Der Gesang als "Mittel der Evangelisation": Ansprache Benedikts XVI. in der Sixtinischen Kapelle (24. Juni 2006)

Kirchenmusik dient dazu, "in der Welt die christliche Botschaft zu verbreiten"

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ROM, 26. Juni 2006 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die Ansprache, die Papst Benedikt XVI. am Samstagnachmittag in der Sixtinischen Kapelle gehalten hat.



Nach dem Chormusik-Konzert unter der Leitung von Domenico Bartolucci zeigte der Heilige Vater auf, dass die Sprache der Musik ein Mittel der Evangelisation sei, da sie den Menschen gewissermaßen wie von selbst dazu führe, Gott zu loben und zu preisen.

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Meine Herren Kardinäle,
hochwürdige Mitbrüder im Bischofs- und Priesteramt,
Brüder und Schwestern im Herrn!

Am Ende dieses Konzerts, das dank der Stätte, an der wir uns aufhalten – der Sixtinischen Kapelle –, und dank die spirituellen Kraft der aufgeführten Kompositionen besonders eindrucksvoll war, verspürt die Seele das spontane Bedürfnis, zu loben, zu segnen und zu danken. Dieses Gefühl richtet sich vor allem an den Herrn, der die höchste Schönheit und größte Harmonie ist und Menschen die Fähigkeit verliehen hat, sich in der Sprache der Musik und des Gesangs auszudrücken. "Ad Te levavi animam meam" wurde gerade im Offertorium von Pier Luigi Palestrina betont, in dem der Psalm widerhallt (25,1). Unsere Seelen sind wahrlich zu Gott erhoben worden, und deshalb möchte ich Maestro Domenico Bartolucci und der Stiftung, die seinen Namen trägt und die diese Initiative geplant und verwirklich hat, meinen Dank erweisen.

Lieber Maestro, Sie haben mir und uns allen durch die Zusammenstellung des Programms, in dem sie in weiser Manier eine Auswahl von Meisterwerken des "Fürsten" der polyphonen "Muscia Sacra" und ihren eigenen Kompositionen getroffen haben, ein besonderes Geschenk bereitet. In besonderer Weise danke ich Ihnen dafür, dass Sie das Konzert persönlich leiten wollten; ich danke für die Motette "Oremus Pro Pontifice", die Sie unmittelbar nach meiner Wahl auf den Stuhl Petri komponiert haben. Ich bin Ihnen auch dankbar für die lieben Worte, die Sie soeben an mich gerichtet haben und mit denen sie Ihre Liebe zur Kunst der Musik und Ihre Leidenschaft für das Wohl der Kirche bezeugten. Sodann möchte ich auch dem Chor der Stiftung herzlich gratulieren und in mein "Danke" all jene einschließen, die auf unterschiedliche Weise mitgearbeitet haben. Einen herzlichen Gruß richte ich schließlich an alle, die mit ihrer Anwesenheit dieser unserer Begegnung die Ehre erwiesen haben.

Alle Stücke, die wir gehört haben, und vor allem ihre Gesamtheit, in der das 17. und das 21. Jahrhundert nebeneinander stehen, trugen dazu bei, in uns die Überzeugung zu stärken, dass die "Heilige Polyphonie" – insbesondere jene der so genannten "römischen Schule" – ein Erbe darstellt, das sorgsam zu bewahren und lebendig zu erhalten ist und bekannt gemacht werden muss – nicht nur zum Vorteil der Experten und derjenigen, die sie pflegen, sondern auch der ganzen kirchlichen Gemeinschaft, für die sie einen unschätzbaren geistlichen, künstlerischen und kulturellen Schatz darstellt. Die Stiftung Bartolucci hat es gerade zum Ziel, die klassische und zeitgenössische Tradition dieser berühmten polyphonen Schule zu bewahren und zu verbreiten – einer Schule, die sich immer dadurch auszeichnet, dass sie sich auf den reinen Gesang ohne Instrumentalbegleitung konzentriert. Eine "wahre" neue Ausdrucksform der Musica Sacra kann nur in der Furche der großen Tradition der Vergangenheit geschehen, des Gregorianischen Chorals und der Polyphonia Sacra. Aus diesem Grund hat die Gemeinschaft der Kirche sowohl im musikalischen Bereich als auch in den anderen künstlerischen Formen all jene gefördert und unterstützt, die neue Wege suchen, ohne dabei die Vergangenheit zu verleugnen: die Geschichte des menschlichen Geistes, die auch Geschichte des menschlichen Dialogs mit Gott ist.

Sie, verehrter Maestro, haben immer versucht, den Kirchengesang in seiner ganzen Bedeutung sichtbar zu machen, auch als Mittel der Evangelisation. Auf diese Weise hat die von Ihnen geleitete päpstliche Musikkappelle in unzähligen Konzerten in Italien und im Ausland mit der universalen Sprache der Kunst an der Sendung der Päpste mitgewirkt, die darin besteht, in der Welt die christliche Botschaft zu verbreiten. Und dieses Werk setzt sie unter der aufmerksamen Leitung von Maestro Giuseppe Liberto immer noch fort.

Liebe Brüder und Schwestern, zum Abschluss dieser willkommenen musikalischen Erhebung richten wir den Blick auf die Jungfrau Maria, die im Jüngsten Gericht Michelangelos zur Rechten Christi steht. Ihrem mütterlichen Schutz empfehlen wir besonders all jene an, die die Musica Sacra pflegen, auf dass sie – immer beseelt von echtem Glauben und aufrichtiger Liebe zur Kirche – ihren wertvollen Beitrag zum liturgischen Gebet leisten und wirksam an der Verkündigung des Evangeliums beitragen. Maestro Domenico Bartolucci, den Mitgliedern der Stiftung und allen Anwesenden erteile ich von Herzen den Apostolischen Segen.

[ZENIT-Übersetzung des italienischen Originals; © Copyright 2006 – Libreria Editrice Vaticana]