Der Fall Terri Schiavo und die Enzyklika "Evangelium vitae"

Kein Mensch kann darüber befinden, wer leben und wer sterben darf

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ROM, 23. März 2005 (ZENIT.org).- Der Fall von Terri Schiavo zeige, dass die Enzyklika "Evangelium vitae" von Papst Johannes Paul II. geradezu prophetisch war, sagt Pater Thomas Williams LC, Dekan der theologischen Fakultät am Päpstlichen Athenäum Regina Apostolorum in Rom. Das Dokument "über den Wert und die Unantastbarkeit des menschlichen Lebens", in dem der Papst vor der Ausbreitung einer "Kultur des Todes" warnt, feiert am kommenden 25. März sein 10-jähriges Jubiläum.



"Der Heilige Vater prägte den Ausdruck 'Kultur des Todes', um damit jene Tendenzen in der modernen Gesellschaft zu bezeichnen, die die unantastbare Würde jedes menschlichen Lebens herabmindern", erklärt Pater Williams gegenüber ZENIT. "Der Fall um die Wachkomapatientin Schiavo mach deutlich, wie berechtigt die Sorge des Papstes ist, dass der Mensch mehr nach seinem Nutzen und seiner 'Lebensqualität' bewertet werde als nach seinen ihm innewohnenden Wert."

Tatsächlich heißt es in Abschnitt 64 von "Evangelium vitae": "Wir stehen hier vor einem der alarmierendsten Symptome der 'Kultur des Todes', die vor allem in den Wohlstandsgesellschaften um sich greift, die von einem Leistungsdenken gekennzeichnet sind, das die wachsende Zahl alter und geschwächter Menschen als zu belastend und unerträglich erscheinen lässt. Sie werden sehr oft von der Familie und von der Gesellschaft isoliert, deren Organisation fast ausschließlich auf Kriterien der Produktion und Leistungsfähigkeit beruht, wonach ein hoffnungslos arbeitsunfähiges Leben keinen Wert mehr hat."

Das Kernproblem, um das es im Fall Terri Schiavo konkret geht, werde meist nicht bedacht, sagt Pater Williams: "Es geht nicht um die Frage, ob Terris Eltern Recht haben und ihr Mann Unrecht. Das Problem liegt vielmehr darin, einer Person die Gewalt über das Leben einer anderen Person zuzusprechen", so der Priester.

"Die Gesellschaft darf nicht zulassen, dass Leben oder Tod eines Menschen nur aufgrund irgendeiner Meinung in der Schwebe hängen. Jedes menschliche Leben gehört verteidigt und durch das Gesetz beschützt, und zwar nicht deshalb, weil es anderen etwas bedeutet, sondern aufgrund dessen, was es in sich selbst ist."

In seinem Schreiben "Evangelium vitae", das Johannes Paul II. am Hochfest Verkündigung des Herrn am 25. März 1995 unterzeichnet hat, schreibt er, dass man unter "Euthanasie im eigentlichen Sinne eine Handlung oder Unterlassung versteht, die ihrer Natur nach und aus bewusster Absicht den Tod herbeiführt, um auf diese Weise jeden Schmerz zu beenden. Bei Euthanasie dreht es sich also wesentlich um den Vorsatz des Willens und um die Vorgehensweisen, die angewandt werden."

Von Euthanasie zu unterscheiden sei aber "die Entscheidung, auf 'therapeutischen Übereifer' zu verzichten, das heißt, auf bestimmte ärztliche Eingriffe, die der tatsächlichen Situation des Kranken nicht mehr angemessen sind, weil sie in keinem Verhältnis zu den erhofften Ergebnissen stehen, oder auch, weil sie für ihn und seine Familie zu beschwerlich sind." Dazu sagt Pater Williams: "Eine solche Unterscheidung ist schwierig, aber vom moralischen Standpunkt aus außerordentlich wichtig. Der Fall Schiavo hat nichts zu tun mit unverhältnismäßigen Mitteln, durch die ein Mensch, koste es was es wolle, am Leben erhalten werden soll – ohne Rücksicht auf die Schmerzen, die derartige Maßnahmen hervorbringen", so Pater Williams. "Wir reden hier von der elementarsten Form von Fürsorge, von Ernährung und Flüssigkeitszufuhr. Terri Schiavo ist nicht todkrank. Die Entfernung der Ernährungszufuhr wird sie aber tatsächlich töten, nämlich durch Hungertod."

In "Evangelium vitae" verurteil der Heilige Vater Euthanasie scharf: "Nach diesen Unterscheidungen bestätige ich in Übereinstimmung mit dem Lehramt meiner Vorgänger und in Gemeinschaft mit den Bischöfen der katholischen Kirche, dass die Euthanasie eine schwere Verletzung des göttlichen Gesetzes ist, insofern es sich um eine vorsätzliche Tötung einer menschlichen Person handelt, was sittlich nicht zu akzeptieren ist. Diese Lehre ist auf dem Naturrecht und auf dem geschriebenen Wort Gottes begründet, von der Tradition der Kirche überliefert und vom ordentlichen und allgemeinen Lehramt der Kirche gelehrt."

Der Papst "macht uns Mut, die Dinge bei ihrem Namen zu nennen", kommentiert Pater Williams. "Und Euthanasie ist immer Mord, ganz gleich, was die Beweggründe auch sein mögen. Euthanasie ist die vorsätzliche Tötung einer unschuldigen menschlichen Person."

Wenn die Ermordung eines Menschen mit dessen Einverständnis "immer moralisch falsch ist", so der Priester, "dann wird dieser Tat noch ein weiteres Übel hinzugefügt, wenn man ohne dessen Einverständnis handelt. Im Jahr 1995 warnte der Heilige Vater vor denjenigen, die sich selbst die Befugnis anmaßen, darüber zu richten, wer leben darf und wer sterben soll. Er erinnerte uns daran, dass diese Befugnis Gott allein zusteht."

Der Papst schreibt in Abschnitt 66: "Schwerwiegender wird die Entscheidung für die Euthanasie, wenn sie sich als Mord herausstellt, den die anderen an einem Menschen begehen, der sie keineswegs darum gebeten und niemals seine Zustimmung dazu gegeben hat. Der Höhepunkt der Willkür und des Unrechts wird dann erreicht, wenn sich einige Ärzte oder Gesetzgeber die Macht anmaßen darüber zu entscheiden, wer leben und wer sterben darf. Hier zeigt sich wieder die Versuchung von Eden: werden wie Gott und 'Gut und Böse erkennen'. Doch Gott allein hat die Macht, zu töten und zum Leben zu erwecken: 'Ich bin es, der tötet und der lebendig macht'."

Gemäß den Ausführungen von Pater Williams hat Papst Johannes Paul II. in seiner Enzyklika nicht nur auf die schrecklichen Formen der Kultur des Todes hingewiesen, sondern "auch den Weg zu einer authentischen Kultur des Lebens erschlossen. Er ermutigt uns im Engagement, für das Leben einzutreten und uns mit denen solidarisch zu erklären, die leiden müssen. Wenn Leute erfahren, dass sie von der Gesellschaft geschätzt werden, weil sie Menschen sind, die wertvoll und einzigartig sind und eben nicht zur Last fallen, dann finden sie oft die Kraft, froh ihr Kreuz zu tragen. Unser christlicher Glaube lehrt uns, dass Leid und Tod nicht das letzte Wort haben werden. Durch sein Kreuz und seine Auferstehung hat Christus über den Tod triumphiert und für uns alle das ewige Leben erlangt."