Geistes? Ein Märtyrer der aufgeklärten, neutralen Wissenschaft? Anscheinend ein gefundenes Fressen für all diejenigen, die sowieso wissen, dass Kirche gegen die Freiheit des Menschen und die Vernunft ist. Aber: Nur weil das geglaubt wird, gegen die Fakten, vor aller historischer und systematischer Analyse, muss es nicht wahr sein. Je gefeierter und gemeinverständlicher eine Idee ist, desto weniger denkt man über sie nach. Ging es nicht auch Kommissar Derrick und Inspektor Klein so? Kaum jemand hat den Satz "Harry, hol' schon mal den Wagen!" nicht gesagt oder zumindest gehört. Und trotzdem: Der zum geflügelten Wort gewordene Ausspruch stand in keinem Drehbuch der 281 Derrick-Folgen. Ebenso wenig wie Galilei weder in einem finsteren Verließ geschmachtet hatte oder gefoltert worden war.

Deshalb wollte der Berliner Publizist Ingo Langner nachdenken. Er tat dies im Gespräch zusammen mit dem Präsidenten der Päpstlichen Kommission für Geschichtswissenschaften Walter Brandmüller. Das Ergebnis ihres Nachdenkens fassten die beiden Autoren in einem Buch zusammen ("Der Fall Galilei und andere Irrtümer. Macht, Glaube und Wissenschaft", Augsburg 2006).

Man ist versucht zu seufzen: Noch ein Buch über Galilei? Gibt es denn da noch was zu sagen? Nein, eigentlich nicht. Selten wurde ein geistes- und wissenschaftsgeschichtlicher Vorfall zu genau unter die Lupe genommen. Die historische Dokumentation ist vollständig. Das Schlusswort hatte Papst Johannes Paul II. bereits im Jahr 1992 auf der Basis der Forschungsarbeit der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften gesprochen. Im Jahr 1994 ließ Brandmüller eine zusammenfassende Auseinandersetzung folgen ("Galilei und die Kirche. Ein Fall und seine Lösung", Aachen 1994). Bereits im Jahr 1976 hatte der österreichisch-amerikanische Wissenschaftsphilosoph Paul Feyerabend innerhalb seiner "anarchistischen Erkenntnistheorie" den "Fall Galilei" zum Kern seiner Kritik an einem Wissenschaftsabsolutismus gemacht (Wider den Methodenzwang, Frankfurt 1976). Und doch…

Und doch gibt es immer noch Menschen, die meinen, einem Galilei und mit ihm der gesamten empirischern Wissenschaft sei ein großes Unrecht widerfahren. Der Publizist aus Berlin und der römische Prälat gehen dem nach. Man hat den Eindruck, dabei zu sein: Langner ist der ein wenig aufsässige, provokante und charmante Schüler-Zuhörer, der die Vorurteile der Welt in seinem Ranzen mitbringt, sie auspackt, um sie dann auf der Müllkippe der Ideologien zu entsorgen. Brandmüller hingegen gehört zu den Kapazitäten, die sich mit dem "Fall Galilei" eingehend und auf einer soliden wissenschaftlichen, historischen und theologischen Basis auseinandergesetzt haben.

Dialoge, die durch Jahrhunderte Geschichte schweifen und der Entstehung und dem Fortleben einer Legende nachgehen: der Legende der "guten" aufgeklärten Wissenschaft und der "schlechten", in Finsternis verharrender Kirche. Über sechs Kapitel hinweg entwickeln die Autoren den Fall Galilei und das, was wirklich geschah. Das Ziel des Buches: gegenüber dem unreflektierten Mainstream des vorurteilsbefangenen Gewussten einen Damm zu errichten. Dabei lassen sie erkennen, dass Galilei und sein Fall sehr wohl jetzt für uns Postmoderne interessant sind. Sie werden nämlich zu einem Exempel, an dem das Wesen und das Handeln der katholischen Vernunft abzulesen ist. Sie werden zu einem Moment der Reflexion über das Wesen der Kirche: Anwalt des Menschen zu sein, ohne die göttliche offenbarte Wahrheit der Beliebigkeit anheim zu stellen. Am Ende seiner Lektüre wir sich der Leser an Nietzsche erinnert fühlen, wenn er sagt: "Überzeugungen sind schlimmere Feinde der Wahrheit als Lügen."

Brandmüller und Langner heben mit der Person und dem Charakter Galileo Galileis an. Der Historiker zögert nicht, ihn als reizbaren, schmähsüchtigen und aggressiven "Giftzwerg" zu bezeichnen. Als solcher hatte er sich gerade unter seinen Kollegen in Pisa und Rom keinen guten Ruf gemacht. "Genie und Eitelkeit minus Bescheidenheit", so di Formel Brandmüllers (S. 26 f.). Das Genie Galileis ließ ihn sein Fernroh gen Himmel richten. Kopernikus und sein heliozentrisches Weltbild sind seit langem bekannt und für die Kirche kein Problem. Die Kalenderreform unter Papst Gregor XIII. stand auf der Basis der kopernikanischen Berechnungen. Ein Problem stellte sich erst, als aus instrumentalistischen Berechnungen eine Interpretation mit realistischem Anspruch wurde.

Für Brandmüller ist es klar: Eine der Grundlagen der christlichen Religion besteht darin, dass sie die Vernunft ernst genommen hat: "Durch den biblischen Schöpfungsglauben ist die Welt entgöttert und vernünftig geworden" (S. 41). Galilei hatte es somit zunächst nicht mit Theologen, sondern mit Philosophen und Kollegen aus der Wissenschaft zu tun. Denn: die Kirche hat "nie eine Frage des so genannten Weltbildes, also der Konstitution des Universums als Glaubensinhalt betrachtet" (S. 46).

Ein Problem stellte sich erst durch das Aufkommen der Reformation. Luther und Melanchthon waren heftige Gegner des heliozentristischen Weltbildes, konnte ein derartiges für sie mit dem Prinzip der "Sola Scriptura" nicht vereint werden. Der neue Umgang mit der Schrift verführte auch die Berater der Inquisition. Galilei war der Überzeugung, dass die Interpretation von mehrdeutigen Bibelstellen nicht auf einen bestimmten Sinn fixiert werden darf. Womit er Recht hatte. Wusste doch schon der heilige Augustinus: "Wenn jemand die Autorität der Heiligen Schriften gegen einen klaren und sicheren Beweis ausspielen würde, fehlt ihm das Verständnis, und er stellt der Wahrheit nicht den echten Sinn der Schriften entgegen, er hat diesen vielmehr nicht gründlich genug erfasst und durch sein eigenes Denken ersetzt, also nicht das, was er in den Schriften, sondern das, was er bei sich selber gefunden hat, dargelegt, als ob dies in den Schriften stände" (Brief Nr. 143).

Die Inquisition folgte in ihrem Urteil den von der Reformationsbewegung verängstigten Beratern nicht. Sie hielt an dem fest, was Brandmüller "die eigentliche Regel des Glaubens, die Norm das Kriterium, den Maßstab nennt". Die Richtschnur ist nicht die Bibel, sondern die "authentische Überlieferung der katholischen Kirche" (S. 60).

Nur: Galileo konnte keinen "klaren und sicheren Beweis" vorlegen. Vor allem Kardinal Robert Bellarmin, der Verantwortliche der Inquisition und somit "Präfekt der Glaubenskongregation", wies auf diese eigentliche Problematik hin. In einem Brief vom 12. April 1615 bemerkte der Heilige: "Gäbe es einen wirklichen Beweis, dass sich die Sonne im Zentrum befindet und die Erde im dritten Himmel und dass sich die Sonne nicht um die Erde bewegt, sondern die Erde um die Sonne, dann müssten wir bei der Deutung von Schriftstellen, die das Gegenteil zu sagen scheinen, mit großer Vorsicht zu Werke gehen und eher zugeben, dass wir sie nicht verstehen, als eine Meinung für falsch zu erklären, die als wahr erwiesen wurde." Galilei aber konnte mit seinen Mitteln keinen unerschütterlichen Beweis für seine Theorie und das kopernikanische Weltbild erbringen. Das geschah Jahrzehnte später. Gerade diese Begründung forderte die Kirche von ihm – "und das war nicht zuviel verlangt", ist sich Brandmüller sicher, "wenn es dabei um die Heilige Schrift ging" (S. 64).

Ohne die Reformation und die neue Stellung der Bibel hätte es keinen "Fall Galilei" gegeben. Gleichfalls wurde der "Fall" von der Bewegung der Aufklärung intellektuell unredlich missbraucht und, so Langner, künstlich zu einem Gemisch von "Legende und Halbwahrheit" gemacht (S. 171). Die Zeitgenossen Galileis fühlten sich in ihrer Methodenkorrektheit verletzt. Die Renaissance hatte gerade die Wichtigkeit des Aristoteles und seiner Methode der Wahrheitsfindung entdeckt. Der Empiriker Galilei wurde zur Gefahr für das deduktive Erkenntnissystem.

Die Kirche stand auf der Seite der Vernunft und der wissenschaftstheoretisch fundierten Bestimmung von Wahrheitsansprüchen. Wenn etwas als wahr behauptet wird und eine neue Kosmologie geschaffen werden soll, so muss die Grundlage absolut gesichert sein. Ist sie das nicht, dann derartiges im besten Fall eine Ad-hoc-Hypothese sein, die noch überprüft werden muss. Der Konflikt Kirche/Galilei war somit kein Konflikt zwischen "empirischer Faktenwissenschaft" gegen "theologisches, aber mächtiges Ammenmärchen". Es war die Auseinandersetzung zwischen einer (noch zu beweisenden) Hypothese und einem (für die Zeit) hinreichenden Erklärungsmodell, das zudem nicht nur von theoretischer, sondern von globaler sozialer Relevanz war. Die Kirche wog die Pro und Kontra gegeneinander ab, und sie tat dies vernünftig, das heißt: im Respekt vor der Weite der Vernunft.

Dabei war die Unversehrtheit des Wortes zu garantieren, denn: Diese ist entschieden wichtiger, so Brandmüller, "als die Hypothese eines Professors, mag er auch noch so berühmt sein" (S. 164).

Die Moderne zeichnet sich durch ein Ende der Harmonie von Welt und Kirche aus. Der moderne Vernunft ist nicht mehr imstande, den Gedanken der ganzheitlichen Interpretation das Menschen zu fassen. Über die großen Dinge müsse man mit einer großen Seele urteilen (vgl. Seneca). Gerade diese große Seele ist jedoch abhanden gekommen.

Brandmüllers und Langners Buch stellt einen interessanten Schritt dar, diese Sehnsucht nach wahrem Wissen wieder zum Vorschein kommen zu lassen. Es sollte zu einem Bestseller werden, ist es doch für ein Publikum von fünfzehn bis fünfundneunzig Jahren aus allen Bevölkerungs- und Bildungsschichten geeignet. Das Buch denkt gegen die konstruierte Welt des Künstlichen und Unmenschlichen. Es stellt vor den organischen Aufbau der Vernunft der "Aufklärung der Aufklärung", das heißt der katholischen Aufklärung: Vernunft und Glaube, die sich hocherhobenen Hauptes die Hand reichen.

[Walter Brandmüller, Ingo Langner: "Der Fall Galilei und andere Irrtümer. Macht, Glaube und Wissenschaft", Sankt Ulrich Verlag, Augsburg 2006, 176 Seiten, ISBN 3-936484-81-3, Euro 16,90, im Buchhandel ab 8. September 2006; © Die Tagespost vom 2. September 2006]