Der Geist von Assisi kam über Auschwitz

Interreligiöse Begegnung in Polen ging mit Friedensappell zu Ende

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KRAKAU, 9. September 2009 ( ZENIT.org ).- Im Geist von Assisi ging im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau das diesjährige Assisi-Folgetreffen der Gemeinschaft Sant'Egidio zu Ende, das im Zeichen des Gedenkens an den 70. Jahrestag des Ausbruchs des Zweiten Weltkriegs stand.

Die dreitägige Veranstaltung, die von Kardinal Stanislaw Dziwisz, Erzbischof von Krakau, und von der Gemeinschaft Sant'Egidio getragen wurde, brachte Persönlichkeiten aller Bekenntnisse und Religionen nach Polen (ZENIT berichtete).

Marco Impagliazzo, Präsident der Gemeinschaft Sant'Egidio, erklärte gegenüber Radio Vatikan, dass der Pilgerweg nach Auschwitz „unsere Überzeugung bekräftigt, dass der Dialog die einzige Möglichkeit ist, diese Form von Tragödien zu vermeiden".

Zwei Überlebende der Konzentrationslager, ein Rabbiner und eine österreichische Frau aus dem Volk der Roma, sprachen während der kurzen, aber bewegenden Zeremonie über ihre Erfahrungen. Mehr als 20 Blumenkränze, einer von jeder religiösen Vereinigung, wurden in Erinnerung an die Opfer in Auschwitz-Birkenau niedergelegt.

Die interreligiöse Begegnung endete gestern Abend auf dem Marktplatz in Krakau mit dem „Aufruf zum Frieden 2009", dem eine gemeinsame Gebetzeit, die jede beteiligte religiöse Vereinigung für sich gestaltete, vorausgegangen war.

Während der drei Tage des Kongresses, an dem Christen aller Konfessionen und Muslime, Hindus, Buddhisten und andere Vertreter religiöser Minderheiten teilgenommen hatten, ging es um die Bewahrung des Friedens, die Entwicklung der Völker, die Wirtschaftskrise und den interreligiösen Dialog, vor allem aber um das Erbe des Zweiten Weltkriegs und das Vermächtnis von Papst Johannes Paul II.

„Der Friede ist ein Geschenk, aber er ist auch eine Aufgabe", hatte Kardinal Dziwisz in seinem Grußwort zur Eröffnung des Kongresses im Heiligtum der Göttlichen Barmherzigkeit betont. „Jeder Mensch und jede Generation sollte sich dieser edlen Aufgabe annehmen, miteinander an den Grundlagen der Zivilisation der Liebe und des Lebens auf unserer Erde zu bauen."

In seiner Ansprache betonte Andrea Riccardi, Gründer der Gemeinschaft Sant'Egidio, dass „die Schrecken des Krieges die größte Lektion unserer Zeit ist. Eine Lektion, die meditiert werden muss. Der Krieg ist der Tod von all dem, was die Völker verbindet."

Riccardi bedauerte, dass die Welt ihre Leidenschaft für Einigkeit wieder verloren habe. Dies zeige sich etwa im Wiederaufleben von Nationalismus. „Wir können das auch im Misstrauen gegenüber Ausländern spüren", so Riccardi.

„Der Papst hat mir einmal erzählt, dass ihn der Blick auf das, was 1989 geschah, verstehen lies, dass das Gebet in Assisi im Jahre 1986 nicht umsonst gewesen ist", erinnerte sich Riccardi.

„70 Jahre nach dem Beginn des Krieges hört man auf den Straßen von Krakau und Auschwitz nicht mehr das Marschieren der Besatzungstruppen oder die erschöpften Schritte der deportierten und gedemütigten Menschen, sondern die freundlichen Schritte von Pilgern verschiedener Religionen“, schloss er.

Der Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen, Kardinal Walter Kasper, rief zu „weiteren mutigen Schritten" im interreligiösen Dialog auf. Man stehe erst am Anfang eines Weges, um alte Missverständnisse, tiefsitzendes Misstrauen und ungerechte Vorurteile abzubauen. Ziel des Dialogs seien Verständnis, Versöhnung und Freundschaft zwischen Völkern und Religionen. Die katholische Kirche habe sich auf diesen Weg festgelegt und sei ihm verpflichtet. „Wir sagen den nicht wenigen Skeptikern und Gegnern eines Dialogs in der Wahrheit und in der Liebe: Wir machen weiter! Wir lassen nicht locker", so Kardinal Kasper.

Der Friede zwischen den Völkern müsse als Frieden zwischen den Religionen seinen Anfang nehmen, bekräftigte der Kurienkardinal. Die Religionsgemeinschaften hätten sich nach der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs neu darauf besonnen, dass Friede ein Grundwort in allen Religionen und nicht zuletzt ein Schlüsselbegriff in der hebräischen und christlichen Bibel sei.

Der Oberrabbiner David Rosen, Direktor der Abteilung für interreligiöse Angelegenheiten des „American Jewish Committee“, zitierte die messianischen Bibelstellen des Propheten Jesaja über den Frieden und fügte mit Blick auf Papst Johannes Paul II. hinzu: „Ein Sohn Krakaus ist es gewesen, der diese Vision zu ihrer Erfüllung gebracht hat.“

Metropolit Seraphim von der rumänisch-orthodoxen Kirche nannte den direkten Vorgänger Benedikts XVI. einen „Propheten des Friedens", der sich sowohl für die Verteidigung des Friedens in Konflikten, wie zum Beispiel in Irland oder im Irak, als auch zugunsten des interreligiösen Dialogs eingesetzt habe.

„Johannes Paul II. fühlte die Spaltung der Christen als eine tiefe Wunde", sagte er, „und auf der Ebene der verschiedenen Religionen sorgte ihn die Tatsache, dass sie all zu oft die Ursache von Konflikten wurde statt eine Quelle des Friedens und ein Segen für die Völker zu sein“.