Der Geist von Assisi und die Grundlagen des Dialoges

Msgr. Gerhard L. Müller im Gespräch über die Beziehung zwischen Glauben und Frieden [Teil 1]

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Von Antonio Gaspari

ROM, 30. Oktober 2012 (ZENIT.org). ‑ Am Vormittag des 29. Oktober 2012 initiierten die „Frati Minori“ in Assisi eine Begegnung zum Gedenken an den dort vor 26 Jahren veranstalteten Friedensgebetstag mit Johannes Paul II. und an jenen, den Benedikt XVI. vor einem Jahr einberufen hatte.

Zu diesem Anlass hielt Msgr. Gerhard L. Müller einen Vortrag zum Thema „Lo spirito di Assisi: pellegrini della verità, pellegrini della pace. La consegna del 27 ottobre“ (Der Geist von Assisi: Pilger der Wahrheit, Pilger des Friedens. Der Auftrag des 27. Oktober).

Laut dem Präfekten der Kongregation für die Glaubenslehre fiel die Wahl zur Stadt des Friedens deshalb auf Assisi, weil der hl. Franziskus, der Meister des Friedens, in dieser Stadt geboren wurde und seine sterblichen Überreste dort aufbewahrt sind.

Der Prälat führte aus: „Die Quelle des im Herzen des hl. Franziskus lebendigen Frieden war eine innige Gemeinschaft mit Jesus Christus. In ihm war Franziskus zum Zeugen und zugleich zum Bettler geworden.“

Aus diesem Grund war es dem seligen Johannes Paul II. ein Anliegen, dass gerade Assisi zum lebendigen Zeugnis für die tiefe Verbindung zwischen dem Geschenk des Friedens und der in jedem Menschenherzen brennenden religiösen Frage sowie für die Notwendigkeit wird, dass jeder Mensch bei seiner religiösen Suche einen wertvollen Beitrag für den Frieden leisten kann, wenn er sich selbst tatkräftig darum bemüht.

Im Rahmen des am 27. Oktober 2011 in Assisi veranstalteten Treffens nannte Papst Benedikt XVI. als einen der größten Feinde des Friedens den „religiös motivierten Terrorismus“ und bekräftigte mit Nachdruck, dass die Gewalt nicht der wahren Natur der Religion entspreche. Dem fügte der Papst hinzu: „Darin liegt eine der grundlegenden Aufgaben des interreligiösen Dialoges.“

Msgr. Müller hob hervor, dass die katholische Kirche und das Christentum den Dialog mit den Religionen nicht ablehnten. Die Achtung vor der dem Menschen eigenen religiösen Sensibilität habe vielmehr gerade im christlichen Glauben ihren Ursprung.

Er fuhr folgendermaßen fort: „Die Kirche erlebt keinen Verlust des Vertrauens in die Vernunft und begegnet dem in nihilistischen und relativistischen Kreisen um sich greifenden veritativen Pessimismus mit Ablehnung.. Gerade das Vertrauen der Kirche in die natürlichen Fähigkeiten der Vernunft könne zur Grundlage für das kirchliche Bemühen um den interreligiösen Dialog werden.

In diesem Zusammenhang wies der Präfekt des vatikanischen Dikasteriums erneut auf folgende Tatsache hin: „Der Dialog soll nicht um seiner selbst willen geführt werden, sondern mit dem Ziel der Kenntnis der Wahrheit. Beim Dialog handelt es sich um eine die Wahrheitsfindung unterstützende Methode.“

Msgr. Müller präzisierte: „Der interreligiöse Dialog dient folglich dazu, den Menschen dazu zu bewegen, auf dem Weg der Wahrheitssuche mutig voranzuschreiten und sich vertrauensvoll für deren Erfordernisse zu öffnen. Ferner entsteht im interreligiösen Dialog ein Umfeld, in dem auch ein Zeugnis des Glaubens an Jesus Christus lebendig werden kann.“

Dazu betonte der Erzbischof, dass der Glaube sich von einem ideologischen Standpunkt, der sich anderen mit Gewalt auferlegen will, unterscheide. Der Glaube erfordere eine dem Mitmenschen gegenüber offene Haltung, die der Öffnung für Gott im Glauben und in der Barmherzigkeit ähnle. Der Glaube sei ein Geschenk Gottes und verlange eine freie und persönliche Zustimmung.

Nach Ansicht des Prälaten schließe die Kirche bei der Weitergabe des Glaubens, bei der Evangelisierung sowie im interreligiösen Dialog jede Form des auf Manipulation und Falschheit gründenden Proselytismus aus, denn dies komme einem Mangel an Respekt einem anderen Menschen und deren persönlichem Weg gegenüber gleich.

Msgr. Müller zufolge ist der Dialog eine Form des Glaubenszeugnisses. Dieses müsse einem anderen gegenüber stets mit Achtung begegnen und dessen zugrundeliegendes Bewusstsein würdigen. Dennoch könne der missionarische Aspekt der Kirche nicht im interreligiösen Dialog aufgehoben werden. Daher sei ein Dialog stets in der Wahrheit zu führen. Die von Jesus Christus erhaltene Sendung, das Evangelium bis zum Ende der Zeit und bis an die äußersten Grenzen der Erde zu verkündigen, sei darin einbezogen und auf diese Weise angenommen.

Den Frieden bezeichnete der Präfekt der vatikanischen Glaubenskongregation als „von allen geschätztes Gut“, das „stets sorgsam gepflegt“ werden müsse. Nach der Glaubenstradition sei der Friede die Frucht der Gerechtigkeit und vor allem der Barmherzigkeit.

Erzbischof Müller sprach folgendermaßen über den Frieden: „Der wahre Friede überwindet die Ungerechtigkeit, er liebt die Wahrheit und öffnet sich der universellen Solidarität. Er ist ein Geschenk von oben und erfordert eine Öffnung für Gott. Für uns Christen trägt der Friede den Namen Jesu Christi, eines Gottes, der für uns am Kreuz gestorben ist.“

„Das Kreuz Jesu Christi ist für uns ein Zeichen jenes Gottes, der an die Stelle der Gewalt das Leiden und das Lieben mit dem anderen stellt. Sein Name ist ‚Gott der Liebe und des Friedens‘ “, so Msgr. Müller abschließend.

[Übersetzung des italienischen Originals von Sarah Fleissner]

*Die ungekürzte Fassung der Rede von Msgr. Müller ist auf folgendem Link nachzulesen.