Der ganz alltägliche Stern von Bethlehem

Gebrauchsanweisung für einen Besuch der Geburtsbasilika

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Von André Stiefenhofer

KÖNIGSTEIN,12. Dezember 2011 (ZENIT.org/KIN). - Als Mitglied einer Delegation von „Kirche in Not" besuchte André Stiefenhofer anlässlich einer Reise ins Heilige Land auch die Geburtsbasilika in Bethlehem. Hier sein ganz persönlicher Erfahrungsbericht:

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Goldene Leuchter hängen von der Decke, Wandbehänge aus Stoff und orthodoxe Kunst prägen jenen kleinen Raum, in dem ein silberner Stern vom wichtigsten Ereignis der Menschheitsgeschichte kündet: Hier, in dieser Grotte, so sagt es die Überlieferung, wurde Jesus Christus, der Sohn Gottes und Retter der Welt geboren. Die vierzehn Zacken des „Sterns von Bethlehem“, der an Jesu Geburtsort in den Marmorboden eingelassen ist, weisen auf die Stationen seines späteren Leidensweges hin. Hier ist die Heilsgeschichte zum Greifen nahe. Jeder Christ kann sich glücklich schätzen, einmal im Leben hier zu stehen und sich im Gebet zu besinnen.

„Herrgottsakrament, du Seckel, gehsch jetzt mal weiter?“ Eine Energiesparlampe strahlt von oben auf eine Gruppe schwäbischer Touristen herab, die gerade zum Angriff auf ein Knäuel rheinischer Pilger blasen, weil diese den freien Blick auf den „Stern von Bethlehem“ blockieren. „Erna, guck mal, dat Krippe!“, schallt es von rechts. Im Sekundentakt klicken die Kameraauslöser, Blitzlicht dringt auch in die hintersten Ecken und eine Gruppe spanischer Rentner stimmt laut und falsch „Stille Nacht" an. Besinne sich, wer kann.

In diese Welt kam Christus. Er kam nicht als selbstgenügsamer Gott in eine stille Nacht. Denn nach allem, was wir historisch über die Geburt Christi wissen, war der „Stall von Bethlehem“, über dem sich heute die Geburtsbasilika erhebt, weniger ein Stall als eine Höhle. Richtig ist allerdings, dass dort „Ochs und Esel“ vorzufinden waren. Denn der Geburtsort Jesu war sozusagen die „Reittiergarage“ für die Gäste der Herberge. Wie genau es sich damals zugetragen haben könnte, beschreibt der Journalist und Reiseführer Dr. Karl-Heinz Fleckenstein folgendermaßen:

„Was unternahm Josef in Bethlehem? Er begab sich wahrscheinlich ins Gästehaus vom Stamme David, denn dort hatte er das Recht, für die Nacht und die folgenden Tage eine Bleibe zu finden. Doch wahrscheinlich war es für Josef und seine hochschwangere Frau unmöglich, dass in diesem Gedränge und Gezeter, in dem jeder von Rechts wegen auf eine freie Ecke in dem Gästeraum pochte, dass hier in diesem Tumult Maria das Kind zur Welt würde bringen können. Kurz entschlossen nahm er seine Frau bei der Hand und stieg mit ihr behutsam die Treppe hinab. Dort unten, in der Höhle bei den Tieren, war es angenehm warm. Die Futterkrippe diente als Kindbettchen, das Stroh als Matratze.“*

Der Platz im Blitzlichtgewitter, die von Touristen umschwärmte Attraktion, ist also höchstwahrscheinlich der genaue Geburtsort Jesu. Völlige Sicherheit kann es für diese Behauptung zwar nie geben, aber schon die Tatsache, dass die heute von Pilgern durchströmte Geburtshöhle bereits seit dem 1. Jahrhundert nach Christus ununterbrochen als solche verehrt wird, ist ein wichtiger Hinweis. Denn die Römer taten alles, was ihnen möglich war, um diese Verehrung zu unterbinden. Kaiser Hadrian ließ sogar einen heidnischen Adonishain über der Höhle errichten, damit sie unter all dem Pomp vergessen wird. Doch vergeblich - die Gedanken der Christenheit wurden über Jahrhunderte hinweg von diesem Ort angezogen. Doch wie soll man sich jenen Zauber erhalten, den dieser Ort aus der Ferne ausstrahlt, wenn man dort im Gedränge zwischen all den Touristen gestrandet ist? Es gibt eine Art „Gebrauchsanweisung“ für den frommen Pilger und an sie sollte man sich schon draußen halten, noch vor dem Eingang zur Geburtsbasilika.

Dieser Eingang ist so niedrig, dass sich jeder Erwachsene bücken muss, um das Gotteshaus zu betreten. Kinder dagegen können einfach durchschlüpfen. Das war nicht immer so. Über dem heutigen Eingang ist noch der hohe Spitzbogen aus den Zeiten der Kreuzfahrer zu erkennen. Dieses Tor hat man während der Türkenherrschaft weitgehend zugemauert und auf diese Weise zu einem Nadelöhr verengt. Denn man wollte verhindern, dass Soldaten zu Pferde in die Kirche hineinreiten. Das gibt zu denken: Der Hochmut des Menschen hat das breite Tor zu so einem winzigen Durchlass verengt.

Ist der Pilger durch die „enge Pforte“ geschritten, steht er in einem fast leeren und schlicht anmutenden Kirchenschiff. Auch das war nicht immer so. Erneut wird man an die Hoffnungslosigkeit des Menschen nach dem Sündenfall erinnert. Noch im Jahr 384 beschrieb die spanische Nonne Egeria das Innere der Kirche so:

„Man sieht nichts anderes als Gold, Edelsteine und Seide. Auch die großen Wandteppiche bestehen aus goldgewirktem, feinem Stoff. Die Kultgeräte sind aus Gold gefertigt und mit Edelsteinen besetzt. Der Kirche Konstantins, die unter Aufsicht seiner Mutter errichtet wurde, standen alle Geldquellen seines Reiches zur Verfügung. Und er schmückte sie mit Goldmosaiken und wertvollstem Marmor.“ *

Von all der Pracht ist nichts mehr übrig. Selbst die Ikonostase über der Geburtsgrotte an der Stirnseite der Kirche wirkt im Vergleich mit dem Schmuck sonstiger orthodoxer Gotteshäuser eher schlicht. Dieser Ort ist zwar geschmückt, aber geerdet. Es ist der Ankunftsort eines Gottes, der Mensch wurde. Hier stellt sich der Pilger in die Schlange der wartenden Touristen. Hat er Glück, ist es eine Gruppe von Ordensleuten, die andächtig ins Gebet versunken ist. Hat er Pech, steht er mitten in einer pubertierenden Schulklasse. In beiden Fällen ist der beste Rat: Ab jetzt Augen zu, ruhig atmen und den Rosenkranz beten.

„Jesus, den Du, o Jungfrau, zu Bethlehem geboren hast.“ Das ist hier. Genau hier, wo ein Schüler von seinem Besäufnis der letzten Nacht berichtet. Genau hier, wo ein Muslim gemeinsam mit seiner verschleierten Frau im Gebet versunken ist. Genau hier, wo ein katholischer Priester seiner Gemeinde barsch erklärt, Jesus sei sicher nicht hier geboren und das mit der leiblichen Auferstehung sei ebenfalls nur dunkler Aberglaube. Genau hier, wo ein deutscher Tourist seinem Freund von einem Neuwagenkauf erzählt. Genau hier. In diese oberflächliche, tiefsinnige, verwirrende, klare, laute und stille Welt, hast Du, o Jungfrau, die Frucht Deines Leibes geboren.

Bis die Warteschlange in die Geburtsgrotte vorgerückt ist, vergehen etwa 20 Minuten. Wer diese Zeit mit dem betrachtenden Rosenkranzgebet verbracht hat, ist nun so froh und gleichmütig, dass der Schwabe schubsen und der Rheinländer grölen kann, so viel er will. Die schräge spanische „Stille Nacht" wird zum Lobpreis einer gefallenen Schöpfung für den Schöpfer. Denn vor Gott kann jedes Opfer nur unvollkommen aussehen. Ein Pilger muss hier nicht heilig sein, denn hier ist Gott Mensch geworden, das Allerheiligste wurde an diesem Ort ganz alltäglich.

Hier ist der Stern. Hier ist die Krippe. Hier ist uns der Retter geboren. Diese Wahrheit kann man an diesem Ort erfahren.

*Karl-Heinz Fleckenstein, „Komm und sieh - Begegnung mit dem Land der Bibel", S. 118 und 126 f., Novum Verlag 2008