Der Garant leidenschaftlicher Liebe: Zweite Fastenpredigt von P. Raniero Cantalamessa

Treue im Geist des neuen Gesetzes

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ROM, 20. März 2009 (ZENIT.org).- Die Lebendigkeit der Liebe scheine heute unverträglich mit jeder Form von Bindung per Gesetz zu sein. Der heilige Paulus werde oft als Fürsprecher für ein Leben und Lieben in Freiheit von jeder starren Bindung an ein für die Liebe und Lebendigkeit „tödliches Gesetz“ gesehen.

Der Kapuzinerpater Raniero Cantalamessa hielt heute Vormittag im Vatikan die zweite seiner traditionellen Fastenpredigten, allerdings diesmal nur für die Mitarbeiter der Römischen Kurie, da sich Papst Benedikt XVI. noch bis Montag in Afrika aufhält.

Was verstehe Paulus unter „Gesetz des Geistes“, fragte der Prediger des Päpstlichen Hause in der Kapelle „Redemptoris Mater“ des Apostolischen Palastes. In Form einer „lectio dvina” führte er seine Zuhörer zu einem tieferen Verständnis der Verbindung zwischen jener Leidenschaft, die das Pfingstereignis ausgelöst hat, und der Offenbarung der zehn Weisungen zum Leben am Sinai.

P. Cantalamessa stellte seine Ausführungen unter den Titel: „Das Gesetz des Geistes, der lebendig macht “, um den Heiligen Geist als Dynamik und Garant jeder Verpflichtung in Liebe und aus Liebe aufzuzeigen, die aus Treue dem inneren Gesetz folgt.

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P. Raniero Cantalamessa OFM cap

Zweite Fastenpredigt

 

„DAS GESETZ DES GEISTES, DER LEBENDIG MACHT“

Der Heilige Geist: das neue Gesetz des Christen

 

 

1. Das Gesetz des Geistes und Pfingsten

Die Art und Weise, in welcher der Apostel seine Abhandlung über den Heiligen Geist im 8. Kapitel des Briefes an die Römer beginnt, ist wirklich überraschend: „Jetzt gibt es keine Verurteilung mehr für die, welche in Christus Jesus sind. Denn das Gesetz des Geistes und des Lebens in Christus Jesus hat dich frei gemacht vom Gesetz der Sünde und des Todes“. Er hat das ganze vorhergehende Kapitel darauf verwandt, um festzuhalten, dass „der Christ vom Gesetz befreit“ ist, und jetzt beginnt er das nächste Kapitel, indem er positiv und begeistert vom Gesetz spricht. „Das Gesetz des Geistes“ meint das Gesetz, das der Geist selber ist; es handelt sich um einen exegetischen oder erklärenden Genitiv, ähnlich der Stelle „das Opfer meiner Bekenntnisse“ („sacrificium confessionum mearum“; Augustinus), womit das Opfer gemeint ist, das die Bekenntnisse selbst sind.

Um zu verstehen, was Paulus mit diesem Ausdruck meint, gilt es auf das Pfingstereignis zurückzugehen. Die Erzählung vom Kommen des Heiligen Geistes beginnt in der Apostelgeschichte mit den folgenden Worten: „Als der Pfingsttag gekommen war, befanden sich alle am gleichen Ort“ (Apg 2,1). Diesen Worten entnehmen wir, dass Pfingsten… vor Pfingsten existierte. Mit anderen Worten gab es bereits im Judentum ein Pfingstfest, und während dieses Festes kam es dazu, dass der Heilige Geist herabkam.

Im Alten Testament existierten wesentlich zwei Interpretationen des Pfingstfestes. Anfänglich war Pfingsten das Fest der Sieben Wochen (vgl. Tob 2,1), das Erntefest (vgl. Num 28,6ff), an dem Gott di ersten Früchte, das erste Korn dargebracht wurde (vgl. Ex 23,16; Deut 16,9). Später jedoch, zur Zeit Jesu, war das Fest um eine neue Bedeutung bereichert worden: es wurde zum Fest der Übergabe des Gesetzes auf dem Berg Sinai und das Bundesfest; das Fest also, das der in Ex 19-20 beschriebenen Ereignisse gedachte. (Der Bibel innewohnenden Berechungen nach wurde nämlich das Gesetz auf dem Berg Sinai 50 Tage nach dem Pascha-Fest gegeben).

Aus einem an die Zyklen der Natur (die Ernte) gebundenen Fest hatte sich Pfingsten in ein Fest verwandelt, das an die Heilsgeschichte gebunden war. „Dieser Tag des Festes der Wochen – so ein Text der heutigen hebräischen Liturgie – ist die Zeit, in der unsere Torah geschenkt wurde.“ Nachdem das Volk aus Ägypten geflohen war, wanderte es 50 Tage lang durch die Wüste, und am Ende dieser Zeit gab Gott Moses das Gesetz und schloss auf dessen Grundlage einen Bund mit dem Volk und machte aus ihm „ein Reich der Priester und ein heiliges Volk“ (vgl. Ex 19,4-6).

Es hat den Anschein, dass der heilige Lukas absichtlich die Herabkunft des Heiligen Geistes mit den Zügen beschrieben hat, die kennzeichnend für die Theophanie des Sinais sind: er benutzt nämlich Bilder, die auf Erdbeben und Feuers verweisen. Die Liturgie der Kirche bestätigt diese Interpretation, insofern sie Ex 19 als Lesung der Pfingstvigil aufnimmt.

Was sagt uns diese Parallelisierung über unser Pfingsten? Mit anderen Worten: was bedeutet die Tatsache, dass der Heilige Geist über die Kirche gerade an dem Tag herabkam, an dem Israel des Geschenks des Gesetzes und des Bundes gedachte? Schon der heilige Augustinus stellt sich diese Frage: „Warum feiern auch die Juden das Pfingstfest? Hier ist ein großes und wunderbares Geheimnis, Brüder: wenn ihr darauf achtet, so empfingen sie am Pfingsttag das mit dem Finger Gottes geschriebene Gesetz, und am selben Pfingsttag kam der Heilige Geist“ (Sermo Mai, 158, 4: PLS 2, 525).

Ein anderer Kirchenvater – diesmal aus dem Osten – erlaubt uns zu sehen, dass diese Interpretation des Pfingstfestes in den ersten Jahrhunderten gemeinsames Erbe der ganzen Kirche gewesen ist: „Am Pfingsttag wurde das Gesetz gegeben; so war es angemessen, dass an jenem Tag, an dem das alte Gesetz gegeben wurde, auch die Gnade des Geistes geschenkt wurde“ (Severianus von Gabala, in Catena in Actus Apostolorum 2, 1; Hg. J.A. Cramer, 3, Oxford 1838, S. 16).

An diesem Punkt ist die Antwort auf unsere Frage klar, dass heißt: Warum kommt der Geist auf die Apostel gerade am Pfingsttag herab? Er tut dies, um zum Ausdruck zu bringen, dass er das neue Gesetz ist, das geistliche Gesetz, dass den neuen und ewigen Bund besiegelt und das königliche und priesterliche Volk weiht, das die Kirche ist. Welch großartige Offenbarung zum Sinn von Pfingsten und zum Heiligen Geist!

„Wer würde nicht von diesem Zusammenfall und gleichzeitigem Unterschied beeindruckt sein?“ ruft der heilige Augustinus aus. „50 Tage zählt man von der Feier des Pesach-Festes bis zum Tag, an dem Moses das Gesetz auf Tafeln empfing, die der Finger Gottes beschrieben hatte; in ähnlicher Weise erfüllte der Finger Gottes, das heißt der Heilige Geist, 50 Tage nach der Tötung und der Auferstehung dessen, der wie ein Lamm zum Opfer geführt worden war, alle vereinten Gläubigen mit sich“ (De Spiritu et littera, 16, 28: CSEL 60, 182).

Schlagartig erhellen sich die Prophezeiungen eines Jeremias und Ezechiel über den Neuen Bund: „Denn das wird der Bund sein, den ich nach diesen Tagen mit dem Haus Israel schließe - Spruch des Herrn: Ich lege mein Gesetz in sie hinein und schreibe es auf ihr Herz“ (Jer 31,33). Nicht mehr auf Steintafeln, sondern auf die Herzen; kein äußeres Gesetz mehr, sondern ein inneres.

Worin dieses innere Gesetz besteht, erklärt besser Ezechiel, der die Prophezeiung des Jeremias aufnimmt und ergänzt: „Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch. Ich nehme das Herz von Stein aus eurer Brust und gebe euch ein Herz von Fleisch. Ich lege meinen Geist in euch und bewirke, dass ihr meinen Gesetzen folgt und auf meine Gebote achtet und sie erfüllt“ (Ez 36,26-27).

Dass sich der heilige Paulus mit dem Ausdruck „das Gesetz des Geistes“ auf diesen ganzen Komplex von Prophezeiungen bezieht, die mit dem Thema des Neuen Bundes verbunden sind, wird aus dem Abschnitt deutlich, in dem er die Gemeinschaft des Neuen Bundes einen „Brief Christi nennt, ausgefertigt durch unseren Dienst, geschrieben nicht mit Tinte, sondern mit dem Geist des lebendigen Gottes, nicht auf Tafeln aus Stein, sondern – wie auf Tafeln – in Herzen von Fleisch“ und in dem er die Apostel als „Diener des Neuen Bundes, nicht des Buchstabens, sondern des Geistes“ bestimmt. „Denn der Buchstabe tötet, der Geist aber macht lebendig“ (vgl. 2 Kor 3,3.6).

2. Was ist das Gesetz des Geistes und wie wirkt es?

Das neue Gesetz oder das Gesetz des Geistes ist daher im engen Sinne nicht das Gesetz, das Jesus in der Bergpredigt verkündet hat, sondern jenes, das er an Pfingsten in die Herzen schrieb. Die Gebote des Evangeliums sind gewiss erhabener und vollkommener als jene des Moses; dennoch wären auch sie für sich allein genommen unwirksam geblieben. Wäre es ausreichend gewesen, den neuen Willen Gottes durch die Evangelien kundzutun, so wäre es nicht verständlich, aus welchem Grund Jesus sterben musste und der Heilige Geist kam. Die Apostel selbst aber zeigten, dass es nicht ausreichend war; obwohl sie alles gehört hatten – zum Beispiel dass demjenigen, der dich schlägt, die andere Wange hinzuhalten ist – fanden sie im Augenblick der Passion nicht die Kraft, auch nur eines der Gebote Jesu zu erfüllen.

Wenn sich Jesus darauf beschränkt hätte, das neue Gebot zu verkünden, indem er sagte: „Ein neues Gebot gebe ich euch: Liebt einander! Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben“ (Joh 13,34), so wäre es das geblieben, was es vorher war: ein altes Gesetz, „Buchstabe“. In dem Moment, als er an Pfingsten durch den Geist jene Liebe in den Herzen der Jünger ausgießt, wird es in Fülle neues Gesetz, Gesetz des Geistes, der lebendig macht. Durch den Geist ist dieses Gebot „neu“, nicht aufgrund des Buchstabens. Dem Buchstaben nach war es alt, da es schon im Alten Testament gegeben ist (vgl. Lev 19,18).

Ohne die innere Gnade des Geistes wären also auch das Evangelium, das neue Gebot altes Gesetz, „Buchstabe“ geblieben. Indem der heilige Thomas von Aquin einen gewagten Gedanken des heiligen Augustinus aufnimmt, schreibt er: „Mit Buchstabe ist jedes geschriebene Gesetz gemeint, das außerhalb des Menschen bleibt, auch die im Evangelium enthaltenen moralischen Gebote; daher würde auch der Buchstabe des Evangeliums töten, wenn ihm nicht die Gnade des Glaubens beigefügt wäre, die heilt“ (Summa theologiae, I-IIae, q. 106, a. 2). Noch ausdrücklicher ist das, was er kurz vorher geschrieben hat: „Das neue Gesetz ist in erster Linie die Gnade des Heiligen Geistes selbst, die den Gläubigen gegeben ist“ (Ebd., q. 106, a. 1; vgl. Augustinus, De Spiritu et littera, 21, 36.)

Wie aber wirkt dieses neue Gesetz konkret, das der Geist ist, und in welchem Sinne kann es „Gesetz“ genannt werden? Es wirkt durch die Liebe! Das neue Gesetz ist nichts anderes als das, was Jesus das „neue Gebot“ nennt. Der Heilige Geist hat das neue Gesetz in unsere Herzen geschrieben, indem er in sie die Liebe ausgegossen hat: „Die Hoffnung aber lässt nicht zugrunde gehen; denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist“ (Röm 5,5). Diese Liebe ist die Liebe, mit der Gott uns liebt und mit der er es gleichzeitig erwirkt, dass wir ihn und den Nächsten lieben: „amor quo Deus nos diligit et quo ipse nos dilectores sui facit“ (Thomas von Aquin, Kommentar zum Römerbrief, Kap.V, lect.1, 392). Es ist dies eine neue Fähigkeit zu lieben.

Wer sich dem Evangelium mit einer menschlichen Mentalität nähert, findet es absurd, dass aus der Liebe ein „Gebot“ gemacht wird; denn die Liebe – so wird eingewandt – ist nur solche, wenn sie frei ist, nicht geboten. Die Antwort ist, dass es zwei Arten gibt, nach denen der Mensch dazu veranlasst werden kann, etwas Bestimmtes zu tun: entweder durch Zwang oder durch Anziehung; das positive Gesetz veranlasst auf die erste Art, durch Zwang, verbunden mit der Androhung von Strafe; die Liebe führt dazu auf die zweite Weise, durch Anziehung.

Jeder ist nämlich angezogen von dem, was er liebt, ohne dass er einen äußeren Zwang erleiden würde. Zeige einem Kind ein paar Nüsse, und du wirst sehen, wie es sich auf sie stürzt, um sie zu ergreifen. Wer drängt es? Keiner, es ist angezogen vom Gegenstand seines Verlangens. Zeige einer nach Wahrheit dürstenden Seele das Gute, und sie wird sich auf es stürzen. Wer drängt sie dazu? Keiner, sie ist angezogen vom Verlangen danach. Die Liebe ist wie ein „Gewicht“ der Seele, das sie zum Gegenstand des Verlangens hinzieht, von dem sie weiß, dass sie in ihm Ruhe findet (Augustinus, Kommentar zum Johannesevangelium, 26, 4-5: CCL 36, 261; Confessiones, XIII, 9).

In diesem Sinn ist der Heilige Geist – konkret, die Liebe – ein Gesetz, ein „Gebot“: er schafft im Christen eine Dynamik, die ihn dazu bringt, all das zu tun, was Gott will, spontan, ohne nachdenken zu müssen, da er sich den Willen Gottes angeeignet hat und all das liebt, was Gott liebt.

Wir könnten sagen: ein Leben unter der Gnade, regiert vom neuen Gesetz des Geistes, bedeutet ein Leben als „Verliebte“, das heißt getragen von der Liebe. Denselben Unterschied, den im Rhythmus des menschlichen Lebens und in der Beziehung zwischen zwei Geschöpfen das Verliebtsein hervorbringt, bringt in der Beziehung zwischen dem Menschen und Gott das Kommen des Heiligen Geistes hervor.

3. Die Liebe aber hält das Gesetz ...

Welche Rolle spielt, in dieser neuen Heilsgeschichte, der Geist, bei der die Einhaltung der Gebote? Dies ist ein neuralgischer Punkt, der geklärt werden muss. Auch nach Pfingsten gibt es ein schriftlich niedergelegetes Gesetz: Es sind die Gebote Gottes, der Dekalog, es sind die Vorgaben des Evangeliums; zu ione gesellen sich später dann die kirchlichen Gesetze. Welchen Sinn machen nun der Kodex des Kanonischen Rechts, die monastischen Regeln, die religiösen Gelübde, kurz gesagt alles, was dem Wunsch nach Objektivität folgt, die sich von außen auferlegt? Sind diese Dinge so etwas wie Fremdkörper im christlichen Organismus?

Wir wissen, dass es im Laufe der Geschichte der Kirche Bewegungen, gegeben hat, die es wagten sich im Namen der Freiheit des Geistes, jedem Gesetz zu verweigern. Diese sogenannten “antinoministischen” Bewegungen waren stets der Autorität der Kirche und dem christlichen Gewissen verpflichtet. Heute, in einem kulturellen Umfeld, der von einem existentialistischen Atheismus gekennzeichnet ist, wird im Gegensatz zur Vergangenheit, nicht mehr gegen das Gesetz, im Namen der Freiheit des Geistes opponiert, sondern schlicht und einfach im Namen der menschlichen Freiheit. J.-P. Sartre läßt einer seiner Figuren sagen: “Es gibt nichts, was im Himmel, weder gut noch schlecht wäre, noch eine Person, die mir etwas befehlen könnte. [...] Ich bin ein Mensch, und jeder Mensch muss seinen eigenen Weg erfinden"[.-P. Sartre, Les mouches, Parigi 1943, p. 134 s.].

Die christliche Antwort auf dieses Problem gibt uns das Evangelium. Jesus sagt uns, dass er nicht zur „Abschaffung des Gesetzes", sondern zu „seiner Erfüllung" gekommen sei (vgl. Mt 5, 17). Und was ist die „Erfüllung" des Gesetzes? " Die vollkommene Erfüllung des Gesetzes, so antwortet die Apostel, „ ist die Liebe" (Röm 13, 10). An dem Gebot der Liebe, erklärt Jesus, hängt das ganze Gesetz und die Propheten (vgl. Mt 22, 40). Liebe aber ist kein Ersatz für das Gesetz, aber wer es hält, der „erfüllt es“. Es ist in der Tat, die einzige Anstrengung, die er unternehmen soll, es zu beobachten.

In der Prophezeiung des Ezechiel wird als Gabe des Heiligen Geistes das neue Herz genannt, das ermöglicht, das Gesetz Gottes zu beobachten: „Ich werde meinen Geist in euch legen, und ihr werdet meinem Gesetz gemäß leben, und ihr werdet meinem Gesetz gemäß handeln" (Ezechiel 36, 27). Und Jesus sagt, im gleichen Sinne: „Wenn jemand mich liebt, wird er mein Wort bewahren" (Joh 14, 23), er ist in der Lage es zu beobachten.

Zwischen dem inneren Gesetz des Geistes und dem äußerlichen schriftlichen Gesetz gibt es in der neuen Heilsökonomie weder einen Widerspruch noch eine Unvereinbarkeit. Sondern im Gegenteil, es geht um uneingeschränkte Zusammenarbeit: die erste lebt davon, das die zweite beachtet wird: „Sie erhielten das Gesetz, weil sie in den Stand der Gnade hineinwuchsen und  die Gnade wurden ihnen zuteil, weil sie das Gesetz beobachteten.[ Agostino, De Spiritu et littera, 19, 34.]"

Die Einhaltung der Gebote und die Praxis des Gehorsams ist die Prüfung der Liebe, an der man erkennt, ob jemand nach „dem Geist gemäß“ oder „dem Fleisch gemäß“ lebt.

Aber was ist nun anders als bisher, als wir uns immer noch dem Gesetz gegenüber verpflichtet sahen? Der Unterschied ist, dass vorher die Tatsache das Gesetz zu beobachten, der Weg zum Leben zu sein schien, das es aber schlichtweg nicht geben konnte. Somit wurde es zu einem Werkzeug des Todes. Jetzt aber beachten wir es, um ein Leben in Übereinstimmung mit dem empfangenen Leben zu führen. Die Beobachtung des Gesetzes ist nicht mehr die Voraussetzung dazu, aber es ist eine Wirkung der Rechtfertigung. In diesem Sinne hat der Apostel argumentiert, dass seine Worte nicht das Gesetz aufheben wollen, sondern es bestätigen und adeln wollen: „Setzen wir nun durch den Glauben das Gesetz außer Kraft? Im Gegenteil, wir richten das Gesetz auf.” (Röm 3, 31).

4 ... und das Gesetz bestärkt die Liebe

Zwischen Gesetz und Liebe gibt es eine Art von Wechselseitigkeit und Durchdringung. Wenn es wahr ist, dass die Liebe das Gesetz hält, dann ist es auch wahr, dass das Gesetz die Liebe stärkt. In vielerlei Hinsicht steht das Gesetz im Dienst der Liebe und verteidigt sie. Es ist bekannt, dass „das Gesetz für die Sünder ist" (vgl. 1 Tim 1, 9), und wir sind immer noch Sünder, und wir haben in der Tat den Geist empfangen, aber nur als Erstlingsgabe; in uns lebt der alte Mensch noch immer mit dem neuen Menschen; und so lange in uns noch die Begehrlichkeit herrscht, ist es wahrlich ein Geschenk der Vorsehung, dass es Gebote gibt, die uns helfen, das auch zuweilen unter Androhung von Strafe, zu erkennen und zu bekämpfen.

Das Gesetz ist eine Unterstützung, da unsere Freiheit immer noch wackelig und unsicher angesichts des Guten bleibt. Es steht für, nicht gegen die Freiheit, und wir müssen sagen, dass diejenigen, die meinten, sie müssten ein Gesetz ablehnen, und dies im Namen der menschlichen Freiheit tun, falsch liegen, weil sie die tatsächliche Situation und Geschichte, in dem diese Freiheit gebraucht wird, verkennen.

Gemeinsam mit dieser Funktion, die negativ formuliert ist, übernimmt das Gesetz auch eine positive, die Unterscheidung. Durch die Gnade des Heiligen Geistes, können wir im Allgemeinen den Willen Gottes erkennen, wir machen ihn uns zu eigen und wir wollen ihn umsetzen; aber wissen noch nicht alle Handlungsabläufe. Diese werden sich nun durch die Ereignisse des Lebens, die auch per Gesetz geregelt sind, zeigen.

Es hat eine ganz tiefe Bedeutung, wenn wir sagen, dass das Gesetz die Liebe stärkt. „Nur wenn es eine Pflicht zu lieben gibt“, schrieb Kierkegaard, „nur dann ist die Liebe stets gegen jede Änderung gefeit; ewig befreit in gesegneter Unabhängigkeit; gewährleistet in ewiger Glückseligkeit gegen alle Verzweiflung."[ S. Kierkegaard, Gli atti dell’amore, I, 2, 40, ed. a cura di C. Fabro, Milano 1983, p. 177 ss.]

Die Bedeutung dieser Worte ist wie folgt. Der Mensch, der liebt, liebt intensiver, denn mehr und mehr überkommt ihn das Gefühl der Angst, angesichts der Gefahr, in die seine Liebe läuft; eine Gefahr die nicht von den anderen herrührt, sondern von ihm selbst kommt; er weiß, dass er wankelmütig ist und vielleicht morgen schon müde werden könnte, und nicht mehr weiterlieben wird. Und die Liebe, die er jetzt klar im Blick hat, unwiederbringlich verlieren könnte: das führt ihn dazu Vorkehrungen zu treffen, „verbindlich" die Liebe mit dem Gesetz zu verbinden und durch diese Verankerung Sorge zu tragen, dass sein Akt der Liebe, über die Zeit hinaus in alle Ewigkeit bestehen bleibt.

Dies setzt allerdings voraus, dass es sich hierbei um die wahre Liebe und nicht, wie der Philosoph sagt, um ein Spiel und eine gegenseitige Verhöhnung handelt. Wahre Liebe, so sagt der Papst in seiner Enzyklika Deus caristas est, „Zu den Aufstiegen der Liebe und ihren inneren Reinigungen gehört es, daß Liebe nun Endgültigkeit will, und zwar in doppeltem Sinn: im Sinn der Ausschließlichkeit — ,,nur dieser eine Mensch’’ — und im Sinn des ,,für immer’’. Sie umfaßt das Ganze der Existenz in allen ihren Dimensionen, auch in derjenigen der Zeit. Das kann nicht anders sein, weil ihre Verheißung auf das Endgültige zielt: Liebe zielt auf Ewigkeit“.

Der Mensch von heute verlangt immer mehr, recht damit zu haben, dass es keinesfalls zur Liebe zwischen zwei Personen gehört, sich per Gesetz die Ehe zu „versprechen“, weil die Liebe von Natur aus Freiheit und Spontaneität bedeute. Das hat mehr und mehr Menschen dazu geführt, in Theorie und Praxis, die Institution Ehe abzulehnen und die  so genannte freie Liebe oder das einfache Zusammenleben zu wählen.

Nur, wenn man, die tiefe und vitale Beziehung zwischen Gesetz und Liebe, zwischen der Entscheidung und der Einrichtung entdeckt, kann man jungen Menschen auf diese Fragen einen überzeugenden Grund sich zu „binden" um , für immer zu lieben, als Antwort geben, ohne gleichzeitig befürchten zu müssen, das die Liebe zum „Zwang“ wird. Die Pflicht zur Liebe schützt die Liebe vor der „Verzweiflung" und macht sie „gesegnet und unabhängig", und bietet so den Schutz angesichts der Verzweiflung nicht mehr in der Lage zu sein, für immer zu lieben. Zeig mir bitte wahre Liebe, erklärt Kierkegaard, und prüfe, ob der Gedanke, immer lieben zu sollen, eine Belastung für jemand ist oder nicht der Inbegriff der Glückseligkeit.

Dies gilt nicht nur für die menschliche Liebe, sondern auch, und mehr noch, für die Liebe zu Gott. Warum, so kann man fragen, kann man sich aus Liebe zu Gott, an eine Ordensregel binden, wie kann sich von „Gelübden“, die man ablegt „zwingen" lassen, arm, keusch und gehorsam zu leben, wenn wir doch ein inneres und spirituelles Gesetz in uns haben, dass uns hilft alles durch „Anziehung“ zu erreichen? Es ist, in einem gewissen Sinn wie ein Gnadenstoß, wenn sich jemand von Gott geliebt weiß, der ihn geliebt hat und er sich seit jeher gewünscht hat ihn ganz zu besitzen, ganz und gar für ihn da zu sein, aber gleichzeitig befürchtet ihn durch seinen eigenen Wankelmut verlieren zu können, und sich schließlich an ihn bindet, um eine Liebe ohne jeder  „Veränderung" zu sichern.

Wir binden aus dem gleichen Grund, der Odysseus dazu bringt, sich an den Mast des Schiffes festzurren zu lassen. Odysseus wollte um jeden Preis in sein Zuhause und zu seiner Frau, die er liebte zurück. Er wusste, dass er an dem Ort, wo die Sirenen lebten, umschiffen musste und er fühlte die Angst Schiffbruch zu erleiden, ein Schicksal das vielen anderen vor ihm erreilt hatte. Deshalb läst er sich an den Mast des Schiffes binden, und bat seine Gefährten, seinem Flehen kein Gehör zu schenken. Am Ort der Sirenen angelangt, war er bezaubert, er wollte zu ihnen und bat schreiend um die Lösung der Fesseln, aber die Seemänner hörten nicht auf ihn und so überwanden sie die Gefahr und konnten an ihr Ziel gelangen.

5. „Jetzt gibt es keine Verurteilung mehr“

Lassen Sie uns zum Abschluss, zur Originalaussage zurückkehren, mit der wir begonnen haben: „Jetzt gibt es keine Verurteilung mehr für die, welche in Christus Jesus sind. Denn das Gesetz des Geistes und des Lebens in Christus Jesus hat dich frei gemacht vom Gesetz der Sünde und des Todes“. Das Umfeld, in dem der Apostel lebt, wird von einem Gefühl der Verurteilung und der Trennung von der Gottheit gepeinigt, nun durch die verschiedenen Mysterienkulte überwunden werden sollte. Ein großer Gelehrter der Antike hat es ein „Zeitalter der Angst" genannt (E. R. Dodds).

Um sich eine Vorstellung davon zu machen, wie diese Worte des Paulus auf die Intellektuellen der Zeit wirkten, denken sie schlicht und einfach an eine Person zum Tode verurteilt ist und in der Erwartung der Urteilsvollstreckung lebt, und an einem Tag die Stimme eines Freundes hört: „Gnade! Du bist begnadigt! Das Urteil wurde aufgehoben. Sie sind frei!“

Es ist als fühle man sich wie neu geboren. Diese Form von Befreiung gilt immer noch, weil der Heilige Geist nicht unter dem Gesetz der Entropie [Maß für die wahrscheinliche Unordnung im System], steht, wie alle Quellen physischer Energie. Wir haben ihn in unseren Herzen empfangen und den Dienern des Wortes obliegt es, das diese Botschaft in der heutigen Welt ankommt und sie in Schwingung bringt.


[ZENIT-Übersetzung des vom Autor zur Verfügung gestellten italienischen Originals]