Der Glaube ist keine Moral, sondern Begegnung mit Jesus

Benedikt XVI. vor dem „Ratzinger-Schülerkreis“

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ROM, 14. September 2009 (ZENIT.org).- Es wäre falsch zu meinen, dass „ das Christentum seinem Wesen nach Moralität ist – dass wir selber durch unser moralisches Tun uns rein und gut machen. Wenn wir diese Meinung tiefer bedenken, wird offenkundig, dass dies nicht die ganze Antwort Jesu auf die Frage nach der Reinheit sein kann“.



Mit diesen Worten wandte sich Papst Benedikt XVI. am 30. August während der heiligen Messen an die Teilnehmer des Treffens des „Ratzinger-Schülerkreises“ in Castel Gandolfo. Der Kreis hatte sich dieses Jahr mit dem Thema „Mission“ auseinandergesetzt. Die in deutscher Sprache gehaltene Predigt wurde heute, Montag, vom Heiligen Stuhl veröffentlicht.

Der Papst wandte sich gegen eine Moralisierung des Christentums und bekräftigte: „Nicht wir schaffen das Gute – das wäre bloßer Moralismus –, sondern die Wahrheit geht auf uns zu.“ Christus selbst sei „die Wahrheit in Person“. Reinheit sei somit „ein dialogisches Ereignis“: „Sie beginnt damit, dass er auf uns zugeht – er, der die Wahrheit und die Liebe ist –, dass er uns in die Hand nimmt, unser Sein durchdringt. In dem Maß, in dem wir uns von ihm berühren lassen, in dem Begegnung zu Freundschaft und Liebe wird, werden wir selbst Reine von seiner Reinheit her und dann Mitliebende, die auch andere in seine Reinheit und Liebe hineinführen.“

Benedikt XVI. begann seine Überlegungen mit Frage nach der Reinheit des Menschen vor Gott. Wo der Mensch Gottes ansichtig werde, da erkenne er auch, dass er verschmutzt sei und sich in einem Zustand befinde, in dem er zu dem Heiligen nicht hinzutreten könne.

Jesus habe die Reinigungsriten des Judentums abgelehnt. „Die liberale Exegese sagt, in diesem Evangelium komme zum Vorschein, dass Jesus Kult durch Moral ersetzt habe. Er habe den Kult mit all seinen vergeblichen Verrichtungen beiseite geschoben. Das Verhältnis zwischen Mensch und Gott beruhe nun einzig und allein auf der Moral.“

Diese Sicht erkannte der Papst als falsch an, da sich das Christentum nicht auf Moral reduzieren lasse und dies nicht die Antwort Jesu auf das Problem der Reinheit sei. Und er betonte in diesem Zusammenhang, dass die Botschaft Jesu nur in der Lesung der Gesamtheit der Schrift zu verstehen sei.

In der „Erkenntnis des Wesentlichen“ bestehe Weisheit, so Papst Benedikt: „ Erkenntnis dessen, wozu wir da sind und wie wir leben müssen, damit das Leben recht wird“. So werde auch deutlich, dass das Gesetz nicht Ausdruck von Knechtschaft sei, sondern „Ursache einer großen Freude“.

„Wir tasten nicht im Dunkeln. Wir suchen nicht vergeblich herum, was das Rechte sein könnte. Wir sind nicht wie Schafe ohne Hirten, die nicht wissen, wo der rechte Weg ist. Gott hat sich gezeigt. Er selbst weist uns den Weg. Wir kennen seinen Willen und damit die Wahrheit, auf die es in unserem Leben ankommt.“ Damit werde auch das Thema der Reinheit angesprochen: Der Wille Gottes reinige den Menschen, der so zur Freude geführt werde.

„Wer eine solche Freude zeigen wollte, wird schnell des Triumphalismus beschuldigt. Aber es ist ja nicht unsere Tüchtigkeit, die uns den wahren Willen Gottes gezeigt hat. Es ist ein unverdientes Geschenk, das uns zugleich demütig und froh macht.“

Ohne Freue könne der Christ nicht überzeugend sein. Wo die Freude aber anwesend sei, habe sie „absichtslos missionarische Kraft“.

Die „reine Religion“ bestehe in der Liebe zum Nächsten, „zu denjenigen, die unser am meisten bedürfen und in der Freiheit gegenüber den Moden dieser Welt, die uns verschmutzen. Das Gesetz als Wort der Liebe ist nicht Widerspruch zur Freiheit, sondern Erneuerung von innen her durch die Freundschaft mit Gott“.

In dem Maß, in dem sich der Mensch von Christus berühren lasse, in dem Begegnung zu Freundschaft und Liebe werde, werde der Mensch selbst rein von seiner Reinheit her und dann Mitliebender, der auch andere in seine Reinheit und Liebe hineinführe.

„Augustinus hat diesen ganzen Vorgang in das schöne Wort zusammengefasst: Da quod iubes et jube quod vis – Gib, was du befiehlst, und dann befiehl, was du willst. Diese Bitte wollen wir in dieser Stunde vor den Herrn hintragen, ihn bitten: Ja, reinige uns in der Wahrheit.“