Der Gehorsam Jesu: Zweite Betrachtung von P. Raniero Cantalamessa für den Papst und seine Kurienmitarbeiter in der Fastenzeit

"Er hat durch Leiden den Gehorsam gelernt" (vgl. Hebr 5,8)

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ROM, 31. März 2006 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die zweite Betrachtung in der Fastenzeit, die Kapuzinerpater Raniero Cantalamessa, Prediger des Päpstlichen Hauses, heute, Freitag, in der Kapelle Redemptoris Mater im vatikanischen Apostolischen Palast vorgetragen hat.



P. Cantalamessa betrachtete vor Papst Benedikt XVI. und dessen Mitarbeitern der Römischen Kurie den uneingeschränkten Gottesgehorsam Jesu Christi und erklärte: "Die Gelegenheiten zum Gehorsam gegenüber Gott sind zahllos. Je öfter wir ihm gehorchen, desto zahlreicher werden Gottes Weisungen, denn er weiß, dass es sich dabei um das größte Geschenk handelt, das er uns machen kann: um dasjenige, das er seinem geliebten Sohn Jesus gemacht hat."

Der wahre Diener Gottes unternehme nichts, ohne vorher zu sich selbst zu sagen: "'Ich muss ein wenig beten, um zu wissen, was Gott von mir möchte!' Auf diese Weise übergeben wir Gott die Zügel für unser Leben! Der Wille Gottes durchdringt so das Gewebe unserer Existenz immer tiefer und macht sie so zu einem immer wertvolleren 'lebendigen und heiligen Opfer, das Gott gefällt' (Röm 12,1)."

Die erste Betrachtung des Kapuzinerpaters in der vorösterlichen Bußzeit wurde am 20. März veröffentlicht.

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1. Opfer oder Gehorsam?

Wir können den Ozean nicht umfassen. Aber wir können etwas Besseres tun: Wir können uns vom Ozean umfangen lassen, indem wir uns einen Punkt aussuchen, wo wir untertauchen. Ebenso verhält es sich mit der Passion Christi: Wir können sie weder vollständig mit unserem Verstand erfassen, noch bis auf ihren Grund sehen; wir können sie aber von einem der vielen Gesichtspunkte aus, die sie uns anbietet, in Blick nehmen und uns in sie hineinversenken. In dieser Betrachtung möchten wir durch das Tor des Gehorsams in das Leiden Christi eintreten.

Der Gehorsam Christi ist derjenige Aspekt der Passion Christi, der in der Katechese der Apostel am meisten hervorgehoben wird. "Christus war gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz" (Phil 2,8); "durch den Gehorsam des einen [werden] die vielen zu Gerechten gemacht werden" (Röm 5,19); "er [hat] durch Leiden den Gehorsam gelernt; zur Vollendung gelangt, ist er für alle, die ihm gehorchen, der Urheber des ewigen Heils geworden" (Heb 5,8-9). Der Gehorsam scheint der Schlüssel zur Interpretation der gesamten Passion zu sein, der Schlüssel, durch den das Leiden Christi seinen Sinn und seinen Wert erhält.

Denen, die daran Anstoß nahmen, wie denn der Vater an dem Kreuzestod seines Sohnes Gefallen finden könne, hat der heilige Bernhard zurecht geantwortet: "Es war nicht der Tod, der ihm gefiel, sondern der Wille desjenigen, der freiwillig starb" – "Non mors placuit sed voluntas sponte morientis" (Heiliger Bernhard von Clairvaux, De errore Abelardi 8, 21 [PL 182, 1070]). Es ist daher nicht so sehr der Tod Christi an sich, der uns erlöst hat, sondern vielmehr sein Gehorsam bis zum Tod.

Gott findet Gefallen am Gehorsam, nicht am Opfer, sagt die Schrift (vgl. 1 Sam 15,22; Heb 10,5-7). Es stimmt durchaus, dass Gott im Fall Christi auch das Opfer wollte – und er möchte es auch von uns –, aber von diesen beiden Dingen ist das eine das Mittel und das andere der Zweck. Gott findet Gefallen am Gehorsam an sich. Das Opfer möchte er nur indirekt, nur insofern es die einzige Bedingung darstellt, die den Gehorsam möglich und authentisch macht. So sagt der Brief an die Hebräer, dass Christus "durch Leiden den Gehorsam gelernt" hat. Die Passion war der Beweis und das Maß seines Gehorsams.

Versuchen wir zu verstehen, worin der Gehorsam Christi besteht. Als Kind gehorchte Jesus seinen Eltern, als Erwachsener dem Gesetz des Mose, während der Passion unterwarf er sich dem Urteil des Hohen Rats, Pilatus... Aber das Neue Testament hat keine dieser Arten von Gehorsam im Sinn; es geht ihm um den Gehorsam Christi dem Vater gegenüber. Der heilige Irenäus interpretiert den Gehorsam Jesu im Licht der Gedichte des Dieners als eine innere und absolute Unterwerfung gegenüber Gott, die in einer Situation äußerster Schwierigkeit vollbracht wird:

"Jene Sünde, die durch das Holz entstand, wurde durch den Gehorsam am Holz überwunden. Denn Gott gehorsam wurde der Menschensohn ans Holz genagelt. Er zerstörte so die Wissenschaft des Übels, indem er die Wissenschaft des Guten in die Welt einführte und die Welt durchdringen ließ. Das Übel ist, Gott ungehorsam zu sein, ebenso wie Gott gehorsam zu sein, das Gute ist... Durch seinen Gehorsam bis zum Tod, den er am Holz hängend übte, löste er den ursprünglichen Ungehorsam, der am Holz begangen worden ist, auf" (Heiliger Irenäus, Erweis der apostolischen Verkündigung [Demonstratio apostolicae praedicationis]).

Der Gehorsam Christi vollzieht sich besonders gegenüber dem, was über ihn und für ihn "im Gesetz, in den Propheten und in den Psalmen" geschrieben steht. Als die Jünger seine Gefangennahme vereiteln wollen, erwidert Jesus: "Wie würde dann aber die Schrift erfüllt, nach der es so geschehen muss?" (Mt 26,54).

2. Kann Gott Gehorsam üben?

Wie lässt sich nun der Gehorsam Christi mit dem Glauben an seine Göttlichkeit vereinen? Der Gehorsam ist eine Handlung der Person, nicht der Natur. Und, unserem Glauben getreu, ist die Person Christi diejenige des Sohnes Gottes. Kann Gott sich selbst gehorchen? Wir treffen hier auf den tiefsten Kern des Christologischen Geheimnisses. Versuchen wir nun zu verstehen, worin dieses Geheimnis besteht.

In Getsemani sagt Jesus zum Vater: "Aber nicht, was ich will, sondern was du willst [soll geschehen]" (Mk 14,36). Das Problem liegt nun darin zu unterscheiden, wer das Ich und wer das Du ist; wer das "fiat" spricht und zu wem es gesagt wird. In der Antike wurden diese Fragen auf zwei etwas unterschiedliche Weisen beantwortet, je nachdem, welche Christologie als Grundlage diente.

Für die alexandrinische Schule ist das Ich, das spricht, die Person des fleischgewordenen Wortes, das zum göttlichen Willen (dem "Du"), den das Wort mit dem Vater und dem Heiligen Geist gemein hat, Ja sagt. Derjenige, der Ja sagt und derjenige, zu dem Ja gesagt wird, sind ein und derselbe Wille, der jedoch in zwei unterschiedlichen Tempi, zwei unterschiedlichen Zuständen, betrachtet wird: Im Zustand des fleischgewordenen Wortes und im Zustand des ewigen Wortes. Das Drama – wenn wir hier von Drama sprechen können – erfolgt also eher im inneren Wesen Gottes selbst als zwischen Gott und Mensch. Diese Position hat die Existenz eines menschlichen und freien Willens auch in Christus noch nicht klar erkannt.

In diesem Sinne hat die Interpretation der antiochenischen Schule mehr Gültigkeit. Damit wir von Gehorsam sprechen können, erklären die Autoren dieser Schule, muss es ein Subjekt geben, das gehorcht und ein Subjekt, dem gehorcht wird. Niemand gehorcht sich selbst! Da, weiterhin, der Gehorsam Christi dem Ungehorsam Adams entgegengesetzt ist, muss es sich bei diesem Gehorsam notgedrungen um den Gehorsam eines Menschen handeln, dem des neuen Adam, der als solcher die gesamte Menschheit repräsentieren kann. Hier finden wir also die Antwort auf unsere Frage nach dem Ich und dem Du: Das Ich ist der Mensch Jesus, und das Du ist Gott, dem er gehorcht.

Auch diese Interpretation weist eine große Lücke auf. Wenn es sich bei dem "Fiat" ("Es geschehe") Jesu in Getsemani wesentlich um das Ja eines Menschen handelt – selbst wenn dieser unlöslich mit dem Gottessohn vereint ist (Homo assumptus) –, wie kann dieses "Fiat" dann einen universalen Wert haben, so dass alle Menschen "zu Gerechten gemacht" werden können? Jesus scheint hier eher ein überragendes Vorbild für Gehorsam zu sein als der wesenhafte "Urheber des ewigen Heils" für alle diejenigen, die auf ihn hören (vgl. Heb 5,9).

Die Weiterentwicklung der Christologie hat diese Lücke gestopft, vor allem durch das Werk des heiligen Maximus des Bekenners und durch das dritte Konzil von Konstantinopel. Der heilige Maximus erklärt: Das Ich ist nicht die Menschheit, die mit der Gottheit spricht (gegen die Antiochener); es handelt sich hierbei auch nicht um Gott, der als der Fleischgewordene mit sich selbst als dem Ewigen spricht (gegen die Alexandriner). Das Ich ist das fleischgewordene Wort, das im Namen des menschlichen Willens spricht, den es freiwillig angenommen hat. Das Du hingegen ist der dreieinige Wille, den das Wort mit dem Vater gemein hat.

In Jesus ist das Wort dem Vater menschlich gehorsam! Und dennoch wird das Konzept des Gehorsams nicht ungültig und Gott ist in diesem Fall auch nicht sich selbst gehorsam. Denn zwischen demjenigen, der gehorsam ist, und demjenigen, dem gegenüber der Gehorsam geübt wird, finden wir die gesamte Bandbreite einer wirklichen Menschheit und eines freien menschlichen Willens (vgl. Heiliger Maximus der Bekenner, In Matth., 26, 39 [PG 91, 68]).

Gott war menschlich gehorsam! Jetzt können wir auch die universelle Erlösungskraft, die in Jesu Fiat eingeschlossen ist, verstehen: Es handelt sich bei diesem Fiat um eine menschliche Handlung eines Gottes, um eine göttlich-menschliche, theandrische Handlung. Dieses Fiat ist wahrhaft, wie ein Psalm schreibt, der "Fels unsres Heils" (Ps 95,1). Aufgrund dieses Gehorsams konnten alle "zu Gerechten gemacht" werden.

3. Der Gehorsam gegenüber Gott im christlichen Leben

Versuchen wir, wie immer, daraus auch eine praktische Lehre für unser Leben zu ziehen, indem wir den ermahnenden Worten des Apostels Petrus folgen: "Christus hat für euch gelitten und euch ein Beispiel gegeben, damit ihr seinen Spuren folgt" (1 Petr 2,21). Erwägungen zum Gehorsam können zu dem geistlichen Klima in der Kirche, das für alle möglichen Personen- und Amtswechsel erforderlich ist, beitragen.

Wenn wir ein wenig in Neuen Testament nachforschen, worin denn die Pflicht zum Gehorsam besteht, machen wir eine überraschende Entdeckung: Der Gehorsam wird fast immer als Gehorsam gegenüber Gott gesehen. Natürlich werden auch die anderen Formen des Gehorsams erwähnt: Gehorsam gegenüber den Eltern, den Herren, den Höhergestellten, den zivilen Autoritäten, "jeder menschlichen Ordnung" (1 Petr 2,13), jedoch wesentlich seltener und wesentlich weniger feierlich. Das Substantiv "Gehorsam" wird einzig und allein verwendet, um den Gehorsam gegenüber Gott oder gegenüber Instanzen, die mit Gott zu tun haben, zu bezeichnen. Die einzige Ausnahme bildet ein Abschnitt des Briefes an Philemon, in dem "Gehorsam" für den Gehorsam gegenüber dem Apostel steht.

Der heilige Paulus spricht vom Gehorsam des Glaubens (Röm 1,5; 16,26), der Lehre (Röm 6,17), des Evangeliums (Röm 10,16; 2 Thess 1,8), der Wahrheit (Gal 5,7), Christi (2Kor 10,5). Das Gleiche können wir auch an anderen Stellen finden: Die Apostelgeschichte spricht vom Gehorsam des Glaubens (Apg 6,7). Der erste Brief des Petrus ermahnt, Christus (1 Petr 1,2) und der Wahrheit (1 Petr 1,22) gehorsam zu sein.

Ist es aber möglich und macht es Sinn, heutzutage von Gehorsam gegenüber Gott zu sprechen, nachdem der neue und lebendige Wille Gottes, der sich uns in Christus offenbart hat, sich vollständig ausgedrückt hat und in einer Reihe von Gesetzen und der Hierarchie objektiviert worden ist? Können wir wirklich meinen, dass es nach alledem noch einen "freien" Willen Gottes gibt, den wir begreifen und erfüllen sollen?

Nur wenn wir an die gegenwärtige Herrschaft des Auferstandenen über die Kirche glauben, nur wenn wir in unserem Innersten überzeugt sind, dass "der Gott der Götter, der Herr, [auch heute] spricht... und [nicht] schweigt" (Ps 50,1-3), nur dann ist es uns möglich, die Notwendigkeit und Wichtigkeit des Gottesgehorsam zu begreifen. Der Gehorsam ist ein Hinhören auf Gott, der in seiner Kirche durch seinen Geist spricht, der die Worte Jesu und der gesamten Bibel erleuchtet und ihnen Autorität verleiht, indem er aus ihnen Kanäle des lebendigen und gegenwärtigen Willens Gottes für uns macht.

Aber wie auch in der Kirche Institution und Geheimnis nicht entgegengesetzt, sondern vereint sind, so müssen wir nun darstellen, dass der geistliche Gottesgehorsam nicht von einem Gehorsam gegenüber der sichtbaren und institutionellen Autorität ablenkt, sondern ihn ganz im Gegenteil erneuert, stärkt und lebendig macht. Auf diese Weise wird der Gehorsam gegenüber Menschen zum Maßstab des wahren Gottesgehorsams.

Der Gehorsam gegenüber Gott ist wie der "Faden von oben", der das prächtige Spinnennetz trägt und sicher an der Decke befestigt. An einem Faden, den sie selbst herstellt, steigt die Spinne von oben herab und bildet ihr Netz, das perfekt in jedem Winkel gespannt ist. Dieser Faden von oben, der dazu diente, das Netz zu spinnen, wird nach vollbrachtem Werk aber nicht durchtrennt. Er stützt vielmehr von der Mitte her das gesamte Gewebe; ohne ihn würde das Netz ganz schlaff. Wenn sich einer der seitlichen Fäden loslöst, beginnt die Spinne sofort mit der Reparatur ihres Netzes. Wenn aber jener Faden von oben durchtrennt wird, verlässt die Spinne das Netz, weil sie weiß, dass sie nun nichts mehr tun kann.

Etwas Ähnliches geschieht in Bezug auf die Autoritäten und den Gehorsam in einer Gesellschaft, in einem Orden, in der Kirche. Der Gehorsam gegenüber Gott ist der Faden von oben: Von ihm ausgehend ist alles errichtet. Er darf auch dann nicht in Vergessenheit geraten, wenn das ganze Gebäude steht, sonst gerät alles durcheinander und man verkündet am Ende – wie es vor gar nicht allzu langer Zeit geschehen ist –, dass der Gehorsam keine Tugend mehr sei.

Aber warum ist es so wichtig, Gott zu gehorchen? Weil Gott will, dass man ihm gehorsam ist? Sicherlich nicht deshalb, weil es ihm einfach gefällt, zu befehlen und Untertanen zu haben! Es ist wichtig, weil wir im Gehorsam den Willen Gottes tun, weil wir dann nach den gleichen Dingen streben, nach denen Gott strebt; und weil wir so unsere ursprüngliche Berufung verwirklichen, "sein Abbild und ihm ähnlich" zu sein. Wir befinden uns in der Wahrheit, im Licht und daher auch im Frieden – wie ein Körper, der seinen Ruhepunkt erreicht hat. Dante Alighiere hat das alles in einem Vers zusammengefasst, der von vielen als der schönste der "Göttlichen Komödie" angesehen wird: "In seinem Willen ist unser Friede" (Dante Alighieri, Paradies 3,85).

4. Gehorsam und Autorität

Der Gottesgehorsam ist jener Gehorsam, den wir immer üben können. Es kommt nur drei- oder vielmal im Leben vor, dass wir den Anordnungen der bürgerlichen Autoritäten gehorchen müssen – ich spreche natürlich von solchen, die recht ernst sind. Die Gelegenheiten zum Gehorsam gegenüber Gott sind jedoch zahllos. Je öfter wir ihm gehorchen, desto zahlreicher werden Gottes Weisungen, denn er weiß, dass es sich dabei um das größte Geschenk handelt, das er uns machen kann: um dasjenige, das er seinem geliebten Sohn Jesus gemacht hat.

Wenn Gott eine Seele findet, die zum Gehorsam entschlossen ist, dann nimmt er ihr Leben in seine Hand, so wie man das Steuerrad eines Schiffs oder die Zügel eines Fuhrwerks in die Hand nimmt. Dann wird er in Wirklichkeit – und nicht nur in der Theorie – der "Herr", das heißt derjenige, der "leitet" und "regiert", der sozusagen in jedem Augenblick über die Worte und Handlungen des Betroffenen, über seine Seinsweise und seine Zeit – einfach über alles! –entscheidet.

Diese "geistliche Führung" kann durch "gute Eingebungen" und mehr noch durch die Worte Gottes in der Bibel ausgeübt werden. Wir lesen oder hören Abschnitte aus der Heiligen Schrift, und mit einem Mal wird ein Satz oder ein Wort für uns zu einem Licht. Es wird gewissermaßen "radioaktiv". Hören wir hin, wenn es uns anruft und uns zeigt, was wir tun sollen! Hier entscheidet sich, ob wir Gott gehorchen wollen oder nicht. Der Diener Jahwes sagt von sich selbst: "Jeden Morgen weckt er mein Ohr, damit ich auf ihn höre wie ein Jünger" (Jes 50,4). Auch wir sollten jeden Morgen mit wachem Ohr am Stundengebet oder an der Heiligen Messe teilnehmen. In ihnen gibt es fast immer ein Wort, das Gott persönlich an uns richtet, und nie fehlt der Heilige Geist, der uns das erkennen lässt.

Ich habe gesagt, dass der Gehorsam etwas ist, was wir immer tun können. Nun muss ich hinzufügen, dass es sich auch um etwas handelt, was wir alle - Untergebene genauso wie Übergeordnete – tun können. Man sagt normalerweise, dass man gehorchen können muss, um befehlen zu können. Es handelt sich dabei nicht lediglich um eine empirische Behauptung; wenn wir mit Gehorsam den Gottesgehorsam meinen, dann liegt dieser Behauptung ein tiefes theologisches Motiv zugrunde.

Wenn ein Superior eine Anordnung gibt und sich selbst darum bemüht, im Willen Gottes zu leben, zuvor gebetet hat und keine persönlichen Interessen verfolgt, sondern nur das Wohl des Bruders sucht, dann ist es die Autorität Gottes selbst, die seine Anordnung oder Entscheidung gleichsam als Stützpfeiler trägt. Wenn er Anfechtungen erfährt, dann teilt Gott seinem Vertreter mit, was er einmal zu Jeremia gesagt hat: "Ich selbst mache dich heute zur befestigten Stadt..., zur ehernen Mauer... Mögen sie dich bekämpfen, sie werden dich nicht bezwingen; denn ich bin mit dir" (Jer 1,18f).

Ein bekannter englischer Exeget gibt uns eine erleuchtende Auslegung jener Evangeliumsstelle, in der der Hauptmann von Kafarnaum erklärt: "Auch ich muss Befehlen gehorchen, und ich habe selber Soldaten unter mir; sage ich nun zu einem: Geh!, so geht er, und zu einem andern: Komm!, so kommt er, und zu meinem Diener: Tu das!, so tut er es" (Lk 7,8). Aufgrund der Tatsache, dass der Hauptmann seinen Übergeordneten, und letztendlich dem Kaiser, unterworfen, das heißt gehorsam ist, kann er Befehle geben, die auf der Autorität des Kaisers gründen. Seine Soldaten gehorchen ihm, weil er seinerseits gehorcht und seinem Übergeordneten unterworfen ist.

Ebenso, denkt er, ist es auch für Jesus Gott gegenüber. Da er in Gemeinschaft mit Gott steht und Gott gehorsam ist, steht die Autorität Gottes hinter seinen Anordnungen. Deshalb kann er seinem Diener auftragen, gesund zu werden, und er wird gesund. Er kann der Krankheit befehlen, ihn zu verlassen, und sie verlässt ihn (vgl. C. H. Dodd, Der Gründer des Christentums).

Es ist die Stärke und die Einfachheit dieses Arguments, die Jesus Bewunderung entlocken und ihn ausrufen lassen, er habe in Israel noch nie einen so großen Glauben vorgefunden. Der Hauptmann hat erkannt, dass die Autorität Jesu und seine Wunder von dessen vollkommenen Gehorsam gegenüber dem Vater herstammen, wie uns Jesus auch selbst im Evangelium nach Johannes mitteilt: "Er, der mich gesandt hat, ist bei mir; er hat mich nicht allein gelassen, weil ich immer das tue, was ihm gefällt" (Joh 8,29).

Der Gottesgehorsam fügt seiner Autorität das Ansehen bei, das heißt eine wirkliche und wirksame und nicht lediglich eine nominale Macht des Amtes, also gewissermaßen eine ontologische und nicht nur eine legale Macht. Der heilige Ignatius von Antiochien gab einem anderen Bischofskollegen den folgenden wunderbaren Rat: "Man tue nichts ohne dein Einverständnis, aber du tu nichts ohne Gottes Einverständnis" (Heiliger Ignatius von Antiochien, Brief an Polykarp 4,1).

Das heißt nun nicht, dass die Bedeutung der Institution und des Amtes heruntergespielt wird oder der Gehorsam des Untergebenen bloß vom Grad der geistlichen Autorität und dem Ansehen des Übergeordneten abhängig wäre, was offenbar das Ende jeden Gehorsams beinhalten würde. Es bedeutet lediglich, dass wer Autorität ausübt, sich so wenig wie möglich oder nur in letzter Instanz auf seinen Titel oder sein Amt stützen sollte, wohl aber so viel als möglich auf die Einheit seines Willens mit dem Willen Gottes, das heißt auf seinen Gehorsam. Der Untergebene hingegen sollte nicht urteilen oder vorgeben zu wissen, ob die Entscheidung des Superiors mit dem Willen Gottes übereinstimmt oder nicht. Er sollte annehmen, dass sie es tut, es sei denn, es handelt sich um einen Auftrag, der offensichtlich seinem Gewissen widerspricht, wie es so manches Mal im politischen Bereich unter totalitären Regimes vorkommt.

Mit dem Gehorsam verhält es sich somit ähnlich wie mit dem ersten Gebot der Liebe: Das erste Gebot bleibt das "erste", weil die Quelle und der Beweggrund von allem die Liebe Gottes ist; das Maß aber, nach dem geurteilt wird, ist das zweite Gebot: "Denn wer seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, kann Gott nicht lieben, den er nicht sieht" (1Joh 4,10). Das Gleiche können wir vom Gehorsam sagen: Wenn jemand den sichtbaren Vertretern Gottes auf Erden nicht gehorcht, wie kann er dann behaupten, Gott, der im Himmel ist, zu gehorchen?

5. Gott Fragen stellen

Dieser Weg des Gottesgehorsams birgt nichts Mystisches oder Außergewöhnliches in sich, sondern ist für alle Getauften offen. Dem Rat zufolge, den Jitro, der Schwiegervater des Mose, ihm gab, besteht dieser Weg darin, "Gott Fragen zu stellen" (vgl. Ex 18,19). Ich kann mich allein entscheiden, etwas zu unternehmen – eine Reise, eine Arbeit, einen Besuch, einen Einkauf zu machen; und danach, wenn es nun einmal entschieden ist, Gott um einen guten Ausgang dieser Sache bitten. Wenn aber die Liebe für den Gehorsam gegenüber Gott in mir entflammt, dann werde ich es anders machen: Ich werde zuerst mit dem einfachsten Mittel, dem Gebet, Gott fragen, ob es sein Wille ist, dass ich jene Reise, jene Arbeit, jenen Besuch, jenen Einkauf tätige. Danach werde ich es machen oder auch nicht; auf alle Fälle wird es sich nunmehr um einen Akt des Gehorsams gegenüber Gott handeln und nicht mehr um meine eigene Initiative.

Normalerweise werde ich keine Stimme in meinem Gebet vernehmen und auch keine ausdrückliche Antwort erhalten. Das ist auch nicht notwendig, damit das, was ich tue, im Gehorsam geschehe. Auf diese Art habe ich nämlich die Fragestellung Gott unterbreitet. Ich habe mich meines Willens entledigt, sozusagen darauf verzichtet, allein zu entscheiden, und ich habe Gott die Möglichkeit gegeben, wenn es seinem Willen entspricht, in mein Leben einzugreifen. Was auch immer ich nun zu tun gedenke – wobei ich mich nach den gewöhnlichen Kriterien der Unterscheidung richten werde –, es wird im Gehorsam gegenüber Gott sein.

Wie der treue Diener niemals eine Anordnung von Fremden ausführt, ohne zu sagen: "Ich muss zuerst mit meinem Herrn sprechen", so unternimmt der wahre Diener Gottes nichts ohne zu sich selbst zu sagen: "Ich muss ein wenig beten, um zu wissen, was Gott von mir möchte!" Auf diese Art und Weise übergeben wir Gott die Zügel für unser Leben! Der Wille Gottes durchdringt so das Gewebe unserer Existenz immer tiefer und macht sie so zu einem immer wertvolleren "lebendigen und heiligen Opfer, das Gott gefällt" (Röm 12,1). Unser ganzes Leben wird auf diese Weise zu Gehorsam gegenüber Gott und kündet leise von seiner Oberherrschaft über Kirche und Welt.

Der heilige Gregor der Große sagt: "Manchmal ermahnt uns Gott mit Worten und manchmal mit Taten", das heißt mit Begebenheiten und Situationen (Heiliger Gregor der Große, Predigten über die Evangelien 17,1 [PL 76, 1139]). Es gibt einen Gottesgehorsam, der häufig zu den anspruchsvollsten zählt und darin besteht, einfach in den jeweiligen Umständen gehorsam zu sein. Wenn wir sehen, dass es in unserem Leben schwierige, manchmal sogar absurde und – unserer Meinung nach – geistlich das Gegenteil bewirkende Umstände gibt, die sich – trotz aller unserer Mühen und Gebete – nicht ändern, dann sollten wir aufhören, "uns gegen den Stachel aufzulehnen", und damit beginnen, in ihnen den stillen, aber entschiedenen Willen Gottes für uns zu sehen. Die Erfahrung zeigt, dass solche leidvollen Situationen ihre beängstigende Macht nur dann verlieren, wenn wir aus der Tiefe unseres Herzens heraus unser vollkommenes Ja zum Willen Gottes gesprochen haben. Wir erleben sie dann mit einem größeren inneren Frieden.

Ein schwieriger Fall des Gehorsams in den gewöhnlichen Umständen ist derjenige, der sich allen im Alter aufdrängt – wenn sich der Tätigkeitsbereich einschränkt, das Amt aufhört, Weisungen an andere weitergegeben und vielleicht laufende Projekte und Unternehmungen unvollständig unterbrochen werden müssen. Jemand hat einmal im Scherz gesagt, dass das Amt eines Superiors ein Kreuz sei, dass es aber manchmal schwieriger sei zu akzeptieren, von ihm herabzusteigen, vom Kreuz abgenommen zu werden, als hinaufzusteigen!

Wir wollen mit einer ernsthaften Situation natürlich nicht spaßen, denn niemand weiß, wie er in einer solchen Situation handeln wird, bevor er sie nicht erlebt hat. Wir befinden uns hier vor einer Form von Gehorsam, die dem Gehorsam Christi während seiner Passion am nächsten kommt.

Jesus hat seine Lehrtätigkeit und jede andere Tätigkeit unterbrochen. Er hat sich nicht vom Gedanken aufhalten lassen, was mit seinen Jüngern geschehen würde. Er hat sich nicht darum gekümmert, was aus seinem Wort würde, das er dem armseligen Gedächtnis einiger Fischerleute anvertraut hatte. Er hat sich auch nicht von dem Gedanken an die Mutter aufhalten lassen, die er allein zurückließ. Er hat sich nicht beschwert, versuchte nicht, die Entscheidung des Vaters zu ändern: "Die Welt soll erkennen, dass ich den Vater liebe und so handle, wie es mir der Vater aufgetragen hat. Steht auf, wir wollen weggehen von hier" (Joh 14,31).

6. Maria, die Gehorsame

Am Schluss unserer Erwägungen zum Gehorsam wollen wir noch einen Moment lang die lebendige Ikone des Gehorsams betrachten, diejenige, die nicht nur den Gehorsam des Dieners nachahmte, sondern diesen Gehorsam auch mit ihm gelebt hat. Der heilige Irenäus schreibt: "Ebenso (das heißt genauso wie Christus der neue Adam ist) sehen wir, dass auch die Jungfrau Maria gehorsam ist, wenn sie sagt: 'Ich bin die Magd des Herrn; mir geschehe, wie du es gesagt hast' (Lk 1,38). So wie Eva durch ihren Ungehorsam zur Ursache des Todes für sich und für das gesamte Menschengeschlecht wurde, so wurde Maria durch ihren Gehorsam Ursache des Heils für sich und für die gesamte Menschheit" (Heiliger Irenäus, Adv. Haer. III 22,4). Wir begegnen Maria in der theologischen Reflexion der Kirche insbesondere im Titel der Gehorsamen.

Auch Maria war sicherlich ihren Eltern, dem Gesetz und Joseph gehorsam. Der heilige Irenäus denkt jedoch nicht an diese Art von Gehorsam, sondern an den Gehorsam Mariens gegenüber dem Wort Gottes. Ihr Gehorsam ist das genaue Gegenteil des Ungehorsams Evas. Aber wem war Eva ungehorsam, dass wir sie nun die Ungehorsame nennen? Gewiss nicht den Eltern, die sie nicht hatte, und auch nicht dem Ehemann oder irgendeinem geschriebenen Gesetz. Sie war dem Wort Gottes ungehorsam! So wie das "Fiat" Mariens im Evangelium nach Lukas dem "Fiat" Jesu in Getsemani zur Seite steht (vgl. Lk 22,42), so steht für den heiligen Irenäus der Gehorsam der neuen Eva dem Gehorsam des neuen Adam zur Seite.

Maria hat bestimmt den Vers des Psalms gebetet oder gehört, in dem es heißt: "Lehre mich, deinen Willen zu tun" (Ps 143,10). Wir bitten sie um das Gleiche: "Lehre uns, Maria, den Willen Gottes so zu erfüllen, wie du es getan hast!"

[ZENIT-Übersetzung des vom Autor zur Verfügung gestellten italienischen Originals]