Der Friede ist nicht nur das Ziel, sondern auch der Weg

Interview mit dem spanischen Rechtsphilosophen Jesús Ballesteros

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ROM, 4. September 2006 (ZENIT.org).- Professor Jesús Ballesteros unterrichtet an der juridischen Fakultät der Universität von Valencia (Spanien) und hat vor kurzem ein neues Buch veröffentlicht, in dem zu ergründen versucht, wie in der Welt Friede einkehren kann.



In seinem Werk "Repensar la Paz" ("Den Frieden neu überdenken"), das im EUNSA-Verlag erschienen ist, weißt der Menschenrechtsexperte unter anderem auf eine entscheidende Grundvoraussetzung hin: dass nämlich die Menschenrechte überall geachtet werden müssen.

ZENIT: Sie verbinden die Entwurzelung der Familie mit dem allgemeinen Anstieg von Gewalt. Gibt es Krieg, weil die Familien zerrüttet sind?

--Ballesteros: Die Entwurzelung der Familie mit dem dazugehörigen Verlust der affektiven Bindungen ist der beste Nährboden für die Entwicklung von Gewalt in ihren unterschiedlichen Ausprägungen, weil so das moralische Gewissen ausgelöscht wird, das Bewusstsein dafür, dass gegenüber anderen Verpflichtungen bestehen. Dadurch wird eine Manipulation durch fanatische Überzeugungen wesentlich erleichtert.

Aus diesem Grund haben alle totalitären Ideologien versucht, die Realität der Familie zu unterdrücken oder sogar auszulöschen, die Familie als den Bereich, wo die Persönlichkeit geformt wird.

Darüber hinaus ist es notwendig zu bedenken, dass die Kriegsursachen hauptsächlich mit dem Willen zu tun haben, die volle Kontrolle über Bodenschätzen zu erlangen; mit der Sucht, den eigenen Gewinn zu steigern, sowie mit der Gier nach Macht.

ZENIT: Wie kann es gelingen, das Konzept der "Staatssicherheit" durch das Konzept der "menschlichen Sicherheit" auszutauschen?

--Ballesteros: Es gilt, sich ernsthaft darüber Gedanken zu machen, dass die allgemeine Aufrüstung nicht von sich aus eine sichere Gesellschaft schafft, da der entscheidende Faktor für Frieden ja der Ausschluss allen Hasses und das Ende aller Gleichgültigkeit vor dem Leiden des anderen ist.

Es muss einsichtig werden, dass das Problem des Friedens viel weiter geht als das Erfordernis, sich militärisch verteidigen zu können. Es wird zunächst sicher eine gewisse Anstrengung vonnöten sein, um für alle Menschen angemessene Lebensbedingungen zu schaffen, das Elend auszurotten und die Umwelt zu schützen.

ZENIT: Ist der Friede der "Weg", wie Gandhi sagte, oder ist er das Ziel?

--Ballesteros: Wie Gandhi ja selbst gesagt hat, können wir die Mittel (die "ahimsa", die Gewaltlosigkeit) nicht vom Ziel (der "sathyagraha", der Stärke der Wahrheit) trennen, denn: "Die Mittel sind wie der Samen, und das Ziel ist wie der Baum."

Der Friede muss sowohl in den Mitteln als auch in den Zielen enthalten sein. Gute Ziele, wie eine umfassendere Anerkennung von Rechten etwa, können sich ins Gegenteil verkehren, wenn man auf Gewalt zurückgreift, um sie zu erreichen; und auf der anderen Seite darf der Friede nicht erhalten werden, indem man sich x-beliebiger Mittel bedient: indem man zum Beispiel Bestechungsgeld zahlt und damit das Gesetz untergräbt, oder aber indem man mit Terroristen verhandelt und auf diese Weise deren Opfer gering schätzt.

Das wäre kein Friede, sondern feiges Nachgeben. Und wie Gandhi ebenfalls sagte, ist der Feigling weiter weg vom wahren Frieden als derjenige, der Gewalt anwendet.

ZENIT: Es gibt noch Konflikte unter Christen, die auf Missverständnissen beruhen. Konkret denke ich da an Nordirland. Wie vermag das Christentum, die Ursachen der Gewalt auszurotten?

--Ballesteros: Normalerweise steckt hinter alldem, was wie ein religiöser Konflikt aussieht, ein Konflikt, der auf wirtschaftlicher und sozialer Ungerechtigkeit basiert, denn prinzipiell sind die Religionen eher ein Friedensfaktor, sobald sie Werte wie das Vertrauen auf Gott und das Verständnis für den Nächsten einbringen.

Es ist wahr, dass es zwischen den verschiedenen Religionen große Unterschiede gibt. Es gibt in sich geschlossene Religionen, die sich ausschließlich darum bemühen, durch sozialen Druck den inneren Zusammenhalt der Gruppe zu erhalten und die jede Schuld nach außen abschieben, auf so genannte Sündenböcke. Dann gibt es offene Religionen, die von sich aus eine universale Liebe einfordern, eine in Raum und Zeit grenzenlose Liebe. Das Christentum ist zweifellos das Paradigma für eine offene Religion. Das Wesensmerkmal des Christentums besteht ja darin, Christus nachzuahmen, der die Schuld aller Menschen auf sich nimmt und allen vergibt.

Das Christentum ist somit der vollkommene Friede, die totale Verneinung von Gewalt. Dass man manchmal den grundlegenden Forderungen des Christentums leider gerade im Alltag den Rücken zugekehrt hat, dass ist eine andere Sache.

ZENIT: Sie kritisieren den "islamischen Dschihadismus" genauso wie das ständige Reden vom "Krieg gegen den Terrorismus". Wie kann man denn dieser Spirale von Gewalt, die unsere Welt bestimmt, ein Ende setzen?

--Ballesteros: Der Gewalt kann nur Einhalt geboten werden, wenn die Menschenrechte universale Anerkennung erlangen. Das bedeutet, dass der Tod von Zivilisten in jedem Fall ausgeschlossen ist.

Die Menschenrechte müssen als etwas erachtet werden, das jenseits aller kulturellen Eigenarten Gültigkeit hat, was wiederum nicht mit einem Ethnozentrismus zu verwechseln ist.

Die Einrichtungen, die in der westlichen Welt entstanden sind, wie der Rechtsstaat, die Trennung von Religion und Politik und die Repräsentative Demokratie, sind wichtige Elemente, um diese Rechte zu verteidigen. Aber das bedeutet nicht, dass es nicht auch Aspekte gäbe, die im Westen korrigiert werden müssten: etwa der geringe Respekt vor dem Menschen im frühesten und im letzten Stadium seines Lebens, oder die Gleichgültigkeit angesichts der Lebenssituation von Millionen von armen Menschen.

Der Dialog der Kulturen ist unentbehrlich, muss aber vom Prinzip der Gegenseitigkeit getragen sein. Es ist gut, dass im Westen Moscheen gebaut werden, aber ebenso kann gefordert werden, dass in den mehrheitlich muslimischen Ländern Kirchen und Kathedralen aufsperren.